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Frau Fricke wundert sich über ihr kluges Toastbrot

Doof ist das neue Cool. Wann ist das passiert? Wann sind Leute stolz darauf geworden, totale Vollidioten zu sein? Waren die das schon immer? Hab ich das nur nicht gemerkt? Die Antwort ist: Ihr wolltet doch alle die Demokratisierung durchs Internet. Bitte schön!

Um gleich zu Anfang Missverständnisse zu vermeiden: Hier geht es nicht um Leute, die anderer Meinung sind als ich. Entgegen aktuellen Trends, halte ich nicht jeden, der eine andere Meinung vertritt, für einen Vollidioten. Ich mag Leute mit einer anderen Meinung. Ich finde sie und ihre Meinung interessant. Ich verdanke ihnen Einsichten, die ich ohne sie nicht gehabt hätte. Das heißt nicht, dass ich mich immer ihrer Meinung anschließe. Offen gestanden ist das auffällig selten der Fall. Aber ich freue mich, ihre Meinung zu hören. Meine eigene Meinung kenne ich ja schon.

Wovon ich rede sind die Potti-Gänger.

Auf deren Beiträge stoße ich häufig erst, nachdem bereits Hunderte von Menschen den blauen Daumen hoch gehalten haben. „Leikiiiiii“ höre ich die im Chor sagen. Und so ein vielstimmiger Chor ist ganz schön laut. Ich schau mir dann an, worum es da geht. Und fast immer stelle ich fest: Da geht’s um gar nichts. Also, nicht inhaltlich. Und wieder: Ich meine nicht, dass passt nicht in mein persönliches Relevanzraster. Ich meine:

Da geht es um überhaupt absolut gar nichts.

Kein Inhalt weit und breit. Was, frage ich mich dann, leiken die denn hier alle im Akkord?

Vor meinem geistigen Auge sehe ich dann ein Kleinkind das begeistert von seinem Töpfchen aufspringt und nicht eher aufhört zu glucksen und in die Hände zu klatschen, bis sich alle anwesenden Erwachsenen versammelt haben, um gemeinschaftlich Anerkennung für den Inhalt des Töpfchens zu zollen. Und das tun sie auch. Es gibt Jubel. Es gibt Streicheleinheiten. Es gibt Süßigkeiten. Leiks allüberall!

Und es gibt bitterböse Blicke für den Ersten, der dieses Idyll stört.

Wehe dem, der in die Konfetti-Parade grätscht und sagt: „Nun beruhigt euch mal wieder. Das ist doch nur Kacke. Und jetzt macht das mal weg.“

Boah! So ja nun nicht. Der hat ja überhaupt keine Ahnung. Selber Kacke!

Was der Party Pooper und ich nicht beachten: Es geht doch gar nicht um den Inhalt!

Es geht um das „Wir“-Gefühl. Es geht darum, sich nicht allein fühlen zu müssen. Das große Loch zu füllen, das Sehnsucht, Misserfolg und Einsamkeit gerissen haben. Nicht allein dazustehen und sich vertreten zu müssen, denn damit haben die allermeisten Leute keine guten Erfahrungen gemacht. Das macht Angst. Aber Viele zu sein, ja Viele sein, das fühlt sich irgendwie gut an. Kuschelig. Da lässt man sich gern fallen. Und man muss auch irgendwie nichts können. Oder denken. Man muss nur „Ja“ sagen können und sich dazu stellen. Einfach dahin, wo schon ganz viele Andere sind. Das geht. Das kriegt auch die dümmste Nuss hin. Und schon hat man eine Bewegung. Man ist nicht mehr ein einzelner kleiner Fred, der vom Leben überfordert ist. Man ist ein Wir. Und Wir, das ist das Volk.

Und vom Volk geht alle Macht aus.

Nun ist es mit der Macht ja so eine Sache. Die heißt ja nicht umsonst so. Macht entfaltet ihren Nutzen ja tatsächlich nur, wenn man auch bereit ist, etwas zu machen. Machen aber, das stand eigentlich nicht auf dem Programm, denn Machen erfordert Tun und Tun erfordert einen Plan und ein Plan erfordert Denken. So war das nicht gedacht.

Man wollte ja nichts tun. Man wollte ja nur ein bisschen Applaus. Ein bisschen Zustimmung. Ein bisschen Kuscheln. Und das heißt eben auch: Für einander einstehen. Egal was. Geht ja nicht um Inhalte. Gauland hat Mist erzählt? Egal, der ist einer von uns. Trump sagt in jeder Rede das Gegenteil seiner vorigen. Ist doch wurscht, aber der traut sich jedenfalls was. Genau wie wir jetzt. Der ist cool! Weil der so ist, wie wir. Und wenn der cool ist, dann bin ich es auch.

Und nie, nie wird etwas verlang, das man nicht kann oder einen mies dastehen lässt. Also, genau genommen wird einem gar nichts abverlangt. Selbst die Meinungsbildung wird einem abgenommen: „Skandal, deutscher Politiker hat gesagt….“ Ah, Skandal also. Klar. Findichauch! „Frechheit, Bundesregierung hat gemacht…“ Ja genau. So geht’s nicht. Ganzmeinermeinung. Und keiner fragt nach. Alle wollen nur das Eine: klicken. Und weil so Viele besser klicken als denken können, darum haben wir dieses Dilemma.

„Leiken“, das heißt nicht „Ja, ich hab mir das ganz genau überlegt und Hintergrund-Recherche betrieben und bin so zu dem Ergebnis gekommen, dass ich der gleichen Meinung bin.“

„Leiken“ ist ein pawlowscher Reflex. Sehen, klicken, belohnt werden. Es gibt sogar ein Glöckchen und das macht „Ping“ und zeigt, dass wieder einer gesagt hat, dass er wie du ist. Ganz genauso. Schön! Und so einfach!

„Leiken“ und „teilen“ – die Steigerung von „leiken“ – kann jeder. Mann könnte vermutlich sogar einen Affen darauf trainieren an der richtigen Stelle die richtige Tastenkombination zu klicken. Leikiiiiiii! Während andere noch denken, fragen und abwägen, ist andern Orts schon Tausende Male ein kleiner blauer Daumen hoch geschnellt.

Und die, diese Daumen, die müssen jetzt nur noch abgeerntet werden, von denen, die bereit sind zu machen. Von denen, die nur darauf gewartet haben auf die Vielen, denen sie zurufen können: „Ich, ich kämpfe für dich!“ um schnell folgen zu lassen „Natürlich nur, wenn du mich leikst. Hier auf dem Wahlzettel bitte. Einmal klicken.“ Keiner wird fragen. Keiner wird wird darüber nachdenken, ob das überhaupt alles einen Sinn ergibt, ob das so sein kann, ob das so richtig ist. Nur der Moment zählt. Nur das Klicken. Nur das Kuscheln. Nur der Rausch der Millionen.

