Frau Fricke wundert sich, ob denn schon Muttertag ist

Heute ist ja Weltfrauentag. Und neuerdings beginne ich mich zu fragen: Darf ich da überhaupt mitmachen? 

Vor genau einem Jahr habe ich von meiner Tante Trude geschrieben (gern noch mal nachblättern). Davon, wie schwer es früher war, als unverheiratete Frau sein Leben zu bestreiten. Davon, wie fragil unsere Errungenschaften sind und wie wichtig es ist, sie zu bewahren. Damals dachte ich noch: Vielleicht ein bisschen viel Pathos. Heute hat mich die Realität eingeholt. Mich und die Trude. Denn wir sind wieder mitten in den 30er Jahren des 20. Jahrhundert und allüberall werden Mutterkreuze verteilt.

Eine Frau, das hat die Trude oft gehört, ist nämlich erst eine Frau, wenn sie Mutter ist. Ehefrau ist auch schon schön, aber nur das Vorzimmer zum Lebenszweck. Was wirklich im Mittelpunkt des Seins und Strebens einer Frau stehen sollte, das ist die Mutterschaft. Die Trude, das fand man damals so ganz im allgemeinen, hat da böse versagt. Hat aber auch ihre Strafe dafür gekriegt, dass sie nicht so leben wollte wie andere, indem ihr Eigenheim und Garten versagt blieb und natürlich die Weihnachtsbesuche von den Enkeln. Das hat sie nun davon.

Jetzt bin ich Trude. Ich merke es nur nicht. 

Aber die Anzeichen häufen sich. Alles begann vor ein paar Wochen, als mir eine – durchaus sehr geschätzte – Freundin eröffnete, dass ein Leben als Familie mit Vater, Mutter und 1,3 Kindern „normal“ sei. Alles andere wäre es eher nicht. Alles andere ist so zu sagen eine immer währende Ausnahme-Situation. Eine soziale Behinderung. Aktion Sorgenkind für Frauen. Aktion Sorgenfrau.

Da war er, mein Zwerg-der-Infantin-Moment. Ich bin meine eigene One-man-freak-show. Ich hab das nur nie gemerkt, weil ich so damit beschäftigt war, Dinge zu tun, die ich für erstrebenswert hielt: tolle Jobs machen, Firma gründen, Probleme für Kunden lösen, ins Ausland ziehen, Fremdsprachen lernen. Sowas eben. Kurz: Ich verplempere meine Zeit für Dinge, die mich immer weiter von meinem eigentlichen Lebensziel abbringen: Normal Mutter zu sein, wie jede andere auch.

Wer braucht schon einen Job? Wer braucht schon Bezahlung?

Und dann, vor zwei Tagen kommt Mehmet Daimagüler und fordert in einem Facebook-Post gleichen Lohn für gleiche Arbeit und eine 50% Frauenquote für Vorstände. So ja nun nicht! Eine Frau (!) findet, das brauche sie „so dringend wie ein Loch im Kopf“, denn „Das Beste können nur wir Frauen….den Herzschlag des Kindes spüren, bevor es sich überhaupt gezeigt hat.“ Ja ne, da muss es natürlich einen Ausgleich geben und da sind begrenzte Karriere-Chancen und Altersarmut natürlich ein geringer Preis.

Mir wird klar: Mein Leben ist verwirkt. Ich hab’s verkackt. Aber so richtig. Ich habe nichts zum Bestand der Art beigetragen. Wir sind vom Aussterben bedroht und das ist alles nur meine Schuld. Schlimmer noch: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das jetzt noch ändert, ist gering. Ich fühle mich so mies, wie mich andere vermutlich finden.

Ich muss auf andere Gedanken kommen. Ich brauch Bewegung.

Also schaue ich mal, was es hier so an Laufsportveranstaltungen gibt. Nicht, dass ich Laufsport betreiben würde. Aber ich könnte ja mal damit anfangen und das ist ja immer einfacher, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Das Ziel müsste natürlich noch weit in der Zukunft liegen, denn dort liegt auch meine Fitness. In der Gegenwart steht eine Couch. Ich finde auch tatsächlich einen Lauf im November. 7,5 Kilometer. Nur für Frauen. Ich bin begeistert! Das ist ja wie für mich gemacht! Da mache ich mit! Um sich anzumelden, muss man sich in eine von drei Kategorien eintragen:

Kleine Schönheit (14-30)

Mutter (30-55)

Großmutter (55+)

Ich erwäge kurz die meinem Fitness-Level entsprechende Kategorie „Großmutter“ zu wählen, wechsele dann gedanklich den Tatsachen entsprechend zu „Schönheit“, muss aber einräumen, dass ich mit der Durchschnittsgröße eines spanischen Mannes vermutlich nicht wirklich klein bin. Mutter bin ich auch nicht. Und während die Welt heute großer Wissenschaftlerinnen, Schriftstellerinnen, Politikerinnen und Sportlerinnen gedenkt, schleiche ich mich heimlich aus einem Volkslauf für Frauen, in dem es offenbar keinen Platz für mich gibt.

Tante Trudes Foto steht auf meinem Schreibtisch.

Das gucke ich an und sage: „Na, Trude, sag doch mal was!“

Und Trude guckt zurück und sagt: „Echt jetzt? Daran willste scheitern? Tu mal lieber was.“ Und das tu ich. Ich setze mich hin und schreibe den Veranstaltern dieses Laufs eine Email und darin steht eine sehr simple Wahrheit, die erstaunlich wenigen bekannt zu sein scheint:

Alle Mütter sind Frauen. Aber nicht alle Frauen sind Mütter.

