Frau Fricke wundert sich über Diener

„Ein Fürst ist der Erste Diener des Staates.“ soll Friedrich II von Preussen gesagt haben. Als Greis musste er sich auf einen Stock stützen. Ein krummes Häkchen, niedergedrückt von einer übermächtigen Verantwortung. Will man das?

Oprah will, obwohl sie weiß, dass sie es nicht kann. Was Trump weiß oder kann, weiß oder kann inzwischen niemand mehr sagen. Aber dass er nicht kann, das wissen wir. Und Lindner wollte nicht mehr, als er konnte – was eher selten ist denn eigentlich will immer jeder der Bestimmer sein.

Man fragt sich, warum eigentlich. Bestimmen ist ja ganz schön schwer. Und man lenkt ja nicht nur die eigenen Geschicke, sondern die vieler Menschen, die von einem abhängig sind – oder sich abhängig fühlen. Und die wenigsten Menschen mögen dieses Gefühl von Abhängigkeit. Dafür ahnen sie aber diffus, dass es die Bestimmer sind, die dieses Gefühl auslösen, und erlauben sich daher im Gegenzug den Luxus, Bestimmer abgrundtief abzulehnen. Völlig egal warum. Wer Bestimmer ist, dem muss klar sein, dass er das Gesicht ist, das man bei Wikipedia neben dem Begriff „Dagegen sein“ sehen wird. Dass er von genau den Leuten gehasst wird, deren Gehälter er in einer Krise sichert, während er selbst wochenlang auf Aldi-Toastbrot kaut.

Warum sollte das jemand wollen? Sind die alle irre?

Meine Vermutung ist: Das alles ist eine Verkettung schrecklicher Missverständnisse. Und die beginnt mit einer krassen Missinterpretation des Wortes „Führung“ wie in „Personalführung“, „Amtsführung“ oder „Führungsposition“. Das kommt davon, wenn man in Geschichte nicht aufgepasst hat und von Marie Antoinette nur weiß, dass sie echt coole Klamotten hatte und eine Schwäche für Brioche. Dabei könnte man gerade von ihr lernen, wie unerfreulich Karrieren an der Spitze enden können, wenn man keine überzeugende Führungspersönlichkeit ist und auch nicht vorhat, es zu werden.

Um ihrem Schicksal zu entgehen, wäre es also ganz wichtig, zu verstehen, dass folgende weit verbreitete Annahmen Irrtümer sind:

 

Irrtum Nr. 1: Führung ist, was von allein passiert, wenn alle einem nachlaufen müssen.

Wenn man vorne ist, sagt einem keiner, dass man hinten liegt.

Wer mit Kritik nicht gut umgehen, wer schlecht zwischen sich und der Sache unterscheiden kann, der hält das für eine gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist aber, dass das tatsächlich die schlechte Nachricht ist. Denn Kritikfähigkeit, die Fähigkeit, Rat anzunehmen, eine bessere Idee als besser zu erkennen und umzusetzen, auch wenn sie nicht die eigene war, ist eine der kritischsten Eigenschaften einer Führungspersönlichkeit. Überall sonst ergibt das für jeden sofort einen Sinn. Keiner würde das Angebot abschlagen, eine miese Souterrain Wohnung gegen eine mit Dachterrasse zu tauschen, einen Wollpulli gegen einen aus Cashmere, eine Schrottkarre gegen einen Neuwagen. Nur bei Ideen scheint das echt schwer zu sein. So schwer, dass sich manche einfach in die Illusion flüchten, praktisch jede Idee, die sie je gehört haben, wäre von ihnen – außer natürlich sie stellt sich später als Irrtum heraus. Dann ist man schlecht beraten worden.

Wer erster Diener ist, dem wird der Umgang mit Kritik leichter fallen, denn es geht nicht um ihn selbst. Es gibt etwas, dem er dient. Etwas, das größer ist, als er. Dem Staat, der Sache, der Firma. Schwieriger wird das natürlich für die Sonnenkönige unter den Chefs und die unterliegen dem zweiten Missverständnis:

 

Irrtum Nr.2: Untergebene sind die, die unten stehen und geben. 

Ein Missverständnis biblischen Ausmaßes! „Macht euch die Erde Untertan“ wurde vielfach missinterpretiert als „Macht mit der Erde, was ihr wollt. Die kann sich sowieso nicht wehren.“ Sowas ist ja immer ein Irrtum. Jeder hat Macht. Nur nicht alle dieselbe und zur selben Zeit. Aber das wird jetzt zu kompliziert. Kommen wir auf den Untertan zurück.

