Frau Fricke wundert sich über allgemeines Unwohlsein

Alles ist voll mies gerade. Junge Leute kriegen keinen Job, weil die Alten blockieren. Alte kriegen schon gleich gar keinen Job, weil die Jungen sie ja alle mit ihren Dumping-Preisen wegschwemmen. Man würde ja in die Rente gehen, aber es gibt ja keine mehr. Selbst VW-Vorstände sind ihrer Boni nicht mehr sicher. Und jetzt kommen auch noch die Ausländer! Alle murren. Aber keiner weiß warum. Da darf man sich doch mal wundern. 

Von Weitem betrachtet ist er schon da, der Untergang des Abendlandes. Ganz schlimm scheint alles zu sein. Glaubt man Facebook hat praktisch jeder Kommentator sein allerletztes Geld in einem Computer investiert, um nicht allein und einsam untergehen zu müssen, sondern die Facebook-Öffentlichkeit an dieser Schande teilhaben zu lassen. Jeden Tag finden gewissermaßen digitale Selbstverbrennungen statt. Das ist wirklich beunruhigend. Da interessiert man sich doch für Details. Ganz ehrlich.

Also habe ich mal nachgefragt in den Foren und zu meiner allgrößten Erleichterung ging es allen bei näherer Nachfrage eigentlich ganz prima. Es mangelte weniger an Sicherheit als an Zufriedenheit – und das obwohl objektiv eigentlich keinen Grund zur Beschwerde vorlag. Da war zum Beispiel dieser 38jährige Frührentner, der fand, es könne nicht angehen, dass man es „den Kaffern vorn und hinten reinsteckt und die eigenen Leute unter dem Existenzminimum leben müssen.“ Da kann man nicht wirklich widersprechen. Also frage ich höflich an, ob er denn eine Idee habe, wie man die Situation erträglicher machen könne. Die hat er. Wenn man auf die KFZ- und alle Steuern auf Immobilien verzichten würde, wäre schon viel gewonnen. Ich stutze und gebe zu denken, dass ein Existenzminimum im allgemeinen Wohn- und KFZ-Eigentum ausschlösse. Das sieht er anders und dafür ist er der beste Beweis, denn natürlich spricht er nicht ohne Sachkenntnis. Er ist genau der Fall, den er beschreibt.

„Vorher hab ich gut verdient“ schreibt er und meint damit die Zeit als er IT-Administrator in einem Krankenhaus war. Und diesem Umstand ist es dann wohl zu verdanken, dass auch heute noch seine Rente „bei 1.200€ liegt.“ Ich googele kurz und teile ihm mit, dass er damit ganz erheblich über dem Existenzminimum liegt. Das denke ich aber nur, weil ich total ignorant bin. Er muss nämlich ein Auto unterhalten und das ist nicht billig. Das braucht er aber für Arztfahrten, denn sein zweites Problem liegt darin, dass er ein Haus geerbt hat. „Hallo“ denke ich, „das ist ja nicht übel. Mein größter Festposten ist meine Miete. Hätte ich die nicht zu zahlen, würde mich das enorm entlasten.“ Aber da denke ich natürlich nicht daran, dass ein Mieter ja einfach nur beim Vermieter anrufen muss, wenn mal was kaputt ist, so ein Eigentümer muss für alles selbst aufkommen. Ich gebe zu denken, dass unter diesen Umständen ein Verkauf des Hauses ihn vielleicht sowohl finanziell als auch organisatorisch enorm entlasten würde. Aber auch das denke ich natürlich nur, weil ich total bescheuert bin. Das habe ich übrigens mit praktisch sämtlichen Ämtern gemein.

„Ich hab total viel Geld für einen Steuerberater ausgegeben, der mich wenigstens vor der Erbschaftssteuer bewahrt hat.“ Erbschaftssteuer, auch das ist leicht zu googeln, muss man in Deutschland erst ab 400.000€ zahlen. Der Mann am Existenzminimum ist also gut und gern eine halbe Million schwer. Darauf weise ich ihn natürlich hin. Man will ja gern behilflich sein. Natürlich hab ich aber auch hier wieder überhaupt keine Ahnung. Kann eigentlich gar nicht sein, dass das Haus so viel wert sein soll, sagt er. Ob er es mal hätte schätzen lassen, frage ich? Natürlich nicht! Wozu denn auch? Er hat ja nicht vor, es zu verkaufen, weil, wo soll er denn dann wohnen? Immerhin wären die Mieten ja horrend und seine Situation ist schon dramatisch genug. Er habe deswegen schon alle möglichen Beihilfen beantragt, sei aber jedes Mal abgeschmettert worden. Gipfel der Auseinandersetzungen: Sein Haus sei angeblich zu groß und das Amt habe ihm den Vorschlag gemacht, doch die Einliegerwohnung zu vermieten. Oh, Einliegerwohnung. Den Vorschlag finde ich gar nicht so übel angesichts der zuvor erwähnten horrenden Mieten. Aber in den letzten Minuten ist der Mietspiegel in genau seiner Gegend offenbar dramatisch gesunken, denn „hier kriegt man ja praktisch keine Miete“. Damit ist natürlich auch dieser Vorschlag obsolet.

