Frau Fricke wundert sich, ob sie da ist

Ich hatte einen Traum. In all den Jahren, in denen ich mir als kleines Kindergartenkind ansehen musste, wie „Die Großen“ Krippenspiele inszenierten, träumte ich davon, endlich auch mitspielen zu dürfen. Ein Schaf vielleicht. Ich wartete geduldig darauf, endlich qualifiziert genug zu sein, mitspielen zu können. Mein halbes Leben lang. Dann wurde ich endlich sechs. Genau in dem Jahr, in dem die Entscheidung fiel, dass „Die Kleinen“ putziger anzusehen wären. War das ein Omen?

Ich kann mir genau vorstellen, wie sich die Kandidatinnen gefühlt haben, die Andrea Nahles gestern von den sicheren Listenplätzen gestrichen hat, um dort Newcomer zu implementieren. Dabei ist auch eine Kandidatin über die Klinge gesprungen, die seit 1994 im Europaparlament sitzt, hoch geschätzt ist und all die Verbindungen haben dürfte, von denen Sechsundzwanzigjährige noch nicht recht wissen, wie man sie aufbaut. Der Teil, in dem es keinen Spaß, Recht zu behalten, ist dass die so von Andrea Nahles bevorzugte ausgerechnet die stellvertretende JUSO-Vorsitzende ist. Auf dem Platz begann auch ihre eigene Karriere. Es stimmt also, dass Führungskräfte immer Kopien ihrer selbst fördern. Ich sage das schon seit Jahren als Begründung dafür, warum wir die Frauenquote brauchen. Hmmmmm…

Beklagenswerter Weise zeigt sich mit dieser Besetzungrochade ein Trend, den man durchaus verallgemeinern kann. Wir, die Geburtenstarken Jahrgänge, die von denen es am allermeisten gibt, die daher eigentlich am allermeisten Lärm machen sollten, wir sind die übersprungene Generation. Die, die keiner braucht und die stillhalten, weil sie sich dafür schämen. In einem Sandwich von lautstarken Anspruchstellern sind wir die träge Butter in der Mitte, die zwar alles zusammen-, sich aber brav bedeckt hält.

Wir sind eingeklemmt zwischen den 68ern, denen Randale einfach Spaß macht und die von alten Gewohnheiten nicht lassen können und der Nachfolgegeneration, die wir an unserem Busen genährt haben und die uns leider glaubt, dass sie etwas ganz Besonderes und Einzigartiges ist und die Welt sich ihr unterwerfen wird. Wir selbst tun das ja schon. Gelernt ist gelernt. Und beide Generationen, die vor uns und die nach uns, profitieren davon, dass wir tun, was wir am besten tun: Klappe halten und dienen.

Interessant ist dabei auch ein Phänomen, das ich nicht zum ersten Mal beobachte: Wenn Führungspositionen schon mit Frauen besetzt werden müssen, dann sollen diese Frauen bitte wenigstens nach was aussehen. Also jung sein, schick und keck. Sowas, das man sich früher auch gern ins Vorzimmer gesetzt hätte. Etwas, das sich auf Fotos gut macht.
Die alten Herren der SPD, einige von ihnen schon in den 70ern, haben ihre Plätze behalten. Sonst wäre aber auch was los gewesen! Die kommen ja auch aus der Generation der Motzer und Querschießer.  In der Summe halte ich schon mal fest:

Wir sind viele – und wir sind nichts.

Aus einer berufsbedingten Deformation heraus habe ich mich natürlich sofort gefragt: Warum macht Frau Nahles das? Warum macht die SPD da mit? Dafür muss es ja irgendeinen Grund geben. Gehts da um massenhaften Wählerzulauf?

Gehts um Frauen?
Schauen wir uns das doch mal an: Die SPD hat traditionell vergleichsweise viele weibliche Wähler. Trotzdem kann man da ja noch was drauflegen, indem man mehr Listenplätze mit Frauen besetzt. Das allerdings ist nicht geschehen. Die jungen Frauen, die hier eingesetzt werden, haben Frauen jenseits der Wechseljahre verdrängt.
Das kann’s also schon mal nicht sein.

Gehts um Millenials?
Vielleicht schauen wir uns einfach mal die Alterszielgruppe an. Über die, die Millenials, hört man ja ne Menge, weil sie „Digital Natives“ sind und damit über eine geheime Superkraft verfügen, von denen vorangehende Generationen nicht einmal wissen, was das ist. Weil Dinge erst echt sind, wenn sie digital sind, erfinden die Digital Natives nämlich gerade alles total neu. Nennen wir sie die Disrupter.

Schicker Name jedenfalls. Schicker als der Name unserer Generation: Die Geburtenstarken Jahrgänge. Der klingt zwar nicht so toll, ist aber durchaus zutreffend gewählt. No shit! Von uns gibt es viele. Sehr viele. Doppelt so viele wie Millenials. Ist es da klug, denen auf den Abtreter zu pinkeln,  um damit einer Generation zu imponieren, von denen es nur halb so viele gibt? Wenn die Brüskierten alle gehen, rücken nur halb so viele hofierte nach. Aber was, wenn es gar keine Konsequenzen zu befürchten gibt? Unsere Generation ist ja nicht gerade für ihre Neigung bekannt, Forderungen zu stellen.

Wir sind die Schweiger. Die Wegducker. Die Es-allen-recht-Macher.

Vermutlich hatten wir dazu auch nie eine wirkliche Alternative. Denn vor uns in der Pipeline stehen die, die unser Leben immer lautstark begleitet haben: Die 68er. Das sind – das, um Missverständnisse zu vermeiden – nicht etwa die um 1968 geborenen, sondern im Gegenteil die, die um 1968 geboren haben oder hätten gebären können. Also die Nachkriegsgeneration der heute irgendwas um die Siebzigjährigen.

Wer diese Generation mal aus der Nähe betrachten will, findet sie im allgemeinen überall dort, wo man sich empört. Muss auch nicht umbedingt einen Sinn ergeben. Hauptsache motzen und Hauptsache laut. Diese Generation, die wie keine andere auf Händen getragen wurde, die rückzahlungsfreies Vollbafög kannte, die einen De-facto- Renteneintritt vor Erreichen des 60 Lebensjahr hatte, der auch mit einem Hauptschulabschluss noch Karrieren offen standen, die ein Häuschen im Grünen und Campingurlaub in Italien ermöglichten, diese Generation also, findet eigentlich immer was, das einen lautstarken Protest wert ist. Macht ja auch Spaß. Vor allem aber gehen sie immer davon aus, das was sie betrifft, auch alle anderen interessieren müsste. Eine Generation gewordene Narzisstische Persönlichkeitsstörung so zu sagen. Aber – das darf hier nicht verschwiegen werden – der Erfolg gibt ihnen Recht. Siehe oben.

Und dann kamen wir.

Leider gleichzeitig mit der Sexuellen Revolution. Mit dem Revolution überhaupt. Kaum waren wir da, stand die Welt Kopf. Tolle Sachen passierten. Parties! Drogen! Kommunen! Miniröcke! Lange Haare! Und zweimal mit derselben zu pennen, war bei allgemeiner Missachtung verboten. Die ganz, ganz große individuelle Freiheit stand ganz, ganz hoch im Kurs. Nutzlos zu sein und trotzdem bedeutend war richtig weit vorn. Und da stand man nun da mit der Familie. Und mit Verpflichtungen. Total uncool – das damals noch doof hieß. Doof gelaufen. Da konnte man nur noch Sofortmaßnahmen am Unfallort vornehmen. Eine ganze Gesellschaft einigte sich darauf, dass sich Kinder irgendwie beiordnen müssten.  „Warst du auch brav?“ wurden wir gefragt, wenn man uns irgendwo abholte, wo wir vorübergehend geparkt waren, was sich leicht übersetzen ließ mit: „Warst du auch hübsch unsichtbar?“ Wir waren die, die man bestenfalls sehen, aber nicht hören sollte. Wir waren die, die Mutti und Vati am Wochenende nicht wecken durften. Wir waren die, die nach Mitternacht die Gläser zwischen den knutschenden Party-Gästen einsammelten und uns freuten, wenn mal kurz jemand aufschaute und sagte: „Guck mal wie niedlich“ und schnell noch austrank, bevor er uns sein Glas in die Hand drückte. Von uns wurde erwartet, dass wir keine Mühe machten  und nicht störten.

Wer Glück hatte, der erlebte diese Indifferenz als Antiautoritäre Erziehung, die gern so interpretiert wurde, dass Kinder sich schon irgendwie selbst groß kriegen, wenn man nur nicht eingriff. Du machst das schon. Ich bin dann mal weg. Auf einer Demo, auf einer Party. Auf irgendwas, das wichtiger ist als du – und mir klar mehr Ansehen bringt.

