Frau Fricke wundert sich über Yoko Ono

Vielleicht hat es keiner bemerkt, aber der Attentäter von Halle hatte eine Shopping List. Die hatte er vorher im Netz veröffentlicht. Darauf standen Juden. Ausländer. Und Frauen. Nur eine dieser Zielgruppen hat tatsächlich ein Todesopfer zu beklagen. Es war das erste. Und keiner schreibt auch nur eine Zeile darüber.

„Loser“, so hat er sich selbst genannt, der Attentäter von Halle. Eine Selbsteinschätzung, der wohl keiner widersprechen mag, nach allem, was man so liest. Und man liest ja viel in den letzten Tagen.

Man liest von einem Waffenarsenal. Wer es vorher noch nicht wusste, der weiß jetzt, dass man sich Waffen im 3-D-Drucker ausdrucken lassen kann. Der Zusammenbau ist nicht ganz einfach. Auch davor kann man sich warnen lassen. Genau genommen ist er so kompliziert, dass es unwahrscheinlich ist, dass ein Ex-Chemiestudent ohne größere Ambitionen das alleine hingekriegt hätte. Wir lesen also auch, dass er ganz so allein wohl nicht war. Und wir lesen, dass der Attentäter einen Spender hatte, der ihm eine kleinere Bitcoin-Summe überwiesen hat. Nur diesem Umstand ist es zu verdanken, das ich den aktuellen Umrechnungskurs des Bitcoins weiß. Denn auch der war zu lesen.

Was wir auch über die Waffen wissen: Die taugen nicht viel. Bei dem Versuch in eine Synagoge einzudringen, ist der Honk von Halle kläglich gescheitert. Nicht, dass er es nicht versucht hätte. Er hat auf die Tür geschossen, hinter der sich die Gemeinde gerade ziemlich zahlreich versammelt hatte, um Yom Kippur zu feiern. Wer’s nicht weiß: Yom Kippur ist eine Art Informations-Detox. Keine Handies, kein Gedöns. Man ist mit Gott und sich selbst allein und versucht mit beiden ins Reine zu kommen. Und offenbar hatte Gott gute Laune, als er die Synagogentür nur mäßig splittern ließ.

Der Honk von Halle hatte richtig miese Laune

Nichts, gar nichts klappt. Die einfachsten Sachen kriegt er nicht auf die Reihe. Und das vor Publikum, vor dem er doch eigentlich brillieren wollte. Wurde natürlich alles live gestreamed. Scheiß Juden! Nur wegen denen sieht er jetzt aus wie ein Vollidiot. Aber da kommt – genau zum richtigen Zeitpunkt ein neues Ziel. Und auch das steht auf seiner Shopping List. Eine Frau! Die ist durch keine Tür geschützt. Die läuft ihm genau vor die Flinte. Die wagt es auch noch, ihn anzupaulen. Vor laufender Kamera. Nervt. Die. Alte. Erlaubt sich eine Meinung über ihn. Verhält sich unangemessen. Steht eh auf seiner Liste und bäng. Weg ist sie.

Check. Endlich klappt hier mal was.

Wir wissen auch, dass sein nächstes Ziel Ausländer waren. Wir wissen das aus der Presse und die weiß das aus dem offenbar üblichen vor der Tat veröffentlichten Manifest. Auch das Ziel hat er verfehlt. In den Döner-Imbiss ballern muss reichen. Auch schon egal. Ab sofort ist jeder sein Feind. Und natürlich darf geschossen werden.

Juden. Frauen. Ausländer

In den folgenden Tagen wird viel geschrieben und noch mehr diskutiert.
Wie kann es sein, dass in Deutschland – ausgerechnet in Deutschland – Juden wieder Angst haben müssen, Juden zu sein?

Wie ist es möglich, dass da jemand ungestört in der Döner-Bude rumballert?
Haben wir denn gar nichts aus den NSU-Morden gelernt?

Nur eine Zielgruppe wird nicht diskutiert. Dabei war sie ausdrücklich genannt worden. Dabei war sie die erste, die dran glauben musste. Frauen.

Zwei Tote hätte es gegeben. Zwei Passanten, lese ich,  wären dummerweise in die Schusslinie geraten. Blöd aber auch. Und falsch. Denn als dieser Mann diese Frau erschoss, da hat er keinen Passanten erschossen. Er hat eine Frau erschossen. Ganz gezielt. Weil er eine Liste hatte. Und die wollte abgearbeitet werden. Weil er ein Publikum hatte. Und dessen spezifische Bedürfnisse wollen befriedigt sein.

