Frau Fricke wundert sich, wo ihr Pony bleibt

Ich will ja ein Pony. Oder ein Nilpferd in der Badewanne. Beides bleibt mir versagt und das interessiert keine Sau. Warum funktioniert das nicht auch beim Donald?

Im Moment regen sich ja alle jeden Tag ziemlich doll auf – und zwar über The Donald. The Donald will ja permanent irgendwas. Und meist ist das, was er will, nicht das, was die meisten anderen wollen. Scheint jedenfalls so.

Und so erhebt sich täglich ein Jammern und Wehklagen, dass jetzt alle gezwungen sind, ein Leben zu leben, das sie so nicht leben wollen.

Weil The Donald es will, müssen wir, so scheint es, ab sofort alle Mexikaner hassen und alle Muslime meiden. Wir müssen Autos mit laufendem Motor stehen lassen, um zu zeigen, dass uns die Umwelt egal ist und wir müssen Frauen auf dem Weg zum Frauenarzt prophylaktisch anspucken, weil man ja nie weiß, ob die nicht gerade eine Abtreibung planen. Abtreibungen müssen wir nämlich jetzt verabscheuen.

Weil The Donald es will, müssen wir so sein, wie wir nicht sein wollen. Weil The Donald das so macht, müssen jetzt offenbar alle Schaltstellen der Macht ausschließlich mit Männern besetzt sein, unsere schwulen und lesbischen Freunde müssen jetzt so tun als hätten sie miteinander Valentinsdates und weil The Donald gerne unsere kleine Katzen anfassen will, müssen wir das wohl auch wollen. Ebenso wie die Katzen. Und da kommt The Donald an seine Grenzen.

So einer Katze ist es nämlich immer ziemlich egal, wer was von ihr will.

So eine Katze hat ja primär einen eigenen Willen und wenn der gerade nicht nach grabben ist, dann wird da auch nicht gegrabbt. So eine Katze, die geht im besten Fall einfach weg und im schlimmsten sitzt man, nachdem die Katze ihren Standpunkt nachhaltig vertreten hat, in der Notfallamulanz der Augenheilkunde. Was aber wichtig ist, sich zu merken: Die Katze selbst ist zu jedem Zeitpunkt maximalst unbeeindruckt.

So eine Katze weiß nämlich etwas, das wir offenbar noch lernen müssen: Der Unbewegte Beweger, der Erschaffer der Welt mit allem, was darin ist, das ist nicht The Donald. Das ist man immer selbst.

Übrigens: Wer keine Katze zur Hand hat, könnte es auch mit einem Teenager versuchen. Die sind die nächsten Entwicklungsstufe der Katzen. Ungelogen. Ist wissenschaftlich erwiesen. Da wo Katzen einem nur gleichgültig den Arsch zudrehen, murmeln Teenager noch „Mir doch egal.“ Der Effekt ist aber derselbe.

Ich will, dass du jetzt dein Zimmer aufräumst. „Mir doch egal.“

Ich will, dass du jetzt Hausaufgaben machst. „Mir doch egal.“

Und genauso, aber ganz genauso funktioniert das auch mit den Donalds, Petrys, LePens, Brexiters und all den anderen Leute, die uns so unglaublich laut wissen lassen, was sie alles gerne hätten.

Ich will, dass du nicht bei Juden kaufst. „Mir doch egal.“

Ich will hier keine Muslime mehr. „Mir doch egal.“

Ich will, dass keiner mehr sagen darf, dass er homo ist. „Mir doch egal.“

Ich will keine Frauen in Führungspositionen. „Mir doch egal.“

Wir leben ja in einem freien Land. Da kann jeder sagen, was er will. Egal, wie idiotisch das ist. Egal, wie egozentrisch, kurzsichtig und dumm. Und jeder andere, der hat die Freiheit, das zu ignorieren. Da muss man sich gar nicht aufregen. Man muss einfach nur den Arsch zudrehen und denken:

Ja, hab ich zur Kenntnis genommen. Mir doch egal. Ich will ein Pony.

 

Frau Fricke wundert sich über ihre Wünsche

Jedes Jahr habe ich zwölf Wünsche frei. Jedes Jahr mache ich mir eine Liste, damit ich keinen vergesse und jedes Jahr warte ich darauf, dass sie in Erfüllung gehen. Ein schwerer Fehler, wie ich erst jetzt verstehe. 

Ich bin ja nicht so direkt abergläubisch. Allein schon, weil das Unglück bringt. Ich bin, sagen wir mal, eher ein Mensch, der sich gegen Risiken abzusichern weiß, wenn sich die Gelegenheit bietet. In Spanien bietet sich diese Gelegenheit jedes Jahr zu Silvester. Und wie es so ist mit Gelegenheiten, man muss sie nicht nur zu nutzen wissen, das Glück lacht vor allem dem, der darauf vorbereitet ist. Mir zum Beispiel.