Die Pop Stars der politischen 68er Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Ulrike Meinhof, beschlossen mit bekannter Konsequenz, dass sie sich leider aufgrund anderweitiger Engagements gar nicht mehr um ihre Kinder kümmern konnten. Gibt eben Wichtigeres.

Immerhin hat uns das ausreichend auf die Zukunft vorbereitet. 

Ausgerechnet, als wir auf den Arbeitsmarkt kamen, gab es nämlich eine globale Krise. Und infolge dessen keine Arbeitsstellen, keine Ausbildungsstellen, Bafög wurde gestrichen. Wir waren viele, die Konkurrenz groß und die Arbeitsplätze wenige – und von der Vorgängergeneration besetzt, die an ihre jüngeren Kollegen dieselben Ansprüche hatte, wie an ihre Kinder: Mach dich nützlich und halt die Klappe.
Und das haben wir gemacht.

Wir waren flexibel und bereit, für wenig Geld sehr, sehr viel zu arbeiten. Wir mussten ja unser Bafög zurückzahlen. Und wenn wir uns tatsächlich trotz allem für Kinder entschieden haben, mussten wir die alleine groß kriegen, denn Oma und Opa sind lieber nach Lanzarote geflogen. Man lebt ja nur einmal. Wir lebten inzwischen vorübergehend mit noch mehr Konkurrenz,  denn nach Maueröffnung wurden die Arbeitsplätze noch rarer, die Mieten stiegen mit der Nachfrage – und wir hielten die Klappe und machten, was wir gelernt hatten: Wir sortierten uns bei und funktionierten. Irgendwann, dachten wir, irgendwann kommt auch unsere Stunde. Denn das sahen wir ja an der Generation vor uns: Irgendwann ist mal alt genug, um einen Verdienst zu bekommen, der auch tatsächlich zum Leben reicht.

Zunächst kamen aber mal unsere Kinder. Und an denen wollten wir alles besser machen. Obwohl uns unsere Mütter aus Raviolidosen und von Tütensuppen ernährten, lernten wir Vollwertküche und kauften uns Getreidemühlen, um die lieben Kleinen optimal ernähren zu können. Weil sich für uns kein Mensch interessiert hatte, haben wir Leon und Lea zehnmal am Tag gefragt, was sie jetzt am liebsten machen würden und ihre Kindergeburtstage wie Filmsets ausgestattet. Wir haben getan, was wir am besten konnten, wir haben unser Leben untergeordnet. Wir hingen da eingeklemmt zwischen einer fordernden Elterngeneration und einer Nachfolgegeneration, die wir zu Fordernden gemacht hatten und da hängen wir nun. Und wir halten die Klappe.

Wir halten die Klappe, selbst, wenn es uns an den Kragen geht, an die Zukunft, an die Zeit, wenn wir keine Zeit mehr haben für aufwendige Kurskorrekturen.

Wir halten die Klappe, wenn wir in die Rentenkasse einzahlen, obwohl wir wissen, dass das System schon rein rechnerisch nicht funktionieren kann. Dass wir bitterer Armut entgegen sehen und einer Generation, die für uns nicht nur nicht im selben Maß zahlen will, sondern das auch gar nicht kann.

Wir halten die Klappe, wenn wir als über 50jährige zwar noch 20 Jahre Arbeitszeit von uns haben, aber trotzdem keine Chance, einen Job zu bekommen.

Wir halten die Klappe, wenn es die Geldpolitik den Wenigerverdienenden, denen bei denen es nicht für ein breit angelegtes Aktienportfolio reicht, nicht mehr ermöglicht, selbst für ihr Alter vorzusorgen. Und auch, wenn die Immobilienpreise aufgrund einer laxen Geldwäschekontrolle ins Unbezahlbare steigen.

Wir sind einfach still und fügen uns. 

Wir zucken die Achseln und sagen leise „Da kann man wohl nix machen.“ Und wir denken das wirklich, weil schon die Anderen so laut sind. Die, die über uns sind und ihre Rente verteidigen und die, die unter uns sind und von uns ein anderes Leben versprochen bekommen haben, das sie jetzt lautstark einfordern.

Vielleicht hatte Nahles ja auch einfach nur gehofft, dass Millenial-Kevin endlich mal die Klappe hält, wenn sie ihm zwei Opfer bringt.  Das wird er natürlich nicht tun, denn die Klappe aufzureißen, das ist sein USP. Seiner und der seiner Generation. Und Recht hat er. Es ist seine Sache, seine Sache zu vertreten. Es wäre unsere, unsere Sache nach vorne zu bringen. Wir tun es nur einfach nicht.

Das ist der Grund, warum wir übergangen werden. Weil wir es mit uns machen lassen. Weil wir nicht laut werden. Weil wir glauben, wir müssten alles erdulden. Und das werden wir dann wohl auch.

Wir werden still die Scherben aufsammeln, die die 68er hinterlassen haben und damit der nachfolgenden Generation den Weg pflastern, die schon ungeduldig dasteht und fragt, warum das so lange dauert. Und wenn wir abtreten, dann werden wir kein Vermächtnis haben. Wir waren die, die den 68ern nicht im Weg standen und die Millenials bei ihren Zielen unterstützt haben.

Wir selbst, wir sind gar nicht da.

 

Frau Fricke wundert sich über Loser

„Use it or you lose it.“ wispern Personal Trainer, ihren Klienten zu, um uns Marshmallow-Männchen einen Riesen-Schrecken einzujagen. Was wir nicht benutzen, das ist irgendwann einfach nicht mehr da. Ist das schlimm? 

Neulich war ich beim Arzt. Mal wieder. Und ich ärgere mich. Ich hab da was. Und seit fast zwei Jahren weiß keiner, was. Es ging mit einem kleinen roten Fleck los und ist jetzt ein relativ großflächiger Ausschlag. Über den kleinen Fleck zuckte die Ärztin die Achseln. Hat man mal, fand sie. Weiß auch nicht. Geht wieder weg. Ging es aber nicht.
Seit dem machen google und ich ihren Job. Und wir sind offenbar genauso lausig darin wie sie.  Ich sitze also beim Arzt und ärgere mich, weil ich einem deutschen Politiker leider Recht geben muss, der kürzlich meinte, die Leute sollten mal nicht so oft zum Arzt gehen. Eine app täte es ja auch. Er hätte da eine, die ihn in 24 Fragen zur Diagnose führt. Und da denke ich noch: Minimal einer von den beiden ist ein Vollidiot.
Denn Ärzte sind wahnsinnig wichtig – und zwar gerade, indem sie etwas herausfinden, das sie NICHT gefragt wurden.
So eine App, das ist ja der Witz daran, folgt ja nur standardisierten Prozessen.
Eine App ist eine Murmelbahn. Ein guter Arzt ist jemand, zu dem ich gehe, weil ich Husten habe und der mir sagt: „Äh ja, das mit dem Husten ist einfach nur ne Erkältung, aber was ist das denn da für ein Huckel auf Ihrem Rücken? Seit wann haben Sie den denn schon?“ Und der so einen Tumor findet.

So einen Arzt kann man nicht durch eine App ersetzten.
Einen Gesundheitsminister der seine vollkommene Unwissenheit durch derart originelle Vorschläge demonstriert, den schon, finde ich.

Und natürlich auch dieses blinde Huhn im Kittel, das gerade vor mir steht. Denn diese Ärztin ist, weil sie uninteressiert ist an mir und an ihrem Beruf, eigentlich nichts weiter als ein Hindernis zwischen mir und einer app, die das in Zusammenarbeit mit einem Labor besser hingekriegt hätte.
Was nämlich wichtig ist, zu verstehen, ist:

Apps ersetzen keine Menschen. Apps ersetzen Indifferenz. 

Dem Einzelhandel hat die Digitalisierung ja schon große Stücke aus der Flanke gerissen.
Und das hat er genau genommen von langer Hand selbst vorbereitet. Die Läden sind immer größer geworden, die Personaldichte immer geringer. Verkäuferinnen, die was wussten und auch Spaß an ihrem Job hatten, wurden durch billigere Kassiererinnen ersetzt,  die lustlos ein Sortiment in die Regale räumen, in dem sie nicht einmal eine ungefähre Orientierung haben. Bevor ich eine Verkäuferin frage, ob es irgendwas auch irgendwie anders gibt – größer, schwärzer, schöner – weiß ich schon die Antwort:

„Wenn’s da nicht hängt…“ Ein Satz übrigens, der nie zu Ende gesprochen wird.

Wenn es da hinge, würde ich dann fragen?
Und wenn es hier sowieso nur das gibt, was ich mir selber raussuchen kann, was machst du dann hier?