Frau Fricke wundert sich, wo ihr Pony bleibt

Ich will ja ein Pony. Oder ein Nilpferd in der Badewanne. Beides bleibt mir versagt und das interessiert keine Sau. Warum funktioniert das nicht auch beim Donald?

Im Moment regen sich ja alle jeden Tag ziemlich doll auf – und zwar über The Donald. The Donald will ja permanent irgendwas. Und meist ist das, was er will, nicht das, was die meisten anderen wollen. Scheint jedenfalls so.

Und so erhebt sich täglich ein Jammern und Wehklagen, dass jetzt alle gezwungen sind, ein Leben zu leben, das sie so nicht leben wollen.

Weil The Donald es will, müssen wir, so scheint es, ab sofort alle Mexikaner hassen und alle Muslime meiden. Wir müssen Autos mit laufendem Motor stehen lassen, um zu zeigen, dass uns die Umwelt egal ist und wir müssen Frauen auf dem Weg zum Frauenarzt prophylaktisch anspucken, weil man ja nie weiß, ob die nicht gerade eine Abtreibung planen. Abtreibungen müssen wir nämlich jetzt verabscheuen.

Weil The Donald es will, müssen wir so sein, wie wir nicht sein wollen. Weil The Donald das so macht, müssen jetzt offenbar alle Schaltstellen der Macht ausschließlich mit Männern besetzt sein, unsere schwulen und lesbischen Freunde müssen jetzt so tun als hätten sie miteinander Valentinsdates und weil The Donald gerne unsere kleine Katzen anfassen will, müssen wir das wohl auch wollen. Ebenso wie die Katzen. Und da kommt The Donald an seine Grenzen.

So einer Katze ist es nämlich immer ziemlich egal, wer was von ihr will.

So eine Katze hat ja primär einen eigenen Willen und wenn der gerade nicht nach grabben ist, dann wird da auch nicht gegrabbt. So eine Katze, die geht im besten Fall einfach weg und im schlimmsten sitzt man, nachdem die Katze ihren Standpunkt nachhaltig vertreten hat, in der Notfallamulanz der Augenheilkunde. Was aber wichtig ist, sich zu merken: Die Katze selbst ist zu jedem Zeitpunkt maximalst unbeeindruckt.

So eine Katze weiß nämlich etwas, das wir offenbar noch lernen müssen: Der Unbewegte Beweger, der Erschaffer der Welt mit allem, was darin ist, das ist nicht The Donald. Das ist man immer selbst.

Übrigens: Wer keine Katze zur Hand hat, könnte es auch mit einem Teenager versuchen. Die sind die nächsten Entwicklungsstufe der Katzen. Ungelogen. Ist wissenschaftlich erwiesen. Da wo Katzen einem nur gleichgültig den Arsch zudrehen, murmeln Teenager noch „Mir doch egal.“ Der Effekt ist aber derselbe.

Ich will, dass du jetzt dein Zimmer aufräumst. „Mir doch egal.“

Ich will, dass du jetzt Hausaufgaben machst. „Mir doch egal.“

Und genauso, aber ganz genauso funktioniert das auch mit den Donalds, Petrys, LePens, Brexiters und all den anderen Leute, die uns so unglaublich laut wissen lassen, was sie alles gerne hätten.

Ich will, dass du nicht bei Juden kaufst. „Mir doch egal.“

Ich will hier keine Muslime mehr. „Mir doch egal.“

Ich will, dass keiner mehr sagen darf, dass er homo ist. „Mir doch egal.“

Ich will keine Frauen in Führungspositionen. „Mir doch egal.“

Wir leben ja in einem freien Land. Da kann jeder sagen, was er will. Egal, wie idiotisch das ist. Egal, wie egozentrisch, kurzsichtig und dumm. Und jeder andere, der hat die Freiheit, das zu ignorieren. Da muss man sich gar nicht aufregen. Man muss einfach nur den Arsch zudrehen und denken:

Ja, hab ich zur Kenntnis genommen. Mir doch egal. Ich will ein Pony.

 

Frau Fricke wundert sich über ihre Wünsche

Jedes Jahr habe ich zwölf Wünsche frei. Jedes Jahr mache ich mir eine Liste, damit ich keinen vergesse und jedes Jahr warte ich darauf, dass sie in Erfüllung gehen. Ein schwerer Fehler, wie ich erst jetzt verstehe. 

Ich bin ja nicht so direkt abergläubisch. Allein schon, weil das Unglück bringt. Ich bin, sagen wir mal, eher ein Mensch, der sich gegen Risiken abzusichern weiß, wenn sich die Gelegenheit bietet. In Spanien bietet sich diese Gelegenheit jedes Jahr zu Silvester. Und wie es so ist mit Gelegenheiten, man muss sie nicht nur zu nutzen wissen, das Glück lacht vor allem dem, der darauf vorbereitet ist. Mir zum Beispiel.

Ich überlasse nämlich nichts dem Zufall. Und weil das so ist, hoffe ich, dass das Glück diese Mühen zu würdigen weiß und sich zum Dank kuschelig bei mir einnistet. Nenn mich einen Kontroll-Freak, aber hier geht es schließlich um nichts Geringeres als das Glück eines ganzen Jahres! Zwölf volle Monate! Glück!

