Frau Fricke wundert sich über Diener

„Ein Fürst ist der Erste Diener des Staates.“ soll Friedrich II von Preussen gesagt haben. Als Greis musste er sich auf einen Stock stützen. Ein krummes Häkchen, niedergedrückt von einer übermächtigen Verantwortung. Will man das?

Oprah will, obwohl sie weiß, dass sie es nicht kann. Was Trump weiß oder kann, weiß oder kann inzwischen niemand mehr sagen. Aber dass er nicht kann, das wissen wir. Und Lindner wollte nicht mehr, als er konnte – was eher selten ist denn eigentlich will immer jeder der Bestimmer sein.

Man fragt sich, warum eigentlich. Bestimmen ist ja ganz schön schwer. Und man lenkt ja nicht nur die eigenen Geschicke, sondern die vieler Menschen, die von einem abhängig sind – oder sich abhängig fühlen. Und die wenigsten Menschen mögen dieses Gefühl von Abhängigkeit. Dafür ahnen sie aber diffus, dass es die Bestimmer sind, die dieses Gefühl auslösen, und erlauben sich daher im Gegenzug den Luxus, Bestimmer abgrundtief abzulehnen. Völlig egal warum. Wer Bestimmer ist, dem muss klar sein, dass er das Gesicht ist, das man bei Wikipedia neben dem Begriff „Dagegen sein“ sehen wird. Dass er von genau den Leuten gehasst wird, deren Gehälter er in einer Krise sichert, während er selbst wochenlang auf Aldi-Toastbrot kaut.

Warum sollte das jemand wollen? Sind die alle irre?

Meine Vermutung ist: Das alles ist eine Verkettung schrecklicher Missverständnisse. Und die beginnt mit einer krassen Missinterpretation des Wortes „Führung“ wie in „Personalführung“, „Amtsführung“ oder „Führungsposition“. Das kommt davon, wenn man in Geschichte nicht aufgepasst hat und von Marie Antoinette nur weiß, dass sie echt coole Klamotten hatte und eine Schwäche für Brioche. Dabei könnte man gerade von ihr lernen, wie unerfreulich Karrieren an der Spitze enden können, wenn man keine überzeugende Führungspersönlichkeit ist und auch nicht vorhat, es zu werden.

Um ihrem Schicksal zu entgehen, wäre es also ganz wichtig, zu verstehen, dass folgende weit verbreitete Annahmen Irrtümer sind:

 

Irrtum Nr. 1: Führung ist, was von allein passiert, wenn alle einem nachlaufen müssen.

Wenn man vorne ist, sagt einem keiner, dass man hinten liegt.

Wer mit Kritik nicht gut umgehen, wer schlecht zwischen sich und der Sache unterscheiden kann, der hält das für eine gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist aber, dass das tatsächlich die schlechte Nachricht ist. Denn Kritikfähigkeit, die Fähigkeit, Rat anzunehmen, eine bessere Idee als besser zu erkennen und umzusetzen, auch wenn sie nicht die eigene war, ist eine der kritischsten Eigenschaften einer Führungspersönlichkeit. Überall sonst ergibt das für jeden sofort einen Sinn. Keiner würde das Angebot abschlagen, eine miese Souterrain Wohnung gegen eine mit Dachterrasse zu tauschen, einen Wollpulli gegen einen aus Cashmere, eine Schrottkarre gegen einen Neuwagen. Nur bei Ideen scheint das echt schwer zu sein. So schwer, dass sich manche einfach in die Illusion flüchten, praktisch jede Idee, die sie je gehört haben, wäre von ihnen – außer natürlich sie stellt sich später als Irrtum heraus. Dann ist man schlecht beraten worden.

Wer erster Diener ist, dem wird der Umgang mit Kritik leichter fallen, denn es geht nicht um ihn selbst. Es gibt etwas, dem er dient. Etwas, das größer ist, als er. Dem Staat, der Sache, der Firma. Schwieriger wird das natürlich für die Sonnenkönige unter den Chefs und die unterliegen dem zweiten Missverständnis:

 

Irrtum Nr.2: Untergebene sind die, die unten stehen und geben. 

Ein Missverständnis biblischen Ausmaßes! „Macht euch die Erde Untertan“ wurde vielfach missinterpretiert als „Macht mit der Erde, was ihr wollt. Die kann sich sowieso nicht wehren.“ Sowas ist ja immer ein Irrtum. Jeder hat Macht. Nur nicht alle dieselbe und zur selben Zeit. Aber das wird jetzt zu kompliziert. Kommen wir auf den Untertan zurück.

Wenn man sich das Wort mal richtig ansieht, stellt man fest: Das kuschelt sich in das Bauchfell eines Größeren und flüstert leise herauf: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, sollst gut auf mich aufpassen, sonst muss ich schreien.“ Wer kleiner ist als wir, wer uns also untersteht, wer uns unterstellt ist, untertan ist, ist jemand, auf den wir aufpassen sollen. Für dessen Wohlergehen wir verantwortlich sind. Niemals hat je ein Elternpaar das Haus verlassen und zum großen Geschwister gesagt: „Wir sind dann mal weg. Jetzt bist du der Herr im Haus. Also: immer druff. Versklav die kleinen Racker – denn du kannst das und die können sich nicht wehren.“ Nein, Eltern erwarten von den Großen, dass sie auf die Kleinen aufpassen, ihnen vorlesen, ihre Launen ertragen, sie trösten, wenn sie weinen, die Mikrowelle für sie bedienen und klaglos die Trickfilme gucken, die die Kleinen eben gucken wollen. Vor allem aber, sollen die Großen die Knirpse vor Schaden bewahren –  auch wenn die Knirpse das nicht wollen, weil sie gerade die Streichhölzer gefunden oder das Scherengitter am Treppenaufgang geöffnet haben. Weil das eben das ist, was man so tut als führendes Familienmitglied: Beispiel, Liebe und nein sagen.

Das mit dem Unten stehen und geben verhält sich also eher umgekehrt. Und auch das könnte man aus dem Geschichtsunterricht wissen, wenn man besser aufgepasst hätte, als es darum ging,  was „L’etat c’est moi“ – der Staat bin ich – tatsächlich bedeutete für Ludwig der XIV von Frankreich, das Sinnbild des Autokraten, den Sonnenkönig.

Von morgens bis abends war Ludwig nicht Mensch, er war Staat und gehörte damit nicht sich selbst, sondern allen, die wollten, was er hatte: Macht. Nur, indem er die teilte, herrschte er. Nichts, wirklich gar nichts bestimmte er nach seinem persönlichen Gusto. Wie er schlief, wann er schlief, mit wem, was er anhatte, wer Zugang zu seinen Räumlichkeiten hatte, wer ihm was anziehen, anreichen, antragen durfte, alles war vorbestimmt – und zwar nicht durch ihn. Alles diente einem höheren Ziel, einer höheren Macht und diese Macht war nicht seine Person. Diese Macht war Frankreich. Ein Frankreich – machen wir uns nichts vor – das nicht das Frankreich der Bürger war, sondern einer dünnen Upper Crust, an deren Wohlergehen sich der Rest des Landes orientierte.