„Woher kommt der Hass?“ fragte eine Publikation kürzlich und bezog sich damit auf Ausländer und Juden.

Woher der Hass auf Frauen kommt, fragt kein Mensch. Is eben so.

Dabei – ich sage es gern noch einmal – hat der Hallenser Hobo ausdrücklich auf sie Bezug genommen. Und er ist nicht der erste.
– Als 1989 Marc Lepín an der Hochschule von Montreal Amok lief, tötete er gezielt 14 Frauen und verletzte weitere 14.
– Im April 2018 fährt ein 25jähriger Mann in Toronto mit einem Lieferwagen in eine Menge. Zehn Menschen werden getötet, 15 verletzt. Was ihn dazu trieb, schreibt er nur Minuten zuvor im Internet: Die „Incel Revolution“ hätte begonnen und er würde jetzt alle „Chad and Stays“ niedermähen. „Incel“ steht für unfreiwillig sexlos und „Chad und Stacy“ ist Code für Leute, die es irgendwie schaffen, Sex zu haben.

Männer, die Amok laufen und es dabei gezielt auf Frauen abgesehen, oder ihren Hass auf Frauen als Grund angegeben haben, sind nicht die Ausnahme. Sie sind die Norm. Darunter der Mann, der in Dayton vor kurzem neun Menschen erschoss. Und der Mann der 2016 in Orlando 49 Menschen erschoss. Beide waren, wie auch der Mann, der 2017  in einer texanischen Kirche 26 Menschen erschoss und der DC Sniper wegen häuslicher Gewalt vorbestraft. Wir haben es hier also nicht mit einer exotischen Spielart zu tun, die bei der allgemeinen Frage nach Präventionsmaßnahmen zu vernachlässigen wäre. Wir haben es mit einem Prinzip zu tun. Und wer sich die Frage stellt, woher der Hass kommt, findet die Antwort auf zahllosen Facebook-Seiten und Internetforen, wo die Scheidungsopfer, die Ungefickten, die Ödipussis, ungehemmt auf eine Spezies eindreschen, die sie nurmehr von dreiminütigen Besuchen auf Pornokanälen kennen. Und keinen stört’s.

Juden. Frauen. Ausländer.
Alle drei stehen auf der Abschussliste. Schwarz auf weiß. Nachweislich.

Aber während es Mahnwachen vor Synagogen gibt und warme Worte für Menschen mit Migrationshintergrund, hat den 40 Millionen Frauen offenbar keiner was zu sagen. Die fragen auch nicht.

Auf die Frage „Merkst du noch was?“ müssten hier selbst die potentiellen Opfer sagen: „Nee, ehrlich gesagt, hatte ich das nicht gemerkt, dass ich da ja tatsächlich genauso auf der Liste stand wie Juden oder Ausländer.“

Warum ist das so? Haben wir uns so daran gewöhnt, dass Frauen auf Abschusslisten stehen, dass wir das gar nicht mehr wahrnehmen? Sind wir nicht mal mehr selber in der Lage, Mahnwachen für uns zu organisieren?

Wieso fordern Frauen nicht, was Juden und Ausländer infolge dieses Attentats völlig zu Recht fordern: Dass Staat und Gesellschaft sie schützen? Denken wir, wir hätten kein Recht, diesen Schutz zu fordern? Denken wir, wir hätten ihn nicht nötig? Nach all dem, was wir wissen? Nach all dem, was wir lesen? Nachdem wir ausdrücklich auf dieser Liste standen. Und auf vielen Listen, der Vergangenheit. Und auf vielen, die jetzt genau in diesem Moment im Netz kursieren und nur noch auf die richtige Anzahl von Likes warten, um zur Explosion gebracht zu werden?

Warum gibt es keine Gesprächsrunden über die Gefahrenlage für Frauen durch rechte untervögelte Honks? Warum gibt es keine Partei, die sich dessen annimmt, keine Polizeioffensive zur Prävention, kein Expertengremium?

In seiner berühmten Rede „What is a Nigger“ gab Malcolm X seine Definition eines Menschen, der sich so an seinen Status als Unterlegener gewöhnt hatte, der sich selbst so wenig Bedeutung und Wert beimaß, dass er sich nicht einmal in Sicherheit bringen würde, wenn er die Gelegenheit dazu hätte. Auch nicht, wenn er auf einer Abschussliste steht.