Der erste Schritt meiner Vorbereitungen begann früher bereits so um Ende November, wenn ich in Gesprächen mit meinen Freunden dezent fallen ließ, dass ich ja noch ganz dringend eine rote Unterhose zu Weihnachten benötige. Die Sache ist nämlich die: das Glück kommt nur zu dem, der zu Silvester rote Unterwäsche trägt. Muss man wissen. Und auch den Anforderungskatalog, den es dafür gibt. Zunächst einmal muss sie ein Weihnachtsgeschenk sein und natürlich nagelneu. Selbst kaufen geht nicht. Die vom letzten Jahr tragen, bringt einen auch nicht weiter. Und wie meine eigenen empirischen Studien in dieser Sache deutlich belegen, ist auch die Marke, entgegen anderslautenden Vermutungen , durchaus von Belang.  Ich könnte hier bestürzende Dinge erzählen über das Jahr, das in Unterwäsche von „Agent Provokateur“ begann. Ich sage nur so viel: Da lohnt sich für mich keine Kundenkarte. „Triumph“ hingegen, hat seinem Namen alle Ehre gemacht und ist deswegen zusammen mit „Change“ auf die Liste der dem Glück zugeneigten Marken ebenso gut aufgehoben, wie „Chantelle“ – wenn sich mir auch hier der Sinn nicht recht erschließen mag. Und weil das alles nicht so einfach ist, haben eine fachkundige Freundin und ich inzwischen einen Unterhosen-Pakt geschlossen. Sie schenkt mir verlässlich jedes Jahr einen Schlüppi zu Weihnachten, der allen Anforderungen entspricht und ich beliefere sie ebenso mit einem Stück vom Glück fürs nächste Jahr. Wenn das erledigt ist, kommt der schwierige Teil:

Man muss sich was wünschen. Und damit kann man gar nicht vorsichtig genug sein!

Genau um Mitternacht versammelt sich in Spanien nämlich die Nation um eine Glocke. Wer nicht irgendwo wohnt, wo es eine geeignete Rathausuhr gibt, bekommt ins Restaurant, in die Kneipe oder das heimische Wohnzimmer die Glocke der Puerta del Sol in Madrid gespielt. Erst bimmelt es unmotiviert, damit man weiß, dass es gleich los geht und dann ist es soweit: 12 Glockenschläge schlägt die Uhr. Und bei jedem muss man sich was wünschen und eine Weintraube essen.

Auch das bedarf natürlich der Vorbereitung. Da wären erst einmal die Weintrauben. Die gibt es bereits geschält, entkernt und abgezählt in Sirup eingelegt zu kaufen. Das ist gut, denn das ist praktisch und das flutscht gut. Man muss sich ja beeilen mit dem Wünschen. Das also wäre die leichte Übung. Der weit schwierigere Part sind die Wünsch selbst. Die meisten Touristen werden ja gänzlich vom Wünschen überrascht und machen so immerhin als erste Erfahrung des Jahres, dass ihr Leben gar nicht so viel zu wünschen übrig lässt. Ist ja auch schön. Den meisten gehen so etwa um den Wunsch 5 oder 6 die spontanen Wünsche aus. Und genau darum mache ich natürlich einen Wunschzettel. Dafür nehme ich mir wirklich richtig viel Zeit. Und weil das Glück ganz schön kritisch sein kann, investiere ich auch in eine möglichst unmissverständliche Formulierung. Gott sei Dank bin ich ja vom Fach was Briefings angeht.

Erstaunlicher Weise verlege ich den Wunschzettel nach Silvester immer. 

Aber irgendwann taucht er plötzlich auf und wenn er zufällig gleichzeitig mit einem anderen Wunschzettel auftaucht, ergibt sich, dass ich eigentlich jedes Jahr mehr oder weniger das gleiche wünsche. Und jedes Mal muss ich darüber lachen und dann schmeiße ich den Zettel weg und setzte mich vor dem nächsten Silvester wieder hin und gebe mir Mühe, als würde ich das zum ersten Mal machen. Nur in diesem Jahr war das anders. Ich finde also gestern diesen Wunschzettel. Einen Zettel, dazu gemacht, mir wunderbare Dinge zu verschaffen, in den Schoß zu werfen so zu sagen. Bestellungen ans Universum, würden die esoterischsten unter uns sagen. Und als ich den so lese, trifft mich die Erkenntnis wie ein Blitz:

Wunschzettel sind To-Do-Listen!

Die Drei-großen-Gs, Gewichtsverlust, Geld, Gesundheit: Alles Dinge, die das Glück zuverlässig bringt, wenn man vorher etwas dafür tut. Anders essen, anders arbeiten, anders bewegen zum Beispiel. Egal was, aber anders. Und alles muss man selber tun. Da kommt kein Glück und gießt ein Füllhorn über einem aus. Verdammt!

Auf meinem Wunschzettel stand auch noch: Buch fertig kriegen. Auch das, sagt das Glück, wird zuverlässig erledigt, wenn ich mich nur mal hinsetzen und schreiben würde. Ach so. Ach ja. Hmmm. Hatte ich mir jetzt anders… Ergibt aber tatsächlich einen Sinn.

Selbst die ganz großen Räder „Weltfrieden“ und „Geborgenheit“ muss ich selber drehen. Bei genauer Betrachtung bin ich für alles auf meinem Wunschzettel selbst zuständig. Und irgendwie ist das ja auch eine erfreuliche Nachricht, dass man Einfluss nehmen kann, dass man nicht warten muss, bis es Tag wird, sondern einfach die Sonne selbst über den Horizont schieben kann.

Und das Glück? Das Glück steht dabei und isst meine Weintrauben.

Frau Fricke wundert sich, was es zu wundern gibt

Heute mag sich kaum noch jemand daran erinnern, aber es gab eine Zeit, in der die Aktienkurse NICHT Teil der Nachrichten waren. Eine Zeit, in der nicht nach jedem Weltereignis gefragt wurde, wie wohl „die Märkte“ darauf reagieren.

Das war die Zeit, als es noch eine Konkurrenz der Systeme gab.

