Frau Fricke wundert sich über unzusammenhängende Zusammenhänge

Ich bin auf Besuch. Mein Gastgeber sieht ziemlich mitgenommen aus. Ich würde sagen, dass der mal Urlaub braucht. Er findet, er ist alt. Steinalt. Und er hat auch einen Nachweis. 

„Ich hab einen Tinitus“ sagt er „daran sehe ich doch, dass ich alt werde.“ Ich weiß genau, wie er sich fühlt. Ich hatte auch schon mal einen Tinitus. Und ich hab den auch als Nachweis für meine fortschreitende Vergreisung verstanden. Damals war ich 33.

Ich gebe zu bedenken, dass so ein Tinitus im Allgemeinen mehr mit Überlastung erklärt wird, als mit fortschreitendem Alter. Dass das ja auch zu seinem lätscherten Äußeren passen würde, sage ich ihm aber nicht, denn ich ahne, dass er über mein Argument glatt hinweghört und sofort seine Liste der Anzeichen fortschreitenden Verfalls verlängert. Irgendwer hat ihn auf diese Alters-Schiene gesetzt und darauf fährt er sich nun selbst hurtig davon.

Ich kenn das.

Ich hab das auch. Nur eben mit anderen Dingen. Ich zum Beispiel bin sicher, dass ich dem Untergang geweiht bin. Irgendwann hat irgendwer mir eingeredet, ich würde niemals irgendetwas leisten können, das irgendeinen Wert hat. Heute, Jahrzehnte voller Aufträge, Kreativpreise und staunender Menschen später, sollte ich eigentlich gelernt haben, dass dem nicht so ist. Aber in virtuosen Verbiegungen Kognitiver Dissonanz versuche ich mich immer wieder davon zu überzeugen, dass das Dicke Ende mich einfach nur noch nicht gefunden hat. Jede noch so dämliche Absage an meine Produktivität wird von mir sofort als Nachweis gewertet, dass der Untergang nun eingeläutet und das Elend ab sofort unvermeidbar ist. Und ja, das ist bescheuert. Umso mehr als ich jedem anderen sagen würde, dass jeder irgendwas Tolles kann, das andere haben wollen. Jeder! Es ist mein Job das Tolle in Dingen zu finden und andere dazu zu bringen, es haben zu wollen. Und darin bin ich wirklich gut. Nur für mich eben nicht. Blöd!

Aber irgendwas Bescheuertes hat jeder. Existenzängste sind unglaublich weit verbreitet. Und das ist der einzige Grund, warum ich so freimütig darüber schreibe.

Tut man ja sonst nicht.

Man ist ja damit beschäftigt, Zusammenhänge herzustellen, die nicht da sind.

Erfreulicher Weise klappt das manchmal auch umgekehrt. Neulich bin ich mit einem Freund im Auto bei Rot über eine riesige stark befahrene Kreuzung gefahren. Wir hatten irgendwie beide nicht aufgepasst und plötzlich fluten von beiden Seiten unglaubliche Massen von Autos auf uns zu. Ich war wie versteinert und der Freund so erschrocken, dass er aus Versehen das richtige tat, seinen Fuß auf das Gaspedal stampfte und uns in einer Affengeschwindigkeit auf die andere Straßenseite brachte, bevor uns die Blechlawine erwischen konnte. Das war reines Glück und auf der anderen Seite dreht er sich zu mir um und sagt:

„Sag mir nie wieder, dass dir was Schlimmes passieren könnte. Das ist offenkundig völlig gegen Gottes Plan.“

Einen ganzen Tag lang habe ich das für ein verblüffend überzeugendes Argument gehalten.

Hält aber nicht lange und vor allem nicht bei jedem.

Und so sterben Menschen, bevor sie nach Mallorca reisen konnten – nicht, weil sie dazu zu krank gewesen wären, sondern, weil sie sich zur Bedingung gemacht hatten, vorher 20 Kilo abzunehmen. Was soll das?

Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Mallorca-Reisen und Body-Mass-Index.

Es gibt auch keinen zwischen Tinitus und Vergreisung.

Dafür gibt es aber einen ganz offensichtlichen Zusammenhang zwischen Gottes Plan und Sozialer Sicherheit.

Ganz bestimmt!

 

 

 

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