Frau Fricke wundert sich über Wandel

Der Digitale Wandel ist ja plötzlich keiner mehr. Jetzt ist er eine Disruption. Ein Abbruch. Gewissermaßen eine ökonomische Abtreibung. Die digitale Revolution frisst ihre Kinder. Und diese Kinder, das sind wir. Wie furchtbar! Und wie hat das überhaupt angefangen?

Die krude Wahrheit ist: Das hat nie aufgehört. Seit es diesen Planeten gibt, gibt es Veränderung und Veränderungen sind immer für die unangenehm, die am Alten gar nichts auszusetzen hatten. Selbst die Veränderung als solche hat eine Evolution erfahren. Am Anfang hat Fortschritt so zu sagen eher biologisch diruptiert. Die Dinosaurier waren trotzdem nicht begeistert, nehme ich an. Von da an überschlagen sich die Ereignisse. Der Aufrechte Gang wird erfunden und bringt Wettbewerbsvorteile mit sich – aber auch Rückenschmerzen. Und kaum sind die überwunden, da setzt auch schon die erste technische Revolution ein: Das Werkzeugdenken wird entdeckt und öffnet die Tür für den richtig heißen Scheiß: Das Feuer.

Feuer, stellt sich heraus, ist aber mal richtig revolutionär und verändert die Gesellschaft in bisher unbekanntem Ausmaß. Plötzlich kann man in Gegenden wohnen, wo man eigentlich nichts zu suchen hat. Überleben wird einfacher und das Schaffen neuer Werkzeuge. Natürlich gibts auch Nachteile, wie immer, wenn die Möglichkeiten die eigene Reflexionsfähigkeit überschreiten: Jahrhunderte später brennen die Städte ab, die es ohne Feuer gar nicht gegeben hätte. Rom zum Beispiel, viel später auch London oder Hamburg. Die disruptive Kraft des Feuers ist so gewaltig, dass sie sogar gezielt eingesetzt wird – in Kriegen, gegen die, denen man die wirtschaftliche Macht unterstellt, die man selbst gern hätte.

Das sollten wir uns gleich mal merken: Im Kielwasser technischer Revolutionen schwimmt immer die gesellschaftliche Veränderung – und die ist selten friedlich. 

Und schon dreht sich das Rad der Geschichte weiter, denn das wird erfunden und macht damit Transporte und Antriebe möglich. Träger werden massenhaft arbeitslos, dafür gibts jetzt Fuhrleute. Ohne Rad keine Druckerpresse. Die nächste Revolution bahnt sich an – diesmal wörtlich. Geschichtenerzähler werden arbeitslos, die Jobbeschreibung von Mönchen und Nonnen verändert sich drastisch. Es gibt Abwanderungen in andere Branchen. Die Katholische Kirche, bisher mächtigster Global Player mit Sitz in Rom, erodiert.

Rasen wir direkt weiter. Denn Newcomen kommt auf die Idee, Rad und Feuer zu kombinieren und erfindet damit die Dampfmaschine. Plötzlich geht alles irre schnell. Dampfschiffe rasen und kommen mit einem Bruchteil des Personals von Segelschiffen aus. Webstühle hauen in Stunden raus, wofür ein Weber Tage braucht. Es gibt Hungersnöte und Aufstände – und irgendwann keine Weber mehr.

Alles wird immer schneller und ich könnte jetzt immer so weiter machen, aber das Telefon klingelt, das es eben noch gar nicht gegeben hat und löst eine kommunikative Entwicklung aus, die die nächste Revolution wird. Auch da gibt es wieder Opfer. Kuriere werden erst Ende des 20. Jahrhunderts wieder in Mode kommen, wenn es zu viele Autos geben wird – die es eben auch noch nicht gab.

Das Prinzip ist aber: Immer, wenn etwas Neues entsteht, vergeht etwas Altes. 

Man mag das bedauern. Aber man wird es nicht ändern. Die gute Nachricht ist: Mit jeder neuen Entwicklung gab es auch neue Möglichkeiten. Die Berufsbilder meiner Eltern gibt es heute nicht mehr. Meinen Job gab es zu ihrer Zeit noch nicht. Mir ist da nicht bang. Es gibt da aber etwas, dass ich viel weniger verstehe:

Warum ist es zu keiner Zeit gelungen ist, die gesellschaftlichen Auswüchse der jeweiligen New Economies in den Griff zu bekommen?

Kaum gab es Fabrikhallen, schon gab es auch den Manchester-Kapitalismus. Der war davon geprägt, dass die Unternehmen so neu waren, dass sie die Arbeitsbedingungen frei bestimmen konnten. Wer für sie arbeitete, arbeitete immerzu, zu Hungerlöhnen und unter schlimmsten Bedingungen. Dabei hatte es vorher durchaus schon Reglements der Arbeitsbedingungen z.B. für Feldarbeiter gegeben, die Pausenzeiten, Bezahlung und Boni regelten. Jawohl, Boni! Auch die gab es schon. Zum Ende der Erntesaison – zu Martini – gab es eine Gans und ein Kleid. Fabrikbesitzer aber fanden, dass so eine Fabrik etwas ganz anderes sei und dass die Regeln deshalb für sie nicht galten. Wir wissen, wie die Sache ausgegangen ist: In Europa hat sich das geändert. Und das war kein Picknick. Weltkriege und Revolutionen lagen zwischen Manchester und Weihnachtsgeld. Aber nun gehts uns gut. Warum also geht die ganze Sache jetzt wieder von vorne los?

Wieso ist Facebook keine Zeitung?

Auch in der New Economy werden plötzlich sehr, sehr wenige in sehr, sehr kurzer Zeit sehr, sehr reich – vor allem, weil sie finden, dass für sie die Regeln nicht gelten. Selbst Gesetze müssen angeblich extra neu gemacht und durchgesetzt werden – und das dauert. Dabei haben wir schon welche und die funktionieren doch eigentlich prima.

