Frau Fricke wundert sich am Welt-Frauen-Tag

Gedenktage sind ja im allgemeinen dafür gemacht, dass man sich Gedanken macht. Daher der Name. Über Frauen und wie sie so leben, macht sich kein Mensch Gedanken, scheint es. Nicht mal die Frauen selbst. Warum eigentlich?

Meine Großtante Trude war ein Phänomen. Ein sperriges, drahtiges kleines Ding, das Dinge sagte, die keiner zu sagen wagte und sich so verhielt, als gäbe es gesellschaftliche Normen nicht. Sie war bereit, den Preis dafür zu bezahlen. Und der war hoch. Damals.

Trude war das älteste von vier Kindern. Als sie zehn Jahre alt war, endete diese Kindheit damit, dass sie aus der Schule genommen wurde, um die Mutter ihrer Geschwister zu werden. Ihre eigene Mutter hatte sich in der Waschküche erhängt. Damals der einzige Ausweg aus einer unglücklichen Ehe. Scheidung gab es nicht. Nicht für arme Leute.

„Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“, wird sich Trude gedacht haben, als sie damals beschloss, niemals und unter gar keinen Umständen zu heiraten. „Pöh,“ denkt man heute „Ja und? Ich bin auch nicht verheiratet.“ Da möchte ich mal sagen: „Weiterlesen, dann reden wir noch mal.“

Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert gab es Bildung nur für Frauen aus den „Besseren Kreisen“. Über die wird heute von Feministinnen ja gern gesprochen. Wie hart es war, zu studieren und sich Anerkennung als Akademikerin zu erwerben. Schauen wir doch mal, wie es zur selben Zeit um unsere Trude stand, die nicht das große Glück hatte, großbürgerliche Eltern zu haben, die ihr ein Studium ermöglichen konnten:

Trude hatte vier Jahre Grundschul-Ausbildung genossen. Und sie hatte gelernt, einen Fünf-Personen-Haushalt mit extrem engen Budget zu führen und Kinder zu versorgen. Also wurde Trude Haushälterin. Da war sie 15 und sie wollte weit weg. Also heuerte sie in einem Haushalt in einer anderen Stadt an. Da kannte sie niemanden und das blieb auch so, denn Trude arbeitete immer.

Trude stand als erste auf, machte den Einkauf, kochte, putzte, versorgte die Kinder und ging als letzte schlafen. Und das nicht etwa im eigenen Zimmer im eigenen Bett. Trude schlief auf einem Brett, das sie nachts in der Küche über den Herd legte – was immerhin den Vorteil hatte, dass es schön warm war – leider auch im Sommer. Auf das Brett legte sie einen Strohsack und neben den alles, was sie besaß – in einer Truhe, so groß wie ein Nähkästchen, auf der ihr Name stand. Von dieser Truhe trennte sie nur der Tod. Durch über 90 Jahre, fünf Städte und zwei Weltkriege hatte Trude die Truhe geschleppt. Man kann nur erahnen, was sie ihr bedeutete. Trude war auch – sehr im Gegensatz zu mir – kein ausgemachter Freund des Zwiebelkuchens, denn während sie für ihre Herrschaft Braten und Kuchen bereitete, sollte ihre eigene Versorgung natürlich so kostenfrei wie möglich ausfallen. Das schloss Reste von der Tafel ausdrücklich aus. Denn aus Bratenresten ließen sich noch trefflich Ragouts und Stullen für die Herrschaft zaubern. Aber Zwiebelkuchen, der war billig und den gab es oft wochenlang, wenn das Haushaltsbudget etwa durch Weihnachtsfeiern oder eine Soirée belastet worden war. Unnötig zu sagen, dass Trude auch keine Krankenversicherung und keinen Kündigungsschutz hatte. Und so wurde sie eines Tages mit Fieber auf die Straße gesetzt. Man musste ja Rücksicht auf die Kinder nehmen.

Trude landete – Gott sei Dank nur für ein paar Tage – in einem Armenhaus. Denn selbst wenn Trude bereit gewesen wäre, ihr ganzes Erspartes in die Anmietung eines Zimmers zu investieren – legal war das nicht möglich. Frauen brauchten damals für Geschäfte aller Art die Unterschrift ihres Vaters oder Ehemannes. Und ganz genau genommen: Warum sollten Frauen überhaupt Geschäfte machen? Dafür hatten sie ja schließlich Väter oder Ehemänner. Ein Leben ohne Ehemann war für Frauen nicht vorgesehen und wurde ihnen daher auch nicht ermöglicht.