Ich überlasse nämlich nichts dem Zufall. Und weil das so ist, hoffe ich, dass das Glück diese Mühen zu würdigen weiß und sich zum Dank kuschelig bei mir einnistet. Nenn mich einen Kontroll-Freak, aber hier geht es schließlich um nichts Geringeres als das Glück eines ganzen Jahres! Zwölf volle Monate! Glück!

Der erste Schritt meiner Vorbereitungen begann früher bereits so um Ende November, wenn ich in Gesprächen mit meinen Freunden dezent fallen ließ, dass ich ja noch ganz dringend eine rote Unterhose zu Weihnachten benötige. Die Sache ist nämlich die: das Glück kommt nur zu dem, der zu Silvester rote Unterwäsche trägt. Muss man wissen. Und auch den Anforderungskatalog, den es dafür gibt. Zunächst einmal muss sie ein Weihnachtsgeschenk sein und natürlich nagelneu. Selbst kaufen geht nicht. Die vom letzten Jahr tragen, bringt einen auch nicht weiter. Und wie meine eigenen empirischen Studien in dieser Sache deutlich belegen, ist auch die Marke, entgegen anderslautenden Vermutungen , durchaus von Belang.  Ich könnte hier bestürzende Dinge erzählen über das Jahr, das in Unterwäsche von „Agent Provokateur“ begann. Ich sage nur so viel: Da lohnt sich für mich keine Kundenkarte. „Triumph“ hingegen, hat seinem Namen alle Ehre gemacht und ist deswegen zusammen mit „Change“ auf die Liste der dem Glück zugeneigten Marken ebenso gut aufgehoben, wie „Chantelle“ – wenn sich mir auch hier der Sinn nicht recht erschließen mag. Und weil das alles nicht so einfach ist, haben eine fachkundige Freundin und ich inzwischen einen Unterhosen-Pakt geschlossen. Sie schenkt mir verlässlich jedes Jahr einen Schlüppi zu Weihnachten, der allen Anforderungen entspricht und ich beliefere sie ebenso mit einem Stück vom Glück fürs nächste Jahr. Wenn das erledigt ist, kommt der schwierige Teil:

Man muss sich was wünschen. Und damit kann man gar nicht vorsichtig genug sein!

Genau um Mitternacht versammelt sich in Spanien nämlich die Nation um eine Glocke. Wer nicht irgendwo wohnt, wo es eine geeignete Rathausuhr gibt, bekommt ins Restaurant, in die Kneipe oder das heimische Wohnzimmer die Glocke der Puerta del Sol in Madrid gespielt. Erst bimmelt es unmotiviert, damit man weiß, dass es gleich los geht und dann ist es soweit: 12 Glockenschläge schlägt die Uhr. Und bei jedem muss man sich was wünschen und eine Weintraube essen.

Auch das bedarf natürlich der Vorbereitung. Da wären erst einmal die Weintrauben. Die gibt es bereits geschält, entkernt und abgezählt in Sirup eingelegt zu kaufen. Das ist gut, denn das ist praktisch und das flutscht gut. Man muss sich ja beeilen mit dem Wünschen. Das also wäre die leichte Übung. Der weit schwierigere Part sind die Wünsch selbst. Die meisten Touristen werden ja gänzlich vom Wünschen überrascht und machen so immerhin als erste Erfahrung des Jahres, dass ihr Leben gar nicht so viel zu wünschen übrig lässt. Ist ja auch schön. Den meisten gehen so etwa um den Wunsch 5 oder 6 die spontanen Wünsche aus. Und genau darum mache ich natürlich einen Wunschzettel. Dafür nehme ich mir wirklich richtig viel Zeit. Und weil das Glück ganz schön kritisch sein kann, investiere ich auch in eine möglichst unmissverständliche Formulierung. Gott sei Dank bin ich ja vom Fach was Briefings angeht.

Erstaunlicher Weise verlege ich den Wunschzettel nach Silvester immer. 

Aber irgendwann taucht er plötzlich auf und wenn er zufällig gleichzeitig mit einem anderen Wunschzettel auftaucht, ergibt sich, dass ich eigentlich jedes Jahr mehr oder weniger das gleiche wünsche. Und jedes Mal muss ich darüber lachen und dann schmeiße ich den Zettel weg und setzte mich vor dem nächsten Silvester wieder hin und gebe mir Mühe, als würde ich das zum ersten Mal machen. Nur in diesem Jahr war das anders. Ich finde also gestern diesen Wunschzettel. Einen Zettel, dazu gemacht, mir wunderbare Dinge zu verschaffen, in den Schoß zu werfen so zu sagen. Bestellungen ans Universum, würden die esoterischsten unter uns sagen. Und als ich den so lese, trifft mich die Erkenntnis wie ein Blitz:

Wunschzettel sind To-Do-Listen!

