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Frau Fricke wundert sich, was es zu wundern gibt

Heute mag sich kaum noch jemand daran erinnern, aber es gab eine Zeit, in der die Aktienkurse NICHT Teil der Nachrichten waren. Eine Zeit, in der nicht nach jedem Weltereignis gefragt wurde, wie wohl „die Märkte“ darauf reagieren.

Das war die Zeit, als es noch eine Konkurrenz der Systeme gab.

Zu dieser Zeit war die Welt in zwei Hälften zerfallen. Im Osten lief das Sozialismus-Experiment und wie das enden würde, wußte damals noch keiner. Aber eins war klar: Wenn der Sozialismus siegen würde, dann wäre das das Ende für die Privatwirtschaft. Wirtschaftspolitik hieß damals also, Politik so zu gestalten, dass Sozialismus nicht besser aussieht, als das, was man selbst hat. Und so beeilte man sich, was immer auf der Ostseite der Mauer als Errungenschaft hoch gehalten wurde, auch im Westen einzuführen. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaub, Rente, Kindergarten. In Konkurrenz zu einem System, das sich zumindest auf die Fahnen geschrieben hatte, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, konnte man es sich nicht leisten, das nicht auch zu tun.

Und so gab es eine Zeit, als in den Nachrichten noch Menschen auf der Straße befragt wurden. Als es Politker-Interviews gab und die Leute sich wirklich dafür interessierten, was die zu sagen hatten. Und zwar aus einem einfachen Grund: Die sagten auch tatsächlich was. Das war vielleicht nicht immer korrekt. Aber es war verständlich. Als Franz-Joseph Strauß sagte, „Ich weiß, daß ich ein führendes Mitglied des Vereins für deutliche Aussprache bin.“ hat er das genauso gemeint. Und er ist verstanden worden. Und die Menschen da draußen, die heute ja nur noch als „Wähler“ bezeichnet werden, die hatten den Eindruck, dass er sie meint. Und dass ihre Meinung zählt.

Selbst die, die mit Details der Politik nicht einverstanden waren, hatten keinen Zweifel daran, dass die führenden Politiker in letzter Konsequenz davon ausgingen, dass es die Menschen waren, die diese Republik ausmachen und dass sie sie im Blick hatten. Helmuth Schmidt nannte einmal als verbindendes Element aller, dass alle führenden Politiker damals den Krieg erlebt hätten und sich einig darin waren, „So eine Scheiße darf nie wieder passieren.“

Und jeder verstand das damals so, dass er damit die Scheiße meinte, die den Menschen passiert war. Den Menschen! Von Märkten war damals noch nicht die Rede. Man redete noch über Menschen.

Der Mensch war die Maxime. Das war damals.

Damals, als der gesamte Vorstand der Deutschen Bank ein Dreißigstel dessen verdiente, was heute ein einziges Vorstandsmitglied verdient. Damals, als sich ein designierter SPD-Bundeskanzler noch in ein Reihenhaus in Langenhorn zurückzog und nicht in den Aufsichtsrat einer Gaspipeline, die er selbst während seiner Amtszeit vorangetrieben hatte.

Was war zwischendurch passiert?

Die Konkurrenz war in die Knie gegangen. Die sozialistische Hälfte der Erde hörte einfach auf, zu existieren. Und es passierte, was immer passiert, wenn ein Monopol entsteht: Der Monopolist bestimmt die Richtung. Und die ist immer da, wo er ist.

Plötzlich stand überall nur noch eins im Vordergrund: Geld.

Und weil „Geld“ so schmutzig klang, nannte man es einfach „Markt“.

Das war die Zeit, als die Börsenkurse Einzug in die Nachrichtensendungen fanden.

Die Zeit, in der nach jedem Ereignis gefragt wurde, wie die Märkte wohl reagieren würden. Die Zeit, von der an Politiker es als ihre vorrangige Aufgabe sahen, auf die Märkte zu achten und auf ihre Reaktionen, weil eine einzige falsche Bewegung sich wie im Butterfly-Effekt in den Märkten widergespiegelt, zu einer unglaublichen Katastrophe ausweiten konnte. Selbst Politiker, die sich für Menschen einsetzten, schielten jetzt auf „die Märkte“. Denn wollte man die Menschen schützen, musste man die Märkte im Auge behalten. Im Auge – nicht unter Kontrolle. Denn Kontrolle, das hatten die Märkte gleich klar gemacht, Kontrolle haben sie nicht gern. Und wenn sie was nicht gern haben, dann sind sie verärgert und wenn sie verärgert sind, kann das zu nichts Gutem führen.

Und so wurde aus der Politik für die Menschen eine Politik für die Märkte.

Für die Menschen zu sein wurde künftig übersetzt mit „für die Märkte“ zu sein.

Und diese Übersetzung hat nicht jeder verstanden. Und das lag auch daran, dass man so damit beschäftigt war, auf die Märkte zu schauen, dass irgendwie keine Zeit mehr war, auch noch die Menschen mitzunehmen.

Die Bankenrettung war so ein Beispiel. Kaum jemand hat verstanden, dass „die Banken“ wir alle sind. All unsere kleinen Sparkonten, Omas Lebensersparnisse, all das, das ist die Bank.

In einem Land mit hoher Sparquote heißt die Banken hops gehen zu lassen, alle Sparer hops gehen zu lassen. Und das sind in Deutschland die meisten. Das war eine vollkommen andere Situation als in Island – das ja gern als heroischer Bankenrettungsverweigerer gefeiert wird – wo die Mehrheit der Isländer verschuldet war und die Mehrheit der Einlagen aus dem Ausland kam. Namentlich aus England übrigens, wo isländische Banken massive Werbung für ihre hohen Zinsen gemacht hatten. In letzter Konsequenz haben also die Isländer die Spargroschen von Engländern verfrühstückt. Kein Wunder, dass das in Island nicht auf Widerstand gestoßen ist.

Das alles ist nicht schwer zu verstehen. Man hätte es nur einfach mal erklären müssen.