Es hat 50 Jahre gedauert, aber ich denke, ich hab jetzt verstanden, was Yoko Ono und John Lennon mir sagen wollten mit

Woman is the Nigger of the world

Frau Fricke wundert sich über elektrische Widerstände

Frauen und Technik, das ist ja so eine Sache. Vor allem, wenn sie dabei mit Männern zu tun haben. Jüngeren zumal. 

Mein WIFI ist mies. Ist es schon lange. Aber so richtig, richtig genervt bin ich davon erst seit kurzem. Und deswegen marschiere ich gleich als erstes im neuen Jahr hinunter in den Telefonshop meines Vertrauens und schließe bei einer sehr netten und kundigen jungen Frau einen neuen Vertrag mit einem neuen Provider ab. Alles andere macht dann der. Find ich gut. Ich muss einfach nur nach Hause gehen und abwarten, bis in ein paar Tagen der Monteur kommt, mich mit Glasfaser ausstattet und dann alles viel besser, schneller und bunter wird.

Der Monteur kommt tatsächlich schneller als gedacht. Er bohrt, er hämmert und als er wieder geht, habe ich ein super Internet. Nur mein Festnetz funktioniert nicht mehr. Mein spanisches Handy auch nicht. Ist aber eh Wochenende, also was soll’s?

Ich verbringe ein sehr ruhiges Wochenende. Dann ist Montag und ich rufe von meinem Festnetzanschluss mein deutsches Handy an. Es klingelt. Eine Nummer wird angezeigt. Es ist nicht meine. Oh!

Ich rufe also vom deutschen Handy aus meine Festnetznummer an. Es klingelt nicht. Aber es springt eine Mailbox an. Es ist die Mailbox meines spanischen Handies. Mysteriös!
Das Gerät selbst wiederum gibt keinen Mucks von sich. Mit dem bloßen menschlichen Auge sieht es aus wie tot.

Sonderbar!

Ich marschiere also zurück in den Telefonladen und frage nach der jungen Frau, die mir den Vertrag verkauft hat. Die hat heute leider frei. Aber ein junger Mann ist gewillt, sich meiner anzunehmen. Ich schätze ihn auf irgendwas unter 30. Neben ihm sitzt eine junge Frau so um die 20, als würde sie da irgendwie gar nicht hingehören. Vielleicht ist sie im Training. Vielleicht ist sie auch sein Supervisor und die Tatsache, dass sie eigentlich die ganze Zeit auf ihrem Smartfon rumdödelt ist gar nicht ihrer umfangreichen Fangemeinde, sondern rein beruflichem Interesse geschuldet. Wer soll das schon wissen?

Kaum hat der junge Mann mir einen Platz angeboten, fragt er mich in mildem Ton, was denn mein Anliegen sei. Und kaum habe ich begonnen, es ihm zu schildern, unterbricht er mich auch schon mit einem ebenso milden Lächeln.
„Mütterchen“, lese ich aus diesem Lächeln, „Lass uns das hier abkürzen. Ich weiß, du bist nur hier, weil du einsam bist und der Arzt heute keine Zeit hatte mit dir zu plaudern und ich habe wichtige Dinge zu tun.“

„Wo ist denn diese Karte, die du gekriegt hast?“ fragt er mich.
„Was für eine Karte?“
„Na so eine Karte. Ist vielleicht mit der Post gekommen.“
„Eine Postkarte?“
„Nein, so aus Plastik.“
„Du meinst die SIM?“

Ich kann sehen, wie der junge Mann denkt:
„Wo hat die alte Dame denn nur solche Ausdrücke her?“
Dann lächelt er gerührt und sagt:

„Ja, genau. Die SIM.“

Ich zeige auf das Handy und versuche ihm weiter zu erklären

„Die ist da natürlich schon drin! Also, das Problem ist…“

Der junge Mann hat offenbar keine Zeit für Probleme. Er hat beschlossen, Teil der Lösung zu sein. Einer schnellen Lösung. Er hat keine Zeit für Erklärungen.

„Und wo ist der Rest?“
„Von der SIM?“
„Ja, wo ist der Rest?“
„Du meinst, die Trägerkarte?“
Er zuckt die Achseln.
„Hab ich weggeschmissen.“

Facepalm-Situation seinerseits!