Wollt ihr einen Grenzzaun nach Mexiko? Leikiiiiiii!

Wollt ihr einen nach Österreich? Leikiiiiiiii!

Wollt Ihr den totalen Krieg?

 

Hölle

Frau Fricke wundert sich über allgemeines Unwohlsein

Alles ist voll mies gerade. Junge Leute kriegen keinen Job, weil die Alten blockieren. Alte kriegen schon gleich gar keinen Job, weil die Jungen sie ja alle mit ihren Dumping-Preisen wegschwemmen. Man würde ja in die Rente gehen, aber es gibt ja keine mehr. Selbst VW-Vorstände sind ihrer Boni nicht mehr sicher. Und jetzt kommen auch noch die Ausländer! Alle murren. Aber keiner weiß warum. Da darf man sich doch mal wundern. 

Von Weitem betrachtet ist er schon da, der Untergang des Abendlandes. Ganz schlimm scheint alles zu sein. Glaubt man Facebook hat praktisch jeder Kommentator sein allerletztes Geld in einem Computer investiert, um nicht allein und einsam untergehen zu müssen, sondern die Facebook-Öffentlichkeit an dieser Schande teilhaben zu lassen. Jeden Tag finden gewissermaßen digitale Selbstverbrennungen statt. Das ist wirklich beunruhigend. Da interessiert man sich doch für Details. Ganz ehrlich.

Also habe ich mal nachgefragt in den Foren und zu meiner allgrößten Erleichterung ging es allen bei näherer Nachfrage eigentlich ganz prima. Es mangelte weniger an Sicherheit als an Zufriedenheit – und das obwohl objektiv eigentlich keinen Grund zur Beschwerde vorlag. Da war zum Beispiel dieser 38jährige Frührentner, der fand, es könne nicht angehen, dass man es „den Kaffern vorn und hinten reinsteckt und die eigenen Leute unter dem Existenzminimum leben müssen.“ Da kann man nicht wirklich widersprechen. Also frage ich höflich an, ob er denn eine Idee habe, wie man die Situation erträglicher machen könne. Die hat er. Wenn man auf die KFZ- und alle Steuern auf Immobilien verzichten würde, wäre schon viel gewonnen. Ich stutze und gebe zu denken, dass ein Existenzminimum im allgemeinen Wohn- und KFZ-Eigentum ausschlösse. Das sieht er anders und dafür ist er der beste Beweis, denn natürlich spricht er nicht ohne Sachkenntnis. Er ist genau der Fall, den er beschreibt.

„Vorher hab ich gut verdient“ schreibt er und meint damit die Zeit als er IT-Administrator in einem Krankenhaus war. Und diesem Umstand ist es dann wohl zu verdanken, dass auch heute noch seine Rente „bei 1.200€ liegt.“ Ich googele kurz und teile ihm mit, dass er damit ganz erheblich über dem Existenzminimum liegt. Das denke ich aber nur, weil ich total ignorant bin. Er muss nämlich ein Auto unterhalten und das ist nicht billig. Das braucht er aber für Arztfahrten, denn sein zweites Problem liegt darin, dass er ein Haus geerbt hat. „Hallo“ denke ich, „das ist ja nicht übel. Mein größter Festposten ist meine Miete. Hätte ich die nicht zu zahlen, würde mich das enorm entlasten.“ Aber da denke ich natürlich nicht daran, dass ein Mieter ja einfach nur beim Vermieter anrufen muss, wenn mal was kaputt ist, so ein Eigentümer muss für alles selbst aufkommen. Ich gebe zu denken, dass unter diesen Umständen ein Verkauf des Hauses ihn vielleicht sowohl finanziell als auch organisatorisch enorm entlasten würde. Aber auch das denke ich natürlich nur, weil ich total bescheuert bin. Das habe ich übrigens mit praktisch sämtlichen Ämtern gemein.

„Ich hab total viel Geld für einen Steuerberater ausgegeben, der mich wenigstens vor der Erbschaftssteuer bewahrt hat.“ Erbschaftssteuer, auch das ist leicht zu googeln, muss man in Deutschland erst ab 400.000€ zahlen. Der Mann am Existenzminimum ist also gut und gern eine halbe Million schwer. Darauf weise ich ihn natürlich hin. Man will ja gern behilflich sein. Natürlich hab ich aber auch hier wieder überhaupt keine Ahnung. Kann eigentlich gar nicht sein, dass das Haus so viel wert sein soll, sagt er. Ob er es mal hätte schätzen lassen, frage ich? Natürlich nicht! Wozu denn auch? Er hat ja nicht vor, es zu verkaufen, weil, wo soll er denn dann wohnen? Immerhin wären die Mieten ja horrend und seine Situation ist schon dramatisch genug. Er habe deswegen schon alle möglichen Beihilfen beantragt, sei aber jedes Mal abgeschmettert worden. Gipfel der Auseinandersetzungen: Sein Haus sei angeblich zu groß und das Amt habe ihm den Vorschlag gemacht, doch die Einliegerwohnung zu vermieten. Oh, Einliegerwohnung. Den Vorschlag finde ich gar nicht so übel angesichts der zuvor erwähnten horrenden Mieten. Aber in den letzten Minuten ist der Mietspiegel in genau seiner Gegend offenbar dramatisch gesunken, denn „hier kriegt man ja praktisch keine Miete“. Damit ist natürlich auch dieser Vorschlag obsolet.

2.000€ wären schon sein Existenzminimum, erklärt er auf Anfrage. Also auf die Hand jetzt. Ah, ach so. Ja, das deckt sich natürlich nicht ganz mit dem, was die offizielle Statistik darunter versteht. Ich frage, wie er einer Krankenschwester ohne Ersparnisse klar machen will, dass sie für einen Vollzeitjob im Schichtsystem nicht mehr Geld bekommt, als ein vermögender Frührentner und warum sie in einem 40qm-Wohnklo wohnen soll, um ihm die ländliche Idylle zu ermöglichen. Da bricht der Kontakt ab. Dafür hat er offenbar keine Idee.

Wann immer ich mich in den letzten Wochen mit Menschen mit allgemeinem Unwohlsein auseinander gesetzt habe, sind mir zwei Dinge aufgefallen:

  1. Ein eklatanter Mangel an zutreffenden Informationen
  2. Die völlige Weigerung, einen Beitrag zur Verbesserung der eigenen Situation zu leisten.

Ist nich nur bei frühberenteten Erben so.

Immer wieder lese ich ganze Blogs jüngerer Mitbürger darüber, wie schwer sie es haben und wie verdammt gemein das ist, wenn man sich mal anschaut, mit welcher Leichtigkeit die Vorgänger-Generationen ihre Träume verwirklichen konnte. Welche soll das gewesen sein?

