Frau Fricke wundert sich ganz selfielos

Ich fahre auf einem Boot. Das tue ich nicht allein. Das Boot ist ein Ausflugsdampfer und mit mir sitzen darauf Dutzende anderer Touristen mit Fotoapparaten und Windjacken. Mir wird klar, dass ich nicht nur aussehe, wie Tante Hannelore auf den Fotos aus den 70ern, ich bin Tante Hannelore geworden. Ich habe mich nie gefragt, ob Tante Hannelore glücklich darüber war, Tante Hannelore zu sein. Kindern erscheinen alle Erwachsenen ja so selbstverständlich in sich ruhend und souverän. Aber ich selbst bin mir sicher, dass ich diesen Moment der Erkenntnis wirklich nicht für die Ewigkeit erhalten wissen will. Also bleibe ich sitzen und genieße die Landschaft, die an mir vorüberzieht. Ich spüre den Fahrtwind, ich freu mich am Sonnenschein und ich höre den Wellen zu, wie sie an den Bug klopfen. Wenn ich überhaupt mal knipse, dann höchstens Landschaft ohne alles. Und damit stehe ich im krassen Gegensatz zu der Frau im weißen Outdoor-Dress, die immer allen in der Optik steht.

Am Anfang, also gleich nach dem Ablegen, sitzt sie noch tapfer zwischen einem spanischen Ehepaar, steckt ihren Arm von sich und schaut ihr Handy verliebt und übermütig an. Da läuft doch was mit den beiden, denke ich noch. Aber irgendwann ist diese Perspektive abgenutzt und sie springt auf. Wie ein kleiner Derwisch hüpft sie bald hierhin bald dahin, nimmt seltsame Posen ein und fängt an, Grimassen unerschöpflichen Frohsinns zu schneiden. Sie zieht die Kapuze auf, sie setzt die Kapuze ab. Reisverschluss hoch, Reißverschluss runter. Über die Schulter gelächelt, den Kopf in einem stummen Lachanfall zurückgeworfen. Ein paar Mal mit Sonnenbrille, dann ohne. Und natürlich immer genau da, wo jetzt auch gern die 150 anderen Passagiere ein Foto gemacht hätten. Geht aber nicht. Die könnten nur ein Foto von der Frau im weißen Outdoor-Dress machen, die fotografiert, was man selbst gern fotografiert hätte. Manche tun das sogar und ich glaube, das hat einen ganz anderen Grund, als den, dass das eigentliche Fotomotiv nur im Doppelpack mit ihr zu haben ist: Die Frau ist peinlich. Richtig peinlich. Die macht da Sachen, die wir bestenfalls machen würden, wenn wir ganz allein irgendwo wären. Und hier kommt ihr Geheimnis: Sie ist ganz allein.

Das Leben der Anderen, das gibt es gar nicht. Genauso wie diese Reise hier. Landschaft, Sehenswürdigkeiten, alles nur Bildhintergrund. Kulisse für die Welt, die sie ihren Followern heute Abend präsentieren wird. Leben, das macht sie hier klar, ist das, was auf Facebook passiert. Oder auf Instagram oder wo immer sie die Fotos gleich nach dem Ablegen einstellen wird. Die Frau im weißen Outdoor-Dress schaut nicht. Sie unterhält sich auch nicht mit anderen Fahrgästen. Genau genommen nimmt sie die Anderen gar nicht zur Kenntnis. Nicht ihr Bedürfnis, auch zu schauen oder Fotos zu machen, nicht die Tatsache, dass die sie sehen und sich ein Urteil über sie bilden könnten. Sie ist nicht da. Nicht in unserer Welt. Ist ja auch klar, wir sind ja alle gar nicht mit ihr befriended. Es ist als hätte jemand in der Schaltzentrale der Welt mit aller Kraft am Realitäts-Stabilisator gezogen und ihn auf Umkehrschub gestellt. Das, was Realität war, ist jetzt nur noch Staffage und was virtuell war, ist nun die wahre Realität. Alles andere zählt nicht mehr.

Das ist interessant. Wirklich interessant. Wer gedacht hat, dass jetzt die bittere Kritik einsetzt, muss enttäuscht nach Hause gehen. Als jemand, der mit dem Fernseher ins Kino geht, um da ein gutes Buch zu lesen, kann ich mir gar nicht erlauben, fremde Welten zu kritisieren. Und wenn ich ganz ehrlich sein darf, halte ich sie auch nicht immer für die schlechteren.

Was mich aber wirklich besorgt ist, dass Interaktion eine aussterbende Kulturfähigkeit wird. Es wird gesendet, was das Zeug hält. Es wird auch empfangen – wenn auch mit weit verhaltenerer Freude. Wirklich komplexe Interaktion aber geht verloren. Gespräche zum Beispiel. Und bald auch die Fähigkeit dazu. Use it or lose it.

Man hat schon heute den Eindruck, dass man an Menschen, die kurz von ihrem Handy aufsehen, deutliche Anzeichen von Irritation wahrnehmen kann. Es wird nicht mehr lange dauern, bis daraus nackte Panik wird.

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