„Da ist doch die PIN drauf!“ ruft er aus.
Seine Verzweiflung bricht sich in einem kurzen Aufstöhnen Bahn.
„Die hab ich natürlich vorher eingegeben und dann geändert.“, sage ich.
Erleichterung! Aber auch Verwirrung. Dass ich sowas kann!
Und dann wieder Erleichterung.

„Dann muss es doch gehen!“ sagt er.
„Ganz meiner Meinung. Tut es aber nicht. Darum bin ich hier. Wenn ich dann mal…“
Ich sehe, wie er Luft holt und muss leider zu Drohungen übergehen.

„Wenn du mich jetzt noch EINMAL unterbrichst, setze ich dieses Gespräch mit der Shopleitung fort.“
Sein Blick ist irgendwo zwischen Überraschung und Amüsement angesiedelt. Junge, Junge, das hätte man ja nicht gedacht, dass das Mütterchen hier sonen Wind macht. Niedlich irgendwie. Aber auch nervig. Also erklärt er sich schnell:

„Aber ich weiß schon, woran es liegt.“
„Ok, woran liegt’s?“
„Das Telefon ist nicht freigeschaltet.“
„Du meinst, die Hardware?“
„Ja. Ist nur für einen Anbieter zugelassen und für andere gesperrt.“
„Nein, ist sie nicht.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weil das mein Telefon ist und ich es schon mit fünf Karten in drei Ländern betrieben habe. Darum. Außerdem,“ ich öffne die Netzwerkeinstellungen, „hier, das Telefon erkennt die Dienste eures Anbieters, gibt aber an, dass die SIM nicht konfiguriert ist. Die Karte wird also erkannt, nur die Nummer nicht. Ich vermute also, dass Ihr entweder die Nummer noch nicht freigeschaltete habt, oder – Überraschung – dass bei der Konfiguration der Karte was schief gegangen ist.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weil es hier steht.“
„Das ist auf Deutsch.“
„Stell dir das ruhig auf Spanisch um.“
Der Mann wird unsicher und gibt mir das Handy zurück
„Du kannst doch schnell für mich übersetzen.“
„Ich kann sogar für dich die Spracheinstellung ändern.“ sage ich und tu das auch.

Das macht den jungen Mann nervös. Er winkt eine Kollegin heran und fragt, ob er mal ihr Handy benutzen dürfe. Er pult ihre Karte aus ihrem Handy. Er pult meine Karte aus meinem Handy. Dann legt er meine Karte in ihr Handy ein, wartet eine Weile.
Die Karte funktioniert.
„Und du hast sogar schon eine Nachricht!“ sagt er.

„Prima“, sag ich, „dann lass uns das Ding gleich mal wieder in meinem Handy einlegen.“
Er legt ein, es macht „Ping“, ich hab eine Nachricht. Die ist genau eine Minute alt und geht etwa:
„Wir bedauern die Verzögerung im Transformationsgeschehen. Leider hatten wir eine Havarie, die jetzt aber behoben ist. Willkommen bei (neuer Telefonanbieter).“
Sag ich doch!

„Hattest du wohl falsch eingelegt“

sagt er und weil ich auch keine Zeit für Probleme und bereits eine Lösung habe, wünsche ich einfach nur einen guten Tag und gehe.

Ich muss nämlich noch das Kabelchaos ordnen, das der Monteur hinterlassen hat. All die Boxen und Anschlüsse und Kabel will ich unsichtbar unter einem Schrank verstecken. Dafür sind aktuell die Netzkabel zu kurz, aber – hurra – alle Geräte sind mit C8-Steckern versehen. Das heißt, ich kann mir einfach längere Kabel besorgen und die umstecken. Easy! Und weil lokal kaufen ja so irre wichtig ist, widerstehe ich der Versuchung, mir die Kabel am nächsten Morgen durch ein großes internationales Online-Kaufhaus liefern zu lassen, sondern ich fahre statt dessen mit dem Bus in die Stadt.

In zwei kleinen Läden – nichts. Also muss ich zu Saturn gehen. Immerhin: physisch und lokal. Was soll’s? Auch bei Saturn arbeiten offenbar nur junge Männer. An einen von denen wende ich mich mit meinem Wunsch nach drei C8Kabeln von drei Metern Länge. Der Mann schaut mich aus hohlen Augen an.

