Frau Fricke wundert sich, warum keiner seine Probleme tauscht

Die Probleme anderer Leute sind eigentlich nie welche. Manche dieser Probleme möchte man sogar selbst haben. Ganz dringend. Neulich stand in der Zeitung, ein chinesischer Geschäftsmann hätte an einem einzigen Tag vier Milliarden Dollar an der Börse verloren – volle 10% seines Vermögens. Der ist also jetzt runter auf seine letzten 36 Milliarden. Das ist ein bitteres Schicksal, aber eins dieser Probleme, die ich klaglos auf mich genommen hätte. Alle anderen hätte ich in Minuten gelöst. Ruck zuck.

Nur meine eigenen Probleme sind selbstverständlich für mich unüberwindlich. Seit Jahren will ich schon umziehen, aber das ist gar nicht so einfach, denn vorher müsste ich ja mal wissen, wohin. Und das weiß ich eben nicht. Vor vier Jahren, als ich das erste Mal mit dem Gedanken an einen Wohnungswechsel gespielt habe, hätte ich gefahrlos innerhalb der Stadt umziehen können, denn wie man sieht, wohne ich ja noch immer hier. Aber wer hätte das vor vier Jahren sicher sagen können? Richtig, die Anderen.

Und darum ist mein Vorschlag: Es sollte eine Problem-Tauschbörse geben.

Zum ersten Mal hatte ich diesen Gedanken, als ich in Chiang Mai, Thailand zu Loy Kratong eingeladen war. Loy Kratong ist ein Lichter-Fest und eine große Sache in Chiang Mai.

Überall an den Straßen werden große Lampions verkauft, die man nachts in den Himmel steigen lässt. An manchen dieser aufsteigenden Lampions kann man Bänder baumeln sehen, auf die Wünsche geschrieben wurden, von denen der Absender hofft, dass sie in Erfüllung gehen. An anderen hängen Fotos von Menschen, die man gern einmal wiedersehen würde.

Und unter dem glitzernden Himmel: Funkelnde Flussläufe. Ohne jede Hast tragen sie kleine kunstvoll aus Palmblättern geflochtene Flöße davon – geschmückt mit Blumen, erhellt von Kerzen und parfümiert mit Räucherstäbchen. Natürlich gibt’s auch größere Flöße. Auf Firmenveranstaltungen werden enorme Blumengebinde zu Wasser gelassen. Man muss sich wirklich fragen, ob das im Sinne der Imagebildung nicht ein fataler Fehler ist, denn diese Flöße haben nur eine Aufgabe: Sie sind so zu sagen der Troyanische Ausflugsdampfer für Probleme.

In der Vorstellung der Thai nutzen nämlich Probleme den Moment, in dem man am Flussufer steht und die Kerze und die Räucherstäbchen anzündet, zur Inspektion. „Warum“, fragt sich dann so ein Problem, „sollte ich weiter in diesem düsteren Kopf bleiben wollen, wenn ich auf Blumen gebettet in diesem hübsch erleuchteten Körbchen wohnen könnte?“ Also springt es auf – zum Probewohnen so zu sagen – und merkt zu spät, dass sich sein neues Zuhause bereits auf der Flussmitte befindet und mit anderen Problem-Haus-Booten auf nimmer wiedersehen verschwindet.

„Wohin fahren die Probleme denn?“ will eins der Kinder wissen, mit denen ich feiere. „Keine Ahnung.“, sag ich „irgendwohin.“ „Aber wenn dann einer mein Problem findet, dann hat er ja das Problem, das ich loswerden wollte. Das ist nicht nett.“ sagt das Kind. „Kommt drauf an.“, sag ich. „Vielleicht freut er sich ja.“ „Über ein Problem?“ „Vielleicht ist es für ihn keins. Ich könnte dir zum Beispiel einen Pulli schenken, der mir zu klein ist. Für mich wäre es ein Problem da reinzukommen, aber du würdest dich über den Pulli freuen.“ Helen legt den Kopf schief und weiß noch nicht genau, ob sie das überzeugend finden soll. „Ok“, sag ich, „Stell dir mal vor, jemand sagt dir, du müsstest ab sofort in Barcelona wohnen. Würde dir das gefallen?“ Helen guckt mich entsetzt an. „Eben. Also, da hättest du ein Problem. Das setzt du auf ein Floß und dann tuckert das so eine Weile den Fluss runter und da finde ich das dann. Und ich guck mir das Problem dann an und sage: ‚Oh, in Barcelona leben. Das ist ja ne tolle Idee!’ Und schon hat das Problem ein neues Zuhause – nur dass es eben kein Problem mehr ist.“ Helen nickt. „Ah, ok, das ist so wie bei Onkel Gung und Tante Pla. Da wollte sie ihn auch nicht mehr haben und jetzt hat ihn die Nachbarin.“

„Ja“,sag ich, „genau so“.

 

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