Ich kann z.B. nicht verstehen, warum Facebook anders behandelt wird, als eine stinknormale Zeitung. Eine Zeitung ist ein Medium und Facebook auch. Beide finanzieren sich durch Werbung, die vermutlich kein Mensch sehen würde, wenn sie nicht eigentlich an den Inhalten der Medien interessiert wären. Am Content also. An dem, was andere Leute an Informationen und Meinungsbildern zur Verfügung stellen.

Bis hierher also nix Neues. Aber jetzt gehts los mit den Unterschieden.

Von einer Zeitung verlangt der Gesetzgeber, dass sie die Verantwortung  übernimmt für das, was sie publiziert. Zu Recht. Wird sie der Verantwortung nicht gerecht, hat das Folgen für sie. Bei Facebook ist das anders. Und warum das so ist, ist mir unverständlich. Facebook argumentiert, dass sie ja keine Kontrolle über das hätten, was da geschrieben wird. Ja, das hätte eine Zeitung oder eine Rundfunkanstalt auch nicht, wenn sie die Kontrolle nicht übernehmen und bezahlen würde. Rein theoretisch könnte ja auch eine Zeitung dazu einladen, dass einfach jeder, der das will, da mal schreiben kann, wonach ihm ist. Praktisch bezahlt sie aber Leute, die gut schreiben können, weitere, die juristische Prüfungen vornehmen, immer seltener solche, die auch die Rechtschreibung kontrollieren und sie geben Geld für Recherche aus. All diese Kosten hat Facebook nicht. Das erklärt vielleicht, warum immer weniger Journalisten für immer weniger Geld arbeiten, unsere Informationslage immer unzuverlässiger und mieser wird und Mark Zuckerberg auf Platz 5 der Forbes Liste steht. So ganz allein.

Hoffentlich geht das diesmal gut.

Alles andere findet sich schon. Wie immer.

 

 

 

 

 

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Frau Fricke wundert sich über Neid

Ich bin neidisch. So, jetzt ist es raus. Was keiner sonst zugibt, ich sag es mal: Ich frage mich oft, warum es jeder in meiner Umgebung schafft, das perfekte Leben zu führen – nur ich nicht. Die Antwort hat mich in Teilen verunsichert. 

Neid, das macht man sich ja selten klar, ist die kleine Schwester des Selbsthass. Die Zwillinge aus „Shining“ die einem Gift ins Ohr träufeln. Gerade saß man noch ganz kommod zu Hause in seiner kleinen Wohnung auf seinem kleinen Sofa und war eigentlich ganz zufrieden, da wird man mit den großen Häusern, den großen Sitzgarnituren und der großen Zufriedenheit anderer belästigt. Man kann gar nicht anders als sich fragen: Warum der? Warum nicht ich?

Nur in den seltensten Fällen fragt man sich: Was soll ich mit soner potthässlichen Sitzgarnitur? Nein, man fragt sich, warum andere sowas haben, während man selbst mit Verzicht und Entsagung ringen muss.

Warum haben die ein Haus und ich nicht? Warum haben die ne Super-Ehe und ich bin allein oder – schlimmer noch – muss jede Nacht neben jemandem einschlafen, den ich eigentlich auch schon früher nicht leiden konnte?

Das Tückische ist: Neid, dieser Lupus der Emotionen, macht sich immer und überall breit. Heilung gibt es nicht. Und auch kein Genug, das dem Neid Einhalt gebieten würde. Es gibt immer jemanden, der noch ne Million mehr hat, dessen Yacht noch einen Meter länger ist, dessen Umsatz höher, dessen Währung stabiler ist. Vermögende Nationen, von denen man meinen sollte, sie hätten es nicht nötig, liefern sich ein Rennen im Bauen des nun aber wirklich allerhöchsten Hochhauses, indem sie schnell noch den Blitzableiter verlängern.

Was soll das? Warum sind wir so schlecht im Gönnen-können? Weil die Zufriedenheit der anderen uns zuruft:

Du hast es verkackt, Loser!

Was man nicht weiß, was man sich nicht klar macht: Während man selbst den Blick neidisch auf andere gerichtet hat, haben die ihren Blick neidisch auf uns gerichtet. Jawohl. Erstaunlich, was?

Wieso, fragen die sich, ist die so mopsfidel auf ihrem kleinen Sofa in ihrer kleinen Wohnung und ich arbeite mir hier den Arsch ab mit Leuten, die ich nicht ausstehen kann, nur um nach einem 16-Stunden-Arbeitstag, an dem ich sie nicht genießen kann, zu meiner gigantischen Sitzlandlandschaft nach Hause zurück zukehren?

Warum lachen die so laut über ihrem Aldi-Grill? Wieso können die sich diese Heiterkeit eigentlich leisten? Warum hab ich die nicht? Ich hab einen Gasgrill, der mehr gekostet hat, als deren Auto. Das muss doch zu was gut sein! Was läuft hier schief? Und dann kommen die Zwillinge wieder und raunen einem ins Ohr:

Du hast es verkackt, Loser!

Wir vergessen dabei, dass wir nicht alles sehen. Dass wir eine winzige Facette wahrnehmen und darüber auf ein Ganzes schließen, das so perfekt, wie es uns erscheint sehr wahrscheinlich nicht ist. Wir sehen den Mahagonischreibtisch, aber wir sehen nicht, dass sich darin die Flasche Booze befindet, die jeden Abend dafür drauf geht, die Gemeinheiten zu ertränken, die man von Menschen ertragen muss, von denen man finanziell abhängig ist.

Wir sehen die Freiheit anderer und vergessen, dass Janis Joplin uns doch schon darüber aufgeklärt hat, dass Freiheit nichts anderes heißt, als dass einem nichts geblieben ist, was man noch verlieren könnte.

