Frau Fricke wundert sich über Terror

Jetzt ist es also passiert. Ich hab gleich mal „Frau Fricke wundert sich, wer so alles Paris ist“ nachgelesen und war überrascht, wie wenig sich geändert hat. Äußerlich. Nur ich hab mich verändert. Ich bin wütend. So kenn ich mich gar nicht. 

Ich würde gerne sagen, dass mich das Attentat in Barcelona, der Stadt, in der ich wohne, völlig unbeeindruckt gelassen hat. Aber dann würde ich lügen. Es ist mehr so, dass alles ganz anders ist, als ich es mir vorgestellt hatte.

Wie immer, wenn etwas passiert, das eben eigentlich gar nichts mit einem selbst zu tun hat, dauert es eine Weile, bis man überhaupt was mitkriegt. Ich hatte plötzlich etliche Nachrichten auf dem Handy und die erste, die ich öffne heißt: SOFORT! und ist der Nachklapper der Bitte, ich solle mich doch bitte melden und sagen, dass es mich noch gibt. So also habe ich von dem Attentat erfahren. Ich war aber genau genommen immer noch nicht betroffener, als wäre jemand auf der Autobahn in Castrop-Rauxel falsch abgebogen. Und das ist hier der Punkt.

Jeden Tag geschehen um uns herum schreckliche Dinge. Während wir uns die Haare schneiden lassen, ungläubig auf die Waage starren oder einen Parkplatz suchen, stößt einem anderen Menschen – oft gar nicht so weit entfernt – Unsägliches zu. Menschen ertrinken, werden Opfer häuslicher Gewalt, sterben an unerwarteten Krankheiten. Und nie denken wir, dass das irgendetwas mit uns zu tun hätte. Nur bei so einem Attentat sind wir plötzlich selbst betroffen. Und das hat einen Grund:

Ein Attentat macht die Gewalt größer als den Täter. 

Man erlaubt einem Attentäter so zu tun, als sei er nur Stellvertreter für etwas, das größer ist als er. Und wir, wir glauben ihm das. Wir glauben, er sei das große Böse und er habe es auf das Gute im Allgemeinen abgesehen. Und wer ist das Gute im Allgemeinen? Na, wir natürlich. Und so glauben wir: Der meint uns. Tut er aber nicht.

Jedes Jahr sterben Menschen auf der Autobahn, weil jemand vorsätzlich in falscher Richtung unterwegs ist. Auch der will töten und zwar sich selbst. Und vorher, vorher will er noch so viel Aufmerksamkeit wie möglich. Wer einfach nur einen Stuhl umstößt und von der Decke baumelt, wer von der Brücke springt oder ausgeblutet aus seiner Wanne gezogen wird, macht keine Schlagzeilen. Der ist einfach nur ein überfordertes Würstchen, das es nicht gepackt hat. Sad. So ein Geisterfahrer aber, ja der ist eine Meldung wert. Grandioser Abgang. Aber auch nur im Lokalteil. Denn, sein wir ehrlich:

Keiner käme auf die Idee, die Eifelturmbeleuchtung abzuschalten. Keiner bastelt Schleifen, die man am Revers tragen soll und kein Hobbygraphiker bastelt ein Ereignislogo, das plötzlich alle Profilfotos bei Facebook ersetzt. Nur bei Terror, bei Terror ist das anders. Warum eigentlich? Bei genauem Hinsehen entdecken wir nämlich – nichts.

Was macht einen Terroristen zum Terroristen?

Was mir in der Berichterstattung immer wieder auffällt, sind die eklatanten Ähnlichkeiten der Protagonisten. Alle Attentäter der jüngeren Vergangenheit waren Sozialversager. Leute, deren Träume größer waren, als ihr Vermögen, sie zu verwirklichen. Ich will das nicht werten. Es ist aber eine Beobachtung wert. Fast alle waren vorbestraft. Drogendelikte waren dabei, Häusliche Gewalt, Sexualdelikte, Raub, Diebstahl. Der Attentäter von Nizza durfte sich seiner Familie nicht mehr nähern, weil er zumindest als deren Gefährder angesehen wurde. Fast ebenso bemerkenswert wie ihre längeren kriminellen Karrieren sind ihre verblüffend kurzen religiösen Episoden. Keiner der bisher bekannt gewordenen Attentäter konnte auf ein langes frommes Leben als Moslem zurückblicken. In fast allen Fällen berichtet das soziale Umfeld davon, dass da, wo plötzlich die Sure regierte, gestern noch der Swag hing. Und „Kontakt zu ISIS“? Wer Bingewatching von reißerischen youtube-Videos für einen Kontakt zu ISIS hält, der glaubt auch, dass man durch das Hören von Death Metal den direkten Draht zu Satan hat.