„Mit 30 hatte früher jeder Arbeiter ein Haus.“ wusste zum Beispiel neulich ein Redakteur im selben Alter zu berichten, von dem ich nur ahnen kann, dass er aus einer sozialen Schicht kommt, in der man sich für die Lebensumstände von Arbeitern noch nie wirklich interessiert hat. Aber ich will nicht unfair sein. Natürlich gab es Arbeiter mit Wohneigentum. Das stand auf einem niedersächsischen Acker weit vor der Stadt oder in einer Siedlung neben der Zeche, hatte 100qm und war weitgehend selbst ausgebaut. Hunderte von Arbeitsstunden steckten darin und jeder Pfennig, der über das Existenzminimum hinaus ging. Ich kenne Familien, die am Monatsanfang einen kompletten Essenplan zusammenstellten – allein unter dem Aspekt, wie man aus einem Groschen ein Essen für ne Mark machen konnte. Da gabs keinen Urlaub in Goa, keinen Cafe Latte im Pappbecher und keine Festival-Besuche. Da gabs nur dieses Haus und ein Tulpenbeet. Sonst nichts. Muss man aber natürlich wissen, bevor man sich vorstellt, dass jede Kassiererin früher in einer Villa mit Elbblick in zentraler Lage ziehen konnte, bevor sie sich das Sommer-Outfit für den Neckermann-Urlaub im Quelle-Katalog aussuchte. So also war’s nicht.

Aber ja, es war einfacher, Träume zu verwirklichen. Denn für die Kriegsgeneration war dieser Traum einfach nur ein voller Bauch und ein Dach über dem Kopf, das einem nicht weggebombt wurde. Die Nachkriegsgeneration hatte ihre Träume erfüllt, wenn es für ein kleines Auto reichte, mit dem man in den Urlaub nach Italien gondeln konnte und deren Kinder, die geburtenstarken Jahrgänge, die haben vor allem davon geträumt, dass es für sie reicht. Dass es auch für sie einen Job gibt und dass sie trotz Nato-Doppelbeschluss, der Spätfolgen von Tschernobyl und moderner Landwirtschaft irgendwie das Alter erreichen, von dem sie jetzt hoffen, dass sie es nicht in bitterer Armut verbringen müssen.

Und so frage ich mich, ob das, was all die Besorgten so besorgt macht, vielleicht die Sorge ist, dass zwischen all den Möglichkeiten und der Sicherheit einfach kein Platz mehr ist für Wünsche. Denn sein wir ehrlich:

Deutschland lässt einfach nicht viel zu wünschen übrig.

Krise

Frau Fricke wundert sich über die Angst vor Veränderung

 

Das chinesische Schriftzeichen für das Wort „Krise“ setzt sich aus zwei Stammzeichen zusammen: Dem Zeichen, das die größtmögliche Chance auf ungeahnte Verbesserungen anzeigt und dem, das die Bedrohung durch einen katastrophalen Niedergang beschreibt. Warum eigentlich sehen wir immer nur das zweite?

Es ist schon über 10 Jahre her, da habe ich mich auf einem Werber-Kongress, dem „Hamburger Dialog“ ganz furchtbar gelangweilt. Ich hatte Neuigkeiten erwartet, Umwälzungen, irrsinnige Erkenntnisse. Und dann das: das große Nichts.

In einer Podiumsdiskussion darüber, wie sich die Branche in der kommenden Dekade verändern würde, saßen alle, die sich für die Führer der führenden Agenturen hielten -angemessen erhöht über dem zahlreich erschienenen Publikum. Super sahen die aus, in ihren Maßanzügen, den Seidenkrawatten und den italienischen Schuhen. Und sie taten, was sie immer tun: sich gegenseitig jovial auf die im Gym gestählten Schulter schlagen und einander bestätigen, dass da, wo sie sind, aber mal ganz eindeutig vorn ist.

Alle, außer einem.

Ganz links, am äußeren Rand des Podiums, so als wäre er nur der versehentliche Überstand in dieser perfekten Welt, saß ein Mann wie ein Monolith. Atemberaubend raumgreifend. Ihn als übergewichtig zu bezeichnen, wäre ein unzulässiger Euphemismus. Unter schwarzen Überwürfen von gigantischem Ausmaß wucherte ein völlig außer Kontrolle geratener Körper, der sich offenbar längst selbst zum Feind geworden war. Der Referent war im Rollstuhl angereist und er atmete gelegentlich durch eine Maske, die mit einer Gasflasche verbunden war. Wenn es jemals einen Gegenentwurf für die schöne Welt der Werbung gab, dann ihn. Was kann so einer schon zu sagen haben? Nichts! Und so saß er da und schwieg. Sehr lange.

Die Führer der führenden Agenturen wussten dafür umso mehr zu sagen: Ach, Veränderungen der Branche, sagten sie, ist doch lächerlich! Permanent wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben und dann? Nichts! Der Führer der allerführendsten Agentur, Springer & Jacobi, hatte auch ein Beispiel dafür: Das Internet. Umwälzungen wären angekündigt worden. Revolutionen. Der Untergang der Medienwelt, wie wir sie kennen und was war passiert? Nix war passiert. Außer, dass man jetzt eben auch noch Websites machen musste. Sonst: Alles beim Alten. Und so bleibt es auch. Keine Panik! Es wird immer Leute geben, denen es langweilig wird. Und weil das so ist, würden sie auch immer fernsehen und in Zeitschriften blättern. Anzeigen und 30-Sekünder hätten praktisch Ewigkeitswert.

Erst ganz zum Schluss wurde der Koloss vorgestellt. Extra aus den USA war der angereist. Und es mag zum Teil seiner Optik geschuldet sein, dass es mir heute so erscheint, als walzte er über all den unsinnigen Frohsinn wie ein Naturereignis. Es sei möglich, sagte er, dass er das Fortschreiten der Technik in Europa überschätzte, aber in den USA gäbe es bereits technische Möglichkeiten, Werbeblöcke einfach auszufiltern. Sowie die Leute die Möglichkeit dazu hätten, würden sie das selbstverständlich auch tun. Und wo, wollte er wissen, würden denn die superhübschen Bengel aus den Super-Agenturen dann ihre 30-Sekünder platzieren? Obwohl auch er die heute aktuellen Entwicklungen im Detail nicht voraussehen konnte, prophezeite er einen maximalen Umbruch, der die Bereitschaft voraussetzen würde, bekannte Dinge völlig neu zu interpretieren.

Toll!

hab ich gedacht. Und ich hab sofort angefangen, nachzudenken, was das bedeutet. Welche neuen Möglichkeiten das eröffnet, wie man dem begegnen könnte. Da könnten ja ganz neue Formate entstehen. Ganz neue Dimensionen kreativer Entfaltung. Ich fand das aufregend. Da wollte ich gern dabei sein! Ich war damals schon sicher: Werbung, Meinungsbildung ganz im allgemeinen wird künftig in die Inhalte abwandern. Als Story-Teller fand ich das super.