Neulich, als ich eine Porzellandose in einem der Kaufhäuser kaufte, die gerade mal wieder vor der Pleite stehen, übergab mir die Kassiererin ein Päckchen, das in Seidenpapier eingepackt war. Es klapperte. Ich gab ihr die Dose zurück und bat sie, die noch einmal einzupacken und zwar so, dass zwischen Deckel und Dose eine Lage Papier liegt. „Ich muss damit noch fliegen“, erklärte ich mich scheu.
Sie verdrehte die Augen.

Amazon verdreht nie die Augen. 

Wenn die Leute die Wahl haben, zwischen miesem, zeitraubendem physischen Service und digitaler ruck-zuck-wir-bringens-auch-nach-Hause-Einkauferei, wofür entscheiden die sich wohl?

Also: Da wo keine Liebe ist, ist bald amazon. Oder eine Gesundheits-App. Oder sonstwas.
Und darum ist es auch nicht schade. Was schade ist, ist, dass die Gleichgültigkeit der Doofen auch die Ambitionierten mit in den Abgrund reißt und uns so wunderbarer Erfahrungen beraubt – und vielleicht sogar des Lebens.

Denn ich muss schon mal etwas Gutes erfahren haben, um etwas Schlechtes zu erkennen. Ich muss wissen, dass es ärztliche Behandlung jenseits der Standardfragen gibt.
Wenn ich zum Beispiel mein Leben lang in Buchhandlungen eingekauft habe, in denen Buchhändler wahlweise auf die Spiegel-Bestseller-Liste verweisen oder darauf, dass sie jeden Titel innerhalb von vierundzwanzig Stunden bestellen können, dann gibt es da nichts, was man nicht durch einen Versandservice ersetzen könnte. Ich komme – ganz wie eine Diagnose-App – aber auch nicht darauf, etwas zu vermissen, dass ich nicht kenne.
Das ist tragisch. Denn wer zu einem Buchhändler geht, um das Buch zu kaufen, das zu kaufen er sich schon vorher vorgenommen hatte, der hat ja keine Ahnung, was eine richtige Buchhandlung ist. So ein richtiger Buchhändler, der kennt alle seine Bücher. Vor allem die, die sonst keiner kennt. Und er weiß genau, was du magst. Und besser noch, der weiß genau, was du brauchst. Und der öffnet dir Türen zu Welten, die du allein nie entdeckt hättest. So ein Buchhändler, der steht nicht an der Kasse. Der verändert Leben. Und er tut das, weil du ihm nicht egal bist. Und wenn du ihm egal bist, sind es jedenfalls nicht seine Bücher. Und eben hierin liegt das Unersetzliche:

Eine app kann nicht lieben.

Ihre Kunden nicht. Bücher nicht. Medizin nicht. Eine app ist per se gleichgültig.
Und wir sind bereit, uns damit abzufinden, weil wir es nicht mehr besser kennen.
Weil wir eindimensional denken. Weil uns die eminente Bedeutung zwischenmenschlicher Interaktion nicht klar ist.

Wir denken wirklich, ein Buchhändler verkauft einfach nur Bücher.
Wir denken wirklich, ein Barmann schenkt einfach nur Bier ein.
Und selbst der Gesundheitsminister denkt, ein Arzt stellt aufgrund von Standardfragen Standarddiagnosen.

Wir haben verlernt, dass 50% ihrer Lieferung aus Hingabe besteht.

Wir haben das verlernt wie wir schon Kartoffelbrei-machen verlernt haben.
Oder Brot backen. Oder wie man Pfefferminze von Brennnesseln unterscheidet.

Und jetzt haben wir verlernt, dass es jemanden geben sollte, dem wir nicht egal sind.

Frau Fricke wundert sich über sich selbst

Neulich im Bus, da steht jemand vor mir und trägt ein T-Shirt, auf dem steht: 
„Be the person your eight year old self would be proud of.“ Uff! Bin ich das?

Ich schätze es ja nicht, wenn ich so mitten im Alltag von potentiell lebensverändernden Fragen angefallen werde. Aber jetzt ist sie da. Und sie lässt nicht los. Nun hat sie schon dieses Denk-Tourette ausgelöst, an dem ich leide. Die Frage verfolgt mich. Wörtlich. Als ich neben mich schaue, steht die achtjährige Hannah da.

„Was machst du denn hier?“ frag ich sie.
„Ich verfolge dich.“ sagt sie, als wäre das völlig normal.
„Ich gehe einfach nur nach Hause.“ sag ich.
„Prima“, sagt sie, „da gehe ich einfach nur mit.“

Ich zucke die Achseln. Im Fahrstuhl will sie auf den Knopf drücken. Ich lasse sie.
Sie guckt über die Schulter und zieht eine Augenbraue nach oben und die Mundwinkel nach unten. ‚Fahrstuhl‘ soll das heißen ’sehr nobel‘. Ich weiß, dass das aus ihrer Sicht so aussieht, denn sie wohnt im fünften Stock ohne Fahrstuhl, aber bitte, inzwischen sind ja auch einige Dekaden vergangen und die Standards haben sich verändert.

Als ich die Tür aufschließe, hüpft sie einfach vor. So vorwitzig hatte ich sie nicht in Erinnerung.
„Darf ich mich mal umschauen?“ fragt sie.
Ich zucke die Achseln:
„Mi casa es tu casa.“ sage ich und komme mir gleich irgendwie bekloppt vor.
Natürlich ist mein Haus auch ihr Haus.

Hannah hüpft los. 

„Willst du was trinken?“ rufe ich aus der Küche. Aber ich höre nur einen Schrei. Er kommt aus dem Büro. Ich rase.

„Hast du dir was getan?“ frage ich die kleine Hannah
„Sind das alles deine Bücher?“ fragt sie zurück
„Ja klar. Wem sollen die denn sonst gehören?“
„Keine Ahnung. Deinem Mann? Deinen Kindern?“
„Hab ich nicht.“
„Oh, das ist schade.“
„Wieso?“
„Haben doch alle.“
„Ich nicht.“
Hannah sieht mich immer noch bedauernd an.
„Mama hat auch keinen Mann.“ sagt sie.
„Das ist was anderes.“ sag ich.
„Warum?“
„Weil sie das unglücklich macht.“
„Und du bist glücklich?“
Ich überlege einen Augenblick zu lange und dann sage ich
„Ich bin jedenfalls nicht unglücklich. Und man braucht ganz bestimmt keinen Mann zum Glück. Kannste dir gleich mal merken. Das wird noch nützlich sein.“

Die kleine Hannah nickt automatisch, wie Kinder das so tun, wenn sie vorhaben Belehrungen sofort wieder zu vergessen. 

„So viele Bücher will ich später auch mal haben.“ sagt die kleine Hannah, „Hast du die alle gelesen?“
„Klar, hab ich die alle gelesen.“ sag ich. „Also fast alle. Den Stapel da drüben noch nicht.“
„Dann musst du ganz schön schlau sein.“ sagt sie. „Ich wär auch gern schlau.“
„Das bist du.“ sage ich. Aber ich weiß auch, dass sie mir das nicht glauben wird.

Hannah sagt erstmal nichts. Sie setzt ihre Wohnungsinspektion fort.
Sie unterhält sich kurz mit meinem Kuscheltier, sie bestaunt die Eiswürfel, die ich ihr in ihr Wasserglas tue, sie kann nicht fassen, wie groß meine Wohnung ist und dass ich ein richtiges Himmelbett habe. Am meisten beeindruckt sie aber, womit ich meine Tage verbringe.

„Und du hast keinen Chef?“ fragt sie.
„Naja, würde ich jetzt so auch nicht sagen.“ sage ich. „Ich hab ja Kunden, die was von mir wollen und mit denen muss ich mich auch abstimmen. Ich kann jetzt auch nicht immer das machen, was mir gerade einfällt.“
„Aber ein bisschen schon?“
„Ein bisschen schon. Dafür bin ich aber auch nicht so abgesichert wie andere.“
„Abgesichert?“
„Finanziell“
„Ist das wichtig?“
„Fühlt sich jedenfalls so an. Eigentlich hab ich immer irgendwie ein bisschen Angst.“
Hannah nickt.
„Ich weiß genau, was du meinst.“
Und ich weiß, dass sie das weiß.

„Und du musst nicht zur Arbeit?“ fragt die kleine Hannah
„Doch klar, da vorne, wo die Bücher stehen. Das ist mein Büro.“
Hannah staunt
„Das sieht aber total schön aus!“ sagt sie
„Deswegen hab ich es ja so eingerichtet.“
„Und wo arbeiten die anderen?“
„Die arbeiten da, wo wie wollen.“
„Du bist aber ein toller Chef.“ findet die kleine Hannah. „Wenn ich groß bin, will ich auch Chef sein. Nee, warte, ich will auch ein toller Chef sein.“
„Ich glaube, das kriegst du hin.“
Hannah zuckt die Achseln. Ich weiß, dass sie mir das nicht glaubt. Aber ich freue mich, dass ich schon weiß, dass sie sich irrt.