In einer Mischung aus kluger Voraussicht und posttraumatischer Belastungsstörung aus meinem Gespräch mit SIM-Boy habe ich eins der zu kurzen Kabel mitgenommen. Das zeige ich ihm jetzt. Dann trottet er vor mir her zu einem Hänge-Display. Dort findet er – völlig überrascht – tatsächlich C8Kabel. Zwei Stück. Alle sind ein Meter fuffzig. Andere hat er nicht. Aber er guckt mal gerade im Intranet. Er guckt. Er findet. Alles, was ich jetzt noch machen müsse ist, etwa eine Stunde lang an den Stadtrand zu gondeln und das Kabel da zu kaufen. Mehr als eins gäbe es aber nicht. Und auch das könne er nicht garantieren. Nee, is klar.

Gegenüber ist Fnac.

Also gehe ich auch da hin. Wenn man mal da ist.

Auch Fnac ist voller junger Männer. Ich wende mich an den ersten, der mir über den Weg läuft. Er steht in der Abteilung mit Computern und Zubehör. Es ist auffällig leer, also kann ich ihn direkt ansprechen, während er gelangweilt auf ein Regal starrt.

C8Stecker? Nie gehört! Und wenn er davon nie gehört hat, gibt es dafür nur eine Erklärung: Die gibts gar nicht.
Ich ziehe meinen C8Stecker aus der Tasche.
Wo ich den denn her hätte? Also aus Spanien bestimmt nicht. Hier gibt es sowas nicht.
Ich ziehe wortlos den Netzstecker aus einem der Drucker, vor denen wir gerade stehen. Es ist ein C8Stecker.
Ob es noch irgendwo Kabel gibt, frage ich ihn.
Er zuckt die Achseln.
„Fernsehabteilung?“ frage ich.
Er deutet in irgendeine Ecke.

Da finde ich einen anderen jungen Mann. Auch der findet mich und meinen Stecker irgendwie süß. An seinem Lächeln sehe ich, dass er denkt, dass ich den bestimmt aus einer Musiktruhe gezogen habe, aus einem Faxgerät oder aus einer dieser lustigen Schwebehauben, die er neulich auf einem vergilbten Foto bei seiner Omi gesehen hat. Putzig, diese alten Leute, wie sie den technischen Fortschritt verpennen und allenthalben irgendwas reparieren wollen, was nun mal der Vergangenheit angehört.
Nee, also solche Kabel sagt er, die gäbe es nicht. Oder nicht mehr. Er jedenfalls hätte noch nie so ein Kabel gesehen. Wo ich das denn her hätte.

Ich sage ihm, dass das ein Euro-Standard-Kabel ist und so ziemlich jeder Fernseher damit ausgestattet ist. Er lacht. Das müsste er doch wissen. Er arbeitet ja schließlich mit Fernsehern. Also ehrlich. Aber er will ja helfen, also sagt er:
„Ach, du willst so eins zur Bildübertragung?“
Ich kann nicht ganz folgen.
„Du meinst einen HD-Stecker? Die sehen doch vollkommen anders aus!“ Er lacht wieder.
„Hast du denn mal ausprobiert, ob dein Kabel überhaupt passt? Ich glaube ja, du suchst hier einen von diesen platten…“
Er geht zu einem Regal und wedelt mit einer Packung.
„HD-Stecker.“ sage ich.
Der junge Mann schaut auf die Packung und ist verblüfft.
„Stimmt, sagt er. HD. Steht drauf.“
Ich bin auch verblüfft. Wenn auch aus anderen Gründen.

Ich erkläre ihm den Unterschied zwischen einem Netz- und einem HD-Stecker, ziehe auch hier einen Stecker aus einem Fernseher und freue mich an den entgleisenden Gesichtszügen des jungen Mannes als der Bildschirm schwarz wird und ich ein loses Kabel in meiner Hand halte und ich werde auch hier wieder Zeugin eines Erkenntnisprozesses, der vermutlich einer der sehr wenigen im Leben dieses jungen Mannes sein und bleiben wird.  Dann verabschiede ich mich.

Auf der Rolltreppe schalte ich mein Handy ein. Geht ja wieder.
Ich rufe die Seite von amazon auf, suche nach C8 Steckern und habe meine Bestellung abgeschickt, bevor ich unten angekommen bin.

Am nächsten Morgen kommt das Päckchen.
Ohne Belehrungen.
Ohne Belustigung.
Ohne kleine Idioten, die auf mich herabblicken.

Und auch, ohne dass ich Angst haben muss,
dass mir mitten im Gespräch die Sicherungen durchbrennen.