Die Stimmung auf dem Podium war eine andere. Irgendwo zwischen Belustigung, Herablassung und schriller Panik gerierten sich die Agenturführer wie Kapitäne eines auf Grund gelaufenen Kreuzfahrtdampfers, die den Vorschlag, die Beiboote abzuseilen mit der Bemerkung abbügeln, dass das Geräusch die Black-Jack-Spieler ablenken könnte. Mit vereinten Kräften ließen sie eine Diskussion über die Möglichkeiten, die Veränderung mit sich bringt gar nicht erst aufkommen, sondern spendeten Trost. Nichts würde sich verändern. Niemals. Immer würde alles genauso bleiben, wie es jetzt ist. Nur keine Panik.

Wir wissen inzwischen, wie die Geschichte weitergegangen ist. Schauen wir uns die Entwicklung zwischen den Referenzpunkten 2004 und 2016 an, stellen wir fest, dass sie weit über die Voraussage hinausgegangen ist. Man kommt inzwischen ohne Fernseher und Zeitschriften aus, Freunde auf verschiedenen Seiten des Erdballs geben sich Kaufempfehlungen in Echtzeit und in richtigen echten Kinos und auf Streaming-Portalen laufen schon heute Spielfilm-Produktionen, denen man ansieht, dass sie eigentlich eher eine amüsante Form der Produkt-Präsentation sind.

Ich find das immer noch toll.

Und Springer & Jacobi?  Springer & Jacobi findet nichts mehr toll. Oder schlimm.

2010 ist Deutschlands ehemals führende Agentur nach langer schwerer Krankheit sanft entschlafen.

Weiji jihui

 

 

 

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Frau Fricke wundert sich über das Unmögliche

Leute wie mich braucht kein Mensch. Australien braucht mich nicht. Australien braucht Handwerker, Lehrer und überhaupt eine Menge kluger und kundiger Menschen. Mich braucht Australien nicht. Jedenfalls nicht auf Dauer, denn ich bin älter als 45. „Dukommshiernichrein.“, sagt ein australisches Gesetz. Und das würde es auch Nobelpreisträgern zuflüstern.

Mit Dingen, die man nicht haben kann, ist es so eine Sache. Bis vor kurzem, hatte ich nicht einmal das Bedürfnis, auch nur besuchsweise nach Australien zu fahren. Hat mich einfach nicht interessiert. Kängurus gibt’s im Zoo, weite unglaublich langweilige Landschaft in der Lüneburger Heide und Strand hab ich auch in Barcelona – nur ohne die tödlichen Tiere natürlich. Nun war ich da, fand es sehr nett und hab nur mal so interessehalber geguckt, wie es sich denn rein theoretisch verhalten würde, wenn ich dem unwahrscheinlichen Impuls nachkäme, dort vielleicht wohnen zu wollen. Ganz eventuell.

Und nun weiß ich, dass das nicht geht. Und jetzt will ich das unbedingt.

Für einen kurzen Augenblick habe ich den Eindruck, dass mir mein Leben durch die Finger tropft und es stellt sich eine Wehmut ein, als wenn das nur das erste Mal in einer langen schmerzvollen Reihe von letzten Malen ist. Und dann wird mir plötzlich klar:

Bullshit!

Immerzu steht man vor irgendwelchen harten Türen. Das ist bei mir nicht anders und das war es auch nie. Ich war nur immer schon durch, bevor mir jemand sagen konnte, dass das eigentlich gar nicht geht.

Ich hab kein Schul-Abgangszeugnis, weil mein Schulabgang – nun ja – nicht wirklich einer konkreten Planung unterlag. Ich weiß noch genau, wie sich das angefühlt hat. Ich war 16 und mein Leben war vorbei. Ich hatte zwar das kleine Latinum, aber das hilft einem in so einer Situation auch nicht weiter. Es gab nur eine einzige Ausbildungsstelle, die mich akzeptiert hat – Bäckereifachverkäuferin. In meinen düstersten Momenten, träume ich, wie ich mit einem lächerlich kleinen Schürzchen vor dem Bauch Brötchen in Tüten zähle und denke: „Das war’s jetzt. Das ist jetzt dein Leben.“ Und auch damals fühlte ich deutlich, wie sich dieses Leben einfach so auflöste und davon flog, bevor es überhaupt begonnen hatte.

Das war ein Irrtum.

Und dieser Irrtum beruhte auf Informationen, die zwar durchaus valide waren, aber wenig hilfreich in meiner Situation – und vor allem nicht zwingend. Erfreulicher Weise war ich von da an einem eklatanten Mangel an belastbaren Informationen unterworfen. Irgendwer hatte mir gesagt, man könne studieren, wenn man sich wirklich viel Mühe geben und absurd viel arbeiten würde. Jeder kann das schaffen. Der große deutsche Traum von der Klassenlosigkeit. Der Hit der Siebziger, Achtziger und das Beste von heute.

Also habe ich absurd viel gearbeitet. Und ich hab studiert. Jahre später habe ich gelesen, dass das eigentlich gar nicht möglich ist. Ich bin nämlich der einzige Akademiker meiner Familie, weiblich und ich habe keinerlei finanzielle Unterstützung erhalten. Leute wie ich studieren nicht. Und wenn sie studieren, dann schließen sie nicht ab. Wenn ich das vorher gewusst hätte…

Ich wusste auch nicht, dass es praktisch unmöglich ist, Texter bei Scholz & Friends zu werden. Ein entfernter Vetter hat mich darüber aufgeklärt, getragen von seiner Erfahrung, mehrfach abgelehnt worden zu sein. Allerdings etwas verspätet, denn zu dem Zeitpunkt hatte ich den Job schon ein halbes Jahr und Springer & Jacobi hatten gerade mit einem Gegenangebot angerufen – auch was, was nie passiert. Und wo man überhaupt praktisch nie reinkommt, das ist BBH, London. Jedenfalls hat Jean-Remy von Matt das mal zu mir gesagt und der kennt sich aus. Gut, dass ich den erst kennengelernt habe, nachdem ich bei BBH gekündigt hatte – nach 7 Jahren.

Zwei von drei neu gegründeten Firmen treiben nach nur drei Jahren mit dem Bauch nach oben träge dahin. Auch sowas, was ich nicht wusste. Nur 20% der Gründer sind Frauen und die meisten von denen kommen praktisch nie über den Mindestlohn. Schon wieder eine Information, über die ich nicht verfügt habe, als ich mich selbständig gemacht habe. Sonst hätte ich mich vielleicht daran gehalten. Wer weiß?

Und auch die meisten Auswanderer sind nach drei Jahren pleite und frustriert wieder zu Hause und wärmen sich am heimischen Herd, die Wunden leckend, die ihnen eine fremde unbekannte Welt geschlagen hat. Davor hat mich keiner gewarnt. Und vielleicht ist es allein dieser Tatsache zu verdanken, dass ich auch heute noch, eine Dekade später, in Barcelona hocke und merke, so langsam könnte ich ja auch mal woanders hinziehen. Zurück nach Deutschland vielleicht. Oder nach Australien zum Beispiel.