Wir sehen das perlende Französisch und vergessen, dass das mühevoll erlernt werden musste und wir sehen die Sicherheit, aber nicht die Abhängigkeit, die damit einher geht. Und die blöde Zicke die, das Autogramm gekriegt hat, um das zu bitten wir uns nicht getraut haben. Was denkt die eigentlich wer sie ist?

Die allermeisten Dinge, um die wir andere beneiden, könnten wir genauso haben. Wir sind nur nicht bereit, den Preis dafür zu bezahlen. Wir wollen nicht über unseren Schatten springen und außerhalb unserer Komfortzone landen. Dann eben nicht.

Dann hat man eben keine Freunde, wenn einem die Pflege zu aufwändig ist. Auch gut.

Bei jedem bröselt irgendetwas hinterm Lack. Das ganz große Glück gibt es, aber es ist seltener, als wir meinen.

Das ganz große Glück ist wohl, sich auf sein kleines Sofa zu setzen in seiner kleinen Wohnung und sich an dem zu freuen, was man hat.

 

 

 

Frau Fricke wundert sich voll fett

Der erste Absatz hier, ist fett gedruckt. Warum „fett“ so heißt, ist offensichtlich. Die Buchstaben sind dicker als der Rest. Haben sie also einen Grund, beleidig zu sein?

Es mag an der Jahreszeit liegen. Während sich in Deutschland die Leute von der Fastenzeit erholen, geht in Spanien die „Operacion Bikini“ los – die Brachial-Diät zwischen Ostern und dem ersten Strandtag, an dem man in jedem Fall eine gute Figur in einem Badeanzug machen muss, der keine Vergebung kennt.

Und als wenn jemand ein Startzeichen gegeben hätte, schreiben sich gerade alle ihre Empörung von der Seele. Heute sind schon drei Leute in meinem Umfeld empört. Und ich frage mich: Was ist denn da los?

Der erste ist ein Psychologe. Männlich – und soweit ich das beurteilen kann, ohne Gewichtsprobleme. Der postet einen Link zu einem Filmtrailer, in dem eine Frau versucht, herauszufinden, warum sie nicht glücklich geworden ist, nachdem sie sich den perfekten Körper angehungert und -trainiert hat. Ich wundere mich ein bisschen, denn mal so rein logisch betrachtet: Wo ist denn da überhaupt der Zusammenhang? Man baut beim Hungern Fett und Muskeln ab und beim Training Muskeln auf. Und weil es zwar  einen nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen Muskeln und Bewegung gibt, aber keinen zwischen Muskeln und Glück, wird da wohl die Erklärung liegen. Das hätte ich in vier Zeilen erklären können. Aber son Film ist bestimmt auch gut.

Es gäbe so viel Grund zum Selbsthass, schreibt der Psychologe dazu. Echt? Ich seh gar keinen.

Die zweite, die sich empört, kenne ich gar nicht. Aber sie erscheint auf meiner Facebook-Wand, weil sie jemanden kennt, den ich kenne. Und sie ist empört und zwar deswegen, weil sie jemand schriftlich gefragt hat, was ältere Damen, deren Figur nicht mehr modelmäßig ist, denn bitte im Sommer so tragen. Ich finde die Frage auch etwas verstörend, denn ein Blick aus dem Fenster sollte diese Frage in einem Land, in dem der Großteil der Bevölkerung über 40 ist beantworten können. Noch verstörender aber finde ich den allgemeinen Furor. Eine Frechheit sei es, finden alle, die darauf antworten, eine Fünfzigjährige als „ältere Dame“ zu bezeichnen. Von der aktuellen Lebenserwartung von 75 Jahren ausgehend, selbst bei größerer Aufrundung (no offense!) auf 80, hat jeder der sein 40. Lebensjahr hinter sich gelassen hat, seinen Zenit überschritten. Ab sofort liegen mehr Jahre hinter ihm als vor ihm. Er ist also älter als der Durchschnitt, was die Bezeichnung „älterer Mensch“ aus meiner Sicht rechtfertigt. Woher also die Aufregung?

Alles wäre so viel einfacher, wenn man eine Beobachtung nicht mit einer Wertung verwechseln würde. 

Denke ich jedenfalls. Aber vielleicht denke ich da auch falsch. Keine Ahnung. Neulich fragt mich eine Freundin, ob ich eigentlich jemals einen Job nicht gekriegt hätte, weil ich aussehe, wie ich aussehe. Ich muss erst mal einen Augenblick nachdenken, wie ich aussehe und was sie damit meinen könnte. 1,73? Grüngraue Augen? Rote Haare? Kleidergröße… Hey, ok! Nö, ich glaub nicht… Oder doch? Keine Ahnung. Ich kann eine Menge, was andere nicht können. Ich bin so zu sagen der fette Nerd, der in Spielfilmen immer in der Besenkammer die tollen Coups ausbaldowert, die Ryan Gosling dann durchführt und für die er gelobt wird. Ryan Gosling kommt gar nicht klar ohne mich. Und ich bin nicht scharf darauf, von Plakaten zu lächeln. Das soll der mal machen. (Ehrlich jetzt, der fette Nerd, der sich den Coup ausgedacht hat, ist NIE mit auf dem Plakat und wird deswegen auch nicht gestalked. Gott sei Dank!)

Aber was, wenn ich mich irre? Vielleicht bin ich ein Paria und weiß es nur nicht.  Vielleicht hängt mein Bild an der Tür von Agenturen und Unternehmen auf der ganzen Welt mit der Unterzeile „Wir müssen leider draußen bleiben“. Vielleicht hängt mein Bild auch genau NICHT da, weil es eine optische Zumutung wäre, eine Beleidigung der guten Sitten. Und ich – schamlos und unwissend – spaziere umher als wäre es vollkommen ok, dass es mich gibt und ich bin, wie ich bin.

Gibt es außer Stan und Olli wirklich keinen, der zwischen Dick und Doof unterscheiden kann?

