Frau Fricke wundert sich über die Wirklichkeit

Ich werd ja oft gefragt, was ich so beruflich mache. Und dann sage ich: Ich stelle Realitäten her. Ich baue Welten. Ich bin die Architektin von Wahrheiten, die so schön sind, dass die, die sie kennen lernen ein Teil von ihnen sein möchte.

Alles, was man auf Hogwarts lernen kann ist kalter Kaffee gegen das, was ich so mache. Ich habe die Gabe Dinge zu sehen und sichtbar zu machen, die verborgen blieben, wenn es mich nicht gäbe. Ich kann machen, dass Männer sich wie Kerle fühlen, wenn sie sich in ein Auto setzen. Ich kann machen, dass Menschen heulend ihre Eltern anrufen, bevor sie den Kaffee kaufen, den ich ihnen verkaufen will. Und ich kann Dinge in Zusammenhänge bringen, die so offensichtlich sind, dass sie zuvor keiner gesehen hat.

Was für ein großes Geschenk Kreativität ist, ist mir erst spät bewußt geworden.

Ich wusste nicht, dass Menschen Drogen nehmen und in Disney-Filme gehen, um den Zustand zu erreichen, in dem ich eigentlich relativ dauerhaft bin.
Wo andere sich unter Druck gesetzt fühlen, werde ich von mürrischen Zwergen belästigt. Wo andere ein Tortendiagramm zeigen, erzähle ich die Geschichte vom Bären in der Bar.

Ich weiß, wie es ist, sich durch Geschichten verständlich machen zu können.
Wie es ist, wenn man plötzlich Verständnis erkennt, wo vorher nur Verwirrung war.
Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn einen Menschen ansehen die plötzlich sehen, was man selbst sieht, die plötzlich verstehen, was man selbst versteht. Die immer mehr haben wollen von dem Gefühl, das du ihnen geben kannst. Das Gefühl, dass die Welt, in der sie sich bewegen gar nicht so komplex und unverständlich ist, wie sie dachten. Dass sie nicht so bedrohlich ist. Dass der Bär und der Zwerg eine Antwort haben.
Und dass man auf ihrer Seite auf der richtigen Seite ist.

Ich kann machen, dass sich das ganze Leben wie warmer Honig anfühlt. 

Und weil das so ist, war mir auch sehr früh schon die Verantwortung klar, die mit dieser Gabe einher geht. Ich kann machen, dass Dinge geschehen – und ich muss sicher stellen, das diese Dinge auch dann noch im Interesse desjenigen sind, den ich berate, wenn die Zwerge abgezogen sind und die Bären den Honig aufgegessen haben.
Irgendwann werden auch meine Christopher Robins groß und dann müssen die Ideen, die ihnen mein Pooh Bär nahe gebracht hat, immer noch funktionieren.

Meiner Phantasie sind also durch die Realität natürliche Grenzen gesetzt.

Ich darf zum Beispiel nicht lügen. Selbst, wenn ich das wollte, würde mir das ein Gesetz verbieten. Will ich aber nicht. Lügen ist für Leute, die nicht genug Grips haben, um das Wunderbare im Alltäglichen zu sehen. Meine Aufgabe ist es nicht, Dinge zu zeigen, die nicht da sind. Meine Aufgabe ist, Dinge sichtbar zu machen, die da sind, aber bisher unsichtbar waren.

Das ist eine sehr, sehr feine Linie.
Und wer sich nicht so sicher in der magischen Welt bewegt, übersieht sie offenbar leicht.

Für Claas Relotius ist diese feine Linie gerade zu dem Stolperdraht geworden, der die Selbstschussanlage ausgelöst hat. Als Redakteur hat er zumindest Teile seiner Geschichten erfunden. Geschichten, die mit schöner Regelmäßigkeit ausgezeichnet wurden. Weil sie so schön waren. Weil sie so schön erzählt waren. Weil sie komplexe und unverständliche Dinge plötzlich ganz einfach machten und sich mit ihnen das Leben wie warmer Honig anfühlte.

Claas Relotius war der Magier der SPIEGEL Welt. Dafür hat er seine Preise gekriegt. Dafür hat er nach Jahren der freien Mitarbeite seine Festanstellung bekommen. Dafür wurde er geachtet und geehrt und durfte sich selbst wiederum in der Illusion verlieren, vielleicht doch nicht zum Bettel-Lohnschreiber werden zu müssen, wie so viele seiner Zunft.

