Frau Fricke wundert sich, wer die Toten zählt

1.958 Tote. So viele Selbstmorde hat es im letzten Jahr in der Altersklasse der 50- bis 60jährigen gegeben. Corona könnte hier am Ende eine tiefere Schneise schlagen als es seine Infekte tun. Durch die sind in Deutschland bis heute etwa 90 Menschen gestorben. 

Eigentlich war es ein Zufall, dass ich auf diese Zahlen gestoßen bin. Und erst als sie dalagen, hab ich gemerkt wie wenig ich auf sie vorbereitet war. Wie ich trocken runtergeschluckt habe, wie ich gedacht habe: Ay Chihuahua, wir lösen gerade einen Tsunami aus, um eine Sturmflut zu stoppen.

1.026. So viele Suizide gab es letztes Jahr in der gefährdetsten Altersgruppe zwischen 50 und 55. Die einzige, die es auf vierstellige Fallzahlen bringt. Dicht dahinter – numerisch wie real – ist die zweitgrößte Gruppe der 55 bis 60jährigen mit 932 Suiziden. Gerahmt von 45-50- und 60-65jährigen, die beide so um die 750 Tote durch eigene Hand zu beklagen haben.

In der Literatur, im Film, in unserer Vorstellung ist Selbstmord irgendwie schöner.
Junge Leute, verstört von Hormonen, überfordert vom nagelneuen Erwachsensein, ohne ausreichende Problemlösungsroutine, stürzen sich in einen ebenso sinnlosen wie ansehnlichen Tod.

Falsch. Oder jedenfalls nicht richtig.
In der Altersgruppe der 15- und 20jährigen sind die Zahlen mit 184 knapp dreistellig. Danach oszillieren sie zwischen 300 bis 400. Und dann, nach dem 45 Lebensjahr, verdoppeln sie sich sprunghaft.Was passiert da?

Ich kann nur Vermutungen anstellen. Und nach denen ist es so:

Selbstmord, das sind nicht die Leiden des jungen Werther.
Das sind die Leiden des Entwertens Älterer. 

Bedenkt man, die steigende Lebenserwartung – und das steigende Renteneintrittsalter, dann fühlen sich erstaunlich viele Menschen bereits etwa auf der Hälfte ihres zu erwartenden Erwerbs- und phyischen Lebens am Ende angelangt.
Wie kommen die darauf?

Weil es so ist.

Je älter wir werden, desto mehr schöpft man uns die Lebensgrundlage ab.
Ab 45 wird es deutlich schwerer, einen Arbeitsplatz zu finden. Ab 50 gilt man als schwer, ab 55 als unvermittelbar. Das hat nichts mit Leistungsfähigkeit zu tun, sondern mit der Verengung des Korridors an Möglichkeiten.
Die Altersobergrenze für Verbeamtung liegt zwischen 35 und 40 Jahren.
Konzerne bemühen sich Mitarbeiter, die älter als 55 sind in Vorruhestandsregelungen abzudrängen. Und nicht einmal auswandern oder auf einer Ölbohrplattform arbeiten kann man jenseits der 50.

Das Leben als Fülle von Möglichkeiten ist vorbei.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer keine Firma hat, wird ohne bleiben.
Denn all die Stipendien, die Start- und Aufbauhilfen, die gibt es nur für junge Menschen.
Wer zwischen 55 und 60 seine Existenz verliert, dem gibt man nicht mehr die Chancen, die man denen gibt, bei denen die Zeit noch für eine zweite Runde reicht, sollten sie scheitern. Aus Sicht eines Kreditgebers kann man das verstehen.

Was macht man also, wenn man so zwischen 45 und 65
plötzlich ohne Existenz dasteht?

Wenn man die Große Quarantäne nicht bald unter mehr als nur einem Aspekt betrachtet, könnten wir das bald massenhaft beobachten, fürchte ich.
Denn sollte es infolge eines andauernden Lockdowns zu Firmenschließungen und Massenentlassungen kommen, wird diese Gruppe die am meisten betroffene sein. Und das nicht nur, weil sie die numerisch größte ist und in ihr die meisten Unternehmer und Arbeitgeber zu finden sind.

Wer 30 ist und gerade ein Café aufgemacht hat, das er gleich wieder zumachen kann, der ist traumatisiert. Aber der steht auf, der schüttelt sich und versucht es noch mal – mit den ihm zur Verfügung stehenden Aufbauhilfen.