Und: Gibt es Angela Merkel vielleicht gar nicht?

Der aktuell amtierende „Führer der Freien Welt“ ist eine dicke alte und – nach objektiver Beobachtung im Abgleich mit gängigen Schönheitsidealen – nicht besonders schöne Frau. Und ich gehe stark davon aus, dass sie ist, wo sie ist, weil sie ihre Zeit nicht mit Gurkenmasken und Apfeldiäten vertrödelt hat. Frau Merkel, da bin ich mir sicher, hat einen Scheiß drauf gegeben, wie sie beurteilt wurde und hat, wenn sie als dick, alt und        – Gipfel aller Beleidigungen – Frau beschimpft wurde einfach nur genickt und gesagt: „Stimmt. Könnten wir jetzt bitte zum Thema zurück kommen.“

Nun gibt es, das will ich nicht unerwähnt lassen, Situationen, in denen genau das das Thema ist. Machen wir uns nichts vor.

Sollte ich eines Tages in einem Raum voller dünner Männer um die 20 einen Schlaganfall erleiden, hoffe ich sehr, dass sich irgendwer ein Herz fasst und den herbeieilenden Sanitätern zuruft:

„Schnell! Es ist die dicke alte Frau!“

Frau Fricke wundert sich, ob denn schon Muttertag ist

Heute ist ja Weltfrauentag. Und neuerdings beginne ich mich zu fragen: Darf ich da überhaupt mitmachen? 

Vor genau einem Jahr habe ich von meiner Tante Trude geschrieben (gern noch mal nachblättern). Davon, wie schwer es früher war, als unverheiratete Frau sein Leben zu bestreiten. Davon, wie fragil unsere Errungenschaften sind und wie wichtig es ist, sie zu bewahren. Damals dachte ich noch: Vielleicht ein bisschen viel Pathos. Heute hat mich die Realität eingeholt. Mich und die Trude. Denn wir sind wieder mitten in den 30er Jahren des 20. Jahrhundert und allüberall werden Mutterkreuze verteilt.

Eine Frau, das hat die Trude oft gehört, ist nämlich erst eine Frau, wenn sie Mutter ist. Ehefrau ist auch schon schön, aber nur das Vorzimmer zum Lebenszweck. Was wirklich im Mittelpunkt des Seins und Strebens einer Frau stehen sollte, das ist die Mutterschaft. Die Trude, das fand man damals so ganz im allgemeinen, hat da böse versagt. Hat aber auch ihre Strafe dafür gekriegt, dass sie nicht so leben wollte wie andere, indem ihr Eigenheim und Garten versagt blieb und natürlich die Weihnachtsbesuche von den Enkeln. Das hat sie nun davon.

Jetzt bin ich Trude. Ich merke es nur nicht. 

Aber die Anzeichen häufen sich. Alles begann vor ein paar Wochen, als mir eine – durchaus sehr geschätzte – Freundin eröffnete, dass ein Leben als Familie mit Vater, Mutter und 1,3 Kindern „normal“ sei. Alles andere wäre es eher nicht. Alles andere ist so zu sagen eine immer währende Ausnahme-Situation. Eine soziale Behinderung. Aktion Sorgenkind für Frauen. Aktion Sorgenfrau.

Da war er, mein Zwerg-der-Infantin-Moment. Ich bin meine eigene One-man-freak-show. Ich hab das nur nie gemerkt, weil ich so damit beschäftigt war, Dinge zu tun, die ich für erstrebenswert hielt: tolle Jobs machen, Firma gründen, Probleme für Kunden lösen, ins Ausland ziehen, Fremdsprachen lernen. Sowas eben. Kurz: Ich verplempere meine Zeit für Dinge, die mich immer weiter von meinem eigentlichen Lebensziel abbringen: Normal Mutter zu sein, wie jede andere auch.

Wer braucht schon einen Job? Wer braucht schon Bezahlung?

Und dann, vor zwei Tagen kommt Mehmet Daimagüler und fordert in einem Facebook-Post gleichen Lohn für gleiche Arbeit und eine 50% Frauenquote für Vorstände. So ja nun nicht! Eine Frau (!) findet, das brauche sie „so dringend wie ein Loch im Kopf“, denn „Das Beste können nur wir Frauen….den Herzschlag des Kindes spüren, bevor es sich überhaupt gezeigt hat.“ Ja ne, da muss es natürlich einen Ausgleich geben und da sind begrenzte Karriere-Chancen und Altersarmut natürlich ein geringer Preis.

Mir wird klar: Mein Leben ist verwirkt. Ich hab’s verkackt. Aber so richtig. Ich habe nichts zum Bestand der Art beigetragen. Wir sind vom Aussterben bedroht und das ist alles nur meine Schuld. Schlimmer noch: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das jetzt noch ändert, ist gering. Ich fühle mich so mies, wie mich andere vermutlich finden.

Ich muss auf andere Gedanken kommen. Ich brauch Bewegung.

Also schaue ich mal, was es hier so an Laufsportveranstaltungen gibt. Nicht, dass ich Laufsport betreiben würde. Aber ich könnte ja mal damit anfangen und das ist ja immer einfacher, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Das Ziel müsste natürlich noch weit in der Zukunft liegen, denn dort liegt auch meine Fitness. In der Gegenwart steht eine Couch. Ich finde auch tatsächlich einen Lauf im November. 7,5 Kilometer. Nur für Frauen. Ich bin begeistert! Das ist ja wie für mich gemacht! Da mache ich mit! Um sich anzumelden, muss man sich in eine von drei Kategorien eintragen:

Kleine Schönheit (14-30)

Mutter (30-55)

Großmutter (55+)

Ich erwäge kurz die meinem Fitness-Level entsprechende Kategorie „Großmutter“ zu wählen, wechsele dann gedanklich den Tatsachen entsprechend zu „Schönheit“, muss aber einräumen, dass ich mit der Durchschnittsgröße eines spanischen Mannes vermutlich nicht wirklich klein bin. Mutter bin ich auch nicht. Und während die Welt heute großer Wissenschaftlerinnen, Schriftstellerinnen, Politikerinnen und Sportlerinnen gedenkt, schleiche ich mich heimlich aus einem Volkslauf für Frauen, in dem es offenbar keinen Platz für mich gibt.