 

Was hat man denn dann davon, Chef zu sein? Die Antwort ist: Verantwortung.

Und die Verantwortung – auch das ein weit verbreiteter Irrtum – ist nicht etwa der Titel auf der Visitenkarte oder der Grund für eine Gehaltserhöhung. Verantwortung heißt, dass man dafür Sorge trägt, dass es allen gut geht. Dass ein Schiff heil in den Hafen kommt. Dass sich in einem Unternehmen alle gut und sicher fühlen. Dass sich eine Regierung am Wohl ihrer Bürger orientiert.

Ja, blöd gelaufen. Chef sein, egal, ob Staatschef, Firmenchef oder Küchenchef, das heißt nicht, der mit dem coolen Krönchen auf dem Kopf zu sein. Der, der bejubelt wird, der mit der dicken Marie. Chef sein, das heißt Sicherheit zu geben. Durch klare Ansagen, durch Berechenbarkeit und Nahbarkeit. Dadurch, dass man anerkennt, dass das, was man tut größer ist, als der, der man ist.

Ich weiß nicht, ob Chef zu sein immer noch so attraktiv wäre für Oprah, für Trump, für die vielen Erben, die demnächst frisch von einer privaten Business School kommend die Verantwortung für Firmen mit Tausenden von Mitarbeitern übernehmen werden, wenn sie verstanden hätten, dass es die natürliche Eigenschaft von Autorität ist, nicht eingefordert werden zu können, sondern verdient werden zu müssen. Verdienen. Dienen. Da ist es wieder.

Es würde mich also nicht wundern, wenn es stimmt, was man immer wieder liest: Dass Millanials Führungspositionen fürchten. Dass sie keine Verantwortung mehr übernehmen wollen. Dass sie lieber auf dem Rücksitz sitzen wollen, als am Steuer. Da könnte es natürlich über kurz oder lang eng werden.

Vielleicht sind die aber auch gar nicht die Generation der Schlaffis.

Vielleicht sind die die Generation derer die verstanden haben, dass das Wort „Verdienst“ von „dienen“ kommt – und es etwas substanziell anderes ausdrückt als das Wort „Einkommen“.

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Frau Fricke wundert sich über geteiltes Leid

Geteiltes Leid, so sagt man, sei ja halbes Leid. Ob das wohl der Grund ist, warum sich Leute plötzlich Leid zu Eigen machen, das gar nicht das eigene ist?

Neulich hatte ich Besuch. Die Bekannte einer Freundin, die mir selbst zunächst nicht bekannt war, kam zum Tee und wollte Näheres über die politische Situation in Katalonien wissen. Sie ist Journalistin und da ist es ja ein hehres Ziel, möglichst viele Leute nach ihrer Sicht der Dinge zu befragen – vor allem, wenn die politische Situation so vertrackt und vielschichtig ist, wie die hier.

Wir sitzen. Wir trinken Tee. Sie fragt. Ich antworte. Und nebenbei erwähnt sie, dass ihr Mann später auch noch käme. Der sei ja Katalane. Also jetzt im Herzen. Nicht in echt.

Ich erstarre einen Augenblick, denn ich ahne, was mich da erwartet. Die absolut eifrigste Verfechterin der katalanischen Sache, die ich kenne, ist nämlich auch eher Katalanin im Herzen, heißt Karin und wohnt in der Nähe von Düsseldorf. Gelegentlich macht sie Urlaub in einem Gebiet, das ihrer Auskunft nach so etwas wie das europäische Afghanistan ist, wo freie Rede unbekannt ist, wo man nicht wählen darf und wo man quasi unter Fremdherrschaft einer Monarchie steht, die man bis ins Mark ablehnt. Dieses Volk, mit dem sich Karin aus mir nicht gänzlich nachvollziehbaren Gründen eins fühlt, erleidet Unterdrückung und Verfolgung und die beginnt bei dem für sie offensichtlichen Versuch, die katalanische Sprache auszumerzen. Aber da hat man natürlich nicht mit Karin gerechnet. Karin spricht Catalan – mit einem so deutschen Akzent, dass man es bei flüchtigen Hinhören für Tschechisch halten könnte, aber – bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Als wir einmal eine Führung im Museum besuchten, bestand Karin darauf, dass die auf Catalan durchgeführt wurde, obwohl zwei Touristinnen aus Segovia und ich kein Catalan sprechen. „Pech“, sagte Karin zu denen mit ausgesprochen angekränkelten Brustton „wir sind nun mal in Katalonien. Ob es euch passt oder nicht.“ Der große Vortrag aber ist ihnen erspart geblieben. Der Vortrag, in dem man erfährt, welch bitteres Unrecht Menschen geschieht, die in Katalonien zu leben gezwungen sind. Karin selbst wäre dazu auch gern gezwungen, muss aber im regnerischen Ratingen ausharren. Blöd gelaufen.  Als ich sie das letzte Mal sah, trug sie ein T-Shirt der separatistischen Bewegung. Darauf ist ein Männlein zu sehen, dass Tränen lacht und sich dabei vergnügt auf die Schenkel haut. „Ich soll Spanier sein? sagt der Text dazu. „Ist ja lächerlich!“  Ich zeige auf das T-Shirt und sage: „Dir ist jetzt schon klar, dass das überhaupt keinen Sinn ergibt, wenn du es trägst, oder?“ Das war ihr tatsächlich nicht wirklich klar und nachdem ich ihr erkläre, dass in ihrem T-Shirt ganz unzweifelhaft keine Spanierin steckt, sondern eine Deutsche, die dadurch auch nicht zur Katalanin wird, hatte sie es plötzlich eilig und entfreundet mich alsbald auf Facebook. Mit Leuten, die sich derart unkatalanischer Umtriebe befleißigen, kann sie natürlich keinen Umgang pflegen. Das sehe ich ein. Und so in einer Villa in Ratingen lebt es sich bestimmt angenehmer mit einem „freien Katalonien“, in dem die Bürger ihre Rentenansprüche und ihren freien Zugang zur EU verloren haben, als sagen wir mal in Barcelona. Auch das ist mir klar. Was mir nicht klar ist: Warum macht sich Karin zum Stellvertreter einer katalanischer Indignation an der sie de facto gar keinen Anteil hat?

Wieso ist Rachel Dolezal schwarz?

Rachel Dolezal war bis 2015 die Präsidentin der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) ihres Wohnbezirks, einer schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Sie war auch Ombudsfrau der Polizei in Sachen Umgang mit Farbigen. Und sie war Lehrbeauftragte für afrikanische und afroamerikanische Studien an der Eastern Washington University.  In diesem Amt fiel sie mehrfach dadurch auf, dass sie Studenten, von denen sie fand, dass sie keinen so farbigen Eindruck machten, wie sie es für erforderlich hielt, der Vorlesung verwies, weil sie der Argumentation einer echten schwarzen Frau ohnedies nicht folgen könnten, weil sie nie ergründen könnten, was Diskriminierung wirklich bedeutet, weil sie eben einfach nicht schwarz waren.