Kurz: Rein statistisch bin ich pleite, deprimiert und inexistent. Erfreulicher Weise habe ich die Statistik aber nicht gelesen.

Und das mit Australien, das auch nicht.

 

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Frau Fricke wundert sich am Welt-Frauen-Tag

Gedenktage sind ja im allgemeinen dafür gemacht, dass man sich Gedanken macht. Daher der Name. Über Frauen und wie sie so leben, macht sich kein Mensch Gedanken, scheint es. Nicht mal die Frauen selbst. Warum eigentlich?

Meine Großtante Trude war ein Phänomen. Ein sperriges, drahtiges kleines Ding, das Dinge sagte, die keiner zu sagen wagte und sich so verhielt, als gäbe es gesellschaftliche Normen nicht. Sie war bereit, den Preis dafür zu bezahlen. Und der war hoch. Damals.

Trude war das älteste von vier Kindern. Als sie zehn Jahre alt war, endete diese Kindheit damit, dass sie aus der Schule genommen wurde, um die Mutter ihrer Geschwister zu werden. Ihre eigene Mutter hatte sich in der Waschküche erhängt. Damals der einzige Ausweg aus einer unglücklichen Ehe. Scheidung gab es nicht. Nicht für arme Leute.

„Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“, wird sich Trude gedacht haben, als sie damals beschloss, niemals und unter gar keinen Umständen zu heiraten. „Pöh,“ denkt man heute „Ja und? Ich bin auch nicht verheiratet.“ Da möchte ich mal sagen: „Weiterlesen, dann reden wir noch mal.“

Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert gab es Bildung nur für Frauen aus den „Besseren Kreisen“. Über die wird heute von Feministinnen ja gern gesprochen. Wie hart es war, zu studieren und sich Anerkennung als Akademikerin zu erwerben. Schauen wir doch mal, wie es zur selben Zeit um unsere Trude stand, die nicht das große Glück hatte, großbürgerliche Eltern zu haben, die ihr ein Studium ermöglichen konnten:

Trude hatte vier Jahre Grundschul-Ausbildung genossen. Und sie hatte gelernt, einen Fünf-Personen-Haushalt mit extrem engen Budget zu führen und Kinder zu versorgen. Also wurde Trude Haushälterin. Da war sie 15 und sie wollte weit weg. Also heuerte sie in einem Haushalt in einer anderen Stadt an. Da kannte sie niemanden und das blieb auch so, denn Trude arbeitete immer.

Trude stand als erste auf, machte den Einkauf, kochte, putzte, versorgte die Kinder und ging als letzte schlafen. Und das nicht etwa im eigenen Zimmer im eigenen Bett. Trude schlief auf einem Brett, das sie nachts in der Küche über den Herd legte – was immerhin den Vorteil hatte, dass es schön warm war – leider auch im Sommer. Auf das Brett legte sie einen Strohsack und neben den alles, was sie besaß – in einer Truhe, so groß wie ein Nähkästchen, auf der ihr Name stand. Von dieser Truhe trennte sie nur der Tod. Durch über 90 Jahre, fünf Städte und zwei Weltkriege hatte Trude die Truhe geschleppt. Man kann nur erahnen, was sie ihr bedeutete. Trude war auch – sehr im Gegensatz zu mir – kein ausgemachter Freund des Zwiebelkuchens, denn während sie für ihre Herrschaft Braten und Kuchen bereitete, sollte ihre eigene Versorgung natürlich so kostenfrei wie möglich ausfallen. Das schloss Reste von der Tafel ausdrücklich aus. Denn aus Bratenresten ließen sich noch trefflich Ragouts und Stullen für die Herrschaft zaubern. Aber Zwiebelkuchen, der war billig und den gab es oft wochenlang, wenn das Haushaltsbudget etwa durch Weihnachtsfeiern oder eine Soirée belastet worden war. Unnötig zu sagen, dass Trude auch keine Krankenversicherung und keinen Kündigungsschutz hatte. Und so wurde sie eines Tages mit Fieber auf die Straße gesetzt. Man musste ja Rücksicht auf die Kinder nehmen.

Trude landete – Gott sei Dank nur für ein paar Tage – in einem Armenhaus. Denn selbst wenn Trude bereit gewesen wäre, ihr ganzes Erspartes in die Anmietung eines Zimmers zu investieren – legal war das nicht möglich. Frauen brauchten damals für Geschäfte aller Art die Unterschrift ihres Vaters oder Ehemannes. Und ganz genau genommen: Warum sollten Frauen überhaupt Geschäfte machen? Dafür hatten sie ja schließlich Väter oder Ehemänner. Ein Leben ohne Ehemann war für Frauen nicht vorgesehen und wurde ihnen daher auch nicht ermöglicht.

Natürlich fanden sich damals immer Männer, die so freundlich waren, ein Zimmer für Alleinreisende Damen anzumieten – mit der Folge, dass diese Damen vielleicht allein reisten, aber nicht allein schlafen konnten.

Trude sprach mir gegenüber nie ausführlich über diesen Aspekt. Aber sie deutete an, dass sie als Full Service Haushaltskraft eben tatsächlich den ganzen Service bieten musste, den die Dame des Hauses nicht leisten konnte oder wollte. Das war meist, aber nicht immer unangenehm. Einmal war Trude Haushälterin für einen Arzt, in den sie sich ernsthaft verliebt und mit dem sie eine langjährige Affaire hatte. „Das war eine wunderbare Zeit.“ sagte sie über diese wunderbare Zeit, die abrupt damit endete, dass „die Leute“ anfingen zu reden. Der Arzt, offenbar ebenfalls bis zum völligen Schwinden der Sinne verliebt, trug Trude die Ehe an. Ein Akt ungewöhnlicher Großmut seinerseits. Eine Shooting Star Karriere für Trude. Ein Happy End, bigger than life. Trude lehnte ab. Trude erzählte ihre Replik immer wieder im exakt selben Wortlaut:  „Jetzt mach ich deine Wäsche und dein Bett und du bezahlst mich. Und dann mach ich dasselbe nur ohne Geld? Ich bin doch nicht meschugge!“

Wenn Trude davon erzählte, tat sie das immer mit einer Mischung aus Trotz und Wehmut. Es fällt mir nicht schwer, mir vorzustellen, wie sie dachte, dass sie beide kichern würden, wie er sie dann in die Seite knufft, in den Arm nimmt und sie einfach so weitermachen wie bisher in dieser „wunderbaren Zeit“. Er stellte ihr ein Ultimatum. Entweder sie heiratet ihn oder sie geht. Trude war keine Frau für Fremdbestimmung. Trude ging. Und wusste mal wieder nicht wohin.