Tante Trudes Foto steht auf meinem Schreibtisch.

Das gucke ich an und sage: „Na, Trude, sag doch mal was!“

Und Trude guckt zurück und sagt: „Echt jetzt? Daran willste scheitern? Tu mal lieber was.“ Und das tu ich. Ich setze mich hin und schreibe den Veranstaltern dieses Laufs eine Email und darin steht eine sehr simple Wahrheit, die erstaunlich wenigen bekannt zu sein scheint:

Alle Mütter sind Frauen. Aber nicht alle Frauen sind Mütter.

Frau Fricke wundert sich, wo ihr Pony bleibt

Ich will ja ein Pony. Oder ein Nilpferd in der Badewanne. Beides bleibt mir versagt und das interessiert keine Sau. Warum funktioniert das nicht auch beim Donald?

Im Moment regen sich ja alle jeden Tag ziemlich doll auf – und zwar über The Donald. The Donald will ja permanent irgendwas. Und meist ist das, was er will, nicht das, was die meisten anderen wollen. Scheint jedenfalls so.

Und so erhebt sich täglich ein Jammern und Wehklagen, dass jetzt alle gezwungen sind, ein Leben zu leben, das sie so nicht leben wollen.

Weil The Donald es will, müssen wir, so scheint es, ab sofort alle Mexikaner hassen und alle Muslime meiden. Wir müssen Autos mit laufendem Motor stehen lassen, um zu zeigen, dass uns die Umwelt egal ist und wir müssen Frauen auf dem Weg zum Frauenarzt prophylaktisch anspucken, weil man ja nie weiß, ob die nicht gerade eine Abtreibung planen. Abtreibungen müssen wir nämlich jetzt verabscheuen.

Weil The Donald es will, müssen wir so sein, wie wir nicht sein wollen. Weil The Donald das so macht, müssen jetzt offenbar alle Schaltstellen der Macht ausschließlich mit Männern besetzt sein, unsere schwulen und lesbischen Freunde müssen jetzt so tun als hätten sie miteinander Valentinsdates und weil The Donald gerne unsere kleine Katzen anfassen will, müssen wir das wohl auch wollen. Ebenso wie die Katzen. Und da kommt The Donald an seine Grenzen.

So einer Katze ist es nämlich immer ziemlich egal, wer was von ihr will.

So eine Katze hat ja primär einen eigenen Willen und wenn der gerade nicht nach grabben ist, dann wird da auch nicht gegrabbt. So eine Katze, die geht im besten Fall einfach weg und im schlimmsten sitzt man, nachdem die Katze ihren Standpunkt nachhaltig vertreten hat, in der Notfallamulanz der Augenheilkunde. Was aber wichtig ist, sich zu merken: Die Katze selbst ist zu jedem Zeitpunkt maximalst unbeeindruckt.

So eine Katze weiß nämlich etwas, das wir offenbar noch lernen müssen: Der Unbewegte Beweger, der Erschaffer der Welt mit allem, was darin ist, das ist nicht The Donald. Das ist man immer selbst.

Übrigens: Wer keine Katze zur Hand hat, könnte es auch mit einem Teenager versuchen. Die sind die nächsten Entwicklungsstufe der Katzen. Ungelogen. Ist wissenschaftlich erwiesen. Da wo Katzen einem nur gleichgültig den Arsch zudrehen, murmeln Teenager noch „Mir doch egal.“ Der Effekt ist aber derselbe.

Ich will, dass du jetzt dein Zimmer aufräumst. „Mir doch egal.“

Ich will, dass du jetzt Hausaufgaben machst. „Mir doch egal.“

Und genauso, aber ganz genauso funktioniert das auch mit den Donalds, Petrys, LePens, Brexiters und all den anderen Leute, die uns so unglaublich laut wissen lassen, was sie alles gerne hätten.

Ich will, dass du nicht bei Juden kaufst. „Mir doch egal.“

Ich will hier keine Muslime mehr. „Mir doch egal.“

Ich will, dass keiner mehr sagen darf, dass er homo ist. „Mir doch egal.“

Ich will keine Frauen in Führungspositionen. „Mir doch egal.“

Wir leben ja in einem freien Land. Da kann jeder sagen, was er will. Egal, wie idiotisch das ist. Egal, wie egozentrisch, kurzsichtig und dumm. Und jeder andere, der hat die Freiheit, das zu ignorieren. Da muss man sich gar nicht aufregen. Man muss einfach nur den Arsch zudrehen und denken:

Ja, hab ich zur Kenntnis genommen. Mir doch egal. Ich will ein Pony.

 

Frau Fricke wundert sich über ihre Wünsche

Jedes Jahr habe ich zwölf Wünsche frei. Jedes Jahr mache ich mir eine Liste, damit ich keinen vergesse und jedes Jahr warte ich darauf, dass sie in Erfüllung gehen. Ein schwerer Fehler, wie ich erst jetzt verstehe. 

Ich bin ja nicht so direkt abergläubisch. Allein schon, weil das Unglück bringt. Ich bin, sagen wir mal, eher ein Mensch, der sich gegen Risiken abzusichern weiß, wenn sich die Gelegenheit bietet. In Spanien bietet sich diese Gelegenheit jedes Jahr zu Silvester. Und wie es so ist mit Gelegenheiten, man muss sie nicht nur zu nutzen wissen, das Glück lacht vor allem dem, der darauf vorbereitet ist. Mir zum Beispiel.

