Frau Fricke wundert sich, ob Gut das neue Schlecht ist

„Ich nehme ja nun diese Krebsmedikamente“ sagt sie schon wieder. Als sie die zum ersten mal erwähnt hat, war ich noch schockiert. „Oh Gott“, sag ich, „du hast Krebs?“ „Nein“,sagt sie „ich kriege nur Medikamente, die auch Krebskranke kriegen.“ Ich stutze kurz. Kopfschmerztabletten nimmt man ja schließlich auch nur, wenn man – naja – Kopfschmerzen hat. „Immunsupressiva?“ frage ich vorsichtig. „Neee“, sagt sie gedehnt und ich merke, dass ihr das jetzt unangenehm wird. „So Hormone.“ „Gegen Krebs?“ „Ja, so Hormone, die kriegen Frauen auch nach einer OP.“ „Ähä“ „Wenn sie Krebs hatten.“ „Ähä“ „An den Eierstöcken zum Beispiel.“ Ich werde unsicher. „Du meinst Progesteron?“ Sie braucht eine Weile. „Hmmm, ja.“ sagt sie schließlich, als wäre es eine Niederlage. Es geht ihr nämlich gut. Und das ist schlecht.

Progesteron nehmen eine Menge Frauen. Manche gegen Zysten, andere gegen Wechseljahrsbeschwerden und manche, ja manche auch nach Krebsoperationen. Progesteron nehmen macht einen also noch nicht zu etwas Besonderem. Krebs, ja Krebs schon.

Dieselbe Frau hatte ja auch ihre Karriere aufgeben müssen, sagt sie, denn sie sei ja mit ihrem Mann nach Asien ausgewandet. Oh, auswandern! Auswandern finde ich interessant. Da frage ich doch gleich mal nach. Ist das nicht wahnsinnig schwierig, alles was man kannte so hinter sich zu lassen? Neue Gesetzte, neue Versicherungen, neue Kulturen und Gewohnheiten. Und erst einmal kein Weg zurück. Auswandern ist schon auch ein bisschen gruselig. Wie ist denn das Mietniveau so in Hongkong? Und gibts da eine staatliche Gesundheitsversorgung? Die Gute ist überfragt und bei weiteren Nachfragen ergibt sich, dass ihr Mann gelegentlich für vier bis sechs Wochen beruflich im Ausland war und sie ihn begleitet hat, denn „irgendwer muss da ja auf ihn aufpassen.“ „Ach so“, sag ich erleichtert,  „dann musstest du also gar nicht auswandern.“ Aber das verstimmt sie. Doch, findet sie, wer verreist, aber nicht im Urlaub ist, der wandert aus. Aha.

Es gab mal eine Zeit, da erschien es erstrebenswert, von allen Unbillen und Anfechtungen verschont zu bleiben. Krebs hat man nicht mal seinem schlimmsten Feind gewünscht – geschweige denn sich selbst. Auswandern mussten – unter unsäglichen Mühen – nur die armen Schweine, die zu Hause keine Zukunft hatten und wer arbeiten gehen musste, wünschte sich, er könnte zu Hause bleiben und seinen Neigungen nachgehen.

Dann muss irgendwas passiert sein.

In meiner Umgebung häufen sich – vor allem unter Frauen mittleren Alters – die seltsamen Fälle von Bigger-than-life-Biographien. Neben quasi Krebskranken und immer wieder seriell ausgewanderten kenne ich auch eine Sekretärin, die nach einer halbstündigen Prüfung auf dem Ordnungsamt den „Kleinen Heilpraktiker“-Schein gemacht hat und nun als Psychologin firmiert und – schlimmer noch – arbeitet. Ich kenne ein Model, deren Karriere darin bestand, in einem selbstgestrickten Pulli beim Bunten Nachmittag aufgetreten zu sein. So dicht dran, sei sie schon an der Vogue gewesen,  „aber dann  kamen ja die Kinder.“ Und selbst in Presse, Funk und Fernsehen begegnen mir allenthalben Schmuck- und Handtaschen-Designerinnen, die noch nie durch Schmuck- oder Handtaschen-Design auffällig geworden sind.

Was ist denn da los?

Macht das gute Leben denn wirklich so unzufrieden?

Das Dumme am Guten ist, es kommt ohne jegliche Anerkennung. Jeder will es eh haben, also kommt es ohne Marketing-Tricks aus. Es ist wider unsere Natur, uns Mühen zu unterziehen und damit wir es dennoch tun, haben wir uns Titel und Medaillen ausgedacht, in deren Glanz aber eben leider auch nur der wandeln darf, der die damit einhergehenden Mühen auch tatsächlich auf sich genommen hat.

Wer einmal zwei Jahre intensiv in der Tröpfchenzerspahnung geforscht hat, darf seinen Doktortitel für immer behalten.

Zur richtigen Zeit die richtigen Tore geschossen zu haben, berechtigt zu royalen Titeln auf Lebenszeit und selbst  wer einmal den falschen Mann geheiratet und sich ebenso falscher Grammatik bedient hat, bleibt ein Leben lang die Verona der Nation. Nur eben die, die immer alles richtig gemacht haben, die den Ball flach halten und sehr angenehm unter dem Radar durchtauchen, die haben am Ende eben – nur ein angenehmes Leben. Und dafür gibts nun mal keine Orden, denn das ist ja schon schön.

Ich würde mir wünschen, dass all die unzufriedenen Zufriedenen auf der nächsten Party keine Geheimdienst-Karriere erfinden müssen. Dass sie nicht raunen „Darüber darf ich eigentlich nicht reden.“ Sondern, dass sie einfach nur sagen, wie es wirklich ist: „Ich? Mir gehts einfach nur gut.“

Das wäre wirklich beneidenswert.

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