Blöd ist: das haben sie mit Rachel Dolezal gemein. Ihre Eltern sind deutscher und tschechischer Abkunft und so weiß wie ein Toastbrot.

Grundsätzlich, da möchte ich jetzt wohl verstanden werden, ist gar nichts dagegen einzuwenden, wenn sich Experten zu einem Thema äußern, dass sie nur theoretisch kennen. Es gibt Themen, bei denen ich das sogar durchaus begrüßen würde, wie z.B. jedwede Form der Kriminologie oder bei Studien, die sich mit Missbrauch jedweder Art beschäftigen. Warum also hat Rachel Dolezal Tabletten geschluckt, um dunkler zu werden, sich eine Dauerwelle machen lassen, mit der sie aussieht wie Side Show Bob und warum hat sie Leute, die so waren wie sie aus ihrer Vorlesung geworfen? Warum hat sie einen Zustand hergestellt, dessen Opfer zu sein sie dann lautstark beklagt hat?

Aufgeflogen ist die Sache, als sie das Foto eines Schwarzen als das ihres Vaters auf Facebook eingestellt hat. Das war zu viel für ihren echten Vater. Er ging an die Öffentlichkeit. In einem sehr peinlichen Interview redete sich Rachel Dolezal raus. Ihre Erklärung ist, dass sie sich schon immer schwarz gefühlt hat. Sie beschrieb sich wörtlich als eine „transracial Caitlyn Jenner“, so etwas wie Transgender in Hautfarbe eben.

Sie beschrieb sich auch als Opfer physischer Gewalt durch ihre Eltern – was diese bestreiten. Als Opfer sexuellen Missbrauchs durch ihren Ehemann, der sie zum Dreh eines Sexvideos gezwungen habe – was nie aufgefunden werden konnte. Eigentlich eben als Opfer mal so ganz im allgemeinen, das sich einen triftigen Grund für sein Opfer-sein erst noch suchen muss.

Das ist derart abstoßend tatsächlichen Opfern gegenüber, die sich eben leider nicht aussuchen können, ob sie Opfer sein wollen, dass es mir den Atem verschlägt.

Inzwischen ist der Herzenskatalane eingetroffen

Ich biete ihm Tee an. Die erste Tasse nimmt er auch noch, denn da weiß er noch nicht, was ich für eine bin. Er findet das alles wahnsinnig aufregend, was da draußen passiert und freut sich, dass das bittere Unrecht, dass dem katalanischen Volk geschieht, nun endlich ein Ende hat. Ich frage freundlich nach, worin das bestünde. Er verweist auf die Unterdrückung der katalanischen Sprache. Ich verweise darauf, dass seit einigen Jahren Amtsschreiben überhaupt nur noch auf Catalan kommen. Genau genommen wird hier eher die spanische Sprache unterdrückt. Es ist ihm anzumerken, dass er dieses Argument als persönliche Beleidigung empfindet. Ich verweise auch darauf, dass der Schulunterricht hier auf Catalan stattfindet und Freunde von mir, die mit zwei schulpflichtigen Töchtern aus Madrid zugezogen sind, ihre Töchter hier auf teure Privatschulen schicken müssen, auf denen Spanisch gesprochen wird. Die meisten katalanischen Politiker machen das übrigens auch. Der Herzenskatalane mag mich nicht. Mich nicht und meine blöden Argumente nicht. Außerdem darf hier keiner wählen, sagt er. Ich erwähne, dass es in den Jahren, in denen ich hier wohne jedes zweite Jahr eine Wahl gegeben hat und mehrere ungestört abgelaufene inoffizielle Referenden. Das war nicht das, was er hören wollte und als ich ihn frage, ob er vielleicht eins der katalanischen Schreiben sehen möchte, verschränkt er die Arme vor dem Bauch und sagt, es sei vielleicht besser, wir würden nicht mehr darüber reden. Er sagt das, als sei er ein Opfer und ist von da an damit beschäftigt, an mir vorbei zu schauen und demonstrativ zu schweigen. Weitere Angebote von Tee lehnt er mit einem Kopfschütteln und einem Blick, der Schiffe versenken könnte, ab. Als ich ihn frage, ob er vielleicht ein Glas Wasser möchte, starrt er an mir vorbei als sei er auf einer Mission: „Ich weiß genau, was du hier abziehst, Puppe. Aber du und dein Wasser, ihr werdet mich nicht dazu bringen, die Partisanenlager im Hinterland zu verraten.“ Es gibt keine. Genauso wenig wie Unterdrückung, Diskriminierung oder Unterjochung von Katalanen. Genauso wenig wie Rachel Dolezal schwarz ist. Aber er sitz. Er starrt. Er lehnt ab. Ein Rebel without a cause.

Es gibt zwar keine Sache, aber er ist entschlossen, sie zu verteidigen.

Denn selbst, wenn es eine Sache gäbe, wäre es seine Sache nicht.

Aber offenbar ist es jetzt meine. Denn während der Herzenskatalane sein Herz wieder dahin zurück bringt, wo er warm und trocken in der Sicherheit eines wohl geordneten Sozialstaats lebt, bleibe ich zurück in der Stadt, die beflaggt ist, wie Berlin 1933. Wo ich Populismus aushalten muss, inhaltsfreie Debatten und die Konsequenzen, die dieser Unsinn mit sich bringt. Ich bleibe zurück und räume den Tisch ab für die Indignierten. Die Wassergläser. Die Teetassen. Das Gebäck. Die Blumen des Bösen.

 

Frau Fricke wundert sich, wann sich aus Teilen ein Ganzes ergibt

Wäre St. Martin der Schutzheilige der Sharing Economy, dann ginge die Geschichte so: Ritter trifft auf Bettler, teilt seinen Mantel, lässt den Bettler zwei Drittel des Mantels bezahlen und zahlt dem Jungen, der ihm den Bettler gezeigt hat 10% Provision. 

Ich gewöhne mich langsam daran, dass mir jeden Tag irgendetwas, das wirklich mal so richtig Schnee von gestern ist als der ganz heiße Scheiß von heute angedreht wird. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann bin ich hin und hergerissen zwischen: „Ihr seid doch wohl nicht ganz dicht.“ und „Alter, die haben’s aber drauf, was, das immer schon da war, für sich zu reklamieren.“ Letztlich kommt man vermutlich nur so zu was. Wasser und Land waren ja auch schon da, bevor irgendwer auf die Idee kam, sein Namensschild dran zu hängen. Trotzdem wundert mich eine Sache ganz besonders: Die „Sharing Economy“. Und mit der Wortschöpfung geht’s schon los.

No Sharing lots of Economy

In keiner Form legaler Ökonomie wird nämlich so wenig geteilt wie in der Sharing Economy. Wenn ich mir ein Taxi rufe, shared der Taxifahrer nicht nur für eine festgesetzte Dauer sein Fahrzeug mit mir, er shared auch vom daraus erwachsenen Profit die Steuern mit der Allgemeinheit. Das ist bei Uber mehrheitlich nicht so.