Zu dieser Zeit war die Welt in zwei Hälften zerfallen. Im Osten lief das Sozialismus-Experiment und wie das enden würde, wußte damals noch keiner. Aber eins war klar: Wenn der Sozialismus siegen würde, dann wäre das das Ende für die Privatwirtschaft. Wirtschaftspolitik hieß damals also, Politik so zu gestalten, dass Sozialismus nicht besser aussieht, als das, was man selbst hat. Und so beeilte man sich, was immer auf der Ostseite der Mauer als Errungenschaft hoch gehalten wurde, auch im Westen einzuführen. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaub, Rente, Kindergarten. In Konkurrenz zu einem System, das sich zumindest auf die Fahnen geschrieben hatte, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, konnte man es sich nicht leisten, das nicht auch zu tun.

Und so gab es eine Zeit, als in den Nachrichten noch Menschen auf der Straße befragt wurden. Als es Politker-Interviews gab und die Leute sich wirklich dafür interessierten, was die zu sagen hatten. Und zwar aus einem einfachen Grund: Die sagten auch tatsächlich was. Das war vielleicht nicht immer korrekt. Aber es war verständlich. Als Franz-Joseph Strauß sagte, „Ich weiß, daß ich ein führendes Mitglied des Vereins für deutliche Aussprache bin.“ hat er das genauso gemeint. Und er ist verstanden worden. Und die Menschen da draußen, die heute ja nur noch als „Wähler“ bezeichnet werden, die hatten den Eindruck, dass er sie meint. Und dass ihre Meinung zählt.

Selbst die, die mit Details der Politik nicht einverstanden waren, hatten keinen Zweifel daran, dass die führenden Politiker in letzter Konsequenz davon ausgingen, dass es die Menschen waren, die diese Republik ausmachen und dass sie sie im Blick hatten. Helmuth Schmidt nannte einmal als verbindendes Element aller, dass alle führenden Politiker damals den Krieg erlebt hätten und sich einig darin waren, „So eine Scheiße darf nie wieder passieren.“

Und jeder verstand das damals so, dass er damit die Scheiße meinte, die den Menschen passiert war. Den Menschen! Von Märkten war damals noch nicht die Rede. Man redete noch über Menschen.

Der Mensch war die Maxime. Das war damals.

Damals, als der gesamte Vorstand der Deutschen Bank ein Dreißigstel dessen verdiente, was heute ein einziges Vorstandsmitglied verdient. Damals, als sich ein designierter SPD-Bundeskanzler noch in ein Reihenhaus in Langenhorn zurückzog und nicht in den Aufsichtsrat einer Gaspipeline, die er selbst während seiner Amtszeit vorangetrieben hatte.

Was war zwischendurch passiert?

Die Konkurrenz war in die Knie gegangen. Die sozialistische Hälfte der Erde hörte einfach auf, zu existieren. Und es passierte, was immer passiert, wenn ein Monopol entsteht: Der Monopolist bestimmt die Richtung. Und die ist immer da, wo er ist.

Plötzlich stand überall nur noch eins im Vordergrund: Geld.

Und weil „Geld“ so schmutzig klang, nannte man es einfach „Markt“.

Das war die Zeit, als die Börsenkurse Einzug in die Nachrichtensendungen fanden.

Die Zeit, in der nach jedem Ereignis gefragt wurde, wie die Märkte wohl reagieren würden. Die Zeit, von der an Politiker es als ihre vorrangige Aufgabe sahen, auf die Märkte zu achten und auf ihre Reaktionen, weil eine einzige falsche Bewegung sich wie im Butterfly-Effekt in den Märkten widergespiegelt, zu einer unglaublichen Katastrophe ausweiten konnte. Selbst Politiker, die sich für Menschen einsetzten, schielten jetzt auf „die Märkte“. Denn wollte man die Menschen schützen, musste man die Märkte im Auge behalten. Im Auge – nicht unter Kontrolle. Denn Kontrolle, das hatten die Märkte gleich klar gemacht, Kontrolle haben sie nicht gern. Und wenn sie was nicht gern haben, dann sind sie verärgert und wenn sie verärgert sind, kann das zu nichts Gutem führen.

Und so wurde aus der Politik für die Menschen eine Politik für die Märkte.

Für die Menschen zu sein wurde künftig übersetzt mit „für die Märkte“ zu sein.

Und diese Übersetzung hat nicht jeder verstanden. Und das lag auch daran, dass man so damit beschäftigt war, auf die Märkte zu schauen, dass irgendwie keine Zeit mehr war, auch noch die Menschen mitzunehmen.

Die Bankenrettung war so ein Beispiel. Kaum jemand hat verstanden, dass „die Banken“ wir alle sind. All unsere kleinen Sparkonten, Omas Lebensersparnisse, all das, das ist die Bank.

In einem Land mit hoher Sparquote heißt die Banken hops gehen zu lassen, alle Sparer hops gehen zu lassen. Und das sind in Deutschland die meisten. Das war eine vollkommen andere Situation als in Island – das ja gern als heroischer Bankenrettungsverweigerer gefeiert wird – wo die Mehrheit der Isländer verschuldet war und die Mehrheit der Einlagen aus dem Ausland kam. Namentlich aus England übrigens, wo isländische Banken massive Werbung für ihre hohen Zinsen gemacht hatten. In letzter Konsequenz haben also die Isländer die Spargroschen von Engländern verfrühstückt. Kein Wunder, dass das in Island nicht auf Widerstand gestoßen ist.

Das alles ist nicht schwer zu verstehen. Man hätte es nur einfach mal erklären müssen.

