Alle haben Angst vor Künstlicher Intelligenz. Dabei würde ein bisschen ganz banale Alltagsintelligenz helfen, zu verstehen, was das eigentlich ist. Und was es kann. Und vor allem: Was nicht.
First things first: Danke IBM, Salesforce und weitere Teilnehmer einer Diskussion, derer ich neulich Zeugin werden durfte. Die Diskussion ging nur 17 Minuten lang und war dennoch das Erhebendste, was ich in letzter Zeit über AI / KI gehört oder gelesen habe.
Die Diskussion kam von einem Kongress und wurde von einer Moderatorin der Boston Consulting Group geführt. Und die hatte klar die Samthandschuhe zu Hause gelassen.
Das heiße Thema der Veranstaltung, sagte sie, sei ja die allgemeine Unzufriedenheit mit AI /KI.
Allgemeines Achselzucken.
Ja nun, sagte ein Teilnehmer, man hätte inzwischen immerhin eine Durchdringung von 90% erreicht. Also, gut 90% aller Firmen würden mit AI /KI arbeiten.
Die Moderatorin war irritiert:
Eine Umfrage habe aber ergeben, dass von diesen 90% nur 20% mit der Performance zufrieden seien. Volle 80% wären „unzufrieden“ bis „extrem unzufrieden“.
Ich will ehrlich sein: So richtig überrascht hat mich das nicht. Die Tatsache, dass gerade die wichtigsten Tech-Werte aus diesem Bereich mächtig in den Keller gerauscht waren, weil sich herumgesprochen hatte, dass die Anwenderfirmen inzwischen stark bezweifeln, ob sich ihre Investitionen in AI / KI jemals amortisieren werden, lies ja schon so eine Ahnung von Unwohlsein zu. Und wer auch nur einmal versucht hat, sein Problem durch einen Chatbot lösen zu lassen, bei dem hätte die Ahnung schon zur Gewissheit werden können.
Was mich allerdings überrascht hat, war die Reaktion von IBM und Salesforce auf diese Lage.
Weil: Wenn es ein Unternehmen soweit kommen lässt, dass sein Produkt nur noch auf 20% Zufriedenheit kommt und damit im Begriff ist, die Marke nachhaltig zu schädigen, dann würde ich mächtig nervös werden. Hätte ich selbst nur eine Kundenzufriedenheitsrate von 20% würde ich mächtig nervös werden. Ich würde also vermuten, dass alle im Dreieck springen. Tun sie nicht. Jedenfalls nicht öffentlich. Nicht in dieser Diskussion.
Jooooo, also ist schon nicht schön. Man habe sich aber auch schon mit den Ursachen befasst. Und die lägen – Achtung, ab hier wird es wirklich komisch. Oder tragisch. Nein, es ist komisch – also, die lägen vermutlich darin, dass man ja in den letzten Jahren AI /KI eher so unspezifisch verkauft habe. Im Grunde genommen, wären die eigenen Sales-Leute überall aufgetaucht und hätten gesagt: „Müsst ihr unbedingt haben.“ Und alle hätten dann ganz schnell genickt und sich erst hinterher überlegt, dass sie ja gar nicht wissen, ob AI / KI für ihre spezifische Problemstellung überhaupt anwendbar ist.
Ich dachte erst, da kommt noch was. Sowas wie eine Hilfestellung. Also, ich hätte ein Interesse daran, dass Kunden das was ich tue, auch anwenden können. Aber nein. Das war’s schon. In Zukunft, so derselbe Sprecher, wäre es vielleicht besser, erst über die Problemstellung zu reden und dann eine spezifische Anwendung zu finden. Tatsächlich? Verrückt, dass darauf noch keiner gekommen ist!
Hätte doch bloss schon mal jemand Design Thinking erfunden
Oder auch ganz einfaches logisches Denken. Wie kann es passieren, dass auf der einen Seite Einkäufer stehen, die sich nicht dafür interessieren, ob das, was sie einkaufen auch funktioniert – und die vermutlich die zu lösenden Problemstellungen gar nicht kennen – und auf der anderen Seite Verkäufer stehen, die einfach nur verkaufen wollen? Egal was. Auch Kühlschränke am Nordpool. Mirdochegal.
Da greift die IBM-Dame wieder ein.
Im Grunde sei das ja auch irgendwie nicht ihr Problem, wenn die Kunden nicht in der Lage wären, ihre Daten so aufzubereiten, dass AI /KI damit auch anständig arbeiten kann. Im Stillen denke ich: „Ja, nee, irgendwie schon. Wenn euer Verkaufsargument ist: „Kauf mein Programm, dann macht das ganz allein die Arbeit von 50 Angestellten, die ihr dann alle rausschmeißen könnt.“ und dabei irgendwie vergesst, zu erwähnen, dass dafür aber 50 Leute neu einstellen müssen, die nichts anderes machen, als den ganzen Tag Daten blank zu putzen, damit das teure Maschinen keinen Mist baut, dann irgendwie schon, oder?Denn, wie dieselbe IBM-Dame sagte:
„If you slap AI on crap, you get crap just quicker.“
Überhaupt sei es mal an der Zeit, dass die Leute verstehen, dass AI / KI eigentlich auch nichts weiter mache, als einfache, wiederholbare Ausführungen schneller zu machen.
Äh, was? Wo ist denn da die Intelligenz?