Dann fällt mir was ein: 

„Soll ich dir mal sagen, was ich an dir toll finde?“ frage ich sie
Die kleine Hannah zuckt zusammen. Mit Beurteilungen ganz im Allgemeinen steht sie auf keinem guten Fuß. Ich sag es ihr trotzdem.

„Ich finde es toll, dass du versuchst, mit allem klar zu kommen. Du übernimmst Verantwortung. Das wird später sehr nützlich sein.“ sage ich. „Und du bist so der Typ, der aus nem Papiertaschentuch und ner Büroklammer aus purer Langeweile eine Waschmaschine baut.“ Die kleine Hannah lacht. „Das ist auch gut. Das können viel zu wenige. Sollst mal sehen. Das wird später noch sehr vorteilhaft werden.“

Ich weiß, dass die richtig harten Zeiten für die kleine Hannah erst noch kommen werden. Ich würde ihr gern dabei helfen, aber ich weiß, dass ich das nicht kann. Und eigentlich ist die kleine Hannah ja auch hier, um mir zu helfen, eine Frage zu beantworten. Aber darüber, dass mir das gerade egal ist, dass sie mir wichtiger ist, weil sie noch so klein ist, darüber freue ich mich.

„Und ganz, ganz, ganz wichtig: Egal, was alle um dich herum sagen: Schreiben ist kein Quatsch, ok? Schreiben ist wichtig. Das ist kein Huttut. Du kannst das richtig gut. Lass dir nicht einreden, dass das nicht so ist. Guck“, sag ich, „ich lebe vom Schreiben. Das kannst du auch.“

Ich weiß genau, dass die kleine Hannah das vergessen wird. Aber versuchen kann man es ja mal.

„Und?“ frage ich „kannst du dir vorstellen, später auch so zu leben?“
Die kleine Hannah nickt. Ich reiche ihr ein Eishörnchen an. Sie reibt ihren Bauch.

„Das wäre total schön.“ sagt sie. „Aber ist eben nicht.“
„Warum?“ frage ich sie.
„Sowas“ sie lässt ihr Eis über meiner weißen Couch schweben „das ist nicht für Leute wie  mich.“
Ich nehme sie in den Arm.
Ich weiß, das wird sich immer so anfühlen.
Ich weiß, es wird immer falsch sein.

Und in dem Moment begreife ich, dass ich einen klareren Blick auf sie habe, als sie selbst
und sie einen klareren Blick auf mich.

„Ich bin stolz auf dich, kleine Hannah“ sag ich.
„Und ich wär stolz, wäre ich du.“ sagt sie.

Dann macht es Ping und ich habe eine Nachricht auf meinem Handy.

Eine Freundin schreibt mir, ihr neuer Roman würde bald erscheinen. Es ist der zwölfte glaube ich. Ich hab nicht mal meinen ersten Roman fertig. Ich bin der totale Loser!
Und sie, sie hat sogar einen Wikipedia-Eintrag. Einen Wikipedia-Eintrag!!!

„Sag mal“, frag ich sie, „bist du eigentlich stolz auf dich?“
„Naja“, sagt sie „könnte besser laufen. Also, ich verdiene gut und meine Bücher find ich echt klasse und so. Aber die könnten schon mehr Auflage haben.“
Heißt also: Nein.

Ich sage nichts. Ich stelle mir vor, wie ihr achtjähriges Ich vor einem Bücherregal steht und seinen eigenen Namen auf Bücherrücken liest. Ich stelle mir vor, wie es Wikipedia entdeckt und denkt: „Wooooow, das bin ja ich!“

Und ich wünschte mir, dass wir alle viel mehr Zeit mit diesen Knirpsen verbringen könnten, die unsere Wege unterhalb der Null-Linie markieren.

Die wären so stolz auf uns!

Und wir, wir könnten so viel von ihnen lernen.

Frau Fricke wundert sich über unbemannte Raumfahrt

Männer sollen ja vom Mars sein, höre ich, und Frauen von der Venus. Gibt es da wirklich überhaupt kein Besuchsprogramm? Keinen Studentenaustausch? Nicht mal Sprachkurse? Irgendwie sind wir lost in translation. 

In letzter Zeit wird ja eine Menge über Frauen geschrieben. Gelegentlich auch von Männern übrigens. Und die meisten davon sind genervt. Eben war es noch sehr gemütlich so in der Chefetage, auf dem Start-Up-Summit, in der Wirtschaftsredaktion und jetzt kommen die Tussen und heulen rum, dass sie keinen Keks abgekriegt haben. Jetzt zählen die die Führungskräfte durch, rechnen nach, was wer wo verdient und wer wen mal wohin gepackt hat und dann machen die darüber ein Riesenfass auf.

„Siehste“, sagen die, die sich trauen „und darum haben wir eben genau keinen Bock auf euch. Weil das mit euch immer total uneasy wird. Weil man bei euch immer einen Untersetzer benutzen muss. Weil ihr einfach total humorfrei seid.“

Und dann fühle ich mich mies. Weil ich möchte natürlich, dass sich alle supergut fühlen. Ich möchte auch nicht die Doofe sein, die als einzige nicht über das Furzkissen lachen kann. Wenn es irgendetwas gibt, an dem ich ganz deutlich merke, dass ich kein Mann bin, dann ist es das.

Männern ist es nämlich beneidenswert Wurscht, ob sich Frauen in ihrer Gegenwart knorke fühlen. Um die geht’s ja gar nicht. Es geht ja darum die anderen Jungs zu beeindrucken.

Es geht überhaupt nicht um Frauen. Das machen Männer komplett unter sich aus. 

Erst neulich gab es einen Skandal, der das seltsam transparent machte. Also, genau genommen ein Skandälchen. Ein im letzten Moment abgefangener Kommet, der nicht mehr in unsere Welt stürzte. Was war passiert?

Piloten einer Airline hatten Videos ausgetauscht. Home made videos. Von sich selbst. Genau genommen von sich selbst, wie sie es gerade irgendjemandem vom Kabinenpersonal besorgten. Ich glaube, das ist eine ziemlich zutreffende Darstellung.

Natürlich hätte ich auch eleganter schreiben können. „Sie tauschen Videos aus, auf denen sie selbst und eine Kollegin zu sehen waren, wie beide sich den Freuden körperlicher Zuneigung hingaben.“ Aber das würde eben den Sachverhalt nicht korrekt wiedergeben. Denn die Frauen auf diesen Videos waren praktisch gar nicht da. Für die interessierte sich kein Mensch. Worum es ging, war ein „Schneller, höher, weiter“, in dem die betroffenen Damen nur die Sandbox waren, in die es zu springen galt, die Tartan-Bahn, auf der man die Leistung erbrachte, die Latte (Haha, sie hat „Latte“ geschrieben!), die es zu reißen galt (haha, sie hat… egal.).

Woher ich das weiß? Ganz einfach: Die Videos tauschten die Piloten nur untereinander. Die Frauen wussten nichts davon, dass sie gefilmt worden waren. Sie wurden auch nicht mit dem cinematographischen Material beglückt. Als Souvenir so zu sagen. Man verschickte diese Filmchen auch nicht als Bewerbungsmaterial, an andere Damen des Personals, um diese von der Qualität der eigenen Dienstleistungen zu überzeugen. Die Bewegtbilder dienten einzig dem Wettbewerb und dem gegenseitigen Amusement.  Vielleicht auch als Kerbe am Cold. Wer weiß das schon? Sie dienten jedenfalls ganz sicher keiner einzigen der Frauen, die – aus welchen Gründen auch immer – dämlich genug waren, mit ihrem Chef ins Bett zu gehen.

Übrigens gab es keinerlei Konsequenzen. Die Fluggesellschaft räumte ein, dass ihr das in Frage stehende Material vorläge, bedauerte aber, dass man seine Quelle nicht hätte ermitteln können. Tatsächlich?

Interessiert das wirklich keinen Schwanz?

Oder mal so: Wenn sich all die auf dem Porsche räkelnden Bikinimodels, die Sextapes und die Höhöhö-Bemerkungen, die Männer so von sich geben, an eine männlichen Zielgruppe wenden, findet diese männliche Zielgruppe das dann in ihrer Gesamtheit top? Reden die auch so über ihre Frauen und Töchter? Bin ich jetzt nur grenzenlos naiv, wenn ich denke, dass die Schwanzlurche eine Minderheit sind und dass die auch der Mehrheit der Männer unglaublich auf den Sack gehen? Und wenn das so ist – warum sagen die dann nichts? Warum tun die nichts? Warum distanzieren die sich nicht? Warum sagen die nicht mal: „Selber doof!“

Ich hab verstanden, dass das Verständnis von Männern und Frauen untereinander begrenzt ist. Ich selber stehe da manchmal im Dunkel  – wie dieses Blogpost ja deutlich erkennen lässt. Ich nehme es Männern deswegen nicht übel, wenn sie manchmal ein eklatantes Unverständnis Frauen gegenüber an den Tag legen.