Wurde aber nicht für nötig erachtet, denn man musste ja mit „den Märkten“ reden. Mit denen übrigens, die diese Krise, die noch immer eine Krise der Menschen werden kann, verursacht haben und zwar, weil ein einziges international operierendes Unternehmen einfach schneller und wendiger ist als eine Politik, die mit uferlosen Debatten und Abstimmungen leben muss. Goldmann Sachs hat eine Lücke schneller genutzt, als sie die Politik schließen kann. So einfach ist das. Und so gefährlich.

Und so ist es kein Wunder, dass alles auf die Märkte schaut und keiner auf die Menschen. Und es ist auch kein Wunder, dass man sich um die Märkte kümmert, wenn man die Menschen meint.

Das hätte man den Menschen aber mal sagen sollen. Dann hätte man vielleicht vermieden, was jetzt passiert:

Es ist nämlich auch kein Wunder, dass sich Menschen abwenden von einem System, das sich von ihnen abgewendet zu haben scheint.

Und genau das ist es, denke ich, was nun in Amerika passiert ist.

Als Donald Trump seine Präsidentschaft bekannt gab (ich glaube, niemand hat sich darüber mehr erschrocken als er selbst) sprach er präzise zu den „Forgotten men and women“ und versprach ihnen, dass „They will be forgotten no more“.

Wir wissen alle, dass nicht nur Trumps Hautfarbe die eines Goldfischs ist. Auch seine Aufmerksamkeitsspanne steht im Ruf, die von Dorie nur knapp zu überschreiten. Er wird die Menschen, die er damit angesprochen hatte schon in der Sekunde vergessen haben, als er den Satz beendete. Aber – und das muss man ihm leider lassen – er hat sie angesprochen. Er hat ihnen das Gefühl gegenben gehört und verstanden worden zu sein. Oder irgendjemand in seinem Strategischen Team hat das.

Was also heißt das nun für uns?

Für uns heißt das: Wir sind am Arsch. Denn in den nächsten 9 Monaten wird keine der Parteien glaubhaft machen können, dass ihnen plötzlich doch noch eingefallen ist, dass sie ja eigentlich Politik für die Menschen machen sollten.

Was sie noch tun können, ist sich die Mühe zu machen, zu erklären, dass sie damit nie aufgehört haben. Sie könnten sich erklären und zwar so, dass sie auch von Otto W. Paschulke verstanden werden. Denn es ist seine Stimme, die sie wollen. Was sie tun können, ist zuzugeben, dass sie sich verfahren haben in den letzten Jahren. Dass sie so damit beschäftigt waren, sich auf eine schnell verändernde Welt und ihre Anforderungen einzustellen, dass sie gelegentlich falsch abgebogen sind. Das ist menschlich. Das kennen wir alle. Wer den amerikanischen Wahlkampf verfolgt hat, wird wissen, wie viel Menschen zu verzeihen bereit sind, wenn nur einer kommt und sagt, dass er sie sieht, dass er sie versteht und dass er sich für sie interessiert.

Politiker könnten endlich mal wieder reden wie normale Menschen. Das wäre mal ein Anfang. Sie könnten eine Meinung haben und sie so vertreten, dass sie auch jedermann versteht. „Ausländer raus“ ist einfach einfacher zu verstehen als „Eine geregelte Zuwanderung von qualifizierten Arbeitnehmern aus Drittländern ist hinsichtlich des demographischen Wandels unerlässlich.“ Die Angst, sie würde keiner mehr wählen, wenn sie sich nicht „konsensfähig“ ausdrücken, dürfte inzwischen doch eindeutig der Erkenntnis gewichen sein, dass man nicht gewählt wird, wenn man nicht deutlich macht, was man denn nun genau denkt und tut.

Klartext ist das einzige, was uns jetzt noch hilft. Das ist es, was ich denke.

Und damit wäre ich dann auch bei uns selbst. Wir müssen auch aufhören, Kreide zu fressen. Wir müssen aufhören, uns um Verständnis für die „besorgten Bürger“ in unserer Mitte zu bemühen. Wir müssen das Kreuz durchdrücken und ihnen sagen, was wir wirklich sehen: Dass eine Meinung Wissen voraussetzt und dass ihnen durchaus zuzumuten ist, sich eben das anzueignen. Dass sie NICHT das Volk sind, sondern dass sie Schande über uns bringen und über das Land, an dem ihnen ja angeblich so unglaublich viel liegt. Dass es nichts Unpatriotischeres gibt, als die Werte mit Füßen zu treten, für die die Menschen vor uns gekämpft haben und gestorben sind. Dass sie uns ins Gesicht spucken, die ihre Rente und ihre Stütze erarbeiten und dass wir nicht bereit sind, das ohne Widerspruch hinzunehmen.

Dass nicht jede Langeweile und jede Befindlichkeitsstörung mit einem Anspruch gleichzusetzen ist. 

Wir müssen auch den Arsch in der Hose haben, uns unbequemen Wahrheiten zu stellen. Dass die Justiz die rechtlichen Möglichkeiten, die sie hat, nicht nutzt. Dass Libertinesse niemanden schützt und die beleidigt, die sich jeden Tag für unseren Schutz einsetzen, die den Arsch für uns hinhalten und sich dann auslachen lassen müssen.

Dass der Schutz der Menschen gelitten hat. Und dass das auch der Schutz der Menschen ist, die hier Zuflucht suchen. Dass man über Jahre ausgerechnet an dem gespart hat, was für uns am wichtigsten sein sollte. Denn wenn wir eins von der Flüchtlingskrise lernen können, dann, dass es nichts Wichtigeres gibt als Sicherheit. Soziale. Innere. Und emotionale.

Frau Fricke wundert sich über unzusammenhängende Zusammenhänge

Ich bin auf Besuch. Mein Gastgeber sieht ziemlich mitgenommen aus. Ich würde sagen, dass der mal Urlaub braucht. Er findet, er ist alt. Steinalt. Und er hat auch einen Nachweis. 