 

Frau Fricke wundert sich über unbemannte Raumfahrt

Männer sollen ja vom Mars sein, höre ich, und Frauen von der Venus. Gibt es da wirklich überhaupt kein Besuchsprogramm? Keinen Studentenaustausch? Nicht mal Sprachkurse? Irgendwie sind wir lost in translation. 

In letzter Zeit wird ja eine Menge über Frauen geschrieben. Gelegentlich auch von Männern übrigens. Und die meisten davon sind genervt. Eben war es noch sehr gemütlich so in der Chefetage, auf dem Start-Up-Summit, in der Wirtschaftsredaktion und jetzt kommen die Tussen und heulen rum, dass sie keinen Keks abgekriegt haben. Jetzt zählen die die Führungskräfte durch, rechnen nach, was wer wo verdient und wer wen mal wohin gepackt hat und dann machen die darüber ein Riesenfass auf.

„Siehste“, sagen die, die sich trauen „und darum haben wir eben genau keinen Bock auf euch. Weil das mit euch immer total uneasy wird. Weil man bei euch immer einen Untersetzer benutzen muss. Weil ihr einfach total humorfrei seid.“

Und dann fühle ich mich mies. Weil ich möchte natürlich, dass sich alle supergut fühlen. Ich möchte auch nicht die Doofe sein, die als einzige nicht über das Furzkissen lachen kann. Wenn es irgendetwas gibt, an dem ich ganz deutlich merke, dass ich kein Mann bin, dann ist es das.

Männern ist es nämlich beneidenswert Wurscht, ob sich Frauen in ihrer Gegenwart knorke fühlen. Um die geht’s ja gar nicht. Es geht ja darum die anderen Jungs zu beeindrucken.

Es geht überhaupt nicht um Frauen. Das machen Männer komplett unter sich aus. 

Erst neulich gab es einen Skandal, der das seltsam transparent machte. Also, genau genommen ein Skandälchen. Ein im letzten Moment abgefangener Kommet, der nicht mehr in unsere Welt stürzte. Was war passiert?

Piloten einer Airline hatten Videos ausgetauscht. Home made videos. Von sich selbst. Genau genommen von sich selbst, wie sie es gerade irgendjemandem vom Kabinenpersonal besorgten. Ich glaube, das ist eine ziemlich zutreffende Darstellung.

Natürlich hätte ich auch eleganter schreiben können. „Sie tauschen Videos aus, auf denen sie selbst und eine Kollegin zu sehen waren, wie beide sich den Freuden körperlicher Zuneigung hingaben.“ Aber das würde eben den Sachverhalt nicht korrekt wiedergeben. Denn die Frauen auf diesen Videos waren praktisch gar nicht da. Für die interessierte sich kein Mensch. Worum es ging, war ein „Schneller, höher, weiter“, in dem die betroffenen Damen nur die Sandbox waren, in die es zu springen galt, die Tartan-Bahn, auf der man die Leistung erbrachte, die Latte (Haha, sie hat „Latte“ geschrieben!), die es zu reißen galt (haha, sie hat… egal.).

Woher ich das weiß? Ganz einfach: Die Videos tauschten die Piloten nur untereinander. Die Frauen wussten nichts davon, dass sie gefilmt worden waren. Sie wurden auch nicht mit dem cinematographischen Material beglückt. Als Souvenir so zu sagen. Man verschickte diese Filmchen auch nicht als Bewerbungsmaterial, an andere Damen des Personals, um diese von der Qualität der eigenen Dienstleistungen zu überzeugen. Die Bewegtbilder dienten einzig dem Wettbewerb und dem gegenseitigen Amusement.  Vielleicht auch als Kerbe am Cold. Wer weiß das schon? Sie dienten jedenfalls ganz sicher keiner einzigen der Frauen, die – aus welchen Gründen auch immer – dämlich genug waren, mit ihrem Chef ins Bett zu gehen.

Übrigens gab es keinerlei Konsequenzen. Die Fluggesellschaft räumte ein, dass ihr das in Frage stehende Material vorläge, bedauerte aber, dass man seine Quelle nicht hätte ermitteln können. Tatsächlich?

Interessiert das wirklich keinen Schwanz?

