Frau Fricke wundert sich, ob man sagen darf, was man sagen muss

Es ist nicht immer leicht, das Richtige zu tun. Noch schwerer ist es, das Richtige zu sagen. Und am allerschwierigsten ist es, zu wissen, wann nichts zu sagen das einzig Richtige ist.  Ist das vielleicht „nie“? It’s complicated. 

Logroño hat eine Kathedrale, die so schön ist, dass man weinen möchte. Traumschön. Leute kommen dahin, nur um ein Bild von Michelangelo zu sehen, dass es nur dann zu sehen gibt, wenn man fünfzig Cent in einen Schlitz wirft und wartet, bis ein kleines Türchen auf- und das Licht angeht. Für ein paar Minuten. Dann ist Michelangelo wieder weg und man kann sich den weiteren Schönheiten der Kirche widmen.

Selbst die Messe ist schöner als irgendwo sonst. Alles ist so mächtig und prächtig und eindrucksvoll. Ich weiß das, weil gerade eine Messe gefeiert wird, als ich in die Kirche stolpere. Ich schleiche mich also brav zu einer Bank und setze mich möglichst geräuschlos hin, um zuzuhören. Ich mach das gerne. Ich bin schon in großartige, sehr inspirierende Predigten gestolpert. Diese hier gehörte dazu – wenn auch anders als erwartet.

Als ich mich setze, sagt der Priester gerade, dass Jesus Liebe ist. Das klingt doch ganz gut. Aber wie, fragt er sich weiter – und damit auch die Gemeinde – wie soll sich die Liebe denn bitte gegen einen Staat durchsetzen, der alles in seiner Macht stehende tut, um sie auszurotten?

Ich höre aufmerksam zu. Mir war gar nicht klar, dass sich der Staat auf einem Kreuzzug gegen die Liebe befindet und auch nicht, was er davon hat. Aber das werde ich ja vermutlich gleich erfahren.

Der Niedergang der christlichen Ehe begann, erfahre ich, mit der Zulassung der Ehescheidung. Das ist schon mal total gegen Gottes Plan und hätte nie passieren dürfen. Aber es kam noch schlimmer. Leute fingen an, gar nicht mehr zu heiraten. Die lebten einfach so zusammen. Die kriegten sogar Kinder. Alles ohne Gottes Segen und deswegen falsch, falsch, falsch. Unverheiratete sind überhaupt per se intolerabel.

Ich überlege kurz, ob eventuell der Zölibat kürzlich außer Kraft gesetzt wurde.

Den Priester nimmt dieses Sodom und Gomorra sichtlich mit. Er spricht jetzt lauter und unter ganzem Körpereinsatz und weil er ein Messgewand trägt, sieht er dabei aus, wie ein großer Vogel, der verzweifelt mit den Flügeln schlägt. Ganz kurz mache ich mir auch ein bisschen Sorgen, denn der Mann ist nicht mehr der Jüngste. Der ist bestimmt schon in den Achtzigern. Da sollte man nicht mehr so einen Puls haben. Aber jetzt gehts erst richtig los.

Der Gipfel dieser vollkommen fehlgeleiteten Entwicklung gegen Gottes Plan, sagt er, sei nun aber die Ehe von Menschen, die von Gott nicht dazu ausersehen sind, eine Ehe zu führen. Er kann das Wort „homosexuell“ nicht aussprechen. Er nennt sie „diese von Dämonen durchsetzten Menschen“ und ihre Ehe „Ekel erregend und beschämend“. Er spuckt diese Worte aus wie Kirschkerne. Als müsse er so viel Raum zwischen sich selbst und die Stelle, an der sie landen bringen, wie möglich. Die Worte landen bei mir. Fallen einfach in meinen Schoß. Die gehen nicht weg. Die bleiben.

Was mach ich jetzt?

Ich bin ja so ganz im allgemeinen nicht gut darin, Dinge, die ich für vollkommen falsch halte, unwidersprochen hinzunehmen. Aber das hier ist nicht mein Turf. Nicht meine Stadt. Nicht meine Kathedrale. Nicht mal meine Religion. Ich bin hier nur ein Gast. Ein Zuschauer. Jemand, der, wie man in Spanien so sagt, „keine Kerze bei dieser Beerdigung hält“. Aber wird nicht, wo Recht zu Unrecht wird, Widerstand zur Pflicht?