Ich überlasse nämlich nichts dem Zufall. Und weil das so ist, hoffe ich, dass das Glück diese Mühen zu würdigen weiß und sich zum Dank kuschelig bei mir einnistet. Nenn mich einen Kontroll-Freak, aber hier geht es schließlich um nichts Geringeres als das Glück eines ganzen Jahres! Zwölf volle Monate! Glück!

Der erste Schritt meiner Vorbereitungen begann früher bereits so um Ende November, wenn ich in Gesprächen mit meinen Freunden dezent fallen ließ, dass ich ja noch ganz dringend eine rote Unterhose zu Weihnachten benötige. Die Sache ist nämlich die: das Glück kommt nur zu dem, der zu Silvester rote Unterwäsche trägt. Muss man wissen. Und auch den Anforderungskatalog, den es dafür gibt. Zunächst einmal muss sie ein Weihnachtsgeschenk sein und natürlich nagelneu. Selbst kaufen geht nicht. Die vom letzten Jahr tragen, bringt einen auch nicht weiter. Und wie meine eigenen empirischen Studien in dieser Sache deutlich belegen, ist auch die Marke, entgegen anderslautenden Vermutungen , durchaus von Belang.  Ich könnte hier bestürzende Dinge erzählen über das Jahr, das in Unterwäsche von „Agent Provokateur“ begann. Ich sage nur so viel: Da lohnt sich für mich keine Kundenkarte. „Triumph“ hingegen, hat seinem Namen alle Ehre gemacht und ist deswegen zusammen mit „Change“ auf die Liste der dem Glück zugeneigten Marken ebenso gut aufgehoben, wie „Chantelle“ – wenn sich mir auch hier der Sinn nicht recht erschließen mag. Und weil das alles nicht so einfach ist, haben eine fachkundige Freundin und ich inzwischen einen Unterhosen-Pakt geschlossen. Sie schenkt mir verlässlich jedes Jahr einen Schlüppi zu Weihnachten, der allen Anforderungen entspricht und ich beliefere sie ebenso mit einem Stück vom Glück fürs nächste Jahr. Wenn das erledigt ist, kommt der schwierige Teil:

Man muss sich was wünschen. Und damit kann man gar nicht vorsichtig genug sein!

Genau um Mitternacht versammelt sich in Spanien nämlich die Nation um eine Glocke. Wer nicht irgendwo wohnt, wo es eine geeignete Rathausuhr gibt, bekommt ins Restaurant, in die Kneipe oder das heimische Wohnzimmer die Glocke der Puerta del Sol in Madrid gespielt. Erst bimmelt es unmotiviert, damit man weiß, dass es gleich los geht und dann ist es soweit: 12 Glockenschläge schlägt die Uhr. Und bei jedem muss man sich was wünschen und eine Weintraube essen.

Auch das bedarf natürlich der Vorbereitung. Da wären erst einmal die Weintrauben. Die gibt es bereits geschält, entkernt und abgezählt in Sirup eingelegt zu kaufen. Das ist gut, denn das ist praktisch und das flutscht gut. Man muss sich ja beeilen mit dem Wünschen. Das also wäre die leichte Übung. Der weit schwierigere Part sind die Wünsch selbst. Die meisten Touristen werden ja gänzlich vom Wünschen überrascht und machen so immerhin als erste Erfahrung des Jahres, dass ihr Leben gar nicht so viel zu wünschen übrig lässt. Ist ja auch schön. Den meisten gehen so etwa um den Wunsch 5 oder 6 die spontanen Wünsche aus. Und genau darum mache ich natürlich einen Wunschzettel. Dafür nehme ich mir wirklich richtig viel Zeit. Und weil das Glück ganz schön kritisch sein kann, investiere ich auch in eine möglichst unmissverständliche Formulierung. Gott sei Dank bin ich ja vom Fach was Briefings angeht.

Erstaunlicher Weise verlege ich den Wunschzettel nach Silvester immer. 

Aber irgendwann taucht er plötzlich auf und wenn er zufällig gleichzeitig mit einem anderen Wunschzettel auftaucht, ergibt sich, dass ich eigentlich jedes Jahr mehr oder weniger das gleiche wünsche. Und jedes Mal muss ich darüber lachen und dann schmeiße ich den Zettel weg und setzte mich vor dem nächsten Silvester wieder hin und gebe mir Mühe, als würde ich das zum ersten Mal machen. Nur in diesem Jahr war das anders. Ich finde also gestern diesen Wunschzettel. Einen Zettel, dazu gemacht, mir wunderbare Dinge zu verschaffen, in den Schoß zu werfen so zu sagen. Bestellungen ans Universum, würden die esoterischsten unter uns sagen. Und als ich den so lese, trifft mich die Erkenntnis wie ein Blitz:

Wunschzettel sind To-Do-Listen!

Die Drei-großen-Gs, Gewichtsverlust, Geld, Gesundheit: Alles Dinge, die das Glück zuverlässig bringt, wenn man vorher etwas dafür tut. Anders essen, anders arbeiten, anders bewegen zum Beispiel. Egal was, aber anders. Und alles muss man selber tun. Da kommt kein Glück und gießt ein Füllhorn über einem aus. Verdammt!

Auf meinem Wunschzettel stand auch noch: Buch fertig kriegen. Auch das, sagt das Glück, wird zuverlässig erledigt, wenn ich mich nur mal hinsetzen und schreiben würde. Ach so. Ach ja. Hmmm. Hatte ich mir jetzt anders… Ergibt aber tatsächlich einen Sinn.

Selbst die ganz großen Räder „Weltfrieden“ und „Geborgenheit“ muss ich selber drehen. Bei genauer Betrachtung bin ich für alles auf meinem Wunschzettel selbst zuständig. Und irgendwie ist das ja auch eine erfreuliche Nachricht, dass man Einfluss nehmen kann, dass man nicht warten muss, bis es Tag wird, sondern einfach die Sonne selbst über den Horizont schieben kann.