Wurde aber nicht für nötig erachtet, denn man musste ja mit „den Märkten“ reden. Mit denen übrigens, die diese Krise, die noch immer eine Krise der Menschen werden kann, verursacht haben und zwar, weil ein einziges international operierendes Unternehmen einfach schneller und wendiger ist als eine Politik, die mit uferlosen Debatten und Abstimmungen leben muss. Goldmann Sachs hat eine Lücke schneller genutzt, als sie die Politik schließen kann. So einfach ist das. Und so gefährlich.

Und so ist es kein Wunder, dass alles auf die Märkte schaut und keiner auf die Menschen. Und es ist auch kein Wunder, dass man sich um die Märkte kümmert, wenn man die Menschen meint.

Das hätte man den Menschen aber mal sagen sollen. Dann hätte man vielleicht vermieden, was jetzt passiert:

Es ist nämlich auch kein Wunder, dass sich Menschen abwenden von einem System, das sich von ihnen abgewendet zu haben scheint.

Und genau das ist es, denke ich, was nun in Amerika passiert ist.

Als Donald Trump seine Präsidentschaft bekannt gab (ich glaube, niemand hat sich darüber mehr erschrocken als er selbst) sprach er präzise zu den „Forgotten men and women“ und versprach ihnen, dass „They will be forgotten no more“.

Wir wissen alle, dass nicht nur Trumps Hautfarbe die eines Goldfischs ist. Auch seine Aufmerksamkeitsspanne steht im Ruf, die von Dorie nur knapp zu überschreiten. Er wird die Menschen, die er damit angesprochen hatte schon in der Sekunde vergessen haben, als er den Satz beendete. Aber – und das muss man ihm leider lassen – er hat sie angesprochen. Er hat ihnen das Gefühl gegenben gehört und verstanden worden zu sein. Oder irgendjemand in seinem Strategischen Team hat das.

Was also heißt das nun für uns?

Für uns heißt das: Wir sind am Arsch. Denn in den nächsten 9 Monaten wird keine der Parteien glaubhaft machen können, dass ihnen plötzlich doch noch eingefallen ist, dass sie ja eigentlich Politik für die Menschen machen sollten.

Was sie noch tun können, ist sich die Mühe zu machen, zu erklären, dass sie damit nie aufgehört haben. Sie könnten sich erklären und zwar so, dass sie auch von Otto W. Paschulke verstanden werden. Denn es ist seine Stimme, die sie wollen. Was sie tun können, ist zuzugeben, dass sie sich verfahren haben in den letzten Jahren. Dass sie so damit beschäftigt waren, sich auf eine schnell verändernde Welt und ihre Anforderungen einzustellen, dass sie gelegentlich falsch abgebogen sind. Das ist menschlich. Das kennen wir alle. Wer den amerikanischen Wahlkampf verfolgt hat, wird wissen, wie viel Menschen zu verzeihen bereit sind, wenn nur einer kommt und sagt, dass er sie sieht, dass er sie versteht und dass er sich für sie interessiert.

Politiker könnten endlich mal wieder reden wie normale Menschen. Das wäre mal ein Anfang. Sie könnten eine Meinung haben und sie so vertreten, dass sie auch jedermann versteht. „Ausländer raus“ ist einfach einfacher zu verstehen als „Eine geregelte Zuwanderung von qualifizierten Arbeitnehmern aus Drittländern ist hinsichtlich des demographischen Wandels unerlässlich.“ Die Angst, sie würde keiner mehr wählen, wenn sie sich nicht „konsensfähig“ ausdrücken, dürfte inzwischen doch eindeutig der Erkenntnis gewichen sein, dass man nicht gewählt wird, wenn man nicht deutlich macht, was man denn nun genau denkt und tut.

Klartext ist das einzige, was uns jetzt noch hilft. Das ist es, was ich denke.

Und damit wäre ich dann auch bei uns selbst. Wir müssen auch aufhören, Kreide zu fressen. Wir müssen aufhören, uns um Verständnis für die „besorgten Bürger“ in unserer Mitte zu bemühen. Wir müssen das Kreuz durchdrücken und ihnen sagen, was wir wirklich sehen: Dass eine Meinung Wissen voraussetzt und dass ihnen durchaus zuzumuten ist, sich eben das anzueignen. Dass sie NICHT das Volk sind, sondern dass sie Schande über uns bringen und über das Land, an dem ihnen ja angeblich so unglaublich viel liegt. Dass es nichts Unpatriotischeres gibt, als die Werte mit Füßen zu treten, für die die Menschen vor uns gekämpft haben und gestorben sind. Dass sie uns ins Gesicht spucken, die ihre Rente und ihre Stütze erarbeiten und dass wir nicht bereit sind, das ohne Widerspruch hinzunehmen.

Dass nicht jede Langeweile und jede Befindlichkeitsstörung mit einem Anspruch gleichzusetzen ist. 

Wir müssen auch den Arsch in der Hose haben, uns unbequemen Wahrheiten zu stellen. Dass die Justiz die rechtlichen Möglichkeiten, die sie hat, nicht nutzt. Dass Libertinesse niemanden schützt und die beleidigt, die sich jeden Tag für unseren Schutz einsetzen, die den Arsch für uns hinhalten und sich dann auslachen lassen müssen.

Dass der Schutz der Menschen gelitten hat. Und dass das auch der Schutz der Menschen ist, die hier Zuflucht suchen. Dass man über Jahre ausgerechnet an dem gespart hat, was für uns am wichtigsten sein sollte. Denn wenn wir eins von der Flüchtlingskrise lernen können, dann, dass es nichts Wichtigeres gibt als Sicherheit. Soziale. Innere. Und emotionale.

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Frau Fricke wundert sich über unzusammenhängende Zusammenhänge

Ich bin auf Besuch. Mein Gastgeber sieht ziemlich mitgenommen aus. Ich würde sagen, dass der mal Urlaub braucht. Er findet, er ist alt. Steinalt. Und er hat auch einen Nachweis. 

„Ich hab einen Tinitus“ sagt er „daran sehe ich doch, dass ich alt werde.“ Ich weiß genau, wie er sich fühlt. Ich hatte auch schon mal einen Tinitus. Und ich hab den auch als Nachweis für meine fortschreitende Vergreisung verstanden. Damals war ich 33.