„Ich hab einen Tinitus“ sagt er „daran sehe ich doch, dass ich alt werde.“ Ich weiß genau, wie er sich fühlt. Ich hatte auch schon mal einen Tinitus. Und ich hab den auch als Nachweis für meine fortschreitende Vergreisung verstanden. Damals war ich 33.

Ich gebe zu bedenken, dass so ein Tinitus im Allgemeinen mehr mit Überlastung erklärt wird, als mit fortschreitendem Alter. Dass das ja auch zu seinem lätscherten Äußeren passen würde, sage ich ihm aber nicht, denn ich ahne, dass er über mein Argument glatt hinweghört und sofort seine Liste der Anzeichen fortschreitenden Verfalls verlängert. Irgendwer hat ihn auf diese Alters-Schiene gesetzt und darauf fährt er sich nun selbst hurtig davon.

Ich kenn das.

Ich hab das auch. Nur eben mit anderen Dingen. Ich zum Beispiel bin sicher, dass ich dem Untergang geweiht bin. Irgendwann hat irgendwer mir eingeredet, ich würde niemals irgendetwas leisten können, das irgendeinen Wert hat. Heute, Jahrzehnte voller Aufträge, Kreativpreise und staunender Menschen später, sollte ich eigentlich gelernt haben, dass dem nicht so ist. Aber in virtuosen Verbiegungen Kognitiver Dissonanz versuche ich mich immer wieder davon zu überzeugen, dass das Dicke Ende mich einfach nur noch nicht gefunden hat. Jede noch so dämliche Absage an meine Produktivität wird von mir sofort als Nachweis gewertet, dass der Untergang nun eingeläutet und das Elend ab sofort unvermeidbar ist. Und ja, das ist bescheuert. Umso mehr als ich jedem anderen sagen würde, dass jeder irgendwas Tolles kann, das andere haben wollen. Jeder! Es ist mein Job das Tolle in Dingen zu finden und andere dazu zu bringen, es haben zu wollen. Und darin bin ich wirklich gut. Nur für mich eben nicht. Blöd!

Aber irgendwas Bescheuertes hat jeder. Existenzängste sind unglaublich weit verbreitet. Und das ist der einzige Grund, warum ich so freimütig darüber schreibe.

Tut man ja sonst nicht.

Man ist ja damit beschäftigt, Zusammenhänge herzustellen, die nicht da sind.

Erfreulicher Weise klappt das manchmal auch umgekehrt. Neulich bin ich mit einem Freund im Auto bei Rot über eine riesige stark befahrene Kreuzung gefahren. Wir hatten irgendwie beide nicht aufgepasst und plötzlich fluten von beiden Seiten unglaubliche Massen von Autos auf uns zu. Ich war wie versteinert und der Freund so erschrocken, dass er aus Versehen das richtige tat, seinen Fuß auf das Gaspedal stampfte und uns in einer Affengeschwindigkeit auf die andere Straßenseite brachte, bevor uns die Blechlawine erwischen konnte. Das war reines Glück und auf der anderen Seite dreht er sich zu mir um und sagt:

„Sag mir nie wieder, dass dir was Schlimmes passieren könnte. Das ist offenkundig völlig gegen Gottes Plan.“

Einen ganzen Tag lang habe ich das für ein verblüffend überzeugendes Argument gehalten.

Hält aber nicht lange und vor allem nicht bei jedem.

Und so sterben Menschen, bevor sie nach Mallorca reisen konnten – nicht, weil sie dazu zu krank gewesen wären, sondern, weil sie sich zur Bedingung gemacht hatten, vorher 20 Kilo abzunehmen. Was soll das?

Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Mallorca-Reisen und Body-Mass-Index.

Es gibt auch keinen zwischen Tinitus und Vergreisung.

Dafür gibt es aber einen ganz offensichtlichen Zusammenhang zwischen Gottes Plan und Sozialer Sicherheit.

Ganz bestimmt!

 

 

 

Frau Fricke wundert sich, ob gar nichts manchmal zu viel ist

Ich schaff nix. Und das macht mich wahnsinnig unzufrieden. Warum schaffen alle Leute so irre viel und nur ich bin ein Hänger? Die Antwort ist: Ich schaue auf die falsche Liste.

Achtung, mal hinschauen: Zwischen diesem Blog und dem letzten liegen 3 Monate! Drei! Hier sollten also eigentlich drei Blogeinträge stehen. Statt dessen: Gähnende Leere. Sowas alarmiert mich und ich frage mich sofort: Was mache ich eigentlich den ganzen Tag so? Und mir fällt überhaupt keine Antwort darauf ein. Meinem Empfinden nach mach ich nix. Ich lass mich hängen und das ist unentschuldbar.

Was zum Teufel hab ich eigentlich gemacht zwischen dem letzten Post und diesem hier? Da muss ich nachschauen.

Ah, na klar, die mündlichen Prüfungen im Juni. Aber das mit der Uni ist ja streng genommen nix. Also keine Arbeit. Denke ich jedenfalls. Und ich denke das, weil es mir Spaß macht und weil ich diesen Job als Hobby definiert habe. Tatsächlich habe ich 8 Stunden Vorlesung pro Woche. In Deutschland ist das das Pensum eines Vollzeit-Professors. Und ich habe über 60 Studenten, denen ich eine mündliche und eine schriftliche Prüfung abnehmen muss – nach englischem Prüfungsrecht. Das heißt: ich muss auch für jeden einen genauen Bewertungsbogen ausfüllen. Und damit habe ich den gesamten Juli verbracht. Und überhaupt zählt das ja doppelt nicht, denn ich hab ja in der Uni gekündigt, weil ich mich ja wieder um meinen richtigen Job kümmern will. Irgendwann ist ja mal Schluss mit lustig.