Oder mal so: Wenn sich all die auf dem Porsche räkelnden Bikinimodels, die Sextapes und die Höhöhö-Bemerkungen, die Männer so von sich geben, an eine männlichen Zielgruppe wenden, findet diese männliche Zielgruppe das dann in ihrer Gesamtheit top? Reden die auch so über ihre Frauen und Töchter? Bin ich jetzt nur grenzenlos naiv, wenn ich denke, dass die Schwanzlurche eine Minderheit sind und dass die auch der Mehrheit der Männer unglaublich auf den Sack gehen? Und wenn das so ist – warum sagen die dann nichts? Warum tun die nichts? Warum distanzieren die sich nicht? Warum sagen die nicht mal: „Selber doof!“

Ich hab verstanden, dass das Verständnis von Männern und Frauen untereinander begrenzt ist. Ich selber stehe da manchmal im Dunkel  – wie dieses Blogpost ja deutlich erkennen lässt. Ich nehme es Männern deswegen nicht übel, wenn sie manchmal ein eklatantes Unverständnis Frauen gegenüber an den Tag legen.

Ich verstehe, dass es für einen Mann schwer zu verstehen ist, warum alle am Markt befindlichen Wirtschaftsmagazine an Männern orientiert und für Frauen daher weitgehend untauglich sind. Und ich sehe es einem sehr geschätzten Kollegen nach, dass er erstaunt meinte, die seien doch alle geschlechtsneutral und das Manager Magazin habe sogar mal eine Modestrecke gehabt. Geschenkt.

Ich kann nachvollziehen, warum Männer am liebsten andere Männer befördern, die genauso sind wie sie selbst. Die die gleichen Ziele verfolgen, dieselben Konzerte gehört und eine Dauerkarte für den selben Fußball-Verein erstanden haben. Ich kann verstehen, warum sie glauben, es sei ein Zufall, dass sie keine einzige leitende Position mit einer Frau besetzt haben. Ich glaube ihnen, dass sie glauben, dass sie auch eine Frau für den Job genommen hätten, wenn sie ihrer Meinung nach die Beste für den Job gewesen wäre. Und nicht so anstrengend. Und auch mal Spaß verträgt.

Ich hab das Grundprinzip verstanden:

Das Stadium, in dem die großen Spiele stattfinden, steht auf dem Mars. 

Wir von der Venus haben uns bemüht, die marsianischen Regeln zu erlernen, wir haben uns bemüht, die Sprache des Mars zu erlernen –  aber wir sind Besucher aus einer fremden Welt. Fremdarbeiter so zu sagen. Wir werden immer einen Akzent haben. Wir werden nie so gute Marsianer sein, wie die Marsianer selbst.

Dafür sind wir aber verdammt gute Venusianer.

Solange wir von der Venus aber keine Aufenthaltsgenehmigung haben, solange wir nicht Bürgerrechte haben, kein Wahlrecht und keinen Zugang zu Gestaltung und Macht, solange es allen egal sein kann, was wir denken oder leisten, sind wir weiter nur der Fleck auf dem Film, in dem der Pilot verschwindet.

Und weil den Piloten und seinen kleinen Freunden der Fleck und seine Meinung so überhaupt nicht interessiert, weil den nur ihr interessiert, Männer, ihr und eure Meinung, deswegen, seid damit großzügig! Gebt ihnen eure Meinung. Sagt nicht „Hihihi“ und „Hohoho“, wenn ihr es nicht meint. Sagt, was ihr wirklich denkt.

Stellt euch einfach vor, es ginge um eure Frau. Oder Tochter. Oder Mutter.

Wir zählen auf euch! Auf Marsianisch. Extra gelernt!

 

 

Frau Fricke wundert sich, ob denn schon Muttertag ist

Heute ist ja Weltfrauentag. Und neuerdings beginne ich mich zu fragen: Darf ich da überhaupt mitmachen? 

Vor genau einem Jahr habe ich von meiner Tante Trude geschrieben (gern noch mal nachblättern). Davon, wie schwer es früher war, als unverheiratete Frau sein Leben zu bestreiten. Davon, wie fragil unsere Errungenschaften sind und wie wichtig es ist, sie zu bewahren. Damals dachte ich noch: Vielleicht ein bisschen viel Pathos. Heute hat mich die Realität eingeholt. Mich und die Trude. Denn wir sind wieder mitten in den 30er Jahren des 20. Jahrhundert und allüberall werden Mutterkreuze verteilt.

Eine Frau, das hat die Trude oft gehört, ist nämlich erst eine Frau, wenn sie Mutter ist. Ehefrau ist auch schon schön, aber nur das Vorzimmer zum Lebenszweck. Was wirklich im Mittelpunkt des Seins und Strebens einer Frau stehen sollte, das ist die Mutterschaft. Die Trude, das fand man damals so ganz im allgemeinen, hat da böse versagt. Hat aber auch ihre Strafe dafür gekriegt, dass sie nicht so leben wollte wie andere, indem ihr Eigenheim und Garten versagt blieb und natürlich die Weihnachtsbesuche von den Enkeln. Das hat sie nun davon.