Ich stelle mir vor (bitte, jetzt kommt eine Phantasie. Das ist so vielleicht nie passiert), wie Relotius in die großen Augen seiner Vorgesetzten schaute, die sagten: „Mach uns noch eine Seifenblase. Zeig uns die Welt, so wie wir sie sehen wollen. Gibt uns Mut, dass wir in einer Welt leben, in die wir noch hineinpassen.“ Ich stelle mir ihre wässrigen Augen vor und Relotius als jemand, der nicht nein sagen kann und auch nicht nein sagen will, weil sich auch für ihn die Welt besser anfühlt, wenn er die Tür zu der Welt aufschließen kann, hinter der gleich die Führung durch das neue Glück beginnt. Ich stelle mir vor, wie er noch kurz gezögert hat und seine Vorgesetzten dann sagten:

„Wir geben dir dafür auch Weihrauch, Myrrhe und Gold.
Oder wahlweise eine unbefristete Festanstellung.“

Ich stelle mir vor, wie er losgeschickt wird, mit einem klaren Briefing, wie die Welt aussehen soll, die in seiner Seifenblase erscheint. Wie er auszieht und genau diese Welt nicht findet. Aber er findet eine. Und aus der lässt sich was machen. Ein bisschen getuscht hier, ein bisschen gebogen da und schon sieht alles aus wie echt. Und es gibt wieder feuchte Augen und einen Preis und das Gefühl, dass alles in Butter ist.

Man hat das Einhorn gefunden. Und es ist fast sowas ähnliches wie echt.
Mehr lag bei dem Briefing eben nicht drin.

Und nun wird er auf eben diesem Einhorn aufgespießt. 33 Jahre ist er alt. Keiner bestreitet, dass er ein wunderbarer Schreiber ist und im Grunde ein großartiger Redakteur, aber sein Leben als solcher ist dennoch vorbei. Ihm haut keiner auf die Finger und sagt: „Alter, da hast du aber mal richtig Mist gebaut – und das auch noch in Zeiten, in der die Presse sowieso schon wie die Fliege an der Wand klebt. Aber du bist begabt und wir sind nicht so ganz frei von Schuld. Also, versuchen wir es noch mal besser.“ Ihm haut man gleich so richtig auf die Fresse. So, dass er nicht mehr aufsteht und die, die am dichtesten dran sind, die schlagen am kräftigsten zu. Als wenn es sowas vorher noch nie gegeben hätte. Als wenn Tom Buhrow in seiner Zeit als Amerika-Korrespondent nicht so getan hätte, als könne er Spanisch, als er Einwanderer fragte, was sie sich denn so von Obama versprächen und die Antwort „Cambios“ (Veränderungen) mit „Geld“ übersetzte. Das, fand ich damals skandalös und das finde ich noch heute. Weil es die Wahrheit unzulässig verfälscht, weil es uns eine Intention unter die Weste jubelt, die es tatsächlich nicht gibt. Tom Buhrow ist heute Intendant des WDR. Claas Relotius ist beruflich so gut wie tot.

Ich verstehe, dass sich die Aufgabe von Marken-Fuzzis und Journalisten unterscheidet.
Die einen schaffen Welten. Die anderen bilden sie ab.

Ich verstehe auch, das Claas Relotius etwas ist, das ich nicht bin und nie sein wollte:
Ein Lügner.

Aber vielleicht ist er „Jakob der Lügner“. Vielleicht ist er einfach jemand, der der Versuchung nicht widerstehen konnte, den Menschen die Welt zu geben, die sie brauchten. Vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß ganz gewiss, dass es Menschen gab, die ihn zu dem gemacht haben, was er ist. Die ihm keinen Einhalt geboten haben, die ihm klar gemacht haben, wie er sein sollte und die ihn nun treten und mit dem Finger auf ihn zeigen, nur weil durch ihn deutlich wurde, dass ihre überzogenen Vorstellungen, dass ihre Anforderungen eine größere Illusion waren, als die Geschichten von Claas Relotius selbst.

Denn sein wir mal ehrlich: Wir schätzen die Realität nicht. Wir wollen unsere mittelmäßige Welt nicht mittelmäßig beschrieben haben. Wir wollen Helden. Wir wollen gerettet werden. Wir wollen keinen haben, der uns sagt, dass das schadstoffärmste Auto das ist, das man nicht fährt. Wir wollen jemanden, der uns sagt, dass wir uns frei kaufen können mit Emissionswerten und Katalysatoren. Wir wollen jemanden, der uns sagt, dass alle, die nicht so denken wie wir, unterbelichtete Idioten sind. Wir wollen einen Jakob, der uns sagt, dass die Russen kommen und uns retten. (Bedauerlicherweise darf man das wohl tatsächlich wörtlicher nehmen, als mir lieb ist.)
Wir wollen jemanden, wie Claas Relotius.

Jemand, der machen kann, dass sich das ganz Leben wie warmer Honig anfühlt.

 

 

 

 

 

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