Ich gebe zu bedenken, dass so ein Tinitus im Allgemeinen mehr mit Überlastung erklärt wird, als mit fortschreitendem Alter. Dass das ja auch zu seinem lätscherten Äußeren passen würde, sage ich ihm aber nicht, denn ich ahne, dass er über mein Argument glatt hinweghört und sofort seine Liste der Anzeichen fortschreitenden Verfalls verlängert. Irgendwer hat ihn auf diese Alters-Schiene gesetzt und darauf fährt er sich nun selbst hurtig davon.

Ich kenn das.

Ich hab das auch. Nur eben mit anderen Dingen. Ich zum Beispiel bin sicher, dass ich dem Untergang geweiht bin. Irgendwann hat irgendwer mir eingeredet, ich würde niemals irgendetwas leisten können, das irgendeinen Wert hat. Heute, Jahrzehnte voller Aufträge, Kreativpreise und staunender Menschen später, sollte ich eigentlich gelernt haben, dass dem nicht so ist. Aber in virtuosen Verbiegungen Kognitiver Dissonanz versuche ich mich immer wieder davon zu überzeugen, dass das Dicke Ende mich einfach nur noch nicht gefunden hat. Jede noch so dämliche Absage an meine Produktivität wird von mir sofort als Nachweis gewertet, dass der Untergang nun eingeläutet und das Elend ab sofort unvermeidbar ist. Und ja, das ist bescheuert. Umso mehr als ich jedem anderen sagen würde, dass jeder irgendwas Tolles kann, das andere haben wollen. Jeder! Es ist mein Job das Tolle in Dingen zu finden und andere dazu zu bringen, es haben zu wollen. Und darin bin ich wirklich gut. Nur für mich eben nicht. Blöd!

Aber irgendwas Bescheuertes hat jeder. Existenzängste sind unglaublich weit verbreitet. Und das ist der einzige Grund, warum ich so freimütig darüber schreibe.

Tut man ja sonst nicht.

Man ist ja damit beschäftigt, Zusammenhänge herzustellen, die nicht da sind.

Erfreulicher Weise klappt das manchmal auch umgekehrt. Neulich bin ich mit einem Freund im Auto bei Rot über eine riesige stark befahrene Kreuzung gefahren. Wir hatten irgendwie beide nicht aufgepasst und plötzlich fluten von beiden Seiten unglaubliche Massen von Autos auf uns zu. Ich war wie versteinert und der Freund so erschrocken, dass er aus Versehen das richtige tat, seinen Fuß auf das Gaspedal stampfte und uns in einer Affengeschwindigkeit auf die andere Straßenseite brachte, bevor uns die Blechlawine erwischen konnte. Das war reines Glück und auf der anderen Seite dreht er sich zu mir um und sagt:

„Sag mir nie wieder, dass dir was Schlimmes passieren könnte. Das ist offenkundig völlig gegen Gottes Plan.“

Einen ganzen Tag lang habe ich das für ein verblüffend überzeugendes Argument gehalten.

Hält aber nicht lange und vor allem nicht bei jedem.

Und so sterben Menschen, bevor sie nach Mallorca reisen konnten – nicht, weil sie dazu zu krank gewesen wären, sondern, weil sie sich zur Bedingung gemacht hatten, vorher 20 Kilo abzunehmen. Was soll das?

Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Mallorca-Reisen und Body-Mass-Index.

Es gibt auch keinen zwischen Tinitus und Vergreisung.

Dafür gibt es aber einen ganz offensichtlichen Zusammenhang zwischen Gottes Plan und Sozialer Sicherheit.

Ganz bestimmt!

 

 

 

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Frau Fricke wundert sich, ob gar nichts manchmal zu viel ist

Ich schaff nix. Und das macht mich wahnsinnig unzufrieden. Warum schaffen alle Leute so irre viel und nur ich bin ein Hänger? Die Antwort ist: Ich schaue auf die falsche Liste.

Achtung, mal hinschauen: Zwischen diesem Blog und dem letzten liegen 3 Monate! Drei! Hier sollten also eigentlich drei Blogeinträge stehen. Statt dessen: Gähnende Leere. Sowas alarmiert mich und ich frage mich sofort: Was mache ich eigentlich den ganzen Tag so? Und mir fällt überhaupt keine Antwort darauf ein. Meinem Empfinden nach mach ich nix. Ich lass mich hängen und das ist unentschuldbar.

Was zum Teufel hab ich eigentlich gemacht zwischen dem letzten Post und diesem hier? Da muss ich nachschauen.

Ah, na klar, die mündlichen Prüfungen im Juni. Aber das mit der Uni ist ja streng genommen nix. Also keine Arbeit. Denke ich jedenfalls. Und ich denke das, weil es mir Spaß macht und weil ich diesen Job als Hobby definiert habe. Tatsächlich habe ich 8 Stunden Vorlesung pro Woche. In Deutschland ist das das Pensum eines Vollzeit-Professors. Und ich habe über 60 Studenten, denen ich eine mündliche und eine schriftliche Prüfung abnehmen muss – nach englischem Prüfungsrecht. Das heißt: ich muss auch für jeden einen genauen Bewertungsbogen ausfüllen. Und damit habe ich den gesamten Juli verbracht. Und überhaupt zählt das ja doppelt nicht, denn ich hab ja in der Uni gekündigt, weil ich mich ja wieder um meinen richtigen Job kümmern will. Irgendwann ist ja mal Schluss mit lustig.

Aber erstmal hab ich ja diese Spezialisierung gemacht. Und das war so:

Egal, wo ich hinkomme, egal, mit wem ich über Digitalisierung rede, jeder legt das Köpfchen schief, lächelt sanft und denkt: „Och guck mal, wie niedlich!“ Dass die putzige dicke Frau ihnen gerade etwas erzählt, was sie nicht mal so richtig verstehen, ist Wurscht. Jeder weiß: Digitale Themen erfordern ein Y-Chromosom und ein Geburtsdatum, dass frühestens Mitte der 80er Jahre liegt. Ich hab keins von beidem, aber ich hab einen Computer und mit dem kann ich mich – höchst digital – zu einem zertifizierten Online-Aufbaustudium in einer der Top-Tech-Unis der USA anmelden. Und das tu ich auch.

Das Studium ist auf 6 Monate ausgelegt. Das dauert mir zu lange. Ich will ja in den Urlaub und das in zwei Monaten. Die müssen reichen.