Wer 40 ist, der weiß wenigstens schon mal, wie es geht. Der hat inzwischen alles, was er braucht: Erfahrung, Zeit und Kreditwürdigkeit.

Was aber macht man jenseits der 50, wenn das Unternehmen, das man ein Leben lang aufgebaut hat, nicht mehr da ist? Wenn man alles verloren hat? Wenn das Ersparte für die Laufenden Kosten, für Gehälter und Krankenkassenbeiträge draufgegangen ist?

Was, wenn man keine Arbeit mehr findet, in einem Arbeitsmarkt, der von Untoten wie einem selbst überflutet wird?

Was dann?

Rund 3.500 Menschen im Alter von 45 bis 60 haben diese Frage im letzten Jahr final beantwortet.

Und das war vor der Quarantäne. Als es noch einen Wirtschaftsboom gab. Fachkräftemangel. Einkommenserhöhungen. Vollbeschäftigung für die Begünstigten.
Friedenszeiten.

3.500 Menschen. Das sind mehr als bis heute in China am Coronavirus gestorben sind.

Opfern wir also die 45-65jährigen, um die 70-90jährigen zu retten?

Das müssen wir nicht. Es gäbe eine Alternative und für die ist es nicht zu spät.
Noch hat der große Shutdown ja erst angefangen und zwei Wochen kann man kompensieren. Selbst vier Wochen kriegt man noch irgendwie hin, wenn man auf Hilfen hoffen darf und wenn das Rad nicht all zu lange braucht, um wieder Schwung aufzunehmen. Fast jeder Unternehmer kennt Verdienstausfälle und musste damit schon klarkommen. Das ist nicht schön, aber meistens machbar. Doch jeder Tag zählt.

Das Virus gibt uns eine Chance, so groß wie ein Scheunentor

Wir wissen, dass die allermeisten infizierten Menschen eher leichte Verläufe haben.
Im Durchschnitt je jünger desto leichter.

Das heißt, all die produktiven Menschen zwischen 20 und 60, deren Beiträge jetzt dringend gebraucht würden, um die medizinische Versorgung der Alten und chronisch Kranken sicher zu stellen, müssten gar nicht zu Hause hocken und um ihre Existenz fürchten. In ihrer Mehrheit könnten die den Laden am Laufen halten und die Mittel erwirtschaften, die dringend für medizinisches Personal und Material gebraucht werden.

Wer isoliert und dadurch geschützt werden sollte, das sind die, die wirklich schwer und lebensgefährlich erkranken könnten: Alte und chronisch Kranke.

Die Gruppe der Alten ab 70 ist überwiegend per se nicht mehr Teil der arbeitenden Bevölkerung und dem Teil der Alten und chronisch Kranken, auf die das noch zutrifft und die man logistisch und finanziell unterstützen müsste, damit sie ihrer Arbeit in Isolation weiter nachgehen können, ist offensichtlich weit kleiner als die der Gesamtbevölkerung, die jetzt zu Hause hockt und auf ihr wirtschaftliches Ende wartet,  während Forscher vorsichtig warnen, dass sich die Zeit, die sie brauchen werden, um Impfstoffe und Therapien zu entwickeln, eher in Jahren als in Wochen bemessen wird.

Ich hab noch mehr Zahlen gefunden:
In Deutschland ist keine Altersgruppe größer als die der 40 bis 65-jährigen.
Wenn man denen den Teppich unter den Füßen wegzöge und sie weiter wie bisher am Aufstehen hindert, dann fallen die der Sozialkasse zur Last. Über 29 Millionen. Die sich dann zu den rund 18 Million Rentnern gesellen. 47 Millionen auf den Schultern von nicht einmal 20 Millionen 21 bis 39jährigen, die mit ihrem Leben eigentlich auch noch was andres vorhatten als Menschen durchzuschleppen, die eigentlich gut für sich selbst sorgen könnten, wenn man sie gelassen hätte.

Es gibt etwas, dem Isolation nicht gut tut. Und das sind Lösungsansätze. Wenn wir weiter nur einen Faktor isoliert betrachten und alle Probleme außer Acht lassen, die wir schaffen, während wir einen Faktor lösen, vergrößern wir das Problem anstatt es zu lösen.

Auf irgendeine Art sind wir alle Hochrisikogruppe.

Und für Viele geht es wirklich um alles.