Und das ist der Teil, den ich persönlich nehme:
Die letzten zwei Jahre habe ich nämlich damit zugebracht, mich ungeheuer doof zu finden. Maximal unintelligent. Weil ich genau das dachte, was die IBM-Frau hier so nonchalant in aller Öffentlichkeit postuliert. Ich war so ziemlich die einzige in meiner Umgebung und darüber hinaus, die Künstliche Intelligenz weder kunstvoll noch intelligent findet. Und natürlich ist mir aufgefallen, dass ich damit – naja, komisch bin. Ich mag doof sein, aber nich doof genug, um mir nicht darüber im Klaren zu sein, dass ich selbst der Geisterfahrer sein könnte, wenn ich denke, dass mir verdammt viele Autos aus der falschen Richtung entgegen kommen.
„Jetzt mal ehrlich“ hab ich hunderte von Malen gesagt, „diese Programme können doch gar nichts. Die können doch nur repetieren. Ein und die selbe Sache immer wieder machen. Nur schneller. Die denken nicht mit. Die sind wie dein dümmster Praktikant. Dem Typen, dem du alles ganz genau sagen musst und dann macht er das haargenau so. Egal, ob das irgendeinen Sinn ergibt oder nicht. Auch wenn jeder vernunftbegabte Mensch sofort sagen würde: Äh, Chef, haste das jetzt echt so gemeint?“
Und alle haben mich angesehen, als würde ich ihnen ihre schöne neue Welt kaputt machen.
Oder als würde ich am Abgrund stehen und gleich fröhlich pfeifend einen Schritt nach vorn machen.
Und ich hab mich zurückgewundert und dachte: Wann war „künstlich“ denn jemals besser als „echt“?
Vielleicht haben mich aber auch die Jahre verdorben, in denen ich mich mit Lebensmitteln und Aromastoffen beschäftigt habe.
Selbst bei Netflix hält man AI / KI für intelligenter als Menschen
Wie unglaublich gut sich die Geschichte von der überlegenen künstlichen Intelligenz inzwischen durch die Bevölkerungsschichten gefressen hat, zeigte neulich eine Netflix-Serie, deren Zielgruppe bei irgendwas unter 30 liegt. The Circle. Dort sitzen Menschen mutterseelenallein in kleinen Wohnungen und kommunizieren nur über einen Computer mit anderen Menschen, die nur eine Tür weiter ebenfalls mutterseelenallein in einer Wohnung sitzen. Manche sind, wer ihr Profil angibt, andere sind es nicht. Und diese Catfishes gilt es zu fangen, während man mit anderen Allianzen schmiedet. Neuerung in der letzten Staffel: Einer der Catfishes war AI /KI. Ich darf mich rühmen, den sofort gefunden zu haben.
Er bediente nicht nur jedes Cliché, er antwortete auch unspezifisch und konnte offensichtlich kombinierten Fragen nicht gut folgen. In einer Spielrunde bekamen die Spieler explizit die Aufgabe, die KI herauszufinden. Sie durften das machen, wie sie wollten.
Ich hätte es mit Doppeldeutigkeiten versucht, mit Witz, mit nicht aufeinander aufbauenden Kombi-Fragen, mit irgendetwas, das Kontext-Abhängig ist oder etwas, das Empathie erfordert ohne, dass man auf vorliegende Daten zurückgreifen kann. Nichts davon haben die die Kandidaten gemacht.
Sie haben etwas voneinander gefordert, das sie für besonders schwierig befanden: rapen. (Also, 2pac, Eminem, 50cent. Sowas) Wer das kann, so deren Logik, muss besser sein, als ein intelligenter Mensch. Er muss künstliche Intelligenz sein.
Also ließen sie einander Raps schreiben. Ein Rap war herausragend. Das, meinten alle MÜSSE die künstliche Intelligenz sein. War sie nicht. Der Rap war von einer echten 37jährigen leicht beleibten Frau geschrieben. Bummer!
Wir sollten also mal aufhören AI /KI so unglaublich zu überhöhen.
Natürlich hat sie ihren Platz. Sie wird uns langweilige repetitive Arbeiten abnehmen – und ja, sie wie die arbeitslos machen, die diese hirnzersetzende Arbeit zuvor gemacht haben. Sie wird uns viel Spaß machen, weil wir jetzt selbst alberne Männchen zeichnen und drittklassige Geburtstagsgedichte für Onkel Herbert schreiben lassen können, bevor wir bemerken, dass der Witz an Geburtstagsgedichten eben ist, dass man sich selbst die Zeit genommen und die Mühe gemacht hat.
Werden uns Maschinen irgendwann ersetzen? Kann sein. Keine Ahnung. Wirklich interessant wird es mit Quanten-Computern. Aber da sind wir noch nicht.
Vorerst sind wir da, wo Goethes Zauberlehrling war (google „Goethe“! Und auch „Der Zauberlehrling“). Genau da. Weil der keine Ahnung vom Zaubern hatte, aber keine Ahnung hatte, dass er keine Ahnung vom Zaubern hatte, setzte er so zu sagen künstliche Intelligenz ein: Er befahl einem Besen die Aufgaben zu übernehmen, die der Zaubermeister ihm selbst aufgetragen hatte. Sein Prompt: Wasser holen. Und das tat der Besen. Repetitiv. Wie AI / KI eben so ist. Das Zimmer stand unter Wasser, das Haus stand unter Wasser, die Straße drohte zu überschwemmen. Da endlich kam der Zaubermeister heim und machte dem Spuk ein Ende mit „Besen, Besen, sei’s gewesen.“
Ich denke, der alte Zaubermeister hat sich danach in seinem überfluteten Haus umgedreht und gedacht:
„If you slap AI on crap, you get crap just quicker.“