Miete ich mich in einem Hotel ein, shared der Hotelier neben Steuern und Abgaben auch vorschriftsmäßige Sicherheitssysteme mit mir oder einen Versicherungsschutz im Fall, das irgendwas passiert. Der Airbnb-Vermieter shared, wenn ich Pech habe, nicht einmal die Information, dass er just zu der Zeit, in der ich mich eingemietet habe, umziehen wird. Mit allergrößter Sicherheit aber shared er nicht seinen Verdienst und der kann erklecklich sein.

Letztes Jahr war ich zum ersten Mal auf Ibiza. Ein Freund hat mich eingeladen und uns in so einem Airbnb-Appartment untergebracht. Am Flughafen erwartete uns der Vermieter und auf der Fahrt kamen wir so ins Plaudern. Ob das die einzige Wohnung sei, die er vermietet, frage ich ihn. Ne, er habe vierzig. VIERZIG. Vier Null. 40!

Ich war erstaunt, denn der Mann ist erst vor 10 Jahren auf die Insel gekommen sagt er. Ja, sagt er, das sei so, erst habe er auf dem Bau gearbeitet und daher gewusst, wo Wohnung zu haben waren. Das war noch zu der Zeit, wo jeder Depp, der vor der Bank lang hinfiel mit einer Hypothek in der Tasche wieder aufstand. Damals hat er die erste gekauft und vermietet und vom Verdienst die zweite. Dann wurden die Gesetze verschärft und eigentlich wollte er die Wohnungen da anmelden, aber auf Ibiza sei so ein Vermietungsstopp verhängt worden.Da ging das natürlich nicht mehr. Und wer eine Wohnung nicht anmelden kann, der kann auch keine Steuern dafür zahlen. Ist ja nun nicht seine Schuld, findet er. Und das Geld muss ja irgendwo hin. Also hat er davon neue Wohnungen gekauft, die er auch alle nicht anmelden kann, weil ja… Wir kennen das Prinzip. Mir blieb der Mund offen stehen. Das also ist Sharing Economy. Der Economy-Teil ist mir klar. Wo ist das Sharing?

Greed without Need

Früher gabs ja auch schon Mitfahrzentralen, es gab Mitwohnzentralen, es gab Flohmärkte und Kuchenbasars. Kurz: All die physischen Vorgänger von Uber, BlaBlaCar, Airbnb, Ebay, Eatwith und vergleichbaren Plattformen. Und auch damals hat keiner Steuern bezahlt, wenn er jemanden von seinem Studienort Göttingen bis zum Wohnort seiner Eltern in Oberammergau mitnahm, ganz einfach, weil es keinen Zugewinn gab. Gewöhnlich wurden die Spritkosten durch die Anzahl der Mitfahrer geteilt (plus eine Mini-Vermittlungsgebühr). Wer über die Mitwohnzentrale sein WG-Zimmer vermietete, während er sich selbst in Goa suchte, hat das Zimmer gewöhnlich zu dem Preis vermietet, den er auch selbst gezahlt hat – plus vielleicht 10% für die Reisekasse. Ich weiß das sicher, denn früher habe ich meine gesamte Wohnung für die Zeit vermietet, in denen ich auf Reisen war. Anders hätte ich mir das gar nicht leisten können, denn ich hab für den Preis vermietet, den ich selbst als Miete gezahlt habe. Vollausstattung gabs so zu sagen umsonst. Ich hatte da nichts zu versteuern. Was als Verdienst reinkam, ging als Miete raus. Es war nicht üblich, seine Miete zu verdreifachen – einfach nur, weil man konnte und keiner guckte.

In den old school sharing economies haben die geteilt, die sonst nicht genug gehabt hätten – für eine Zugfahrt nach Hause, für einen Urlaub, für irgendwas, was ihm wichtig war. Das Teilen stand im Vordergrund. Wegen mir hat ein Paar, eine schöne Wohnung gehabt, nachdem ihre abgebrannt war und renoviert werden musste. War nicht ihre Schuld, wie sie nicht müde wurden zu betonen. Das war bei Bauarbeiten passiert. Die beiden hießen übrigens – true story! – Brendel und Feuerle. Aber ich schweife ab. Also, ich hab denen meine Wohnung vermietet, was die irrsinnig gefreut hat. Und ich, ich konnte 3 Monate im Süden überwintern, was mich irrsinnig gefreut hat. Später haben wir auch Adressen geteilt und Erfahrungen und wir haben uns gegenseitig besucht. Das war nett. Das war Sharing.

Heute hat die Betonung auf „Economy“ gewechselt und damit auch das Publikum. Wie immer, wenn es was zu holen gibt, treten die auf den Plan, die davon gar nicht genug haben können. Die, die sich lieber 40 Wohnungen von ihren Einnahmen kaufen, als Steuern zu zahlen. Die, die schon die Mittel haben, die halbe Innenstadt aufzukaufen, aber finden, das „mehr“ immer besser ist als „viel“.  In der Share Economy findet die Verteilung also wieder von unten nach oben statt. Und das ist schade.

Sharing is caring

Schade auch, weil keiner die Verantwortung übernimmt. Anbieter finden, dass sie nur die ihnen gebotenen Möglichkeiten nutzen. Die Vermittlungsplattformen sehen sich selbst nur als das willenlose Gefäß, in dem Andere ihre üblen Machenschaften anrühren. Damit, finden sie, haben sie nichts zu tun.

Nicht mit der Entvölkerung der Innenstädte durch Touristenwohnungen, nicht mit dem massiven Steuerausfällen und auch nicht damit, dass ehrliche, steuerzahlende Tourismus-Betriebe Leute entlassen müssen, weil sie ihre Preise gegen steuerhinterziehende Anbieter ohne Personal positionieren müssen. Jeder schaut nur bis zu seinem eigenen Nabel, denn hey, zwischen uns und unserem Gewinn steht nur eine Maschine und die urteilt nicht.

Tatsächlich ist die Sharing Economy das Gegenteil dessen, was das Wort nahelegt. Sie ist eine Economy, in der keiner mehr was umsonst kriegt. Geteilt wird nix. Jeder ist sein eigener hard boiled Gordon Gekko. Und ich hoffe sehr, dass sich diese Denke nicht noch mehr in unseren Alltag ausbreitet. Ich will weiter Freunde in meinem Gästezimmer übernachten lassen ohne die dumme Nuss zu sein, die zu blöd ist, eine Rechnung auszustellen. Ich will weiter meine Freunde bekochen und mich allein der Kalkulation der Portionsgrößen widmen müssen und ich will mich weiter einfach nur freuen können, wenn ich irgendwo anreise und mir meine Freunde schon mein Bettchen gemacht haben, mein Lieblingsessen gekocht und den Ofen an.

All denen, die jetzt genau wissen, dass sie gemeint sind: Thanks for Sharing!