Diese Spezialisierung stellt sich als höchst vergnüglich heraus. Und darum macht es mir nichts aus, jeden Tag 8 bis 10 Stunden zu lernen, zu lesen, zu diskutieren und eine Klausur zu schreiben. Nicht, dass ich da inhaltlich viel lernen würde. Das war mir aber klar. Ich will vor allem das Zertifikat. Und weil „digital“ eben auch „global“ bedeutet, lerne ich dann doch was und zwar von Mit-Studenten aus der ganzen Welt: Die Vorstellung, was eine hervorragende Arbeit ausmacht, oder wie man einander korrigiert, differiert ausgesprochen stark zwischen Peking, Poona und Paris. Ich find das super-interessant! Außerdem muss ich permanent mit dem Help-Desk chatten, weil ich schneller bin, als es das System erlaubt. Das hängt sich gelegentlich auf. Drastischer Response.

Ich werde 5 Tage vor meiner Abreise mit dem Studium fertig. Geht doch! Jetzt fehlt mir nur noch mein Abschluss-Projekt. Aber das kann ich erst Ende Oktober mit allen anderen anfangen. Egal. Das war lustig! Und deswegen keine Arbeit. Und deswegen eigentlich nix.

Nun gibt es ja Kritiker, die  behaupten, dass ich nicht einmal wüsste, wie man Urlaub macht. Das kann man so nicht sagen. Ich mag halt nur nicht am Strand rumliegen. Mach ich ja hier auch nicht. Wenn ich in den Urlaub fahre, dann tu ich was. Das zählt aber nicht, weil es ja Urlaub ist.

Im vorliegenden Fall wandere ich. Ich hab mir täglich so zwischen 20 und 30 Kilometer vorgenommen. Bis auf die erste Strecke. Weil ich noch am Start krank werde, beschränke ich mich auf 16 Kilometer. Das muss reichen. Nach 8 Tagen und 140km breche ich ab, weil ich permanent in den Seilen hänge. So macht das keinen Spaß. Und zählen tut es auch nicht, weil es erstens Urlaub war und ich zweitens ja nicht einmal angekommen bin, wo ich ankommen wollte. Ist also nix.

Und nun bin ich zu Hause und missvergnügt. Denn anstatt was zu tun, hänge ich hier doof rum. Ok, ich bin auch krank, aber da kann man ja wohl trotzdem mal was…

Vorsorglich hab ich schon mal eine Liste mit Dingen gemacht, die ich eigentlich schon längst hätte tun müssen. Meiner Ansicht nach. Nicht, dass da irgendwas wirklich dringlich wäre. Reicht aber, um knörig zu sein und mich für eine Lusche zu halten.

Und dann spreche ich neulich mit einem Freund, der auch so eine Liste hat und sich davon aktuell ganz schön überfordert fühlt. Dem sag ich, dass er alles aufschreiben soll, was vor ihm liegt und dann alles, was er schon gemacht hat, abstreichen, damit er sich an dem freuen kann, was er schon alles geschafft hat. Wir finden beide, dass das eine Super-Idee ist.

Ob ich auch so eine Geschafft-Liste habe?

Ich? Ich mach ja nix!

 

 

 

 

 

 

 

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Frau Fricke wundert sich über ihr kluges Toastbrot

Doof ist das neue Cool. Wann ist das passiert? Wann sind Leute stolz darauf geworden, totale Vollidioten zu sein? Waren die das schon immer? Hab ich das nur nicht gemerkt? Die Antwort ist: Ihr wolltet doch alle die Demokratisierung durchs Internet. Bitte schön!

Um gleich zu Anfang Missverständnisse zu vermeiden: Hier geht es nicht um Leute, die anderer Meinung sind als ich. Entgegen aktuellen Trends, halte ich nicht jeden, der eine andere Meinung vertritt, für einen Vollidioten. Ich mag Leute mit einer anderen Meinung. Ich finde sie und ihre Meinung interessant. Ich verdanke ihnen Einsichten, die ich ohne sie nicht gehabt hätte. Das heißt nicht, dass ich mich immer ihrer Meinung anschließe. Offen gestanden ist das auffällig selten der Fall. Aber ich freue mich, ihre Meinung zu hören. Meine eigene Meinung kenne ich ja schon.

Wovon ich rede sind die Potti-Gänger.

Auf deren Beiträge stoße ich häufig erst, nachdem bereits Hunderte von Menschen den blauen Daumen hoch gehalten haben. „Leikiiiiii“ höre ich die im Chor sagen. Und so ein vielstimmiger Chor ist ganz schön laut. Ich schau mir dann an, worum es da geht. Und fast immer stelle ich fest: Da geht’s um gar nichts. Also, nicht inhaltlich. Und wieder: Ich meine nicht, dass passt nicht in mein persönliches Relevanzraster. Ich meine:

Da geht es um überhaupt absolut gar nichts.

Kein Inhalt weit und breit. Was, frage ich mich dann, leiken die denn hier alle im Akkord?

Vor meinem geistigen Auge sehe ich dann ein Kleinkind das begeistert von seinem Töpfchen aufspringt und nicht eher aufhört zu glucksen und in die Hände zu klatschen, bis sich alle anwesenden Erwachsenen versammelt haben, um gemeinschaftlich Anerkennung für den Inhalt des Töpfchens zu zollen. Und das tun sie auch. Es gibt Jubel. Es gibt Streicheleinheiten. Es gibt Süßigkeiten. Leiks allüberall!

Und es gibt bitterböse Blicke für den Ersten, der dieses Idyll stört.

Wehe dem, der in die Konfetti-Parade grätscht und sagt: „Nun beruhigt euch mal wieder. Das ist doch nur Kacke. Und jetzt macht das mal weg.“

Boah! So ja nun nicht. Der hat ja überhaupt keine Ahnung. Selber Kacke!

Was der Party Pooper und ich nicht beachten: Es geht doch gar nicht um den Inhalt!