Natürlich fanden sich damals immer Männer, die so freundlich waren, ein Zimmer für Alleinreisende Damen anzumieten – mit der Folge, dass diese Damen vielleicht allein reisten, aber nicht allein schlafen konnten.

Trude sprach mir gegenüber nie ausführlich über diesen Aspekt. Aber sie deutete an, dass sie als Full Service Haushaltskraft eben tatsächlich den ganzen Service bieten musste, den die Dame des Hauses nicht leisten konnte oder wollte. Das war meist, aber nicht immer unangenehm. Einmal war Trude Haushälterin für einen Arzt, in den sie sich ernsthaft verliebt und mit dem sie eine langjährige Affaire hatte. „Das war eine wunderbare Zeit.“ sagte sie über diese wunderbare Zeit, die abrupt damit endete, dass „die Leute“ anfingen zu reden. Der Arzt, offenbar ebenfalls bis zum völligen Schwinden der Sinne verliebt, trug Trude die Ehe an. Ein Akt ungewöhnlicher Großmut seinerseits. Eine Shooting Star Karriere für Trude. Ein Happy End, bigger than life. Trude lehnte ab. Trude erzählte ihre Replik immer wieder im exakt selben Wortlaut:  „Jetzt mach ich deine Wäsche und dein Bett und du bezahlst mich. Und dann mach ich dasselbe nur ohne Geld? Ich bin doch nicht meschugge!“

Wenn Trude davon erzählte, tat sie das immer mit einer Mischung aus Trotz und Wehmut. Es fällt mir nicht schwer, mir vorzustellen, wie sie dachte, dass sie beide kichern würden, wie er sie dann in die Seite knufft, in den Arm nimmt und sie einfach so weitermachen wie bisher in dieser „wunderbaren Zeit“. Er stellte ihr ein Ultimatum. Entweder sie heiratet ihn oder sie geht. Trude war keine Frau für Fremdbestimmung. Trude ging. Und wusste mal wieder nicht wohin.

Zwei Weltkriege hatten inzwischen die Arbeitswelt verändert. Frauen wurden inzwischen auch außerhalb von Haushalten zum Arbeiten gebraucht – für Arbeiten, die Männer nicht machen wollten oder die nicht angemessen bezahlt wurden. Trude nahm eine Arbeit an, auf die wohl beides zutraf. „Sag mal, Trude, was sind denn das hier für weiße Stellen an deiner Hand?“ hab ich sie mal gefragt. Wie gemalt folgten da zwei kleine Spuren vom Daumental herab zum Handgelenk, wo sie sich verloren, als seien sie herabgetropft. „Ach das?“ sagte Trude „Da hab ich Kapern abgefüllt bei Appel.“ Kapern, muss man wissen, werden in einer Lake aus Essig und Salz eingelegt, die, wenn man ihr permanent ausgesetzt ist, tief in die Haut eine Wunde frisst, die nie abheilt. Trude muss in dieser Zeit biblische Schmerzen erlitten haben, in der sie gezwungen war, sich selbst täglich wieder Essig und Salz in eine offene Wunder zu träufeln. Aber Trude musste leben. Und Arbeitsschutzmaßnahmen waren so kurz nach dem Krieg nicht ganz oben auf der Agenda.

Als Trude in Rente ging, war es Frauen noch immer nicht erlaubt, ohne Zustimmung ihres Ehemannes einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Das kam erst 1977. Ein Jahr zuvor wurde das Ehescheidungsrecht reformiert. Bis dahin war Scheidung möglich. Weil aber die meisten Frauen in ihrer Ehe nach wie vor nicht erwerbstätig waren – oft auf ausdrücklichen und juristisch geschützten Wunsch ihres Ehemannes – und keinen Anspruch auf Unterhalt hatten, blieben sie oft mittellos zurück. Denn wer schuldig geschieden wurde, hatte kein Anrecht auf Versorgung und schuldig war z.B. eine Frau die ihrem Ehemann seine Ehelichen Rechte verweigerte. Sprich: Sex. Weil der Ehemann aber gleichzeitig ein Züchtigungsrecht seiner Ehefrau gegenüber hatte, konnte es passieren, dass man schuldig geschieden wurde, weil man mit dem Mann, der einen prügelte, nicht schlafen wollte. Wenn er es trotzdem tat – macht nichts. Vergewaltigung in der Ehe war bis 1997 legal. Da war Trude schon ein Jahr tot.