Zwei Weltkriege hatten inzwischen die Arbeitswelt verändert. Frauen wurden inzwischen auch außerhalb von Haushalten zum Arbeiten gebraucht – für Arbeiten, die Männer nicht machen wollten oder die nicht angemessen bezahlt wurden. Trude nahm eine Arbeit an, auf die wohl beides zutraf. „Sag mal, Trude, was sind denn das hier für weiße Stellen an deiner Hand?“ hab ich sie mal gefragt. Wie gemalt folgten da zwei kleine Spuren vom Daumental herab zum Handgelenk, wo sie sich verloren, als seien sie herabgetropft. „Ach das?“ sagte Trude „Da hab ich Kapern abgefüllt bei Appel.“ Kapern, muss man wissen, werden in einer Lake aus Essig und Salz eingelegt, die, wenn man ihr permanent ausgesetzt ist, tief in die Haut eine Wunde frisst, die nie abheilt. Trude muss in dieser Zeit biblische Schmerzen erlitten haben, in der sie gezwungen war, sich selbst täglich wieder Essig und Salz in eine offene Wunder zu träufeln. Aber Trude musste leben. Und Arbeitsschutzmaßnahmen waren so kurz nach dem Krieg nicht ganz oben auf der Agenda.

Als Trude in Rente ging, war es Frauen noch immer nicht erlaubt, ohne Zustimmung ihres Ehemannes einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Das kam erst 1977. Ein Jahr zuvor wurde das Ehescheidungsrecht reformiert. Bis dahin war Scheidung möglich. Weil aber die meisten Frauen in ihrer Ehe nach wie vor nicht erwerbstätig waren – oft auf ausdrücklichen und juristisch geschützten Wunsch ihres Ehemannes – und keinen Anspruch auf Unterhalt hatten, blieben sie oft mittellos zurück. Denn wer schuldig geschieden wurde, hatte kein Anrecht auf Versorgung und schuldig war z.B. eine Frau die ihrem Ehemann seine Ehelichen Rechte verweigerte. Sprich: Sex. Weil der Ehemann aber gleichzeitig ein Züchtigungsrecht seiner Ehefrau gegenüber hatte, konnte es passieren, dass man schuldig geschieden wurde, weil man mit dem Mann, der einen prügelte, nicht schlafen wollte. Wenn er es trotzdem tat – macht nichts. Vergewaltigung in der Ehe war bis 1997 legal. Da war Trude schon ein Jahr tot.

Inzwischen durften Frauen wählen. Sie durften auch Wohnungen anmieten. Das geschah aber weit seltener, denn noch immer arbeiteten Frauen überwiegend weit schlechter bezahlt als Männer. Gewerkschaften, die überwiegend Männer vertraten, wie z.B. die Metall- oder Bergarbeiter Gewerkschaften, handelten Tarife aus, die bei einem Vielfachen der Tarife lagen, die Gewerkschaften in Bereichen erzielten, in denen überwiegend Frauen arbeiteten. Als ich selbst in den 80ern in einer Brotfabrik arbeitete, gab es dort ein Heer von Frauen, die für 10 Mark Stundenlohn am Band unermüdlich eingeschweißte Toastbrote in Transportkästen verpackten – und eine Handvoll Männer, die für 20 Mark Stundenlohn vor allem mit ihrer Langeweile zwischen dem gelegentlichen Wechseln der Verpackungsfolien beschäftigt waren. Aber immerhin verdienten Frauen genug für eine kleine Wohnung, sie hatten Urlaub, Kranken- und Kündigungsschutz.

Für Trude änderte sich nicht viel. Nach einem Leben voller harter Arbeit bezog sie so wenig Rente, dass die bis zum Sozialhilfesatz aufgestockt werden musste. Ihr kleiner Bruder hatte es da besser. Der bezog später eine relativ stattliche Pension, denn nach seinem Dienst als Soldat wurde er weiter im Staatsdienst beschäftigt. Und zwar bei der Post. Die Gesetzeslage meinte es mit ihm weit besser als mit Trude. Die Dienstjahre in der Armee zählten voll so, als sei er immer bei der Post gewesen. Kurz vor der Pensionierung wurde er, wie üblich, schnell noch mal befördert, damit sich das Altersruhegeld noch einmal angenehm erhöht.

Trude zog in eine winzig kleine Sozial-Wohnung mit einem kleinen Wohnzimmer, einer Schlafnische, einer Küche, in der man nicht hätte umkippen können  und einem Bad ohne Wanne. Trude war glücklich. Neubau. Das hatte sie noch nie. Und direkt am Park. Und Zeit für Spaziergänge.

Auf einem dieser Spaziergänge nahm Trude mich zur Seite. Ich war gerade sitzen geblieben und nicht sehr gesprächig. „Pass mal auf“, sagte Trude, „Es ist keine Schande dumm zu sein und nichts zu werden.“ Und dann drückte sie mich und sagte „Aber klug zu sein und nichts draus zu machen. Das muss dir richtig peinlich sein.“ Ich hab nichts gesagt. Trude schon. „Du hast ja keine Ahnung, welche Möglichkeiten du heute hast.“ hat sie gesagt. Und sie hatte Recht. Ich hatte keine Ahnung.

Aber jetzt, jetzt hab ich die und ich ahne, dass wir verlieren werden, wofür die Truden vor uns das Salz in ihren offenen Wunden ertragen haben.

Wir dürfen das nicht vergessen. Und wenn wir nicht jeden Tag daran denken, wenn wir ihnen nicht jeden Tag danken, dann doch bitte wenigsten einmal im Jahr. Mit Pauken und Trompeten. Wir dürfen uns nicht nehmen lassen, was wir und unsere Vorgängerinnen errungen haben.

Nicht einmal um eine Armeslänge.

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Frau Fricke wundert sich über den Tod

Es ist Chinese New Year. Ein Jahr beginnt. Und traditionell gedenkt man derer, für die nichts mehr anfängt, für die schon alles aufgehört hat. Man geht in die Tempel und schickt den Ahnen, was sie eben so brauchen, wenn sie tot sind. Und das scheint eine ganze Menge zu sein.

Wer genau beobachtet, der hat in den Wochen vor Neujahr schon bemerkt, dass die in der Nähe der Tempel gelegenen Fachgeschäfte für Totenbedarf aller Art aufgestockt haben. Hier gibt es alles, was sich auch Lebende so wünschen – nur eben aus Papier: Häuser, Luxuskarossen, Handies – bevorzugt iPhones, Schmuck und Markenklamotten, Motorroller und Flachbildfernseher. Vor allem aber Geld und jede Menge Gold. Gold in Münzen oder Barren, die hier aussehen, wie kleine Schiffchen, ganz egal, Hauptsache Gold und viel. Man bekommt schnell den Eindruck, jeder Tote würde in seinem Nachleben ein Rapper werden. Eine Vorstellung, die für mich keine schöne ist.

Überhaupt, wenn man im Tod nicht wenigstens bedürfnislos ist, was soll das dann? Was hat man denn dann vom Sterben? Gar nichts! Das ist kein cooler Deal.