Es geht um das „Wir“-Gefühl. Es geht darum, sich nicht allein fühlen zu müssen. Das große Loch zu füllen, das Sehnsucht, Misserfolg und Einsamkeit gerissen haben. Nicht allein dazustehen und sich vertreten zu müssen, denn damit haben die allermeisten Leute keine guten Erfahrungen gemacht. Das macht Angst. Aber Viele zu sein, ja Viele sein, das fühlt sich irgendwie gut an. Kuschelig. Da lässt man sich gern fallen. Und man muss auch irgendwie nichts können. Oder denken. Man muss nur „Ja“ sagen können und sich dazu stellen. Einfach dahin, wo schon ganz viele Andere sind. Das geht. Das kriegt auch die dümmste Nuss hin. Und schon hat man eine Bewegung. Man ist nicht mehr ein einzelner kleiner Fred, der vom Leben überfordert ist. Man ist ein Wir. Und Wir, das ist das Volk.

Und vom Volk geht alle Macht aus.

Nun ist es mit der Macht ja so eine Sache. Die heißt ja nicht umsonst so. Macht entfaltet ihren Nutzen ja tatsächlich nur, wenn man auch bereit ist, etwas zu machen. Machen aber, das stand eigentlich nicht auf dem Programm, denn Machen erfordert Tun und Tun erfordert einen Plan und ein Plan erfordert Denken. So war das nicht gedacht.

Man wollte ja nichts tun. Man wollte ja nur ein bisschen Applaus. Ein bisschen Zustimmung. Ein bisschen Kuscheln. Und das heißt eben auch: Für einander einstehen. Egal was. Geht ja nicht um Inhalte. Gauland hat Mist erzählt? Egal, der ist einer von uns. Trump sagt in jeder Rede das Gegenteil seiner vorigen. Ist doch wurscht, aber der traut sich jedenfalls was. Genau wie wir jetzt. Der ist cool! Weil der so ist, wie wir. Und wenn der cool ist, dann bin ich es auch.

Und nie, nie wird etwas verlang, das man nicht kann oder einen mies dastehen lässt. Also, genau genommen wird einem gar nichts abverlangt. Selbst die Meinungsbildung wird einem abgenommen: „Skandal, deutscher Politiker hat gesagt….“ Ah, Skandal also. Klar. Findichauch! „Frechheit, Bundesregierung hat gemacht…“ Ja genau. So geht’s nicht. Ganzmeinermeinung. Und keiner fragt nach. Alle wollen nur das Eine: klicken. Und weil so Viele besser klicken als denken können, darum haben wir dieses Dilemma.

„Leiken“, das heißt nicht „Ja, ich hab mir das ganz genau überlegt und Hintergrund-Recherche betrieben und bin so zu dem Ergebnis gekommen, dass ich der gleichen Meinung bin.“

„Leiken“ ist ein pawlowscher Reflex. Sehen, klicken, belohnt werden. Es gibt sogar ein Glöckchen und das macht „Ping“ und zeigt, dass wieder einer gesagt hat, dass er wie du ist. Ganz genauso. Schön! Und so einfach!

„Leiken“ und „teilen“ – die Steigerung von „leiken“ – kann jeder. Mann könnte vermutlich sogar einen Affen darauf trainieren an der richtigen Stelle die richtige Tastenkombination zu klicken. Leikiiiiiii! Während andere noch denken, fragen und abwägen, ist andern Orts schon Tausende Male ein kleiner blauer Daumen hoch geschnellt.

Und die, diese Daumen, die müssen jetzt nur noch abgeerntet werden, von denen, die bereit sind zu machen. Von denen, die nur darauf gewartet haben auf die Vielen, denen sie zurufen können: „Ich, ich kämpfe für dich!“ um schnell folgen zu lassen „Natürlich nur, wenn du mich leikst. Hier auf dem Wahlzettel bitte. Einmal klicken.“ Keiner wird fragen. Keiner wird wird darüber nachdenken, ob das überhaupt alles einen Sinn ergibt, ob das so sein kann, ob das so richtig ist. Nur der Moment zählt. Nur das Klicken. Nur das Kuscheln. Nur der Rausch der Millionen.

Wollt ihr einen Grenzzaun nach Mexiko? Leikiiiiiii!

Wollt ihr einen nach Österreich? Leikiiiiiiii!

Wollt Ihr den totalen Krieg?

 

Hölle

Frau Fricke wundert sich über allgemeines Unwohlsein

Alles ist voll mies gerade. Junge Leute kriegen keinen Job, weil die Alten blockieren. Alte kriegen schon gleich gar keinen Job, weil die Jungen sie ja alle mit ihren Dumping-Preisen wegschwemmen. Man würde ja in die Rente gehen, aber es gibt ja keine mehr. Selbst VW-Vorstände sind ihrer Boni nicht mehr sicher. Und jetzt kommen auch noch die Ausländer! Alle murren. Aber keiner weiß warum. Da darf man sich doch mal wundern. 

Von Weitem betrachtet ist er schon da, der Untergang des Abendlandes. Ganz schlimm scheint alles zu sein. Glaubt man Facebook hat praktisch jeder Kommentator sein allerletztes Geld in einem Computer investiert, um nicht allein und einsam untergehen zu müssen, sondern die Facebook-Öffentlichkeit an dieser Schande teilhaben zu lassen. Jeden Tag finden gewissermaßen digitale Selbstverbrennungen statt. Das ist wirklich beunruhigend. Da interessiert man sich doch für Details. Ganz ehrlich.

Also habe ich mal nachgefragt in den Foren und zu meiner allgrößten Erleichterung ging es allen bei näherer Nachfrage eigentlich ganz prima. Es mangelte weniger an Sicherheit als an Zufriedenheit – und das obwohl objektiv eigentlich keinen Grund zur Beschwerde vorlag. Da war zum Beispiel dieser 38jährige Frührentner, der fand, es könne nicht angehen, dass man es „den Kaffern vorn und hinten reinsteckt und die eigenen Leute unter dem Existenzminimum leben müssen.“ Da kann man nicht wirklich widersprechen. Also frage ich höflich an, ob er denn eine Idee habe, wie man die Situation erträglicher machen könne. Die hat er. Wenn man auf die KFZ- und alle Steuern auf Immobilien verzichten würde, wäre schon viel gewonnen. Ich stutze und gebe zu denken, dass ein Existenzminimum im allgemeinen Wohn- und KFZ-Eigentum ausschlösse. Das sieht er anders und dafür ist er der beste Beweis, denn natürlich spricht er nicht ohne Sachkenntnis. Er ist genau der Fall, den er beschreibt.