Wenn man sich das Wort mal richtig ansieht, stellt man fest: Das kuschelt sich in das Bauchfell eines Größeren und flüstert leise herauf: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, sollst gut auf mich aufpassen, sonst muss ich schreien.“ Wer kleiner ist als wir, wer uns also untersteht, wer uns unterstellt ist, untertan ist, ist jemand, auf den wir aufpassen sollen. Für dessen Wohlergehen wir verantwortlich sind. Niemals hat je ein Elternpaar das Haus verlassen und zum großen Geschwister gesagt: „Wir sind dann mal weg. Jetzt bist du der Herr im Haus. Also: immer druff. Versklav die kleinen Racker – denn du kannst das und die können sich nicht wehren.“ Nein, Eltern erwarten von den Großen, dass sie auf die Kleinen aufpassen, ihnen vorlesen, ihre Launen ertragen, sie trösten, wenn sie weinen, die Mikrowelle für sie bedienen und klaglos die Trickfilme gucken, die die Kleinen eben gucken wollen. Vor allem aber, sollen die Großen die Knirpse vor Schaden bewahren –  auch wenn die Knirpse das nicht wollen, weil sie gerade die Streichhölzer gefunden oder das Scherengitter am Treppenaufgang geöffnet haben. Weil das eben das ist, was man so tut als führendes Familienmitglied: Beispiel, Liebe und nein sagen.

Das mit dem Unten stehen und geben verhält sich also eher umgekehrt. Und auch das könnte man aus dem Geschichtsunterricht wissen, wenn man besser aufgepasst hätte, als es darum ging,  was „L’etat c’est moi“ – der Staat bin ich – tatsächlich bedeutete für Ludwig der XIV von Frankreich, das Sinnbild des Autokraten, den Sonnenkönig.

Von morgens bis abends war Ludwig nicht Mensch, er war Staat und gehörte damit nicht sich selbst, sondern allen, die wollten, was er hatte: Macht. Nur, indem er die teilte, herrschte er. Nichts, wirklich gar nichts bestimmte er nach seinem persönlichen Gusto. Wie er schlief, wann er schlief, mit wem, was er anhatte, wer Zugang zu seinen Räumlichkeiten hatte, wer ihm was anziehen, anreichen, antragen durfte, alles war vorbestimmt – und zwar nicht durch ihn. Alles diente einem höheren Ziel, einer höheren Macht und diese Macht war nicht seine Person. Diese Macht war Frankreich. Ein Frankreich – machen wir uns nichts vor – das nicht das Frankreich der Bürger war, sondern einer dünnen Upper Crust, an deren Wohlergehen sich der Rest des Landes orientierte.

 

Was hat man denn dann davon, Chef zu sein? Die Antwort ist: Verantwortung.

Und die Verantwortung – auch das ein weit verbreiteter Irrtum – ist nicht etwa der Titel auf der Visitenkarte oder der Grund für eine Gehaltserhöhung. Verantwortung heißt, dass man dafür Sorge trägt, dass es allen gut geht. Dass ein Schiff heil in den Hafen kommt. Dass sich in einem Unternehmen alle gut und sicher fühlen. Dass sich eine Regierung am Wohl ihrer Bürger orientiert.

Ja, blöd gelaufen. Chef sein, egal, ob Staatschef, Firmenchef oder Küchenchef, das heißt nicht, der mit dem coolen Krönchen auf dem Kopf zu sein. Der, der bejubelt wird, der mit der dicken Marie. Chef sein, das heißt Sicherheit zu geben. Durch klare Ansagen, durch Berechenbarkeit und Nahbarkeit. Dadurch, dass man anerkennt, dass das, was man tut größer ist, als der, der man ist.

Ich weiß nicht, ob Chef zu sein immer noch so attraktiv wäre für Oprah, für Trump, für die vielen Erben, die demnächst frisch von einer privaten Business School kommend die Verantwortung für Firmen mit Tausenden von Mitarbeitern übernehmen werden, wenn sie verstanden hätten, dass es die natürliche Eigenschaft von Autorität ist, nicht eingefordert werden zu können, sondern verdient werden zu müssen. Verdienen. Dienen. Da ist es wieder.

Es würde mich also nicht wundern, wenn es stimmt, was man immer wieder liest: Dass Millanials Führungspositionen fürchten. Dass sie keine Verantwortung mehr übernehmen wollen. Dass sie lieber auf dem Rücksitz sitzen wollen, als am Steuer. Da könnte es natürlich über kurz oder lang eng werden.

Vielleicht sind die aber auch gar nicht die Generation der Schlaffis.

Vielleicht sind die die Generation derer die verstanden haben, dass das Wort „Verdienst“ von „dienen“ kommt – und es etwas substanziell anderes ausdrückt als das Wort „Einkommen“.

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