Ich rutsche auf meiner Bank hin und her. Ich sehe mich kurz aufstehen und quer durch die Kathedrale brüllen, dass ich mich für ihn schäme. Aber ich tu es nicht. Nicht schnell genug. Und dann ist der Moment vorbei. Und ich sitze immer noch. Und ich schäme mich immer noch. Und ich rutsche immer noch hin und her. Denn jetzt hab ich geschwiegen und wer schweigt, der stimmt zu und wer zustimmt, ist Teil des Problems. Ich will aber Teil der Lösung sein.

Und dann geht es zur Eucharistie.

Ich gehe da natürlich nicht hin. Normalerweise. Aber plötzlich stehe ich auf und plötzlich stehe ich ganz hinten in der Schlange und plötzlich stehe ich vor dem Priester, der mir eine Hostie hinhält und anstatt sie zu nehmen, beuge ich mich vor und sage ihm:

„Wenn Sie damit Recht hatten, dass Jesus Liebe ist, dann werden Sie für das, was Sie gesagt haben, in die Hölle kommen, Vater.“

Und dann gehe ich sehr eilig zurück zu meinem Bänkchen. Ich würde die Geschichte hier gern beenden. Ich würde gerne schreiben, dass ich ich hoch erhobenen Hauptes im Triumph moralischer Überlegenheit zurück auf meinen Platz gegangen bin. Dass die Trompeten Jerichos erschallten, dass mich die Gloriole der Guten und Gerechten umgab, dass das der beste Moment überhaupt war, dass ich, ich ganz allein der Allmacht der Dummheit und Bigotterie getrotzt habe.

Aber so war das nicht. 

In Wirklichkeit bin ich auf meinen Platz zurück geschlichen und habe mich geschämt. Ich habe mich geschämt, weil der Mann sich im besten aller Fälle ein Ei auf meine Meinung pellt. Im schlechtesten aller Fälle aber, geht meine Saat auf und ich habe einem alten Mann, der sehr bald sterben wird, Angst vor dem Tod gemacht. Das ist die Höchststrafe! Das ist so mies, dass nicht mal mir ein Wort dafür einfällt.

Tagelang hat mich das beschäftigt. Dann treffe ich auf einen anderen Priester. Wir essen gemeinsam zu Abend  und ich erzähle ihm diese Geschichte und er sagt: „Ach, darüber würde ich mir überhaupt keine Gedanken machen. Wenn ein Priester Angst vor dem Tod hat, dann hat der größere Probleme als dich.“

Da hat er natürlich Recht. Aber das macht mich irgendwie auch nicht netter.

„Vielleicht hat er dich ja auch gar nicht gehört.“ versucht er mich zu trösten. „Ist mir egal“, sag ich, „Ich hab mich gehört.“ Der Priester lacht und dann fragt er: „Was, wenn nur Gott dich gehört hätte?“ Und ich lache und sage: „Dem muss ich doch nichts erzählen. Der weiß doch schon alles!“

Und plötzlich wird mir klar:

Ich hätte brüllen sollen.

Oder schweigen.

Aber niemals flüstern.

 

 

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2 Gedanken zu “Frau Fricke wundert sich, ob man sagen darf, was man sagen muss

    • hannahsfricke schreibt:

      Lieber Wolfgang Weiland,
      vielen Dank, dass Sie mir helfen, ein Missverständnis aufzuklären. Mir ging es hier gar nicht um Religion. Diese Szene hätte sich genauso auch in einer Kneipe mit größerem Publikum abspielt. Mir geht es um Courage. Warum schweigen wir selbst da, wo wir uns wirklich unbehaglich fühlen? Gibt es vielleicht gute Gründe dafür? Gibt es überhaupt ein richtiges Verhalten als Antwort auf etwas Falsches? Ich wundere mich, dass ich darauf keine abschließende Antwort habe.

      Gefällt 1 Person

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