„Vorher hab ich gut verdient“ schreibt er und meint damit die Zeit als er IT-Administrator in einem Krankenhaus war. Und diesem Umstand ist es dann wohl zu verdanken, dass auch heute noch seine Rente „bei 1.200€ liegt.“ Ich googele kurz und teile ihm mit, dass er damit ganz erheblich über dem Existenzminimum liegt. Das denke ich aber nur, weil ich total ignorant bin. Er muss nämlich ein Auto unterhalten und das ist nicht billig. Das braucht er aber für Arztfahrten, denn sein zweites Problem liegt darin, dass er ein Haus geerbt hat. „Hallo“ denke ich, „das ist ja nicht übel. Mein größter Festposten ist meine Miete. Hätte ich die nicht zu zahlen, würde mich das enorm entlasten.“ Aber da denke ich natürlich nicht daran, dass ein Mieter ja einfach nur beim Vermieter anrufen muss, wenn mal was kaputt ist, so ein Eigentümer muss für alles selbst aufkommen. Ich gebe zu denken, dass unter diesen Umständen ein Verkauf des Hauses ihn vielleicht sowohl finanziell als auch organisatorisch enorm entlasten würde. Aber auch das denke ich natürlich nur, weil ich total bescheuert bin. Das habe ich übrigens mit praktisch sämtlichen Ämtern gemein.

„Ich hab total viel Geld für einen Steuerberater ausgegeben, der mich wenigstens vor der Erbschaftssteuer bewahrt hat.“ Erbschaftssteuer, auch das ist leicht zu googeln, muss man in Deutschland erst ab 400.000€ zahlen. Der Mann am Existenzminimum ist also gut und gern eine halbe Million schwer. Darauf weise ich ihn natürlich hin. Man will ja gern behilflich sein. Natürlich hab ich aber auch hier wieder überhaupt keine Ahnung. Kann eigentlich gar nicht sein, dass das Haus so viel wert sein soll, sagt er. Ob er es mal hätte schätzen lassen, frage ich? Natürlich nicht! Wozu denn auch? Er hat ja nicht vor, es zu verkaufen, weil, wo soll er denn dann wohnen? Immerhin wären die Mieten ja horrend und seine Situation ist schon dramatisch genug. Er habe deswegen schon alle möglichen Beihilfen beantragt, sei aber jedes Mal abgeschmettert worden. Gipfel der Auseinandersetzungen: Sein Haus sei angeblich zu groß und das Amt habe ihm den Vorschlag gemacht, doch die Einliegerwohnung zu vermieten. Oh, Einliegerwohnung. Den Vorschlag finde ich gar nicht so übel angesichts der zuvor erwähnten horrenden Mieten. Aber in den letzten Minuten ist der Mietspiegel in genau seiner Gegend offenbar dramatisch gesunken, denn „hier kriegt man ja praktisch keine Miete“. Damit ist natürlich auch dieser Vorschlag obsolet.

2.000€ wären schon sein Existenzminimum, erklärt er auf Anfrage. Also auf die Hand jetzt. Ah, ach so. Ja, das deckt sich natürlich nicht ganz mit dem, was die offizielle Statistik darunter versteht. Ich frage, wie er einer Krankenschwester ohne Ersparnisse klar machen will, dass sie für einen Vollzeitjob im Schichtsystem nicht mehr Geld bekommt, als ein vermögender Frührentner und warum sie in einem 40qm-Wohnklo wohnen soll, um ihm die ländliche Idylle zu ermöglichen. Da bricht der Kontakt ab. Dafür hat er offenbar keine Idee.

Wann immer ich mich in den letzten Wochen mit Menschen mit allgemeinem Unwohlsein auseinander gesetzt habe, sind mir zwei Dinge aufgefallen:

  1. Ein eklatanter Mangel an zutreffenden Informationen
  2. Die völlige Weigerung, einen Beitrag zur Verbesserung der eigenen Situation zu leisten.

Ist nich nur bei frühberenteten Erben so.

Immer wieder lese ich ganze Blogs jüngerer Mitbürger darüber, wie schwer sie es haben und wie verdammt gemein das ist, wenn man sich mal anschaut, mit welcher Leichtigkeit die Vorgänger-Generationen ihre Träume verwirklichen konnte. Welche soll das gewesen sein?

„Mit 30 hatte früher jeder Arbeiter ein Haus.“ wusste zum Beispiel neulich ein Redakteur im selben Alter zu berichten, von dem ich nur ahnen kann, dass er aus einer sozialen Schicht kommt, in der man sich für die Lebensumstände von Arbeitern noch nie wirklich interessiert hat. Aber ich will nicht unfair sein. Natürlich gab es Arbeiter mit Wohneigentum. Das stand auf einem niedersächsischen Acker weit vor der Stadt oder in einer Siedlung neben der Zeche, hatte 100qm und war weitgehend selbst ausgebaut. Hunderte von Arbeitsstunden steckten darin und jeder Pfennig, der über das Existenzminimum hinaus ging. Ich kenne Familien, die am Monatsanfang einen kompletten Essenplan zusammenstellten – allein unter dem Aspekt, wie man aus einem Groschen ein Essen für ne Mark machen konnte. Da gabs keinen Urlaub in Goa, keinen Cafe Latte im Pappbecher und keine Festival-Besuche. Da gabs nur dieses Haus und ein Tulpenbeet. Sonst nichts. Muss man aber natürlich wissen, bevor man sich vorstellt, dass jede Kassiererin früher in einer Villa mit Elbblick in zentraler Lage ziehen konnte, bevor sie sich das Sommer-Outfit für den Neckermann-Urlaub im Quelle-Katalog aussuchte. So also war’s nicht.

Aber ja, es war einfacher, Träume zu verwirklichen. Denn für die Kriegsgeneration war dieser Traum einfach nur ein voller Bauch und ein Dach über dem Kopf, das einem nicht weggebombt wurde. Die Nachkriegsgeneration hatte ihre Träume erfüllt, wenn es für ein kleines Auto reichte, mit dem man in den Urlaub nach Italien gondeln konnte und deren Kinder, die geburtenstarken Jahrgänge, die haben vor allem davon geträumt, dass es für sie reicht. Dass es auch für sie einen Job gibt und dass sie trotz Nato-Doppelbeschluss, der Spätfolgen von Tschernobyl und moderner Landwirtschaft irgendwie das Alter erreichen, von dem sie jetzt hoffen, dass sie es nicht in bitterer Armut verbringen müssen.