2.000€ wären schon sein Existenzminimum, erklärt er auf Anfrage. Also auf die Hand jetzt. Ah, ach so. Ja, das deckt sich natürlich nicht ganz mit dem, was die offizielle Statistik darunter versteht. Ich frage, wie er einer Krankenschwester ohne Ersparnisse klar machen will, dass sie für einen Vollzeitjob im Schichtsystem nicht mehr Geld bekommt, als ein vermögender Frührentner und warum sie in einem 40qm-Wohnklo wohnen soll, um ihm die ländliche Idylle zu ermöglichen. Da bricht der Kontakt ab. Dafür hat er offenbar keine Idee.

Wann immer ich mich in den letzten Wochen mit Menschen mit allgemeinem Unwohlsein auseinander gesetzt habe, sind mir zwei Dinge aufgefallen:

  1. Ein eklatanter Mangel an zutreffenden Informationen
  2. Die völlige Weigerung, einen Beitrag zur Verbesserung der eigenen Situation zu leisten.

Ist nich nur bei frühberenteten Erben so.

Immer wieder lese ich ganze Blogs jüngerer Mitbürger darüber, wie schwer sie es haben und wie verdammt gemein das ist, wenn man sich mal anschaut, mit welcher Leichtigkeit die Vorgänger-Generationen ihre Träume verwirklichen konnte. Welche soll das gewesen sein?

„Mit 30 hatte früher jeder Arbeiter ein Haus.“ wusste zum Beispiel neulich ein Redakteur im selben Alter zu berichten, von dem ich nur ahnen kann, dass er aus einer sozialen Schicht kommt, in der man sich für die Lebensumstände von Arbeitern noch nie wirklich interessiert hat. Aber ich will nicht unfair sein. Natürlich gab es Arbeiter mit Wohneigentum. Das stand auf einem niedersächsischen Acker weit vor der Stadt oder in einer Siedlung neben der Zeche, hatte 100qm und war weitgehend selbst ausgebaut. Hunderte von Arbeitsstunden steckten darin und jeder Pfennig, der über das Existenzminimum hinaus ging. Ich kenne Familien, die am Monatsanfang einen kompletten Essenplan zusammenstellten – allein unter dem Aspekt, wie man aus einem Groschen ein Essen für ne Mark machen konnte. Da gabs keinen Urlaub in Goa, keinen Cafe Latte im Pappbecher und keine Festival-Besuche. Da gabs nur dieses Haus und ein Tulpenbeet. Sonst nichts. Muss man aber natürlich wissen, bevor man sich vorstellt, dass jede Kassiererin früher in einer Villa mit Elbblick in zentraler Lage ziehen konnte, bevor sie sich das Sommer-Outfit für den Neckermann-Urlaub im Quelle-Katalog aussuchte. So also war’s nicht.

Aber ja, es war einfacher, Träume zu verwirklichen. Denn für die Kriegsgeneration war dieser Traum einfach nur ein voller Bauch und ein Dach über dem Kopf, das einem nicht weggebombt wurde. Die Nachkriegsgeneration hatte ihre Träume erfüllt, wenn es für ein kleines Auto reichte, mit dem man in den Urlaub nach Italien gondeln konnte und deren Kinder, die geburtenstarken Jahrgänge, die haben vor allem davon geträumt, dass es für sie reicht. Dass es auch für sie einen Job gibt und dass sie trotz Nato-Doppelbeschluss, der Spätfolgen von Tschernobyl und moderner Landwirtschaft irgendwie das Alter erreichen, von dem sie jetzt hoffen, dass sie es nicht in bitterer Armut verbringen müssen.

Und so frage ich mich, ob das, was all die Besorgten so besorgt macht, vielleicht die Sorge ist, dass zwischen all den Möglichkeiten und der Sicherheit einfach kein Platz mehr ist für Wünsche. Denn sein wir ehrlich:

Deutschland lässt einfach nicht viel zu wünschen übrig.

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