Sterben, so hab ich mir das immer vorgestellt, ist ein Pakt, in dem man sein Leben lassen muss, es aber gegen Sorglosigkeit eintauscht. Nie wieder Schmerzen, nie wieder Geldnot. Ob man Falten hat, zu fett ist, uncharmant oder ein Loser, total egal, denn inzwischen ist man ja tot und das ist größer als alles. Tod ist der große Gleichmacher. Vielgeliebte Familienmenschen liegen genauso einsam in der Kühlbox wie die Miesmacher, mit denen noch nie jemand was zu tun haben wollte. Der Reiche und der Arme sind gleich tot. Könige wie Bauern sterben denselben Tod. Und dann kommen die Chinesen und verbrennen Goldbarren aus Papier. Was soll das?

Als ich da so an einer Feuerstelle im Tempel sitze, werden mir mehrere Dinge klar. 1. Ich werde ein sehr karges Nachleben führen, denn ich habe keine Nachfahren, die für mich Goldbarren und Mercedes Benze verbrennen. 2. Das war vermutlich schon im letzten Leben so, denn auch in diesem besitze ich weder Goldbarren noch Mercedes Benze. 3. Vielleicht ist das allerdings auch darauf zurückzuführen, dass ich auf beides keinen Wert lege – ebenso wenig wie auf Schmuck und Goldene Uhren. Aus dem Totenbedarfs-Fachgeschäft interessiert mich eigentlich nur das Haus, denn irgendwo muss ich ja wohnen. Selbst der Flachbildfernseher ist von geringem Reiz, denn seine Mattscheibe ist schwarz. Was soll man mit so einem Fernseher in der Ewigkeit? Ewig auf die schwarze Mattscheibe starren? Das wird ja wahnsinnig langweilig.

Ich überlege also, was ich mir gern verbrennen lassen würde. Und wie ich da so sitze und darüber nachdenke, was ich mir selbst denn so verbrennen würde (vielleicht kann man ja vorausschauend irgendwo ein Depot anlegen, das dann auf einen wartet), erreicht mich die Nachricht vom Tod Roger Willemsens. Und meine Gedanken frieren plötzlich ein. Nicht dass ich Roger Willemsen persönlich gekannt hätte. Aber ich habe ihn in seiner Profession geschätzt – und beneidet. Und nun, nach nur 60 Jahren, gibt es ihn nicht mehr. Einfach weg. Abgeholt vom großen Gleichmacher.

Und Roger Willemsen, Roger Willemsen, der hatte Sachen, die ich gern gehabt hätte. Schon in diesem Leben. Bücher hat er geschrieben. Klug ist er genannt worden. Wenn er gesprochen hat, dann hat man ihm zugehört. Und reich ist er damit geworden – vielleicht gar sorglos schon zu Lebzeiten. All das hätte ich auch gern. Aber das gibts nicht aus Papier. Nicht einmal im Totenbedarfsfachhandel an der Ecke vom Tempel.

Sechzig, das sind von jetzt an noch acht Jahre. Und überhaupt sterben in letzter Zeit gefühlt alle schon mit 70. Irgendwie scheint 70 das neue 90 geworden zu sein. Ich fühle mich plötzlich, als hätte jemand das Metronom meines Lebens angestellt und ich kann hören, wie die Zeit verrinnt und ich hab noch gar nichts geschafft und ich hab noch so viel vor und ich vertrödele meine Zeit, anstatt etwas zu tun, damit ich am Ende meines Lebens weiß, warum es überhaupt angefangen hat. Wie soll man denn gehen, wenn man gar nicht weiß, wozu man überhaupt da war? Und plötzlich wird mir ganz anders.

Aber dann fällt mir die Beerdigung ein, deren Zeuge ich ganz am Anfang meiner Reise nach Bangkok war. Ein großer, ein bedeutender Mann ist da gestorben. Und seine Totenfeier wurde im bedeutendsten Tempel der Stadt abgehalten. Einen kompletten Nebenhof hat man nur für seine Kränze abgestellt. Hunderte waren das. Riesengroß und wunderschön. Alles was in seiner Branche Rang und Namen hatte, hatte riesige Gebinde geschickt. Und dazwischen: Ein Malbuch für Kinder. Das war schon für’s nächste Leben. In einer anderen Ecke des Hofes verbrannten gleich 3 Angestellte im Akkord jede Menge Papiergold, gleich ein Dutzend Autos – warum Gewohnheiten ändern, nur weil man tot ist? – und man konnte ein riesiges Anwesen erkennen, das noch auf seine Verbrennung wartete. Und in einer Halle: Der Sarg. Ein prächtiges Ding. Aus einem Stamm geschnitzt. Massiv. Unerschütterlich. Herrschaftlich. So, wie der, der darin liegt, wohl gern gesehen werden wollte. Aber das, woran ich jetzt wirklich denken muss, das stand diskret unterhalb des Sarges auf einem unscheinbaren Tischchen:

Ein Frühstück und eine Zahnbürste.

 

 

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Frau Fricke wundert sich darüber wie unvollkommen Perfektion ist

Alle sind schwanger in Sydney. Auch der Kumpel von meinem Kumpel wird bald Vater. Und er selbst wird schon ganz nachdenklich. „Sag mal“, fragt er mich, „wenn du ein Kind designen könntest, alle Krankheiten, Übergewicht, Krebsdisposition raus aus den Genen, würdest du das machen?“ Man könnte, findet er, dem Kind damit so viel ersparen. Finde ich auch. Und das ist das Problem.

„Ganz schlechter Zeitpunkt gerade“, sage ich. Ich hab nämlich gerade „The most talented Alex“ kennengelernt. Der macht Führungen durch das Opernhaus von Sydney und trägt seinen Namen völlig zu Recht. Denn, wo Andere Touristengruppen vor sich her treiben und Texte runterleiern ohne deren Sinn verstanden zu haben, da öffnet „Der Talentierte Alex“ Welten. Wenn er über die Falltüren in der Bühne spricht, dann begleitet er diese Erzählung mit so abrupten Bewegungen, dass man sich selbst im freien Fall glaubt. Er dehnt sich über einen nicht enden wollenden Himmel und hebt die Stimme, als würde er täglich selbst alle Rollen aller Shakespeare-Stücke übernehmen und um zu zeigen, wie eine Tänzerin in einen Basskasten passt, macht er sich ganz klein. Das ist seine leichteste Übung. Der talentierte Alex ist kleinwüchsig.

Vielleicht ist „Der Talentierte Alex“ einfach nur unglaublich begabt. Und vielleicht wäre er auch geworden, was er ist, wenn er einen Meter neunzig groß und ein Jüngling in lockigem Haar wäre. Glaub ich aber nicht. Man wird nicht groß – und Alex ist ein ganz Großer, da mag ihn seine Körpergröße noch so verraten – indem man sich zufrieden gibt. Und wer schon gefällt, der kann sich ja auf seinen Lorbeeren ausruhen. Man wird groß, man wächst über sich hinaus, weil man muss. Und dann nicht anders kann. Und dann will.