 

Frau Fricke wundert sich, ob man sagen darf, was man sagen muss

Es ist nicht immer leicht, das Richtige zu tun. Noch schwerer ist es, das Richtige zu sagen. Und am allerschwierigsten ist es, zu wissen, wann nichts zu sagen das einzig Richtige ist.  Ist das vielleicht „nie“? It’s complicated. 

Logroño hat eine Kathedrale, die so schön ist, dass man weinen möchte. Traumschön. Leute kommen dahin, nur um ein Bild von Michelangelo zu sehen, dass es nur dann zu sehen gibt, wenn man fünfzig Cent in einen Schlitz wirft und wartet, bis ein kleines Türchen auf- und das Licht angeht. Für ein paar Minuten. Dann ist Michelangelo wieder weg und man kann sich den weiteren Schönheiten der Kirche widmen.

Selbst die Messe ist schöner als irgendwo sonst. Alles ist so mächtig und prächtig und eindrucksvoll. Ich weiß das, weil gerade eine Messe gefeiert wird, als ich in die Kirche stolpere. Ich schleiche mich also brav zu einer Bank und setze mich möglichst geräuschlos hin, um zuzuhören. Ich mach das gerne. Ich bin schon in großartige, sehr inspirierende Predigten gestolpert. Diese hier gehörte dazu – wenn auch anders als erwartet.

Als ich mich setze, sagt der Priester gerade, dass Jesus Liebe ist. Das klingt doch ganz gut. Aber wie, fragt er sich weiter – und damit auch die Gemeinde – wie soll sich die Liebe denn bitte gegen einen Staat durchsetzen, der alles in seiner Macht stehende tut, um sie auszurotten?

Ich höre aufmerksam zu. Mir war gar nicht klar, dass sich der Staat auf einem Kreuzzug gegen die Liebe befindet und auch nicht, was er davon hat. Aber das werde ich ja vermutlich gleich erfahren.

Der Niedergang der christlichen Ehe begann, erfahre ich, mit der Zulassung der Ehescheidung. Das ist schon mal total gegen Gottes Plan und hätte nie passieren dürfen. Aber es kam noch schlimmer. Leute fingen an, gar nicht mehr zu heiraten. Die lebten einfach so zusammen. Die kriegten sogar Kinder. Alles ohne Gottes Segen und deswegen falsch, falsch, falsch. Unverheiratete sind überhaupt per se intolerabel.

Ich überlege kurz, ob eventuell der Zölibat kürzlich außer Kraft gesetzt wurde.

Den Priester nimmt dieses Sodom und Gomorra sichtlich mit. Er spricht jetzt lauter und unter ganzem Körpereinsatz und weil er ein Messgewand trägt, sieht er dabei aus, wie ein großer Vogel, der verzweifelt mit den Flügeln schlägt. Ganz kurz mache ich mir auch ein bisschen Sorgen, denn der Mann ist nicht mehr der Jüngste. Der ist bestimmt schon in den Achtzigern. Da sollte man nicht mehr so einen Puls haben. Aber jetzt gehts erst richtig los.

Der Gipfel dieser vollkommen fehlgeleiteten Entwicklung gegen Gottes Plan, sagt er, sei nun aber die Ehe von Menschen, die von Gott nicht dazu ausersehen sind, eine Ehe zu führen. Er kann das Wort „homosexuell“ nicht aussprechen. Er nennt sie „diese von Dämonen durchsetzten Menschen“ und ihre Ehe „Ekel erregend und beschämend“. Er spuckt diese Worte aus wie Kirschkerne. Als müsse er so viel Raum zwischen sich selbst und die Stelle, an der sie landen bringen, wie möglich. Die Worte landen bei mir. Fallen einfach in meinen Schoß. Die gehen nicht weg. Die bleiben.

Was mach ich jetzt?

Ich bin ja so ganz im allgemeinen nicht gut darin, Dinge, die ich für vollkommen falsch halte, unwidersprochen hinzunehmen. Aber das hier ist nicht mein Turf. Nicht meine Stadt. Nicht meine Kathedrale. Nicht mal meine Religion. Ich bin hier nur ein Gast. Ein Zuschauer. Jemand, der, wie man in Spanien so sagt, „keine Kerze bei dieser Beerdigung hält“. Aber wird nicht, wo Recht zu Unrecht wird, Widerstand zur Pflicht?

Ich rutsche auf meiner Bank hin und her. Ich sehe mich kurz aufstehen und quer durch die Kathedrale brüllen, dass ich mich für ihn schäme. Aber ich tu es nicht. Nicht schnell genug. Und dann ist der Moment vorbei. Und ich sitze immer noch. Und ich schäme mich immer noch. Und ich rutsche immer noch hin und her. Denn jetzt hab ich geschwiegen und wer schweigt, der stimmt zu und wer zustimmt, ist Teil des Problems. Ich will aber Teil der Lösung sein.

Und dann geht es zur Eucharistie.

Ich gehe da natürlich nicht hin. Normalerweise. Aber plötzlich stehe ich auf und plötzlich stehe ich ganz hinten in der Schlange und plötzlich stehe ich vor dem Priester, der mir eine Hostie hinhält und anstatt sie zu nehmen, beuge ich mich vor und sage ihm:

„Wenn Sie damit Recht hatten, dass Jesus Liebe ist, dann werden Sie für das, was Sie gesagt haben, in die Hölle kommen, Vater.“

Und dann gehe ich sehr eilig zurück zu meinem Bänkchen. Ich würde die Geschichte hier gern beenden. Ich würde gerne schreiben, dass ich ich hoch erhobenen Hauptes im Triumph moralischer Überlegenheit zurück auf meinen Platz gegangen bin. Dass die Trompeten Jerichos erschallten, dass mich die Gloriole der Guten und Gerechten umgab, dass das der beste Moment überhaupt war, dass ich, ich ganz allein der Allmacht der Dummheit und Bigotterie getrotzt habe.

Aber so war das nicht. 

In Wirklichkeit bin ich auf meinen Platz zurück geschlichen und habe mich geschämt. Ich habe mich geschämt, weil der Mann sich im besten aller Fälle ein Ei auf meine Meinung pellt. Im schlechtesten aller Fälle aber, geht meine Saat auf und ich habe einem alten Mann, der sehr bald sterben wird, Angst vor dem Tod gemacht. Das ist die Höchststrafe! Das ist so mies, dass nicht mal mir ein Wort dafür einfällt.

Tagelang hat mich das beschäftigt. Dann treffe ich auf einen anderen Priester. Wir essen gemeinsam zu Abend  und ich erzähle ihm diese Geschichte und er sagt: „Ach, darüber würde ich mir überhaupt keine Gedanken machen. Wenn ein Priester Angst vor dem Tod hat, dann hat der größere Probleme als dich.“

Da hat er natürlich Recht. Aber das macht mich irgendwie auch nicht netter.

„Vielleicht hat er dich ja auch gar nicht gehört.“ versucht er mich zu trösten. „Ist mir egal“, sag ich, „Ich hab mich gehört.“ Der Priester lacht und dann fragt er: „Was, wenn nur Gott dich gehört hätte?“ Und ich lache und sage: „Dem muss ich doch nichts erzählen. Der weiß doch schon alles!“

Und plötzlich wird mir klar:

Ich hätte brüllen sollen.