Ich verstehe, dass es für einen Mann schwer zu verstehen ist, warum alle am Markt befindlichen Wirtschaftsmagazine an Männern orientiert und für Frauen daher weitgehend untauglich sind. Und ich sehe es einem sehr geschätzten Kollegen nach, dass er erstaunt meinte, die seien doch alle geschlechtsneutral und das Manager Magazin habe sogar mal eine Modestrecke gehabt. Geschenkt.

Ich kann nachvollziehen, warum Männer am liebsten andere Männer befördern, die genauso sind wie sie selbst. Die die gleichen Ziele verfolgen, dieselben Konzerte gehört und eine Dauerkarte für den selben Fußball-Verein erstanden haben. Ich kann verstehen, warum sie glauben, es sei ein Zufall, dass sie keine einzige leitende Position mit einer Frau besetzt haben. Ich glaube ihnen, dass sie glauben, dass sie auch eine Frau für den Job genommen hätten, wenn sie ihrer Meinung nach die Beste für den Job gewesen wäre. Und nicht so anstrengend. Und auch mal Spaß verträgt.

Ich hab das Grundprinzip verstanden:

Das Stadium, in dem die großen Spiele stattfinden, steht auf dem Mars. 

Wir von der Venus haben uns bemüht, die marsianischen Regeln zu erlernen, wir haben uns bemüht, die Sprache des Mars zu erlernen –  aber wir sind Besucher aus einer fremden Welt. Fremdarbeiter so zu sagen. Wir werden immer einen Akzent haben. Wir werden nie so gute Marsianer sein, wie die Marsianer selbst.

Dafür sind wir aber verdammt gute Venusianer.

Solange wir von der Venus aber keine Aufenthaltsgenehmigung haben, solange wir nicht Bürgerrechte haben, kein Wahlrecht und keinen Zugang zu Gestaltung und Macht, solange es allen egal sein kann, was wir denken oder leisten, sind wir weiter nur der Fleck auf dem Film, in dem der Pilot verschwindet.

Und weil den Piloten und seinen kleinen Freunden der Fleck und seine Meinung so überhaupt nicht interessiert, weil den nur ihr interessiert, Männer, ihr und eure Meinung, deswegen, seid damit großzügig! Gebt ihnen eure Meinung. Sagt nicht „Hihihi“ und „Hohoho“, wenn ihr es nicht meint. Sagt, was ihr wirklich denkt.

Stellt euch einfach vor, es ginge um eure Frau. Oder Tochter. Oder Mutter.

Wir zählen auf euch! Auf Marsianisch. Extra gelernt!

 

 

Frau Fricke wundert sich, ob sie was Einzigartiges verpasst hat

Warum sind alte Menschen so unflexibel? Warum sehen sie nicht die neue Welt, die den Jungen schon klar am Horizont erscheint in all ihrer Macht und Schönheit? Warum sind die so doof? Vielleicht, weil sie nicht alles, was sie zum ersten Mal sehen für neu und aufregend halten. Vielleicht auch, weil sie durch die neuen Schläuche den alten Wein erkennen.

Mit Kaffee hat’s angefangen. Ich stehe vor einem bärtigen Mann, an dem jemand eine schwere Segeltuchschürze mit Lederriemen vertäut hat, als müsse sie einen Sturm überstehen. Eigentlich will ich nur einen Kaffee. Der Mann guckt mich erwartungsvoll an, als käme da noch was. Es kommt nichts. Er zieht die Augenbrauen hoch und steufzt. „So kann ich nicht arbeiten“ soll dieses Seufzen heißen. „Ich brauche hier echt nen Briefing.“ Ich bin verunsichert. Haben wir hier ein sprachliches Problem?

„Äh, Kaffee“ sag ich. „Weißtschon. Heißes Wasser, das durch gemahlene Kaffeebohnen läuft.“ Er sieht durch mich durch. „Lecker.“ sag ich also tapfer und hoffe, dass er damit irgendwas anfangen kann. Und tatsächlich wird er plötzlich munter.

„Oh“, sagt er, „Ja, das haben wir.“ Ich bin nicht überrascht. „Ganz neu. Erst seit ein paar Tagen.“ Jetzt bin ich’s schon. Er dreht sich um und verschwindet kurz. Dann kommt er mit etwas wieder, von dem er sicher ist, dass ich es noch nie gesehen habe. Er hält es triumphierend in die Höhe und ich sehe kurz, was er jetzt sieht: Ein verrücktes Instrument. Ein Ding, das man eher in einem Labor vermuten würde. Den ganz letzten heißen Scheiß.

Der Mann schmeißt ein Gerät an, das tatsächlich aussieht, wie der Bunsenbrenner aus meinem Chemieunterricht und darüber stellt er ein ulkiges Gestell und darauf eine Glasblase mit Wasser. Wir sind definitiv im Chemieunterricht. Während das Wasser seinem Siedepunkt entgegeneilt, greift er in eine Schublade und holt eine winzige Tüte aus dickem braunen Papier heraus. Damit kleidet er das Instrument aus, das er aus dem Hinterzimmer geholt hatte, mahlt Kaffee, füllt das Kaffeemehl ein und hält mir einen kurzen Vortrag über Kaffeearmomen und die ultimative Methode, sie der Bohne zu entreißen. Nämlich diese hier. Er gießt das inzwischen blubbernde Wasser auf. Ein betörender Duft steigt auf.

„Ach“ sag ich, „Das riecht jetzt so nach Sonntag bei Opa. Der hat das auch immer so gemacht.“

Dem Bärtigen fällt fast die Glasblase aus dem Schutzhandschuh. „Das ist aber was ganz Neues.“ sagt er. „Nee“, sag ich, „Das ist Filterkaffee. Da wo ich herkomme, hat man Kaffee früher immer so gemacht. Also jetzt bevor Cappuccino in Mode kam. Und Espressomaschinen und sowas.“ Der Bärtige ist entsetzt. Ich kann nicht sehen, aber erahnen, wie seine Mundwinkel hinter seinem Kinnpelz zusammenfallen. Hinter seinen hohlen Augen sehe ich sein Leben rückwärts vorbeilaufen. Alles, wofür er gelebt hat, verschwindet in diesem Moment durch einen Kaffeefilter, den ich als „poplig“ bezeichnet hätte – bevor ich die Rechnung gesehen hab.

Vielleicht hat er sich abends in einem Akt von Autoaggression einen Nescafe gemacht und leise hinein geweint. Vielleicht hat er aber auch seinem Kummer über die Ignoranz seiner Umwelt in 140 Zeichen Ausdruck verliehen.

Der Häschtäck „diesejungenleute“ würde sich da anbieten.

Da treffen sich junge Leute gewissermaßen um gemeinsam zu beklagen, was noch jede Generation junger Leute vor ihnen beklagt hat: Dass alle ganz gemein sind zu den jungen Leuten. Keiner nimmt sie ernst. Keiner hört ihnen zu. Keiner sieht, dass sie total toll und voll innovativ sind. Und – vielleicht wenigstens ein kleines bisschen neu:

Keiner sieht wir unglaublich einzigartig sie sind, diesejungenleute. Sie selbst und alles, was sie tun. 

Das übrigens, scheint besonders schwer auszuhalten: dass alles schon mal da war. Selbst diese Schwierigkeiten, seinen Platz in der Welt der Etablierten zu finden, ist nicht neu. Das also war der Grund, warum damals der „Fänger im Roggen“ als Klassensatz bestellt wurde!

Nie ist was neu und einzigartig genug. Jedes Mal, wenn diesejungenleute mit glänzenden Augen irgendetwas Neues in die Gesellschaft tragen, gähnen nur alle träge und sagen: „Kennwaschon.“ Denn merke: Nur weil etwas einen Häschtäck hat, ist es noch nicht revolutionär. Und was die urls angeht, die allein machen auch noch keine Innovation. Auch im letzten Jahrtausend gab es schon Kasinos, Mitwohnzentralen, Mitfahrzentralen und Versandhäuser. Es gab Lexika, Wörterbücher, Kinos, Pornos, Banken. Manchmal ist diese Erkenntnis für diesejungenleute ein echter Schock. Leute haben sich unterhalten, sie haben einander geschrieben, sie haben zusammen etwas unternommen und manchmal haben sie zusammen gesessen und sich etwas ausgedacht, das zumindest ihnen neu vorkam. Manchmal hatten sie sogar Erfolg damit. Und es gab Kaffee. Alles nichts Neues.

