Frau Fricke wundert sich über ihr kluges Toastbrot

Doof ist das neue Cool. Wann ist das passiert? Wann sind Leute stolz darauf geworden, totale Vollidioten zu sein? Waren die das schon immer? Hab ich das nur nicht gemerkt? Die Antwort ist: Ihr wolltet doch alle die Demokratisierung durchs Internet. Bitte schön!

Um gleich zu Anfang Missverständnisse zu vermeiden: Hier geht es nicht um Leute, die anderer Meinung sind als ich. Entgegen aktuellen Trends, halte ich nicht jeden, der eine andere Meinung vertritt, für einen Vollidioten. Ich mag Leute mit einer anderen Meinung. Ich finde sie und ihre Meinung interessant. Ich verdanke ihnen Einsichten, die ich ohne sie nicht gehabt hätte. Das heißt nicht, dass ich mich immer ihrer Meinung anschließe. Offen gestanden ist das auffällig selten der Fall. Aber ich freue mich, ihre Meinung zu hören. Meine eigene Meinung kenne ich ja schon.

Wovon ich rede sind die Potti-Gänger.

Auf deren Beiträge stoße ich häufig erst, nachdem bereits Hunderte von Menschen den blauen Daumen hoch gehalten haben. „Leikiiiiii“ höre ich die im Chor sagen. Und so ein vielstimmiger Chor ist ganz schön laut. Ich schau mir dann an, worum es da geht. Und fast immer stelle ich fest: Da geht’s um gar nichts. Also, nicht inhaltlich. Und wieder: Ich meine nicht, dass passt nicht in mein persönliches Relevanzraster. Ich meine:

Da geht es um überhaupt absolut gar nichts.

Kein Inhalt weit und breit. Was, frage ich mich dann, leiken die denn hier alle im Akkord?

Vor meinem geistigen Auge sehe ich dann ein Kleinkind das begeistert von seinem Töpfchen aufspringt und nicht eher aufhört zu glucksen und in die Hände zu klatschen, bis sich alle anwesenden Erwachsenen versammelt haben, um gemeinschaftlich Anerkennung für den Inhalt des Töpfchens zu zollen. Und das tun sie auch. Es gibt Jubel. Es gibt Streicheleinheiten. Es gibt Süßigkeiten. Leiks allüberall!

Und es gibt bitterböse Blicke für den Ersten, der dieses Idyll stört.

Wehe dem, der in die Konfetti-Parade grätscht und sagt: „Nun beruhigt euch mal wieder. Das ist doch nur Kacke. Und jetzt macht das mal weg.“

Boah! So ja nun nicht. Der hat ja überhaupt keine Ahnung. Selber Kacke!

Was der Party Pooper und ich nicht beachten: Es geht doch gar nicht um den Inhalt!

Es geht um das „Wir“-Gefühl. Es geht darum, sich nicht allein fühlen zu müssen. Das große Loch zu füllen, das Sehnsucht, Misserfolg und Einsamkeit gerissen haben. Nicht allein dazustehen und sich vertreten zu müssen, denn damit haben die allermeisten Leute keine guten Erfahrungen gemacht. Das macht Angst. Aber Viele zu sein, ja Viele sein, das fühlt sich irgendwie gut an. Kuschelig. Da lässt man sich gern fallen. Und man muss auch irgendwie nichts können. Oder denken. Man muss nur „Ja“ sagen können und sich dazu stellen. Einfach dahin, wo schon ganz viele Andere sind. Das geht. Das kriegt auch die dümmste Nuss hin. Und schon hat man eine Bewegung. Man ist nicht mehr ein einzelner kleiner Fred, der vom Leben überfordert ist. Man ist ein Wir. Und Wir, das ist das Volk.

Und vom Volk geht alle Macht aus.

Nun ist es mit der Macht ja so eine Sache. Die heißt ja nicht umsonst so. Macht entfaltet ihren Nutzen ja tatsächlich nur, wenn man auch bereit ist, etwas zu machen. Machen aber, das stand eigentlich nicht auf dem Programm, denn Machen erfordert Tun und Tun erfordert einen Plan und ein Plan erfordert Denken. So war das nicht gedacht.

Man wollte ja nichts tun. Man wollte ja nur ein bisschen Applaus. Ein bisschen Zustimmung. Ein bisschen Kuscheln. Und das heißt eben auch: Für einander einstehen. Egal was. Geht ja nicht um Inhalte. Gauland hat Mist erzählt? Egal, der ist einer von uns. Trump sagt in jeder Rede das Gegenteil seiner vorigen. Ist doch wurscht, aber der traut sich jedenfalls was. Genau wie wir jetzt. Der ist cool! Weil der so ist, wie wir. Und wenn der cool ist, dann bin ich es auch.

Und nie, nie wird etwas verlang, das man nicht kann oder einen mies dastehen lässt. Also, genau genommen wird einem gar nichts abverlangt. Selbst die Meinungsbildung wird einem abgenommen: „Skandal, deutscher Politiker hat gesagt….“ Ah, Skandal also. Klar. Findichauch! „Frechheit, Bundesregierung hat gemacht…“ Ja genau. So geht’s nicht. Ganzmeinermeinung. Und keiner fragt nach. Alle wollen nur das Eine: klicken. Und weil so Viele besser klicken als denken können, darum haben wir dieses Dilemma.

„Leiken“, das heißt nicht „Ja, ich hab mir das ganz genau überlegt und Hintergrund-Recherche betrieben und bin so zu dem Ergebnis gekommen, dass ich der gleichen Meinung bin.“

„Leiken“ ist ein pawlowscher Reflex. Sehen, klicken, belohnt werden. Es gibt sogar ein Glöckchen und das macht „Ping“ und zeigt, dass wieder einer gesagt hat, dass er wie du ist. Ganz genauso. Schön! Und so einfach!

„Leiken“ und „teilen“ – die Steigerung von „leiken“ – kann jeder. Mann könnte vermutlich sogar einen Affen darauf trainieren an der richtigen Stelle die richtige Tastenkombination zu klicken. Leikiiiiiii! Während andere noch denken, fragen und abwägen, ist andern Orts schon Tausende Male ein kleiner blauer Daumen hoch geschnellt.

Und die, diese Daumen, die müssen jetzt nur noch abgeerntet werden, von denen, die bereit sind zu machen. Von denen, die nur darauf gewartet haben auf die Vielen, denen sie zurufen können: „Ich, ich kämpfe für dich!“ um schnell folgen zu lassen „Natürlich nur, wenn du mich leikst. Hier auf dem Wahlzettel bitte. Einmal klicken.“ Keiner wird fragen. Keiner wird wird darüber nachdenken, ob das überhaupt alles einen Sinn ergibt, ob das so sein kann, ob das so richtig ist. Nur der Moment zählt. Nur das Klicken. Nur das Kuscheln. Nur der Rausch der Millionen.

Wollt ihr einen Grenzzaun nach Mexiko? Leikiiiiiii!

Wollt ihr einen nach Österreich? Leikiiiiiiii!

Wollt Ihr den totalen Krieg?

 

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