Und das Glück? Das Glück steht dabei und isst meine Weintrauben.

Frau Fricke wundert sich, was es zu wundern gibt

Heute mag sich kaum noch jemand daran erinnern, aber es gab eine Zeit, in der die Aktienkurse NICHT Teil der Nachrichten waren. Eine Zeit, in der nicht nach jedem Weltereignis gefragt wurde, wie wohl „die Märkte“ darauf reagieren.

Das war die Zeit, als es noch eine Konkurrenz der Systeme gab.

Zu dieser Zeit war die Welt in zwei Hälften zerfallen. Im Osten lief das Sozialismus-Experiment und wie das enden würde, wußte damals noch keiner. Aber eins war klar: Wenn der Sozialismus siegen würde, dann wäre das das Ende für die Privatwirtschaft. Wirtschaftspolitik hieß damals also, Politik so zu gestalten, dass Sozialismus nicht besser aussieht, als das, was man selbst hat. Und so beeilte man sich, was immer auf der Ostseite der Mauer als Errungenschaft hoch gehalten wurde, auch im Westen einzuführen. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaub, Rente, Kindergarten. In Konkurrenz zu einem System, das sich zumindest auf die Fahnen geschrieben hatte, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, konnte man es sich nicht leisten, das nicht auch zu tun.

Und so gab es eine Zeit, als in den Nachrichten noch Menschen auf der Straße befragt wurden. Als es Politker-Interviews gab und die Leute sich wirklich dafür interessierten, was die zu sagen hatten. Und zwar aus einem einfachen Grund: Die sagten auch tatsächlich was. Das war vielleicht nicht immer korrekt. Aber es war verständlich. Als Franz-Joseph Strauß sagte, „Ich weiß, daß ich ein führendes Mitglied des Vereins für deutliche Aussprache bin.“ hat er das genauso gemeint. Und er ist verstanden worden. Und die Menschen da draußen, die heute ja nur noch als „Wähler“ bezeichnet werden, die hatten den Eindruck, dass er sie meint. Und dass ihre Meinung zählt.

Selbst die, die mit Details der Politik nicht einverstanden waren, hatten keinen Zweifel daran, dass die führenden Politiker in letzter Konsequenz davon ausgingen, dass es die Menschen waren, die diese Republik ausmachen und dass sie sie im Blick hatten. Helmuth Schmidt nannte einmal als verbindendes Element aller, dass alle führenden Politiker damals den Krieg erlebt hätten und sich einig darin waren, „So eine Scheiße darf nie wieder passieren.“

Und jeder verstand das damals so, dass er damit die Scheiße meinte, die den Menschen passiert war. Den Menschen! Von Märkten war damals noch nicht die Rede. Man redete noch über Menschen.

Der Mensch war die Maxime. Das war damals.

Damals, als der gesamte Vorstand der Deutschen Bank ein Dreißigstel dessen verdiente, was heute ein einziges Vorstandsmitglied verdient. Damals, als sich ein designierter SPD-Bundeskanzler noch in ein Reihenhaus in Langenhorn zurückzog und nicht in den Aufsichtsrat einer Gaspipeline, die er selbst während seiner Amtszeit vorangetrieben hatte.

Was war zwischendurch passiert?

Die Konkurrenz war in die Knie gegangen. Die sozialistische Hälfte der Erde hörte einfach auf, zu existieren. Und es passierte, was immer passiert, wenn ein Monopol entsteht: Der Monopolist bestimmt die Richtung. Und die ist immer da, wo er ist.

Plötzlich stand überall nur noch eins im Vordergrund: Geld.

Und weil „Geld“ so schmutzig klang, nannte man es einfach „Markt“.

Das war die Zeit, als die Börsenkurse Einzug in die Nachrichtensendungen fanden.

Die Zeit, in der nach jedem Ereignis gefragt wurde, wie die Märkte wohl reagieren würden. Die Zeit, von der an Politiker es als ihre vorrangige Aufgabe sahen, auf die Märkte zu achten und auf ihre Reaktionen, weil eine einzige falsche Bewegung sich wie im Butterfly-Effekt in den Märkten widergespiegelt, zu einer unglaublichen Katastrophe ausweiten konnte. Selbst Politiker, die sich für Menschen einsetzten, schielten jetzt auf „die Märkte“. Denn wollte man die Menschen schützen, musste man die Märkte im Auge behalten. Im Auge – nicht unter Kontrolle. Denn Kontrolle, das hatten die Märkte gleich klar gemacht, Kontrolle haben sie nicht gern. Und wenn sie was nicht gern haben, dann sind sie verärgert und wenn sie verärgert sind, kann das zu nichts Gutem führen.

Und so wurde aus der Politik für die Menschen eine Politik für die Märkte.

Für die Menschen zu sein wurde künftig übersetzt mit „für die Märkte“ zu sein.

Und diese Übersetzung hat nicht jeder verstanden. Und das lag auch daran, dass man so damit beschäftigt war, auf die Märkte zu schauen, dass irgendwie keine Zeit mehr war, auch noch die Menschen mitzunehmen.

Die Bankenrettung war so ein Beispiel. Kaum jemand hat verstanden, dass „die Banken“ wir alle sind. All unsere kleinen Sparkonten, Omas Lebensersparnisse, all das, das ist die Bank.

In einem Land mit hoher Sparquote heißt die Banken hops gehen zu lassen, alle Sparer hops gehen zu lassen. Und das sind in Deutschland die meisten. Das war eine vollkommen andere Situation als in Island – das ja gern als heroischer Bankenrettungsverweigerer gefeiert wird – wo die Mehrheit der Isländer verschuldet war und die Mehrheit der Einlagen aus dem Ausland kam. Namentlich aus England übrigens, wo isländische Banken massive Werbung für ihre hohen Zinsen gemacht hatten. In letzter Konsequenz haben also die Isländer die Spargroschen von Engländern verfrühstückt. Kein Wunder, dass das in Island nicht auf Widerstand gestoßen ist.