Oder schweigen.

Aber niemals flüstern.

 

 

Frau Fricke wundert sich über Terror

Jetzt ist es also passiert. Ich hab gleich mal „Frau Fricke wundert sich, wer so alles Paris ist“ nachgelesen und war überrascht, wie wenig sich geändert hat. Äußerlich. Nur ich hab mich verändert. Ich bin wütend. So kenn ich mich gar nicht. 

Ich würde gerne sagen, dass mich das Attentat in Barcelona, der Stadt, in der ich wohne, völlig unbeeindruckt gelassen hat. Aber dann würde ich lügen. Es ist mehr so, dass alles ganz anders ist, als ich es mir vorgestellt hatte.

Wie immer, wenn etwas passiert, das eben eigentlich gar nichts mit einem selbst zu tun hat, dauert es eine Weile, bis man überhaupt was mitkriegt. Ich hatte plötzlich etliche Nachrichten auf dem Handy und die erste, die ich öffne heißt: SOFORT! und ist der Nachklapper der Bitte, ich solle mich doch bitte melden und sagen, dass es mich noch gibt. So also habe ich von dem Attentat erfahren. Ich war aber genau genommen immer noch nicht betroffener, als wäre jemand auf der Autobahn in Castrop-Rauxel falsch abgebogen. Und das ist hier der Punkt.

Jeden Tag geschehen um uns herum schreckliche Dinge. Während wir uns die Haare schneiden lassen, ungläubig auf die Waage starren oder einen Parkplatz suchen, stößt einem anderen Menschen – oft gar nicht so weit entfernt – Unsägliches zu. Menschen ertrinken, werden Opfer häuslicher Gewalt, sterben an unerwarteten Krankheiten. Und nie denken wir, dass das irgendetwas mit uns zu tun hätte. Nur bei so einem Attentat sind wir plötzlich selbst betroffen. Und das hat einen Grund:

Ein Attentat macht die Gewalt größer als den Täter. 

Man erlaubt einem Attentäter so zu tun, als sei er nur Stellvertreter für etwas, das größer ist als er. Und wir, wir glauben ihm das. Wir glauben, er sei das große Böse und er habe es auf das Gute im Allgemeinen abgesehen. Und wer ist das Gute im Allgemeinen? Na, wir natürlich. Und so glauben wir: Der meint uns. Tut er aber nicht.

Jedes Jahr sterben Menschen auf der Autobahn, weil jemand vorsätzlich in falscher Richtung unterwegs ist. Auch der will töten und zwar sich selbst. Und vorher, vorher will er noch so viel Aufmerksamkeit wie möglich. Wer einfach nur einen Stuhl umstößt und von der Decke baumelt, wer von der Brücke springt oder ausgeblutet aus seiner Wanne gezogen wird, macht keine Schlagzeilen. Der ist einfach nur ein überfordertes Würstchen, das es nicht gepackt hat. Sad. So ein Geisterfahrer aber, ja der ist eine Meldung wert. Grandioser Abgang. Aber auch nur im Lokalteil. Denn, sein wir ehrlich:

Keiner käme auf die Idee, die Eifelturmbeleuchtung abzuschalten. Keiner bastelt Schleifen, die man am Revers tragen soll und kein Hobbygraphiker bastelt ein Ereignislogo, das plötzlich alle Profilfotos bei Facebook ersetzt. Nur bei Terror, bei Terror ist das anders. Warum eigentlich? Bei genauem Hinsehen entdecken wir nämlich – nichts.

Was macht einen Terroristen zum Terroristen?

Was mir in der Berichterstattung immer wieder auffällt, sind die eklatanten Ähnlichkeiten der Protagonisten. Alle Attentäter der jüngeren Vergangenheit waren Sozialversager. Leute, deren Träume größer waren, als ihr Vermögen, sie zu verwirklichen. Ich will das nicht werten. Es ist aber eine Beobachtung wert. Fast alle waren vorbestraft. Drogendelikte waren dabei, Häusliche Gewalt, Sexualdelikte, Raub, Diebstahl. Der Attentäter von Nizza durfte sich seiner Familie nicht mehr nähern, weil er zumindest als deren Gefährder angesehen wurde. Fast ebenso bemerkenswert wie ihre längeren kriminellen Karrieren sind ihre verblüffend kurzen religiösen Episoden. Keiner der bisher bekannt gewordenen Attentäter konnte auf ein langes frommes Leben als Moslem zurückblicken. In fast allen Fällen berichtet das soziale Umfeld davon, dass da, wo plötzlich die Sure regierte, gestern noch der Swag hing. Und „Kontakt zu ISIS“? Wer Bingewatching von reißerischen youtube-Videos für einen Kontakt zu ISIS hält, der glaubt auch, dass man durch das Hören von Death Metal den direkten Draht zu Satan hat.

Nein, es ist viel einfacher: Diesen islamischen Terror und diese klandestinen Truppen, die einem geheimnisvollen Dr. No aus dem Morgenland folgen, die gibt es gar nicht. Das, was wir für Terror halten, sieht nicht nur so aus, als stünde keine ausgefeilte Strategie dahinter. Das ist tatsächlich so.

Jeder frustrierte Sozialversager mit Führerschein kann sich einen Minivan mieten. 

Und davon gibt es eine ganze Menge da draußen. Die folgen keinem sinistren Plan, die haben kein höheres Ziel. Denen steht der Frust nur einfach bis zu den Augenbrauen und die haben die Hoffnung aufgegeben, jemals jemand zu werden, für den man sich nicht schämen müsste. Einmal was Bedeutendes machen, etwas, über das die Leute reden. Einmal bewundert werden. Das ist nicht so einfach, wenn man nicht singen kann, oder Fußball spielen. Nicht so einfach in einer Welt, in der man nicht einmal in die zweite Bewerbungsrunde kommt.

Und so kommt man dann auf die Idee, sich einen Minivan zu mieten und in eine Menschenmasse zu fahren. Jeder Idiot kann das. Man kann auch ohne große Vorkenntnisse in einem gesteckt vollen Konzertsaal niedermähen, was man vor die Flinte kriegt. Oder sich selbst – Gipfel der Dummheit – in die Luft zu sprengen. Jeder andere kleine Idiot, jeder andere Kleinkriminelle, jeder andere grasvernebelte Hilfs-Checker würde nichts hinterlassen, als einen Fleck. Aber sowie man sich einen Minivan mietet und so tut, als täte man, was man tut für einen höheren Zweck, kennen alle deinen Namen.

Das muss aufhören!

Es wird Zeit, dass wir über publicitygeile Kleinkriminelle so berichten, wie es den Tatsachen entspricht. Dass wir sie als die illusorischen Vollhonks darstellen, die sie sind. Dass wir uns nicht schämen zu sagen, dass sie dumm sind wie ein Stück Brot, dass sie ihre letzten Hirnzellen verkifft haben und dass sie Schande über sich bringen, Häme, Gelächter. Dass keiner sie fürchtet. Und dass sie vergessen sein werden, wenn das nächste Fußballspiel Schlagzeilen macht.