Mahmoud Abdul-Rauf, zum Beispiel,als Chris Wayne Jackson geboren, war auf allen Fotos seiner Profimannschaft auch so ein Winzling.  Mit 1,85 ist man ein Gnom in der NBA. Wie ist er dahin gekommen? Was ist da passiert?

Ein Defekt. Das ist da passiert. Tourette. Den meisten Leuten bekannt als die Krankheit, die Leute dazu zwingt, zwanzig Mal hintereinander „Titte“ zu schreien oder „Fick dich ins Knie“. Die Krankheit also, die wir alle schon gern mal vorgetäuscht hätten. Zehn mal schreien sie, zwanzigmal. Denn Tourette zwingt die Betroffenen zu Wiederholungen. Ob sie wollen oder nicht. Abdul-Raufs hat nie geschrien. Er hat geworfen. Wieder und wieder, auf Basketballkörbe. Bis der Ball in einem bestimmten Winkel mit einem bestimmten Klang durch den Korb fiel. Erst dann kam die Erlösung. Erst dann konnte er aufhören zu werfen. Und das konnte Stunden dauern. Das hat ihn so brutal trainiert, dass er besser war als all die anderen. Besser als all die großen, besser als alle, die es leichter hatten als er. Erst 2011, mit 41 Jahren hat er seine Karriere beendet. Bis dahin hat er noch in einer Mannschaft gespielt – auch das ungewöhnlich. So ist das eben, wenn man nicht aufhören kann. So ist das mit einer Krankheit. Die prägt. Und das ist nicht immer zum Nachteil.

Auch Stephen Hawking ist vermutlich ein ganz Großer in seinem Feld. Ich kann das nicht wirklich beurteilen, denn das Einzige, was ich von Physik weiß, ist, dass Schrödinger eine Katze hatte, oder vielleicht auch nicht. Was ich aber beurteilen kann ist, dass Stephen Hawking ein Kommunikations-Genie ist. Ich bin mir sicher, dass es eine Menge Physiker gibt, die genauso fabelhafte Theoretiker sind wie er und die gegebenenfalls auch Bücher schreiben können. Aber Stephen Hawking hat ein Physikbuch zu einem millionenfach verkauften Bestseller gemacht. Ein Physikbuch! Kein Krimi, kein Vampirroman, kein Hausfrauensoftporno – ein Physikbuch! Ohne seine Krankheit wäre ihm das, da bin ich absolut sicher, nie gelungen. Denn jeder erinnert sich an ihn und jeder hört ihm zu, denn wenn jemand sie so müht, uns etwas mitzuteilen, dann muss das einfach wichtig sein. Dann müssen wir da einfach hinhören. Selbst die Simpsons haben im zugehört. Die Simpsons! Wieviele Physiker schaffen das?

Von Hawking lernen wir auch, dass Behinderung ganz wesentlich Einstellungssache ist. Die meisten von uns, sein wir ehrlich, hätten sich aufgegeben. Ich hätte mich aufgegeben. „Auch schon egal“, hätte ich gesagt. Und wäre dann eben auch tatsächlich allen anderen egal gewesen. Stephen Hawking aber, der hat begriffen, dass eine Behinderung ein furchtbares Schicksal sein kann – oder ein Alleinstellungsmerkmal. Er hat sich für letzteres Entschieden und dafür hat er meinen allergrößten Respekt.

Arbeit und Struktur, dafür hat sich Wolfgang Herrndorf entschieden, als er von seinem Hirntumor erfuhr. Ein Todesurteil, das war ihm klar. Und ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, wo er nach langem Wirken im Verborgenen und nach langem Nagen am Hungertuch endlich, endlich den verdienten Erfolg mit „Tschick“ hatte. Er hat einen Blog daraus gemacht, der nach seinem Tod ein Buch wurde und mich auf eine Weise berührt hat, wie es nur wenige Bücher je erreichen werden. Hätte er wählen können, er hätte sich vermutlich eher für ein langweiliges Leben als einen Tod entschieden, der eine Frau, die ihm völlig unbekannt ist zu Tränen rührt. Aber die Wahl hatte er nicht. Er hatte nur die Möglichkeit, etwas Großes aus seinem Unglück zu machen. Und er hat es getan.

Beethoven war taub, Frida Kahlo nach Meinung ihres Umfeldes ein häßlicher Krüppel und die meisten wunderbaren Künstler vollkommen weich in der Birne. Sie schneiden sich Ohren ab, saufen sich zu Tode oder setzen sich Tintenfische auf den Kopf. Praktisch jeder große Kreative, den ich kenne, hat einen ganz unglaublichen Hau. Genau genommen haben die meisten Menschen, die ich mag oder bewundere irgendeine Macke und genau das macht sie so wundervoll – nicht zwingend glücklich, nicht immer beliebt und leider auch nicht in jedem Fall wirtschaftlich erfolgreich. Aber so wundervoll, dass man sie furchtbar vermissen würde. Es scheint, als müsse man sich das Wundervollsein erleiden.

Außer am Bondi Beach natürlich. Da sind alle jung, alle sind gesund, alle tragen den ganzen Tag Turnschuhe und Sportklamotten und sehen deswegen permanent so aus, als wären sie auf dem Weg in den Gym. Vermutlich sind sie das auch. Wenn sie nicht gerade surfen gehen. Oder schwanger sind. Ich kann mir vorstellen, wie erschreckend es für die „Organic poached egg on rye“ frühstückenden Sprossen-Juppies sein muss, mit Krankheit, Tod und – jetzt kommt das Schlimmste – Unvollkommenheit konfrontiert zu werden. Aber der schlimmste Gedanke kommt erst noch: Wir werden immer ein Normal-Null haben und das wird immer von der aktuellen Norm festgelegt. Im elisabethanischen England galt man schon als überirdisch schön, wenn man noch alle Zähne im Mund und keine auffälligen Hautläsionen hatte. Und in Bondi gilt man schon als jenseits der Norm, wenn man nicht aussieht, als hätte man gerade sein Yoga-Diplom gemacht. Ich bin gespannt, wie lange es dauern wird, bis dem Bondi Baby klar wird, dass es im eigenen Normbereich irgendwie dann eben doch ein Freak ist? Denn es wird immer jemand geben, der noch schlanker ist, noch besser aussieht und noch ein größeres Lungenvolumen hat. Es gibt immer jemanden, der noch schlauer ist, noch mehr Sprachen spricht und noch blondere Haare hat. Und ich hoffe für die Welt, dass es dann immer noch Menschen wie den großen, den großartigen Talentierten Alex gibt. Denn irgendwer wird irgendwo immer zu klein sein. Gott sei Dank! Nur dass er es dann vielleicht mit 1.85 ist.