Es gab auch schon Monopolisten, Kopisten, Firmenzusammenbrüche und Disruption. Sorry. 

Vielleicht sind die Alten da etwas gelassener, weil sie genauso waren, weil auch sie alles superrevolutionär und absolut neu fanden, was sie zum ersten Mal verstanden hatten. Weil auch sie ihre Umgebung damit genervt haben. Weil auch sie ihre Begrenzung nicht erkannt haben. Sie haben die Entwicklungen von Dingen gesehen, die sie für unfehlbar hielten, sie haben gesehen, wie sie im langen Marsch durch die Jahrzehnte abschliffen wurden und die immer selben archaischen Machtstrukturen und Urinstinkte frei legten. Am Ende ging es immer nur um Macht und Geld und den eigenen Vorteil. Und auch das ist weder neu noch einzigartig. Kain und Abel, Jakob und Esau, Josef und seine Brüder könnten ein Hinweis darauf sein.

Blöd gelaufen für die Prinzen und Prinessinnen, die mit „Ganz besonders und einzigartig“ als Motto im Schild aufgewachsen sind. Ich selbst bin ja ein Baby Boomer. Das war ja noch die Schuldigung-dass-ich-da-bin-Generation. Die Hochzeitsgrundkinder, die gelernt haben, dass sie sich jetzt bitte wenigstens im Hintergrund halten möchten, wenn sie ihre Eltern schon mit ihrer Existenz belästigen und sie an der gerade in Mode gekommenen Freien Liebe hindern. Das sind die, von denen es immer zu viele gab. Zu große Klassen, zu wenige Ausbildungsplätze, zu wenige Wohnungen. Das sind die, deren erste Pflicht es war, mit dem Hintergrund zu verschmelzen und nicht weiter aufzufallen. Das wollte unsere Generation ihren Kindern ersparen. Und so entstand die Generation Du-sollst-wissen-das-du-etwas-ganz-Besonderes-bist. Wir haben’s gut gemeint, aber nicht gut gemacht. Denn was uns nicht klar war: Das, wovor wir unsere Kinder unter allen Umständen bewahren wollten, haben wir ihnen so als werkseitig eingebaute Sollbruchstelle mitgeliefert: Das totale Versagen. Hinter der Versicherung, besonders zu sein, lauert auch der Anspruch, es sein zu müssen.

Rein mathematisch kann aber nun mal nicht jeder einzigartig und überragend sein.

Und so bleibt diesenjungenleuten eigentlich nichts weiter übrig, als alles, was sie gerade neu gelernt, neu verstanden oder sich neu angeeignet haben, als einzigartige Erkenntnis und total neue Entwicklung umzudeuten. Wenn eine echte Kulturrevolution ausbleibt, (Sorry, Leute auch die gab’s schon), dann verbiegt man sich eben in Kognitiver Dissonanz, so lange, bis man etwas dahin umdeuten kann, dass es wie ein Vorbote eines leuchtenden neuen Zeitalters aussieht. Verzweifelte Gründer und ihre mittellosen Ausbeuterbuden werden schnell zu Startups umlackiert und holen sich damit einen „Gut gemacht“ und eine Million Venture Capital von der Generation, die ihnen verschweigt, dass sie das eigentlich nur aus nostalgischen Gründen macht.

Es war blöd, diesejungenleute mit der Hypothek zu belasten, etwas Besonderes sein zu müssen. Es ist auch blöd, ihnen jetzt vorzumachen, dass nur sie allein die Welt verstehen. Denn wir haben hier eine Aufgabe, die wir nur im Teamwork bewältigen können. Die Etablierten haben die Erfahrung – ja und manchmal auch die Angst –  die vor Kurzsichtigkeit und übereilten Entschlüssen bewahrt und die Jungen haben den Mut – ja und manchmal auch die Ignoranz – Dinge vorzuschlagen, die die Alten nicht zu denken gewagt hätten. Jeder für sich geht unter. Die einen aus Bewegungslosigkeit. Die anderen mit blindem Aktivismus. Aber zusammen wären wir großartig.

Das setzt allerdings Respekt voraus. Und Demut. Auf beiden Seiten.

Und an genau diesem Respekt lassen es die Alten fehlen, wenn sie nicht bereit sind, sich auf einen Dialog mit diesenjungenleuten einzulassen, sie in Frage zu stellen und ihnen zu erlauben fehlbar zu sein. Das setzt aber voraus, dass man sich die Mühe macht, Thesen zu hinterfragen und sich auch selbst unbequeme Fragen gefallen lässt, anstatt aus Bequemlichkeit, alles zur interessanten einzigartigen ganz und gar neuen Deutungsvariante zu erheben.

Als ich einer dieser jungen Leute war, hatte ich wundervolle Mentoren. Einer davon war Herr Diekmann, ein unwahrscheinlich kluger Handwerker, der es zu einem ausgesprochen florierenden Unternehmen gebracht hatte, das er von seiner neu bezogenen Villa im Nobelviertel der Stadt betrieb. Ich gab seiner Tochter Englisch-Nachhilfe und belehrte ihn beim Mittagessen, zu dem ich jedes Mal eingeladen wurde, dass Herr Diekmann für mich ein Ausbeuter war. Herr Diekmann nickte nicht anerkennend und fand, dass ich da aber mal auf eine ganz wahnsinnig unique Idee gekommen wäre, er erklärte mir detailliert seine Sicht – und er stellte Fragen. Kurz: Herr Diekmann nahm mich ernst. Und das hieß auch, dass er mich nicht mit Blödsinn davon kommen lies. Dafür kann ich ihm gar nicht genug danken. (Vielleicht sollte ich das tatsächlich mal persönlich tun.)

Ich hab viel von Herrn Diekmann gelernt. Und er vielleicht auch ein bisschen von mir. Ich weiß es nicht. Ist auch egal. Wichtig ist, dass Herr Diekmann nicht von mir erwartet hat, zu verstehen, dass ich nicht alles verstehe. Er hat auch nicht von mir erwartet einzigartig zu sein und die Welt zu revolutionieren. Er hat einfach nur erwartet, dass ich ihm denselben Respekt entgegenbringe, den er mir entgegen zu bringen bereit war. Und ein Teil dieses Respekts war, dass er mir nicht vorgemacht hat, ich wäre mehr als ich war. Ein Teil dieses Respekts war auch, dass ich wusste, dass er mich trotzdem schätzt. Einfach dafür, dass ich ich war. Wenn ich irgendwas von Herr Diekmann gelernt habe, dann, dass ich gar nicht Besonders sein muss, um wichtig zu sein. Kein Gründer, kein Influencer, keiner, der den Filterkaffee neu erfunden hat. Einfach nur ich.

Vielleicht war das meine Kulturrevolution.

 

Frau Fricke wundert sich über Diener

„Ein Fürst ist der Erste Diener des Staates.“ soll Friedrich II von Preussen gesagt haben. Als Greis musste er sich auf einen Stock stützen. Ein krummes Häkchen, niedergedrückt von einer übermächtigen Verantwortung. Will man das?

Oprah will, obwohl sie weiß, dass sie es nicht kann. Was Trump weiß oder kann, weiß oder kann inzwischen niemand mehr sagen. Aber dass er nicht kann, das wissen wir. Und Lindner wollte nicht mehr, als er konnte – was eher selten ist denn eigentlich will immer jeder der Bestimmer sein.

Man fragt sich, warum eigentlich. Bestimmen ist ja ganz schön schwer. Und man lenkt ja nicht nur die eigenen Geschicke, sondern die vieler Menschen, die von einem abhängig sind – oder sich abhängig fühlen. Und die wenigsten Menschen mögen dieses Gefühl von Abhängigkeit. Dafür ahnen sie aber diffus, dass es die Bestimmer sind, die dieses Gefühl auslösen, und erlauben sich daher im Gegenzug den Luxus, Bestimmer abgrundtief abzulehnen. Völlig egal warum. Wer Bestimmer ist, dem muss klar sein, dass er das Gesicht ist, das man bei Wikipedia neben dem Begriff „Dagegen sein“ sehen wird. Dass er von genau den Leuten gehasst wird, deren Gehälter er in einer Krise sichert, während er selbst wochenlang auf Aldi-Toastbrot kaut.

Warum sollte das jemand wollen? Sind die alle irre?

Meine Vermutung ist: Das alles ist eine Verkettung schrecklicher Missverständnisse. Und die beginnt mit einer krassen Missinterpretation des Wortes „Führung“ wie in „Personalführung“, „Amtsführung“ oder „Führungsposition“. Das kommt davon, wenn man in Geschichte nicht aufgepasst hat und von Marie Antoinette nur weiß, dass sie echt coole Klamotten hatte und eine Schwäche für Brioche. Dabei könnte man gerade von ihr lernen, wie unerfreulich Karrieren an der Spitze enden können, wenn man keine überzeugende Führungspersönlichkeit ist und auch nicht vorhat, es zu werden.