Aber erstmal hab ich ja diese Spezialisierung gemacht. Und das war so:

Egal, wo ich hinkomme, egal, mit wem ich über Digitalisierung rede, jeder legt das Köpfchen schief, lächelt sanft und denkt: „Och guck mal, wie niedlich!“ Dass die putzige dicke Frau ihnen gerade etwas erzählt, was sie nicht mal so richtig verstehen, ist Wurscht. Jeder weiß: Digitale Themen erfordern ein Y-Chromosom und ein Geburtsdatum, dass frühestens Mitte der 80er Jahre liegt. Ich hab keins von beidem, aber ich hab einen Computer und mit dem kann ich mich – höchst digital – zu einem zertifizierten Online-Aufbaustudium in einer der Top-Tech-Unis der USA anmelden. Und das tu ich auch.

Das Studium ist auf 6 Monate ausgelegt. Das dauert mir zu lange. Ich will ja in den Urlaub und das in zwei Monaten. Die müssen reichen.

Diese Spezialisierung stellt sich als höchst vergnüglich heraus. Und darum macht es mir nichts aus, jeden Tag 8 bis 10 Stunden zu lernen, zu lesen, zu diskutieren und eine Klausur zu schreiben. Nicht, dass ich da inhaltlich viel lernen würde. Das war mir aber klar. Ich will vor allem das Zertifikat. Und weil „digital“ eben auch „global“ bedeutet, lerne ich dann doch was und zwar von Mit-Studenten aus der ganzen Welt: Die Vorstellung, was eine hervorragende Arbeit ausmacht, oder wie man einander korrigiert, differiert ausgesprochen stark zwischen Peking, Poona und Paris. Ich find das super-interessant! Außerdem muss ich permanent mit dem Help-Desk chatten, weil ich schneller bin, als es das System erlaubt. Das hängt sich gelegentlich auf. Drastischer Response.

Ich werde 5 Tage vor meiner Abreise mit dem Studium fertig. Geht doch! Jetzt fehlt mir nur noch mein Abschluss-Projekt. Aber das kann ich erst Ende Oktober mit allen anderen anfangen. Egal. Das war lustig! Und deswegen keine Arbeit. Und deswegen eigentlich nix.

Nun gibt es ja Kritiker, die  behaupten, dass ich nicht einmal wüsste, wie man Urlaub macht. Das kann man so nicht sagen. Ich mag halt nur nicht am Strand rumliegen. Mach ich ja hier auch nicht. Wenn ich in den Urlaub fahre, dann tu ich was. Das zählt aber nicht, weil es ja Urlaub ist.

Im vorliegenden Fall wandere ich. Ich hab mir täglich so zwischen 20 und 30 Kilometer vorgenommen. Bis auf die erste Strecke. Weil ich noch am Start krank werde, beschränke ich mich auf 16 Kilometer. Das muss reichen. Nach 8 Tagen und 140km breche ich ab, weil ich permanent in den Seilen hänge. So macht das keinen Spaß. Und zählen tut es auch nicht, weil es erstens Urlaub war und ich zweitens ja nicht einmal angekommen bin, wo ich ankommen wollte. Ist also nix.

Und nun bin ich zu Hause und missvergnügt. Denn anstatt was zu tun, hänge ich hier doof rum. Ok, ich bin auch krank, aber da kann man ja wohl trotzdem mal was…

Vorsorglich hab ich schon mal eine Liste mit Dingen gemacht, die ich eigentlich schon längst hätte tun müssen. Meiner Ansicht nach. Nicht, dass da irgendwas wirklich dringlich wäre. Reicht aber, um knörig zu sein und mich für eine Lusche zu halten.

Und dann spreche ich neulich mit einem Freund, der auch so eine Liste hat und sich davon aktuell ganz schön überfordert fühlt. Dem sag ich, dass er alles aufschreiben soll, was vor ihm liegt und dann alles, was er schon gemacht hat, abstreichen, damit er sich an dem freuen kann, was er schon alles geschafft hat. Wir finden beide, dass das eine Super-Idee ist.

Ob ich auch so eine Geschafft-Liste habe?

Ich? Ich mach ja nix!

 

 

 

 

 

 

 

Frau Fricke wundert sich über ihr kluges Toastbrot

Doof ist das neue Cool. Wann ist das passiert? Wann sind Leute stolz darauf geworden, totale Vollidioten zu sein? Waren die das schon immer? Hab ich das nur nicht gemerkt? Die Antwort ist: Ihr wolltet doch alle die Demokratisierung durchs Internet. Bitte schön!

Um gleich zu Anfang Missverständnisse zu vermeiden: Hier geht es nicht um Leute, die anderer Meinung sind als ich. Entgegen aktuellen Trends, halte ich nicht jeden, der eine andere Meinung vertritt, für einen Vollidioten. Ich mag Leute mit einer anderen Meinung. Ich finde sie und ihre Meinung interessant. Ich verdanke ihnen Einsichten, die ich ohne sie nicht gehabt hätte. Das heißt nicht, dass ich mich immer ihrer Meinung anschließe. Offen gestanden ist das auffällig selten der Fall. Aber ich freue mich, ihre Meinung zu hören. Meine eigene Meinung kenne ich ja schon.

Wovon ich rede sind die Potti-Gänger.

Auf deren Beiträge stoße ich häufig erst, nachdem bereits Hunderte von Menschen den blauen Daumen hoch gehalten haben. „Leikiiiiii“ höre ich die im Chor sagen. Und so ein vielstimmiger Chor ist ganz schön laut. Ich schau mir dann an, worum es da geht. Und fast immer stelle ich fest: Da geht’s um gar nichts. Also, nicht inhaltlich. Und wieder: Ich meine nicht, dass passt nicht in mein persönliches Relevanzraster. Ich meine:

Da geht es um überhaupt absolut gar nichts.