Hören wir auf, so zu tun, als hätten sie Bedeutung. Denn erst dann wird die nächste Riege perspektivloser Piffel keinen Spaß mehr an dem Gedanken finden, wie alle vor dem Fernseher sitzen und denken: „Oh! Was der? Das hätten wir dem ja gar nicht zugetraut.“

Hören wir auf, zu fragen, wer dahinter steckt. Nichts steckt dahinter. Gar nichts. Nur Frust und Dummheit. Der „Islamische Staat“ hat – wie auch immer authentifiziert – das Attentat bereits für sich reklamiert und den „beiden Helden“, die es durchgeführt haben, ihre Anerkennung ausgesprochen. Das ist blöd, wenn tatsächlich vier Leute im Wagen gesessen haben. Dumm gelaufen. Immer hübsch die Nachrichten abwarten, bis man etwas für sich reklamiert, das in Wirklichkeit eine Handvoll Ganoven aus der katalanischen Provinz ausbaldowert haben. Hören wir auf, Bedeutung zu suchen, wo keine ist.

Vier Idioten haben vierzehn Menschen getötet.

Ich bin froh, dass ich keiner von ihnen bin.

Mehr gibt’s nicht zu sagen.

 

 

 

Frau Fricke wundert sich über Wandel

Der Digitale Wandel ist ja plötzlich keiner mehr. Jetzt ist er eine Disruption. Ein Abbruch. Gewissermaßen eine ökonomische Abtreibung. Die digitale Revolution frisst ihre Kinder. Und diese Kinder, das sind wir. Wie furchtbar! Und wie hat das überhaupt angefangen?

Die krude Wahrheit ist: Das hat nie aufgehört. Seit es diesen Planeten gibt, gibt es Veränderung und Veränderungen sind immer für die unangenehm, die am Alten gar nichts auszusetzen hatten. Selbst die Veränderung als solche hat eine Evolution erfahren. Am Anfang hat Fortschritt so zu sagen eher biologisch diruptiert. Die Dinosaurier waren trotzdem nicht begeistert, nehme ich an. Von da an überschlagen sich die Ereignisse. Der Aufrechte Gang wird erfunden und bringt Wettbewerbsvorteile mit sich – aber auch Rückenschmerzen. Und kaum sind die überwunden, da setzt auch schon die erste technische Revolution ein: Das Werkzeugdenken wird entdeckt und öffnet die Tür für den richtig heißen Scheiß: Das Feuer.

Feuer, stellt sich heraus, ist aber mal richtig revolutionär und verändert die Gesellschaft in bisher unbekanntem Ausmaß. Plötzlich kann man in Gegenden wohnen, wo man eigentlich nichts zu suchen hat. Überleben wird einfacher und das Schaffen neuer Werkzeuge. Natürlich gibts auch Nachteile, wie immer, wenn die Möglichkeiten die eigene Reflexionsfähigkeit überschreiten: Jahrhunderte später brennen die Städte ab, die es ohne Feuer gar nicht gegeben hätte. Rom zum Beispiel, viel später auch London oder Hamburg. Die disruptive Kraft des Feuers ist so gewaltig, dass sie sogar gezielt eingesetzt wird – in Kriegen, gegen die, denen man die wirtschaftliche Macht unterstellt, die man selbst gern hätte.

Das sollten wir uns gleich mal merken: Im Kielwasser technischer Revolutionen schwimmt immer die gesellschaftliche Veränderung – und die ist selten friedlich. 

Und schon dreht sich das Rad der Geschichte weiter, denn das wird erfunden und macht damit Transporte und Antriebe möglich. Träger werden massenhaft arbeitslos, dafür gibts jetzt Fuhrleute. Ohne Rad keine Druckerpresse. Die nächste Revolution bahnt sich an – diesmal wörtlich. Geschichtenerzähler werden arbeitslos, die Jobbeschreibung von Mönchen und Nonnen verändert sich drastisch. Es gibt Abwanderungen in andere Branchen. Die Katholische Kirche, bisher mächtigster Global Player mit Sitz in Rom, erodiert.

Rasen wir direkt weiter. Denn Newcomen kommt auf die Idee, Rad und Feuer zu kombinieren und erfindet damit die Dampfmaschine. Plötzlich geht alles irre schnell. Dampfschiffe rasen und kommen mit einem Bruchteil des Personals von Segelschiffen aus. Webstühle hauen in Stunden raus, wofür ein Weber Tage braucht. Es gibt Hungersnöte und Aufstände – und irgendwann keine Weber mehr.

Alles wird immer schneller und ich könnte jetzt immer so weiter machen, aber das Telefon klingelt, das es eben noch gar nicht gegeben hat und löst eine kommunikative Entwicklung aus, die die nächste Revolution wird. Auch da gibt es wieder Opfer. Kuriere werden erst Ende des 20. Jahrhunderts wieder in Mode kommen, wenn es zu viele Autos geben wird – die es eben auch noch nicht gab.

Das Prinzip ist aber: Immer, wenn etwas Neues entsteht, vergeht etwas Altes. 

Man mag das bedauern. Aber man wird es nicht ändern. Die gute Nachricht ist: Mit jeder neuen Entwicklung gab es auch neue Möglichkeiten. Die Berufsbilder meiner Eltern gibt es heute nicht mehr. Meinen Job gab es zu ihrer Zeit noch nicht. Mir ist da nicht bang. Es gibt da aber etwas, dass ich viel weniger verstehe:

Warum ist es zu keiner Zeit gelungen ist, die gesellschaftlichen Auswüchse der jeweiligen New Economies in den Griff zu bekommen?

Kaum gab es Fabrikhallen, schon gab es auch den Manchester-Kapitalismus. Der war davon geprägt, dass die Unternehmen so neu waren, dass sie die Arbeitsbedingungen frei bestimmen konnten. Wer für sie arbeitete, arbeitete immerzu, zu Hungerlöhnen und unter schlimmsten Bedingungen. Dabei hatte es vorher durchaus schon Reglements der Arbeitsbedingungen z.B. für Feldarbeiter gegeben, die Pausenzeiten, Bezahlung und Boni regelten. Jawohl, Boni! Auch die gab es schon. Zum Ende der Erntesaison – zu Martini – gab es eine Gans und ein Kleid. Fabrikbesitzer aber fanden, dass so eine Fabrik etwas ganz anderes sei und dass die Regeln deshalb für sie nicht galten. Wir wissen, wie die Sache ausgegangen ist: In Europa hat sich das geändert. Und das war kein Picknick. Weltkriege und Revolutionen lagen zwischen Manchester und Weihnachtsgeld. Aber nun gehts uns gut. Warum also geht die ganze Sache jetzt wieder von vorne los?

Wieso ist Facebook keine Zeitung?