Nein, es ist viel einfacher: Diesen islamischen Terror und diese klandestinen Truppen, die einem geheimnisvollen Dr. No aus dem Morgenland folgen, die gibt es gar nicht. Das, was wir für Terror halten, sieht nicht nur so aus, als stünde keine ausgefeilte Strategie dahinter. Das ist tatsächlich so.

Jeder frustrierte Sozialversager mit Führerschein kann sich einen Minivan mieten. 

Und davon gibt es eine ganze Menge da draußen. Die folgen keinem sinistren Plan, die haben kein höheres Ziel. Denen steht der Frust nur einfach bis zu den Augenbrauen und die haben die Hoffnung aufgegeben, jemals jemand zu werden, für den man sich nicht schämen müsste. Einmal was Bedeutendes machen, etwas, über das die Leute reden. Einmal bewundert werden. Das ist nicht so einfach, wenn man nicht singen kann, oder Fußball spielen. Nicht so einfach in einer Welt, in der man nicht einmal in die zweite Bewerbungsrunde kommt.

Und so kommt man dann auf die Idee, sich einen Minivan zu mieten und in eine Menschenmasse zu fahren. Jeder Idiot kann das. Man kann auch ohne große Vorkenntnisse in einem gesteckt vollen Konzertsaal niedermähen, was man vor die Flinte kriegt. Oder sich selbst – Gipfel der Dummheit – in die Luft zu sprengen. Jeder andere kleine Idiot, jeder andere Kleinkriminelle, jeder andere grasvernebelte Hilfs-Checker würde nichts hinterlassen, als einen Fleck. Aber sowie man sich einen Minivan mietet und so tut, als täte man, was man tut für einen höheren Zweck, kennen alle deinen Namen.

Das muss aufhören!

Es wird Zeit, dass wir über publicitygeile Kleinkriminelle so berichten, wie es den Tatsachen entspricht. Dass wir sie als die illusorischen Vollhonks darstellen, die sie sind. Dass wir uns nicht schämen zu sagen, dass sie dumm sind wie ein Stück Brot, dass sie ihre letzten Hirnzellen verkifft haben und dass sie Schande über sich bringen, Häme, Gelächter. Dass keiner sie fürchtet. Und dass sie vergessen sein werden, wenn das nächste Fußballspiel Schlagzeilen macht.

Hören wir auf, so zu tun, als hätten sie Bedeutung. Denn erst dann wird die nächste Riege perspektivloser Piffel keinen Spaß mehr an dem Gedanken finden, wie alle vor dem Fernseher sitzen und denken: „Oh! Was der? Das hätten wir dem ja gar nicht zugetraut.“

Hören wir auf, zu fragen, wer dahinter steckt. Nichts steckt dahinter. Gar nichts. Nur Frust und Dummheit. Der „Islamische Staat“ hat – wie auch immer authentifiziert – das Attentat bereits für sich reklamiert und den „beiden Helden“, die es durchgeführt haben, ihre Anerkennung ausgesprochen. Das ist blöd, wenn tatsächlich vier Leute im Wagen gesessen haben. Dumm gelaufen. Immer hübsch die Nachrichten abwarten, bis man etwas für sich reklamiert, das in Wirklichkeit eine Handvoll Ganoven aus der katalanischen Provinz ausbaldowert haben. Hören wir auf, Bedeutung zu suchen, wo keine ist.

Vier Idioten haben vierzehn Menschen getötet.

Ich bin froh, dass ich keiner von ihnen bin.

Mehr gibt’s nicht zu sagen.

 

 

 

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