Das alles ist nicht schwer zu verstehen. Man hätte es nur einfach mal erklären müssen.

Wurde aber nicht für nötig erachtet, denn man musste ja mit „den Märkten“ reden. Mit denen übrigens, die diese Krise, die noch immer eine Krise der Menschen werden kann, verursacht haben und zwar, weil ein einziges international operierendes Unternehmen einfach schneller und wendiger ist als eine Politik, die mit uferlosen Debatten und Abstimmungen leben muss. Goldmann Sachs hat eine Lücke schneller genutzt, als sie die Politik schließen kann. So einfach ist das. Und so gefährlich.

Und so ist es kein Wunder, dass alles auf die Märkte schaut und keiner auf die Menschen. Und es ist auch kein Wunder, dass man sich um die Märkte kümmert, wenn man die Menschen meint.

Das hätte man den Menschen aber mal sagen sollen. Dann hätte man vielleicht vermieden, was jetzt passiert:

Es ist nämlich auch kein Wunder, dass sich Menschen abwenden von einem System, das sich von ihnen abgewendet zu haben scheint.

Und genau das ist es, denke ich, was nun in Amerika passiert ist.

Als Donald Trump seine Präsidentschaft bekannt gab (ich glaube, niemand hat sich darüber mehr erschrocken als er selbst) sprach er präzise zu den „Forgotten men and women“ und versprach ihnen, dass „They will be forgotten no more“.

Wir wissen alle, dass nicht nur Trumps Hautfarbe die eines Goldfischs ist. Auch seine Aufmerksamkeitsspanne steht im Ruf, die von Dorie nur knapp zu überschreiten. Er wird die Menschen, die er damit angesprochen hatte schon in der Sekunde vergessen haben, als er den Satz beendete. Aber – und das muss man ihm leider lassen – er hat sie angesprochen. Er hat ihnen das Gefühl gegenben gehört und verstanden worden zu sein. Oder irgendjemand in seinem Strategischen Team hat das.

Was also heißt das nun für uns?

Für uns heißt das: Wir sind am Arsch. Denn in den nächsten 9 Monaten wird keine der Parteien glaubhaft machen können, dass ihnen plötzlich doch noch eingefallen ist, dass sie ja eigentlich Politik für die Menschen machen sollten.

Was sie noch tun können, ist sich die Mühe zu machen, zu erklären, dass sie damit nie aufgehört haben. Sie könnten sich erklären und zwar so, dass sie auch von Otto W. Paschulke verstanden werden. Denn es ist seine Stimme, die sie wollen. Was sie tun können, ist zuzugeben, dass sie sich verfahren haben in den letzten Jahren. Dass sie so damit beschäftigt waren, sich auf eine schnell verändernde Welt und ihre Anforderungen einzustellen, dass sie gelegentlich falsch abgebogen sind. Das ist menschlich. Das kennen wir alle. Wer den amerikanischen Wahlkampf verfolgt hat, wird wissen, wie viel Menschen zu verzeihen bereit sind, wenn nur einer kommt und sagt, dass er sie sieht, dass er sie versteht und dass er sich für sie interessiert.

Politiker könnten endlich mal wieder reden wie normale Menschen. Das wäre mal ein Anfang. Sie könnten eine Meinung haben und sie so vertreten, dass sie auch jedermann versteht. „Ausländer raus“ ist einfach einfacher zu verstehen als „Eine geregelte Zuwanderung von qualifizierten Arbeitnehmern aus Drittländern ist hinsichtlich des demographischen Wandels unerlässlich.“ Die Angst, sie würde keiner mehr wählen, wenn sie sich nicht „konsensfähig“ ausdrücken, dürfte inzwischen doch eindeutig der Erkenntnis gewichen sein, dass man nicht gewählt wird, wenn man nicht deutlich macht, was man denn nun genau denkt und tut.

Klartext ist das einzige, was uns jetzt noch hilft. Das ist es, was ich denke.

Und damit wäre ich dann auch bei uns selbst. Wir müssen auch aufhören, Kreide zu fressen. Wir müssen aufhören, uns um Verständnis für die „besorgten Bürger“ in unserer Mitte zu bemühen. Wir müssen das Kreuz durchdrücken und ihnen sagen, was wir wirklich sehen: Dass eine Meinung Wissen voraussetzt und dass ihnen durchaus zuzumuten ist, sich eben das anzueignen. Dass sie NICHT das Volk sind, sondern dass sie Schande über uns bringen und über das Land, an dem ihnen ja angeblich so unglaublich viel liegt. Dass es nichts Unpatriotischeres gibt, als die Werte mit Füßen zu treten, für die die Menschen vor uns gekämpft haben und gestorben sind. Dass sie uns ins Gesicht spucken, die ihre Rente und ihre Stütze erarbeiten und dass wir nicht bereit sind, das ohne Widerspruch hinzunehmen.

Dass nicht jede Langeweile und jede Befindlichkeitsstörung mit einem Anspruch gleichzusetzen ist. 

Wir müssen auch den Arsch in der Hose haben, uns unbequemen Wahrheiten zu stellen. Dass die Justiz die rechtlichen Möglichkeiten, die sie hat, nicht nutzt. Dass Libertinesse niemanden schützt und die beleidigt, die sich jeden Tag für unseren Schutz einsetzen, die den Arsch für uns hinhalten und sich dann auslachen lassen müssen.

Dass der Schutz der Menschen gelitten hat. Und dass das auch der Schutz der Menschen ist, die hier Zuflucht suchen. Dass man über Jahre ausgerechnet an dem gespart hat, was für uns am wichtigsten sein sollte. Denn wenn wir eins von der Flüchtlingskrise lernen können, dann, dass es nichts Wichtigeres gibt als Sicherheit. Soziale. Innere. Und emotionale.