Kein Inhalt weit und breit. Was, frage ich mich dann, leiken die denn hier alle im Akkord?

Vor meinem geistigen Auge sehe ich dann ein Kleinkind das begeistert von seinem Töpfchen aufspringt und nicht eher aufhört zu glucksen und in die Hände zu klatschen, bis sich alle anwesenden Erwachsenen versammelt haben, um gemeinschaftlich Anerkennung für den Inhalt des Töpfchens zu zollen. Und das tun sie auch. Es gibt Jubel. Es gibt Streicheleinheiten. Es gibt Süßigkeiten. Leiks allüberall!

Und es gibt bitterböse Blicke für den Ersten, der dieses Idyll stört.

Wehe dem, der in die Konfetti-Parade grätscht und sagt: „Nun beruhigt euch mal wieder. Das ist doch nur Kacke. Und jetzt macht das mal weg.“

Boah! So ja nun nicht. Der hat ja überhaupt keine Ahnung. Selber Kacke!

Was der Party Pooper und ich nicht beachten: Es geht doch gar nicht um den Inhalt!

Es geht um das „Wir“-Gefühl. Es geht darum, sich nicht allein fühlen zu müssen. Das große Loch zu füllen, das Sehnsucht, Misserfolg und Einsamkeit gerissen haben. Nicht allein dazustehen und sich vertreten zu müssen, denn damit haben die allermeisten Leute keine guten Erfahrungen gemacht. Das macht Angst. Aber Viele zu sein, ja Viele sein, das fühlt sich irgendwie gut an. Kuschelig. Da lässt man sich gern fallen. Und man muss auch irgendwie nichts können. Oder denken. Man muss nur „Ja“ sagen können und sich dazu stellen. Einfach dahin, wo schon ganz viele Andere sind. Das geht. Das kriegt auch die dümmste Nuss hin. Und schon hat man eine Bewegung. Man ist nicht mehr ein einzelner kleiner Fred, der vom Leben überfordert ist. Man ist ein Wir. Und Wir, das ist das Volk.

Und vom Volk geht alle Macht aus.

Nun ist es mit der Macht ja so eine Sache. Die heißt ja nicht umsonst so. Macht entfaltet ihren Nutzen ja tatsächlich nur, wenn man auch bereit ist, etwas zu machen. Machen aber, das stand eigentlich nicht auf dem Programm, denn Machen erfordert Tun und Tun erfordert einen Plan und ein Plan erfordert Denken. So war das nicht gedacht.

Man wollte ja nichts tun. Man wollte ja nur ein bisschen Applaus. Ein bisschen Zustimmung. Ein bisschen Kuscheln. Und das heißt eben auch: Für einander einstehen. Egal was. Geht ja nicht um Inhalte. Gauland hat Mist erzählt? Egal, der ist einer von uns. Trump sagt in jeder Rede das Gegenteil seiner vorigen. Ist doch wurscht, aber der traut sich jedenfalls was. Genau wie wir jetzt. Der ist cool! Weil der so ist, wie wir. Und wenn der cool ist, dann bin ich es auch.

Und nie, nie wird etwas verlang, das man nicht kann oder einen mies dastehen lässt. Also, genau genommen wird einem gar nichts abverlangt. Selbst die Meinungsbildung wird einem abgenommen: „Skandal, deutscher Politiker hat gesagt….“ Ah, Skandal also. Klar. Findichauch! „Frechheit, Bundesregierung hat gemacht…“ Ja genau. So geht’s nicht. Ganzmeinermeinung. Und keiner fragt nach. Alle wollen nur das Eine: klicken. Und weil so Viele besser klicken als denken können, darum haben wir dieses Dilemma.

„Leiken“, das heißt nicht „Ja, ich hab mir das ganz genau überlegt und Hintergrund-Recherche betrieben und bin so zu dem Ergebnis gekommen, dass ich der gleichen Meinung bin.“

„Leiken“ ist ein pawlowscher Reflex. Sehen, klicken, belohnt werden. Es gibt sogar ein Glöckchen und das macht „Ping“ und zeigt, dass wieder einer gesagt hat, dass er wie du ist. Ganz genauso. Schön! Und so einfach!

„Leiken“ und „teilen“ – die Steigerung von „leiken“ – kann jeder. Mann könnte vermutlich sogar einen Affen darauf trainieren an der richtigen Stelle die richtige Tastenkombination zu klicken. Leikiiiiiii! Während andere noch denken, fragen und abwägen, ist andern Orts schon Tausende Male ein kleiner blauer Daumen hoch geschnellt.

Und die, diese Daumen, die müssen jetzt nur noch abgeerntet werden, von denen, die bereit sind zu machen. Von denen, die nur darauf gewartet haben auf die Vielen, denen sie zurufen können: „Ich, ich kämpfe für dich!“ um schnell folgen zu lassen „Natürlich nur, wenn du mich leikst. Hier auf dem Wahlzettel bitte. Einmal klicken.“ Keiner wird fragen. Keiner wird wird darüber nachdenken, ob das überhaupt alles einen Sinn ergibt, ob das so sein kann, ob das so richtig ist. Nur der Moment zählt. Nur das Klicken. Nur das Kuscheln. Nur der Rausch der Millionen.

Wollt ihr einen Grenzzaun nach Mexiko? Leikiiiiiii!

Wollt ihr einen nach Österreich? Leikiiiiiiii!

Wollt Ihr den totalen Krieg?