Und so frage ich mich, ob das, was all die Besorgten so besorgt macht, vielleicht die Sorge ist, dass zwischen all den Möglichkeiten und der Sicherheit einfach kein Platz mehr ist für Wünsche. Denn sein wir ehrlich:

Deutschland lässt einfach nicht viel zu wünschen übrig.

Krise

Frau Fricke wundert sich über die Angst vor Veränderung

 

Das chinesische Schriftzeichen für das Wort „Krise“ setzt sich aus zwei Stammzeichen zusammen: Dem Zeichen, das die größtmögliche Chance auf ungeahnte Verbesserungen anzeigt und dem, das die Bedrohung durch einen katastrophalen Niedergang beschreibt. Warum eigentlich sehen wir immer nur das zweite?

Es ist schon über 10 Jahre her, da habe ich mich auf einem Werber-Kongress, dem „Hamburger Dialog“ ganz furchtbar gelangweilt. Ich hatte Neuigkeiten erwartet, Umwälzungen, irrsinnige Erkenntnisse. Und dann das: das große Nichts.

In einer Podiumsdiskussion darüber, wie sich die Branche in der kommenden Dekade verändern würde, saßen alle, die sich für die Führer der führenden Agenturen hielten -angemessen erhöht über dem zahlreich erschienenen Publikum. Super sahen die aus, in ihren Maßanzügen, den Seidenkrawatten und den italienischen Schuhen. Und sie taten, was sie immer tun: sich gegenseitig jovial auf die im Gym gestählten Schulter schlagen und einander bestätigen, dass da, wo sie sind, aber mal ganz eindeutig vorn ist.

Alle, außer einem.

Ganz links, am äußeren Rand des Podiums, so als wäre er nur der versehentliche Überstand in dieser perfekten Welt, saß ein Mann wie ein Monolith. Atemberaubend raumgreifend. Ihn als übergewichtig zu bezeichnen, wäre ein unzulässiger Euphemismus. Unter schwarzen Überwürfen von gigantischem Ausmaß wucherte ein völlig außer Kontrolle geratener Körper, der sich offenbar längst selbst zum Feind geworden war. Der Referent war im Rollstuhl angereist und er atmete gelegentlich durch eine Maske, die mit einer Gasflasche verbunden war. Wenn es jemals einen Gegenentwurf für die schöne Welt der Werbung gab, dann ihn. Was kann so einer schon zu sagen haben? Nichts! Und so saß er da und schwieg. Sehr lange.

Die Führer der führenden Agenturen wussten dafür umso mehr zu sagen: Ach, Veränderungen der Branche, sagten sie, ist doch lächerlich! Permanent wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben und dann? Nichts! Der Führer der allerführendsten Agentur, Springer & Jacobi, hatte auch ein Beispiel dafür: Das Internet. Umwälzungen wären angekündigt worden. Revolutionen. Der Untergang der Medienwelt, wie wir sie kennen und was war passiert? Nix war passiert. Außer, dass man jetzt eben auch noch Websites machen musste. Sonst: Alles beim Alten. Und so bleibt es auch. Keine Panik! Es wird immer Leute geben, denen es langweilig wird. Und weil das so ist, würden sie auch immer fernsehen und in Zeitschriften blättern. Anzeigen und 30-Sekünder hätten praktisch Ewigkeitswert.

Erst ganz zum Schluss wurde der Koloss vorgestellt. Extra aus den USA war der angereist. Und es mag zum Teil seiner Optik geschuldet sein, dass es mir heute so erscheint, als walzte er über all den unsinnigen Frohsinn wie ein Naturereignis. Es sei möglich, sagte er, dass er das Fortschreiten der Technik in Europa überschätzte, aber in den USA gäbe es bereits technische Möglichkeiten, Werbeblöcke einfach auszufiltern. Sowie die Leute die Möglichkeit dazu hätten, würden sie das selbstverständlich auch tun. Und wo, wollte er wissen, würden denn die superhübschen Bengel aus den Super-Agenturen dann ihre 30-Sekünder platzieren? Obwohl auch er die heute aktuellen Entwicklungen im Detail nicht voraussehen konnte, prophezeite er einen maximalen Umbruch, der die Bereitschaft voraussetzen würde, bekannte Dinge völlig neu zu interpretieren.

Toll!

hab ich gedacht. Und ich hab sofort angefangen, nachzudenken, was das bedeutet. Welche neuen Möglichkeiten das eröffnet, wie man dem begegnen könnte. Da könnten ja ganz neue Formate entstehen. Ganz neue Dimensionen kreativer Entfaltung. Ich fand das aufregend. Da wollte ich gern dabei sein! Ich war damals schon sicher: Werbung, Meinungsbildung ganz im allgemeinen wird künftig in die Inhalte abwandern. Als Story-Teller fand ich das super.

Die Stimmung auf dem Podium war eine andere. Irgendwo zwischen Belustigung, Herablassung und schriller Panik gerierten sich die Agenturführer wie Kapitäne eines auf Grund gelaufenen Kreuzfahrtdampfers, die den Vorschlag, die Beiboote abzuseilen mit der Bemerkung abbügeln, dass das Geräusch die Black-Jack-Spieler ablenken könnte. Mit vereinten Kräften ließen sie eine Diskussion über die Möglichkeiten, die Veränderung mit sich bringt gar nicht erst aufkommen, sondern spendeten Trost. Nichts würde sich verändern. Niemals. Immer würde alles genauso bleiben, wie es jetzt ist. Nur keine Panik.

Wir wissen inzwischen, wie die Geschichte weitergegangen ist. Schauen wir uns die Entwicklung zwischen den Referenzpunkten 2004 und 2016 an, stellen wir fest, dass sie weit über die Voraussage hinausgegangen ist. Man kommt inzwischen ohne Fernseher und Zeitschriften aus, Freunde auf verschiedenen Seiten des Erdballs geben sich Kaufempfehlungen in Echtzeit und in richtigen echten Kinos und auf Streaming-Portalen laufen schon heute Spielfilm-Produktionen, denen man ansieht, dass sie eigentlich eher eine amüsante Form der Produkt-Präsentation sind.