Um ihrem Schicksal zu entgehen, wäre es also ganz wichtig, zu verstehen, dass folgende weit verbreitete Annahmen Irrtümer sind:

 

Irrtum Nr. 1: Führung ist, was von allein passiert, wenn alle einem nachlaufen müssen.

Wenn man vorne ist, sagt einem keiner, dass man hinten liegt.

Wer mit Kritik nicht gut umgehen, wer schlecht zwischen sich und der Sache unterscheiden kann, der hält das für eine gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist aber, dass das tatsächlich die schlechte Nachricht ist. Denn Kritikfähigkeit, die Fähigkeit, Rat anzunehmen, eine bessere Idee als besser zu erkennen und umzusetzen, auch wenn sie nicht die eigene war, ist eine der kritischsten Eigenschaften einer Führungspersönlichkeit. Überall sonst ergibt das für jeden sofort einen Sinn. Keiner würde das Angebot abschlagen, eine miese Souterrain Wohnung gegen eine mit Dachterrasse zu tauschen, einen Wollpulli gegen einen aus Cashmere, eine Schrottkarre gegen einen Neuwagen. Nur bei Ideen scheint das echt schwer zu sein. So schwer, dass sich manche einfach in die Illusion flüchten, praktisch jede Idee, die sie je gehört haben, wäre von ihnen – außer natürlich sie stellt sich später als Irrtum heraus. Dann ist man schlecht beraten worden.

Wer erster Diener ist, dem wird der Umgang mit Kritik leichter fallen, denn es geht nicht um ihn selbst. Es gibt etwas, dem er dient. Etwas, das größer ist, als er. Dem Staat, der Sache, der Firma. Schwieriger wird das natürlich für die Sonnenkönige unter den Chefs und die unterliegen dem zweiten Missverständnis:

 

Irrtum Nr.2: Untergebene sind die, die unten stehen und geben. 

Ein Missverständnis biblischen Ausmaßes! „Macht euch die Erde Untertan“ wurde vielfach missinterpretiert als „Macht mit der Erde, was ihr wollt. Die kann sich sowieso nicht wehren.“ Sowas ist ja immer ein Irrtum. Jeder hat Macht. Nur nicht alle dieselbe und zur selben Zeit. Aber das wird jetzt zu kompliziert. Kommen wir auf den Untertan zurück.

Wenn man sich das Wort mal richtig ansieht, stellt man fest: Das kuschelt sich in das Bauchfell eines Größeren und flüstert leise herauf: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, sollst gut auf mich aufpassen, sonst muss ich schreien.“ Wer kleiner ist als wir, wer uns also untersteht, wer uns unterstellt ist, untertan ist, ist jemand, auf den wir aufpassen sollen. Für dessen Wohlergehen wir verantwortlich sind. Niemals hat je ein Elternpaar das Haus verlassen und zum großen Geschwister gesagt: „Wir sind dann mal weg. Jetzt bist du der Herr im Haus. Also: immer druff. Versklav die kleinen Racker – denn du kannst das und die können sich nicht wehren.“ Nein, Eltern erwarten von den Großen, dass sie auf die Kleinen aufpassen, ihnen vorlesen, ihre Launen ertragen, sie trösten, wenn sie weinen, die Mikrowelle für sie bedienen und klaglos die Trickfilme gucken, die die Kleinen eben gucken wollen. Vor allem aber, sollen die Großen die Knirpse vor Schaden bewahren –  auch wenn die Knirpse das nicht wollen, weil sie gerade die Streichhölzer gefunden oder das Scherengitter am Treppenaufgang geöffnet haben. Weil das eben das ist, was man so tut als führendes Familienmitglied: Beispiel, Liebe und nein sagen.

Das mit dem Unten stehen und geben verhält sich also eher umgekehrt. Und auch das könnte man aus dem Geschichtsunterricht wissen, wenn man besser aufgepasst hätte, als es darum ging,  was „L’etat c’est moi“ – der Staat bin ich – tatsächlich bedeutete für Ludwig der XIV von Frankreich, das Sinnbild des Autokraten, den Sonnenkönig.

Von morgens bis abends war Ludwig nicht Mensch, er war Staat und gehörte damit nicht sich selbst, sondern allen, die wollten, was er hatte: Macht. Nur, indem er die teilte, herrschte er. Nichts, wirklich gar nichts bestimmte er nach seinem persönlichen Gusto. Wie er schlief, wann er schlief, mit wem, was er anhatte, wer Zugang zu seinen Räumlichkeiten hatte, wer ihm was anziehen, anreichen, antragen durfte, alles war vorbestimmt – und zwar nicht durch ihn. Alles diente einem höheren Ziel, einer höheren Macht und diese Macht war nicht seine Person. Diese Macht war Frankreich. Ein Frankreich – machen wir uns nichts vor – das nicht das Frankreich der Bürger war, sondern einer dünnen Upper Crust, an deren Wohlergehen sich der Rest des Landes orientierte.

 

Was hat man denn dann davon, Chef zu sein? Die Antwort ist: Verantwortung.

Und die Verantwortung – auch das ein weit verbreiteter Irrtum – ist nicht etwa der Titel auf der Visitenkarte oder der Grund für eine Gehaltserhöhung. Verantwortung heißt, dass man dafür Sorge trägt, dass es allen gut geht. Dass ein Schiff heil in den Hafen kommt. Dass sich in einem Unternehmen alle gut und sicher fühlen. Dass sich eine Regierung am Wohl ihrer Bürger orientiert.

Ja, blöd gelaufen. Chef sein, egal, ob Staatschef, Firmenchef oder Küchenchef, das heißt nicht, der mit dem coolen Krönchen auf dem Kopf zu sein. Der, der bejubelt wird, der mit der dicken Marie. Chef sein, das heißt Sicherheit zu geben. Durch klare Ansagen, durch Berechenbarkeit und Nahbarkeit. Dadurch, dass man anerkennt, dass das, was man tut größer ist, als der, der man ist.

Ich weiß nicht, ob Chef zu sein immer noch so attraktiv wäre für Oprah, für Trump, für die vielen Erben, die demnächst frisch von einer privaten Business School kommend die Verantwortung für Firmen mit Tausenden von Mitarbeitern übernehmen werden, wenn sie verstanden hätten, dass es die natürliche Eigenschaft von Autorität ist, nicht eingefordert werden zu können, sondern verdient werden zu müssen. Verdienen. Dienen. Da ist es wieder.

Es würde mich also nicht wundern, wenn es stimmt, was man immer wieder liest: Dass Millanials Führungspositionen fürchten. Dass sie keine Verantwortung mehr übernehmen wollen. Dass sie lieber auf dem Rücksitz sitzen wollen, als am Steuer. Da könnte es natürlich über kurz oder lang eng werden.

Vielleicht sind die aber auch gar nicht die Generation der Schlaffis.

Vielleicht sind die die Generation derer die verstanden haben, dass das Wort „Verdienst“ von „dienen“ kommt – und es etwas substanziell anderes ausdrückt als das Wort „Einkommen“.

Frau Fricke wundert sich über geteiltes Leid

Geteiltes Leid, so sagt man, sei ja halbes Leid. Ob das wohl der Grund ist, warum sich Leute plötzlich Leid zu Eigen machen, das gar nicht das eigene ist?

Neulich hatte ich Besuch. Die Bekannte einer Freundin, die mir selbst zunächst nicht bekannt war, kam zum Tee und wollte Näheres über die politische Situation in Katalonien wissen. Sie ist Journalistin und da ist es ja ein hehres Ziel, möglichst viele Leute nach ihrer Sicht der Dinge zu befragen – vor allem, wenn die politische Situation so vertrackt und vielschichtig ist, wie die hier.

Wir sitzen. Wir trinken Tee. Sie fragt. Ich antworte. Und nebenbei erwähnt sie, dass ihr Mann später auch noch käme. Der sei ja Katalane. Also jetzt im Herzen. Nicht in echt.

