Frau Fricke wundert sich, welche Mittel man zum Leben braucht

Es gibt keine Sozialhilfe in Spanien. Wer hier der Wohlfahrt anheim fällt, fällt im allgemeinen auf die Tasche der eigenen Familie. Wer keine hat, hat Pech. Hat er Glück, ist Weihnachten.

Zu Weihnachten nämlich gibt es Sammlungen der „Banc des Alimentis“ der Lebensmittelbanken. Nie ist ein Name unpassender gewählt worden. Während Banken sich im Allgemeinen der Umverteilung von Arm zu Reich  widmen und dabei die Illusion aufrecht zu erhalten suchen, dass alles, was der Einzahler auf die Bank bringt auch ganz sicher wieder zu ihm zurück fließt, hält sich die Lebensmittelbank gar nicht erst mit dererlei Versprechungen auf. Die Lebensmittelbank sagt, wie es ist: „Du zahlst Lebensmittel ein und siehst sie garantiert nie wieder.“ Auch die Lebensmittelbank gelobt Umverteilungen, allerdings von Reich zu Arm. Meine Lebensmittel sollen, das verspricht mir die Lebensmittelbank, auf dem Tisch einer armen Familie landen. Und außerdem – auch anders als bei anderen Banken – verspricht die Lebensmittelbank, dass sie ganz sicher nichts für sich selbst einbehalten wird. Von der Lebensmittelbank sollen nämlich nur die Armen profitieren. Theoretisch.

Die Lebensmittelbank hat nämlich potente Unterstützer: Die Supermärkte. Zu Weihnachten machen sie einen Platz frei, auf dem die Lebensmittelbank einige Europaletten aufstellen kann, auf denen sie die gespendeten Lebensmittel stapelt. Es gibt auch Sonderplatzierungen von billigen Lebensmitteln. Überall stehen Nudeln, Reis und Linsen im Weg. Billiges Öl wird gleich im Sixpack angeboten und offenbar ist der Arme auch des Dosenthunfischs dringend bedürftig. Wohlgemerkt: Die Supermärkte beteiligen sich nicht finanziell an diesen Sammlungen. Sie stellen nur die Waren, die sie für besonders geeignet halten in den Weg und bieten sie in größeren Gebinden an.

Anders als in Hamburg, wo ein Supermarkt in Eigenregie Pakete für bedürftige Flüchtlinge zum Einkaufspreis abgab und sogar deren Auslieferung übernahm, machen die Supermärkte hier gar nichts – außer Profit natürlich.

Anders als in Frankreich, wo ein neues Gesetz es den Supermärkten verbietet, Lebensmittel, deren Verfallsdatum abgelaufen ist, einfach auf den Müll zu werfen, schreibt ein spanisches Gesetz vor, dass Supermarktmülltonnen unter Verschluss gehalten werden müssen, bis der Müllwagen kommt. Man will so verhindern, dass die Nachbarn von marodierenden Hungernden gestört werden. Ist ja auch kein schöner Anblick, wenn Leute, die vielleicht gestern noch meine Nachbarn waren, heute in Mülltonnen nach Essen wühlen. Was mag das über mein eigenes Schicksal aussagen?

Also stehe ich im Supermarkt vor einem Berg Billigreis und bin erst mal verstimmt.

Für einen Augenblick will ich achtlos weitergehen und irgendwem irgendwas spenden. Dann wird mir klar: Wer essen will, muss immer einkaufen. Über kurz oder lang fließt mein Geld also immer einem Supermarkt zu. Und warum auch nicht? Also packe ich brav Reis, Nudeln und Linsen ein und Öl und Thunfisch neben meine eigenen Schicki-Micki-Einkäufe aus der Frische-Abteilung, rolle an die Kasse und danach zu den freundlichen Helfern der Lebensmittelbank, die meinen Reis, meine Nudeln und meine Linsen zu all den anderen Reis, Nudeln und Linsen stapeln. Ich schaue eine Weile auf diese von Pappe ummantelte Europalette voller Grundnahrungsmittel und sehe das ausgebombte Dresden und Leute, die in schweren Mänteln und mit Bollerwagen zu Fuss über „das Haff“ vor „dem Russen“ fliehen und ich denke:

„So sieht Weihnachten aus?“

Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich arm wäre. Ich muss mir da nicht viel Mühe geben. Ich war schon arm. Richtig schlimm arm. So arm, dass ich zu einer Lebensmittelbank gegangen wäre, wenn es sie denn gegeben hätte. Gab es aber nicht.

Hätte es sie gegeben, hätte ich mir gewünscht, dass es zu Weihnachten irgendwas gibt, was Weihnachten wie Weihnachten erscheinen lässt. Ich hätte lieber einen Tag lang Kekse gegessen und mich feierlich gefühlt als eine Woche lang Reis und Linsen.

Also rullere ich meinen Wagen noch einmal in den Supermarkt und kaufe ausschließlich Dinge, die man als armer Mensch gewöhnlich nicht so leicht bekommt. Unvernünftige Dinge. Ich kaufe jede Menge Schokolade, ein paar sauteure glutenfreie Produkte, ein paar für Diabetiker und mehrere Packungen koffeinfreien Kaffee. Ich kaufe Pralinen, Wurst und Schinken, Kakao-Pulver und Milch. Und ich kaufe Cornflakes und Nutella. Ich kaufe überhaupt nur Marken. Leute, die immer alles hatten, können sich nicht vorstellen, welche Bedeutung Marken für arme Menschen haben. Sie geben ihnen das Gefühl, dazuzugehören, nicht ausgegrenzt zu sein, sich nicht immer mit dem zweitbesten zufrieden geben zu müssen.

Und ja, ich habe vermutlich das Doppelte von dem bezahlt, was die Leute mit dem Wagen voller Reis und Nudeln bezahlt haben und ja, ich speise mit meinem albernen Marie-Antoinette-Das-Volk-hat-kein-Brot-na-da-kauf-ich-ihnen-doch-Kuchen-Einkauf keine Hunderttausend. Und ja, ich mache keinen satt. Aber ich mache vielleicht einem Dutzend eine Freude. Ich bringe keinen Reis, keine Linsen und keine Nudeln.

Ich bringe Weihrauch, Gold und Myrrhe.

 

 

 

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Ein Gedanke zu “Frau Fricke wundert sich, welche Mittel man zum Leben braucht

  1. theblowshow schreibt:

    ‚Ich hätte lieber einen Tag lang Kekse gegessen und mich feierlich gefühlt als eine Woche lang Reis und Linsen.‘

    Ich bin ganz gerührt – wie ein warmer Kuchen. Rührkuchen natürlich. Mal auf dem Boden bleiben, bitte!

    Was man eben so als Werbetreibender(?) als ‚insight‘ betitelt. Ganz wunderbar und auch wunderbar hilfreich.

    Gefällt 1 Person

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