Ich find das immer noch toll.

Und Springer & Jacobi?  Springer & Jacobi findet nichts mehr toll. Oder schlimm.

2010 ist Deutschlands ehemals führende Agentur nach langer schwerer Krankheit sanft entschlafen.

Weiji jihui

 

 

 

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Frau Fricke wundert sich über das Unmögliche

Leute wie mich braucht kein Mensch. Australien braucht mich nicht. Australien braucht Handwerker, Lehrer und überhaupt eine Menge kluger und kundiger Menschen. Mich braucht Australien nicht. Jedenfalls nicht auf Dauer, denn ich bin älter als 45. „Dukommshiernichrein.“, sagt ein australisches Gesetz. Und das würde es auch Nobelpreisträgern zuflüstern.

Mit Dingen, die man nicht haben kann, ist es so eine Sache. Bis vor kurzem, hatte ich nicht einmal das Bedürfnis, auch nur besuchsweise nach Australien zu fahren. Hat mich einfach nicht interessiert. Kängurus gibt’s im Zoo, weite unglaublich langweilige Landschaft in der Lüneburger Heide und Strand hab ich auch in Barcelona – nur ohne die tödlichen Tiere natürlich. Nun war ich da, fand es sehr nett und hab nur mal so interessehalber geguckt, wie es sich denn rein theoretisch verhalten würde, wenn ich dem unwahrscheinlichen Impuls nachkäme, dort vielleicht wohnen zu wollen. Ganz eventuell.

Und nun weiß ich, dass das nicht geht. Und jetzt will ich das unbedingt.

Für einen kurzen Augenblick habe ich den Eindruck, dass mir mein Leben durch die Finger tropft und es stellt sich eine Wehmut ein, als wenn das nur das erste Mal in einer langen schmerzvollen Reihe von letzten Malen ist. Und dann wird mir plötzlich klar:

Bullshit!

Immerzu steht man vor irgendwelchen harten Türen. Das ist bei mir nicht anders und das war es auch nie. Ich war nur immer schon durch, bevor mir jemand sagen konnte, dass das eigentlich gar nicht geht.

Ich hab kein Schul-Abgangszeugnis, weil mein Schulabgang – nun ja – nicht wirklich einer konkreten Planung unterlag. Ich weiß noch genau, wie sich das angefühlt hat. Ich war 16 und mein Leben war vorbei. Ich hatte zwar das kleine Latinum, aber das hilft einem in so einer Situation auch nicht weiter. Es gab nur eine einzige Ausbildungsstelle, die mich akzeptiert hat – Bäckereifachverkäuferin. In meinen düstersten Momenten, träume ich, wie ich mit einem lächerlich kleinen Schürzchen vor dem Bauch Brötchen in Tüten zähle und denke: „Das war’s jetzt. Das ist jetzt dein Leben.“ Und auch damals fühlte ich deutlich, wie sich dieses Leben einfach so auflöste und davon flog, bevor es überhaupt begonnen hatte.

Das war ein Irrtum.

Und dieser Irrtum beruhte auf Informationen, die zwar durchaus valide waren, aber wenig hilfreich in meiner Situation – und vor allem nicht zwingend. Erfreulicher Weise war ich von da an einem eklatanten Mangel an belastbaren Informationen unterworfen. Irgendwer hatte mir gesagt, man könne studieren, wenn man sich wirklich viel Mühe geben und absurd viel arbeiten würde. Jeder kann das schaffen. Der große deutsche Traum von der Klassenlosigkeit. Der Hit der Siebziger, Achtziger und das Beste von heute.

Also habe ich absurd viel gearbeitet. Und ich hab studiert. Jahre später habe ich gelesen, dass das eigentlich gar nicht möglich ist. Ich bin nämlich der einzige Akademiker meiner Familie, weiblich und ich habe keinerlei finanzielle Unterstützung erhalten. Leute wie ich studieren nicht. Und wenn sie studieren, dann schließen sie nicht ab. Wenn ich das vorher gewusst hätte…

Ich wusste auch nicht, dass es praktisch unmöglich ist, Texter bei Scholz & Friends zu werden. Ein entfernter Vetter hat mich darüber aufgeklärt, getragen von seiner Erfahrung, mehrfach abgelehnt worden zu sein. Allerdings etwas verspätet, denn zu dem Zeitpunkt hatte ich den Job schon ein halbes Jahr und Springer & Jacobi hatten gerade mit einem Gegenangebot angerufen – auch was, was nie passiert. Und wo man überhaupt praktisch nie reinkommt, das ist BBH, London. Jedenfalls hat Jean-Remy von Matt das mal zu mir gesagt und der kennt sich aus. Gut, dass ich den erst kennengelernt habe, nachdem ich bei BBH gekündigt hatte – nach 7 Jahren.

Zwei von drei neu gegründeten Firmen treiben nach nur drei Jahren mit dem Bauch nach oben träge dahin. Auch sowas, was ich nicht wusste. Nur 20% der Gründer sind Frauen und die meisten von denen kommen praktisch nie über den Mindestlohn. Schon wieder eine Information, über die ich nicht verfügt habe, als ich mich selbständig gemacht habe. Sonst hätte ich mich vielleicht daran gehalten. Wer weiß?

Und auch die meisten Auswanderer sind nach drei Jahren pleite und frustriert wieder zu Hause und wärmen sich am heimischen Herd, die Wunden leckend, die ihnen eine fremde unbekannte Welt geschlagen hat. Davor hat mich keiner gewarnt. Und vielleicht ist es allein dieser Tatsache zu verdanken, dass ich auch heute noch, eine Dekade später, in Barcelona hocke und merke, so langsam könnte ich ja auch mal woanders hinziehen. Zurück nach Deutschland vielleicht. Oder nach Australien zum Beispiel.

Kurz: Rein statistisch bin ich pleite, deprimiert und inexistent. Erfreulicher Weise habe ich die Statistik aber nicht gelesen.

Und das mit Australien, das auch nicht.