Inzwischen durften Frauen wählen. Sie durften auch Wohnungen anmieten. Das geschah aber weit seltener, denn noch immer arbeiteten Frauen überwiegend weit schlechter bezahlt als Männer. Gewerkschaften, die überwiegend Männer vertraten, wie z.B. die Metall- oder Bergarbeiter Gewerkschaften, handelten Tarife aus, die bei einem Vielfachen der Tarife lagen, die Gewerkschaften in Bereichen erzielten, in denen überwiegend Frauen arbeiteten. Als ich selbst in den 80ern in einer Brotfabrik arbeitete, gab es dort ein Heer von Frauen, die für 10 Mark Stundenlohn am Band unermüdlich eingeschweißte Toastbrote in Transportkästen verpackten – und eine Handvoll Männer, die für 20 Mark Stundenlohn vor allem mit ihrer Langeweile zwischen dem gelegentlichen Wechseln der Verpackungsfolien beschäftigt waren. Aber immerhin verdienten Frauen genug für eine kleine Wohnung, sie hatten Urlaub, Kranken- und Kündigungsschutz.

Für Trude änderte sich nicht viel. Nach einem Leben voller harter Arbeit bezog sie so wenig Rente, dass die bis zum Sozialhilfesatz aufgestockt werden musste. Ihr kleiner Bruder hatte es da besser. Der bezog später eine relativ stattliche Pension, denn nach seinem Dienst als Soldat wurde er weiter im Staatsdienst beschäftigt. Und zwar bei der Post. Die Gesetzeslage meinte es mit ihm weit besser als mit Trude. Die Dienstjahre in der Armee zählten voll so, als sei er immer bei der Post gewesen. Kurz vor der Pensionierung wurde er, wie üblich, schnell noch mal befördert, damit sich das Altersruhegeld noch einmal angenehm erhöht.

Trude zog in eine winzig kleine Sozial-Wohnung mit einem kleinen Wohnzimmer, einer Schlafnische, einer Küche, in der man nicht hätte umkippen können  und einem Bad ohne Wanne. Trude war glücklich. Neubau. Das hatte sie noch nie. Und direkt am Park. Und Zeit für Spaziergänge.

Auf einem dieser Spaziergänge nahm Trude mich zur Seite. Ich war gerade sitzen geblieben und nicht sehr gesprächig. „Pass mal auf“, sagte Trude, „Es ist keine Schande dumm zu sein und nichts zu werden.“ Und dann drückte sie mich und sagte „Aber klug zu sein und nichts draus zu machen. Das muss dir richtig peinlich sein.“ Ich hab nichts gesagt. Trude schon. „Du hast ja keine Ahnung, welche Möglichkeiten du heute hast.“ hat sie gesagt. Und sie hatte Recht. Ich hatte keine Ahnung.

Aber jetzt, jetzt hab ich die und ich ahne, dass wir verlieren werden, wofür die Truden vor uns das Salz in ihren offenen Wunden ertragen haben.

Wir dürfen das nicht vergessen. Und wenn wir nicht jeden Tag daran denken, wenn wir ihnen nicht jeden Tag danken, dann doch bitte wenigsten einmal im Jahr. Mit Pauken und Trompeten. Wir dürfen uns nicht nehmen lassen, was wir und unsere Vorgängerinnen errungen haben.

Nicht einmal um eine Armeslänge.

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2 Gedanken zu “Frau Fricke wundert sich am Welt-Frauen-Tag

  1. Angelika Habel schreibt:

    Ehrlich – ich hab gelacht – und ich hab „Pipi“ in den Augen. Heute durch Zufall entdeckt und verloren. Ich bin ein Fan! Gelesen, darüber nachgedacht und – hups – Daumen hoch😊

    Gefällt 1 Person

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