Auch in der New Economy werden plötzlich sehr, sehr wenige in sehr, sehr kurzer Zeit sehr, sehr reich – vor allem, weil sie finden, dass für sie die Regeln nicht gelten. Selbst Gesetze müssen angeblich extra neu gemacht und durchgesetzt werden – und das dauert. Dabei haben wir schon welche und die funktionieren doch eigentlich prima.

Ich kann z.B. nicht verstehen, warum Facebook anders behandelt wird, als eine stinknormale Zeitung. Eine Zeitung ist ein Medium und Facebook auch. Beide finanzieren sich durch Werbung, die vermutlich kein Mensch sehen würde, wenn sie nicht eigentlich an den Inhalten der Medien interessiert wären. Am Content also. An dem, was andere Leute an Informationen und Meinungsbildern zur Verfügung stellen.

Bis hierher also nix Neues. Aber jetzt gehts los mit den Unterschieden.

Von einer Zeitung verlangt der Gesetzgeber, dass sie die Verantwortung  übernimmt für das, was sie publiziert. Zu Recht. Wird sie der Verantwortung nicht gerecht, hat das Folgen für sie. Bei Facebook ist das anders. Und warum das so ist, ist mir unverständlich. Facebook argumentiert, dass sie ja keine Kontrolle über das hätten, was da geschrieben wird. Ja, das hätte eine Zeitung oder eine Rundfunkanstalt auch nicht, wenn sie die Kontrolle nicht übernehmen und bezahlen würde. Rein theoretisch könnte ja auch eine Zeitung dazu einladen, dass einfach jeder, der das will, da mal schreiben kann, wonach ihm ist. Praktisch bezahlt sie aber Leute, die gut schreiben können, weitere, die juristische Prüfungen vornehmen, immer seltener solche, die auch die Rechtschreibung kontrollieren und sie geben Geld für Recherche aus. All diese Kosten hat Facebook nicht. Das erklärt vielleicht, warum immer weniger Journalisten für immer weniger Geld arbeiten, unsere Informationslage immer unzuverlässiger und mieser wird und Mark Zuckerberg auf Platz 5 der Forbes Liste steht. So ganz allein.

Hoffentlich geht das diesmal gut.

Alles andere findet sich schon. Wie immer.

 

 

 

 

 

Frau Fricke wundert sich über Neid

Ich bin neidisch. So, jetzt ist es raus. Was keiner sonst zugibt, ich sag es mal: Ich frage mich oft, warum es jeder in meiner Umgebung schafft, das perfekte Leben zu führen – nur ich nicht. Die Antwort hat mich in Teilen verunsichert. 

Neid, das macht man sich ja selten klar, ist die kleine Schwester des Selbsthass. Die Zwillinge aus „Shining“ die einem Gift ins Ohr träufeln. Gerade saß man noch ganz kommod zu Hause in seiner kleinen Wohnung auf seinem kleinen Sofa und war eigentlich ganz zufrieden, da wird man mit den großen Häusern, den großen Sitzgarnituren und der großen Zufriedenheit anderer belästigt. Man kann gar nicht anders als sich fragen: Warum der? Warum nicht ich?

Nur in den seltensten Fällen fragt man sich: Was soll ich mit soner potthässlichen Sitzgarnitur? Nein, man fragt sich, warum andere sowas haben, während man selbst mit Verzicht und Entsagung ringen muss.

Warum haben die ein Haus und ich nicht? Warum haben die ne Super-Ehe und ich bin allein oder – schlimmer noch – muss jede Nacht neben jemandem einschlafen, den ich eigentlich auch schon früher nicht leiden konnte?

Das Tückische ist: Neid, dieser Lupus der Emotionen, macht sich immer und überall breit. Heilung gibt es nicht. Und auch kein Genug, das dem Neid Einhalt gebieten würde. Es gibt immer jemanden, der noch ne Million mehr hat, dessen Yacht noch einen Meter länger ist, dessen Umsatz höher, dessen Währung stabiler ist. Vermögende Nationen, von denen man meinen sollte, sie hätten es nicht nötig, liefern sich ein Rennen im Bauen des nun aber wirklich allerhöchsten Hochhauses, indem sie schnell noch den Blitzableiter verlängern.

Was soll das? Warum sind wir so schlecht im Gönnen-können? Weil die Zufriedenheit der anderen uns zuruft:

Du hast es verkackt, Loser!

Was man nicht weiß, was man sich nicht klar macht: Während man selbst den Blick neidisch auf andere gerichtet hat, haben die ihren Blick neidisch auf uns gerichtet. Jawohl. Erstaunlich, was?

Wieso, fragen die sich, ist die so mopsfidel auf ihrem kleinen Sofa in ihrer kleinen Wohnung und ich arbeite mir hier den Arsch ab mit Leuten, die ich nicht ausstehen kann, nur um nach einem 16-Stunden-Arbeitstag, an dem ich sie nicht genießen kann, zu meiner gigantischen Sitzlandlandschaft nach Hause zurück zukehren?

Warum lachen die so laut über ihrem Aldi-Grill? Wieso können die sich diese Heiterkeit eigentlich leisten? Warum hab ich die nicht? Ich hab einen Gasgrill, der mehr gekostet hat, als deren Auto. Das muss doch zu was gut sein! Was läuft hier schief? Und dann kommen die Zwillinge wieder und raunen einem ins Ohr:

Du hast es verkackt, Loser!

Wir vergessen dabei, dass wir nicht alles sehen. Dass wir eine winzige Facette wahrnehmen und darüber auf ein Ganzes schließen, das so perfekt, wie es uns erscheint sehr wahrscheinlich nicht ist. Wir sehen den Mahagonischreibtisch, aber wir sehen nicht, dass sich darin die Flasche Booze befindet, die jeden Abend dafür drauf geht, die Gemeinheiten zu ertränken, die man von Menschen ertragen muss, von denen man finanziell abhängig ist.

Wir sehen die Freiheit anderer und vergessen, dass Janis Joplin uns doch schon darüber aufgeklärt hat, dass Freiheit nichts anderes heißt, als dass einem nichts geblieben ist, was man noch verlieren könnte.

Wir sehen das perlende Französisch und vergessen, dass das mühevoll erlernt werden musste und wir sehen die Sicherheit, aber nicht die Abhängigkeit, die damit einher geht. Und die blöde Zicke die, das Autogramm gekriegt hat, um das zu bitten wir uns nicht getraut haben. Was denkt die eigentlich wer sie ist?

Die allermeisten Dinge, um die wir andere beneiden, könnten wir genauso haben. Wir sind nur nicht bereit, den Preis dafür zu bezahlen. Wir wollen nicht über unseren Schatten springen und außerhalb unserer Komfortzone landen. Dann eben nicht.

Dann hat man eben keine Freunde, wenn einem die Pflege zu aufwändig ist. Auch gut.

Bei jedem bröselt irgendetwas hinterm Lack. Das ganz große Glück gibt es, aber es ist seltener, als wir meinen.

Das ganz große Glück ist wohl, sich auf sein kleines Sofa zu setzen in seiner kleinen Wohnung und sich an dem zu freuen, was man hat.