Jetzt bin ich Trude. Ich merke es nur nicht. 

Aber die Anzeichen häufen sich. Alles begann vor ein paar Wochen, als mir eine – durchaus sehr geschätzte – Freundin eröffnete, dass ein Leben als Familie mit Vater, Mutter und 1,3 Kindern „normal“ sei. Alles andere wäre es eher nicht. Alles andere ist so zu sagen eine immer währende Ausnahme-Situation. Eine soziale Behinderung. Aktion Sorgenkind für Frauen. Aktion Sorgenfrau.

Da war er, mein Zwerg-der-Infantin-Moment. Ich bin meine eigene One-man-freak-show. Ich hab das nur nie gemerkt, weil ich so damit beschäftigt war, Dinge zu tun, die ich für erstrebenswert hielt: tolle Jobs machen, Firma gründen, Probleme für Kunden lösen, ins Ausland ziehen, Fremdsprachen lernen. Sowas eben. Kurz: Ich verplempere meine Zeit für Dinge, die mich immer weiter von meinem eigentlichen Lebensziel abbringen: Normal Mutter zu sein, wie jede andere auch.

Wer braucht schon einen Job? Wer braucht schon Bezahlung?

Und dann, vor zwei Tagen kommt Mehmet Daimagüler und fordert in einem Facebook-Post gleichen Lohn für gleiche Arbeit und eine 50% Frauenquote für Vorstände. So ja nun nicht! Eine Frau (!) findet, das brauche sie „so dringend wie ein Loch im Kopf“, denn „Das Beste können nur wir Frauen….den Herzschlag des Kindes spüren, bevor es sich überhaupt gezeigt hat.“ Ja ne, da muss es natürlich einen Ausgleich geben und da sind begrenzte Karriere-Chancen und Altersarmut natürlich ein geringer Preis.

Mir wird klar: Mein Leben ist verwirkt. Ich hab’s verkackt. Aber so richtig. Ich habe nichts zum Bestand der Art beigetragen. Wir sind vom Aussterben bedroht und das ist alles nur meine Schuld. Schlimmer noch: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das jetzt noch ändert, ist gering. Ich fühle mich so mies, wie mich andere vermutlich finden.

Ich muss auf andere Gedanken kommen. Ich brauch Bewegung.

Also schaue ich mal, was es hier so an Laufsportveranstaltungen gibt. Nicht, dass ich Laufsport betreiben würde. Aber ich könnte ja mal damit anfangen und das ist ja immer einfacher, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Das Ziel müsste natürlich noch weit in der Zukunft liegen, denn dort liegt auch meine Fitness. In der Gegenwart steht eine Couch. Ich finde auch tatsächlich einen Lauf im November. 7,5 Kilometer. Nur für Frauen. Ich bin begeistert! Das ist ja wie für mich gemacht! Da mache ich mit! Um sich anzumelden, muss man sich in eine von drei Kategorien eintragen:

Kleine Schönheit (14-30)

Mutter (30-55)

Großmutter (55+)

Ich erwäge kurz die meinem Fitness-Level entsprechende Kategorie „Großmutter“ zu wählen, wechsele dann gedanklich den Tatsachen entsprechend zu „Schönheit“, muss aber einräumen, dass ich mit der Durchschnittsgröße eines spanischen Mannes vermutlich nicht wirklich klein bin. Mutter bin ich auch nicht. Und während die Welt heute großer Wissenschaftlerinnen, Schriftstellerinnen, Politikerinnen und Sportlerinnen gedenkt, schleiche ich mich heimlich aus einem Volkslauf für Frauen, in dem es offenbar keinen Platz für mich gibt.

Tante Trudes Foto steht auf meinem Schreibtisch.

Das gucke ich an und sage: „Na, Trude, sag doch mal was!“

Und Trude guckt zurück und sagt: „Echt jetzt? Daran willste scheitern? Tu mal lieber was.“ Und das tu ich. Ich setze mich hin und schreibe den Veranstaltern dieses Laufs eine Email und darin steht eine sehr simple Wahrheit, die erstaunlich wenigen bekannt zu sein scheint:

Alle Mütter sind Frauen. Aber nicht alle Frauen sind Mütter.