Ich erstarre einen Augenblick, denn ich ahne, was mich da erwartet. Die absolut eifrigste Verfechterin der katalanischen Sache, die ich kenne, ist nämlich auch eher Katalanin im Herzen, heißt Karin und wohnt in der Nähe von Düsseldorf. Gelegentlich macht sie Urlaub in einem Gebiet, das ihrer Auskunft nach so etwas wie das europäische Afghanistan ist, wo freie Rede unbekannt ist, wo man nicht wählen darf und wo man quasi unter Fremdherrschaft einer Monarchie steht, die man bis ins Mark ablehnt. Dieses Volk, mit dem sich Karin aus mir nicht gänzlich nachvollziehbaren Gründen eins fühlt, erleidet Unterdrückung und Verfolgung und die beginnt bei dem für sie offensichtlichen Versuch, die katalanische Sprache auszumerzen. Aber da hat man natürlich nicht mit Karin gerechnet. Karin spricht Catalan – mit einem so deutschen Akzent, dass man es bei flüchtigen Hinhören für Tschechisch halten könnte, aber – bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Als wir einmal eine Führung im Museum besuchten, bestand Karin darauf, dass die auf Catalan durchgeführt wurde, obwohl zwei Touristinnen aus Segovia und ich kein Catalan sprechen. „Pech“, sagte Karin zu denen mit ausgesprochen angekränkelten Brustton „wir sind nun mal in Katalonien. Ob es euch passt oder nicht.“ Der große Vortrag aber ist ihnen erspart geblieben. Der Vortrag, in dem man erfährt, welch bitteres Unrecht Menschen geschieht, die in Katalonien zu leben gezwungen sind. Karin selbst wäre dazu auch gern gezwungen, muss aber im regnerischen Ratingen ausharren. Blöd gelaufen.  Als ich sie das letzte Mal sah, trug sie ein T-Shirt der separatistischen Bewegung. Darauf ist ein Männlein zu sehen, dass Tränen lacht und sich dabei vergnügt auf die Schenkel haut. „Ich soll Spanier sein? sagt der Text dazu. „Ist ja lächerlich!“  Ich zeige auf das T-Shirt und sage: „Dir ist jetzt schon klar, dass das überhaupt keinen Sinn ergibt, wenn du es trägst, oder?“ Das war ihr tatsächlich nicht wirklich klar und nachdem ich ihr erkläre, dass in ihrem T-Shirt ganz unzweifelhaft keine Spanierin steckt, sondern eine Deutsche, die dadurch auch nicht zur Katalanin wird, hatte sie es plötzlich eilig und entfreundet mich alsbald auf Facebook. Mit Leuten, die sich derart unkatalanischer Umtriebe befleißigen, kann sie natürlich keinen Umgang pflegen. Das sehe ich ein. Und so in einer Villa in Ratingen lebt es sich bestimmt angenehmer mit einem „freien Katalonien“, in dem die Bürger ihre Rentenansprüche und ihren freien Zugang zur EU verloren haben, als sagen wir mal in Barcelona. Auch das ist mir klar. Was mir nicht klar ist: Warum macht sich Karin zum Stellvertreter einer katalanischer Indignation an der sie de facto gar keinen Anteil hat?

Wieso ist Rachel Dolezal schwarz?

Rachel Dolezal war bis 2015 die Präsidentin der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) ihres Wohnbezirks, einer schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Sie war auch Ombudsfrau der Polizei in Sachen Umgang mit Farbigen. Und sie war Lehrbeauftragte für afrikanische und afroamerikanische Studien an der Eastern Washington University.  In diesem Amt fiel sie mehrfach dadurch auf, dass sie Studenten, von denen sie fand, dass sie keinen so farbigen Eindruck machten, wie sie es für erforderlich hielt, der Vorlesung verwies, weil sie der Argumentation einer echten schwarzen Frau ohnedies nicht folgen könnten, weil sie nie ergründen könnten, was Diskriminierung wirklich bedeutet, weil sie eben einfach nicht schwarz waren.

Blöd ist: das haben sie mit Rachel Dolezal gemein. Ihre Eltern sind deutscher und tschechischer Abkunft und so weiß wie ein Toastbrot.

Grundsätzlich, da möchte ich jetzt wohl verstanden werden, ist gar nichts dagegen einzuwenden, wenn sich Experten zu einem Thema äußern, dass sie nur theoretisch kennen. Es gibt Themen, bei denen ich das sogar durchaus begrüßen würde, wie z.B. jedwede Form der Kriminologie oder bei Studien, die sich mit Missbrauch jedweder Art beschäftigen. Warum also hat Rachel Dolezal Tabletten geschluckt, um dunkler zu werden, sich eine Dauerwelle machen lassen, mit der sie aussieht wie Side Show Bob und warum hat sie Leute, die so waren wie sie aus ihrer Vorlesung geworfen? Warum hat sie einen Zustand hergestellt, dessen Opfer zu sein sie dann lautstark beklagt hat?

Aufgeflogen ist die Sache, als sie das Foto eines Schwarzen als das ihres Vaters auf Facebook eingestellt hat. Das war zu viel für ihren echten Vater. Er ging an die Öffentlichkeit. In einem sehr peinlichen Interview redete sich Rachel Dolezal raus. Ihre Erklärung ist, dass sie sich schon immer schwarz gefühlt hat. Sie beschrieb sich wörtlich als eine „transracial Caitlyn Jenner“, so etwas wie Transgender in Hautfarbe eben.

Sie beschrieb sich auch als Opfer physischer Gewalt durch ihre Eltern – was diese bestreiten. Als Opfer sexuellen Missbrauchs durch ihren Ehemann, der sie zum Dreh eines Sexvideos gezwungen habe – was nie aufgefunden werden konnte. Eigentlich eben als Opfer mal so ganz im allgemeinen, das sich einen triftigen Grund für sein Opfer-sein erst noch suchen muss.

Das ist derart abstoßend tatsächlichen Opfern gegenüber, die sich eben leider nicht aussuchen können, ob sie Opfer sein wollen, dass es mir den Atem verschlägt.

Inzwischen ist der Herzenskatalane eingetroffen

Ich biete ihm Tee an. Die erste Tasse nimmt er auch noch, denn da weiß er noch nicht, was ich für eine bin. Er findet das alles wahnsinnig aufregend, was da draußen passiert und freut sich, dass das bittere Unrecht, dass dem katalanischen Volk geschieht, nun endlich ein Ende hat. Ich frage freundlich nach, worin das bestünde. Er verweist auf die Unterdrückung der katalanischen Sprache. Ich verweise darauf, dass seit einigen Jahren Amtsschreiben überhaupt nur noch auf Catalan kommen. Genau genommen wird hier eher die spanische Sprache unterdrückt. Es ist ihm anzumerken, dass er dieses Argument als persönliche Beleidigung empfindet. Ich verweise auch darauf, dass der Schulunterricht hier auf Catalan stattfindet und Freunde von mir, die mit zwei schulpflichtigen Töchtern aus Madrid zugezogen sind, ihre Töchter hier auf teure Privatschulen schicken müssen, auf denen Spanisch gesprochen wird. Die meisten katalanischen Politiker machen das übrigens auch. Der Herzenskatalane mag mich nicht. Mich nicht und meine blöden Argumente nicht. Außerdem darf hier keiner wählen, sagt er. Ich erwähne, dass es in den Jahren, in denen ich hier wohne jedes zweite Jahr eine Wahl gegeben hat und mehrere ungestört abgelaufene inoffizielle Referenden. Das war nicht das, was er hören wollte und als ich ihn frage, ob er vielleicht eins der katalanischen Schreiben sehen möchte, verschränkt er die Arme vor dem Bauch und sagt, es sei vielleicht besser, wir würden nicht mehr darüber reden. Er sagt das, als sei er ein Opfer und ist von da an damit beschäftigt, an mir vorbei zu schauen und demonstrativ zu schweigen. Weitere Angebote von Tee lehnt er mit einem Kopfschütteln und einem Blick, der Schiffe versenken könnte, ab. Als ich ihn frage, ob er vielleicht ein Glas Wasser möchte, starrt er an mir vorbei als sei er auf einer Mission: „Ich weiß genau, was du hier abziehst, Puppe. Aber du und dein Wasser, ihr werdet mich nicht dazu bringen, die Partisanenlager im Hinterland zu verraten.“ Es gibt keine. Genauso wenig wie Unterdrückung, Diskriminierung oder Unterjochung von Katalanen. Genauso wenig wie Rachel Dolezal schwarz ist. Aber er sitz. Er starrt. Er lehnt ab. Ein Rebel without a cause.

Es gibt zwar keine Sache, aber er ist entschlossen, sie zu verteidigen.

Denn selbst, wenn es eine Sache gäbe, wäre es seine Sache nicht.

Aber offenbar ist es jetzt meine. Denn während der Herzenskatalane sein Herz wieder dahin zurück bringt, wo er warm und trocken in der Sicherheit eines wohl geordneten Sozialstaats lebt, bleibe ich zurück in der Stadt, die beflaggt ist, wie Berlin 1933. Wo ich Populismus aushalten muss, inhaltsfreie Debatten und die Konsequenzen, die dieser Unsinn mit sich bringt. Ich bleibe zurück und räume den Tisch ab für die Indignierten. Die Wassergläser. Die Teetassen. Das Gebäck. Die Blumen des Bösen.