Die Drei-großen-Gs, Gewichtsverlust, Geld, Gesundheit: Alles Dinge, die das Glück zuverlässig bringt, wenn man vorher etwas dafür tut. Anders essen, anders arbeiten, anders bewegen zum Beispiel. Egal was, aber anders. Und alles muss man selber tun. Da kommt kein Glück und gießt ein Füllhorn über einem aus. Verdammt!

Auf meinem Wunschzettel stand auch noch: Buch fertig kriegen. Auch das, sagt das Glück, wird zuverlässig erledigt, wenn ich mich nur mal hinsetzen und schreiben würde. Ach so. Ach ja. Hmmm. Hatte ich mir jetzt anders… Ergibt aber tatsächlich einen Sinn.

Selbst die ganz großen Räder „Weltfrieden“ und „Geborgenheit“ muss ich selber drehen. Bei genauer Betrachtung bin ich für alles auf meinem Wunschzettel selbst zuständig. Und irgendwie ist das ja auch eine erfreuliche Nachricht, dass man Einfluss nehmen kann, dass man nicht warten muss, bis es Tag wird, sondern einfach die Sonne selbst über den Horizont schieben kann.

Und das Glück? Das Glück steht dabei und isst meine Weintrauben.

Frau Fricke wundert sich, was es zu wundern gibt

Heute mag sich kaum noch jemand daran erinnern, aber es gab eine Zeit, in der die Aktienkurse NICHT Teil der Nachrichten waren. Eine Zeit, in der nicht nach jedem Weltereignis gefragt wurde, wie wohl „die Märkte“ darauf reagieren.

Das war die Zeit, als es noch eine Konkurrenz der Systeme gab.

Zu dieser Zeit war die Welt in zwei Hälften zerfallen. Im Osten lief das Sozialismus-Experiment und wie das enden würde, wußte damals noch keiner. Aber eins war klar: Wenn der Sozialismus siegen würde, dann wäre das das Ende für die Privatwirtschaft. Wirtschaftspolitik hieß damals also, Politik so zu gestalten, dass Sozialismus nicht besser aussieht, als das, was man selbst hat. Und so beeilte man sich, was immer auf der Ostseite der Mauer als Errungenschaft hoch gehalten wurde, auch im Westen einzuführen. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaub, Rente, Kindergarten. In Konkurrenz zu einem System, das sich zumindest auf die Fahnen geschrieben hatte, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, konnte man es sich nicht leisten, das nicht auch zu tun.

Und so gab es eine Zeit, als in den Nachrichten noch Menschen auf der Straße befragt wurden. Als es Politker-Interviews gab und die Leute sich wirklich dafür interessierten, was die zu sagen hatten. Und zwar aus einem einfachen Grund: Die sagten auch tatsächlich was. Das war vielleicht nicht immer korrekt. Aber es war verständlich. Als Franz-Joseph Strauß sagte, „Ich weiß, daß ich ein führendes Mitglied des Vereins für deutliche Aussprache bin.“ hat er das genauso gemeint. Und er ist verstanden worden. Und die Menschen da draußen, die heute ja nur noch als „Wähler“ bezeichnet werden, die hatten den Eindruck, dass er sie meint. Und dass ihre Meinung zählt.

Selbst die, die mit Details der Politik nicht einverstanden waren, hatten keinen Zweifel daran, dass die führenden Politiker in letzter Konsequenz davon ausgingen, dass es die Menschen waren, die diese Republik ausmachen und dass sie sie im Blick hatten. Helmuth Schmidt nannte einmal als verbindendes Element aller, dass alle führenden Politiker damals den Krieg erlebt hätten und sich einig darin waren, „So eine Scheiße darf nie wieder passieren.“

Und jeder verstand das damals so, dass er damit die Scheiße meinte, die den Menschen passiert war. Den Menschen! Von Märkten war damals noch nicht die Rede. Man redete noch über Menschen.

Der Mensch war die Maxime. Das war damals.

Damals, als der gesamte Vorstand der Deutschen Bank ein Dreißigstel dessen verdiente, was heute ein einziges Vorstandsmitglied verdient. Damals, als sich ein designierter SPD-Bundeskanzler noch in ein Reihenhaus in Langenhorn zurückzog und nicht in den Aufsichtsrat einer Gaspipeline, die er selbst während seiner Amtszeit vorangetrieben hatte.

Was war zwischendurch passiert?

Die Konkurrenz war in die Knie gegangen. Die sozialistische Hälfte der Erde hörte einfach auf, zu existieren. Und es passierte, was immer passiert, wenn ein Monopol entsteht: Der Monopolist bestimmt die Richtung. Und die ist immer da, wo er ist.

Plötzlich stand überall nur noch eins im Vordergrund: Geld.

Und weil „Geld“ so schmutzig klang, nannte man es einfach „Markt“.

Das war die Zeit, als die Börsenkurse Einzug in die Nachrichtensendungen fanden.

Die Zeit, in der nach jedem Ereignis gefragt wurde, wie die Märkte wohl reagieren würden. Die Zeit, von der an Politiker es als ihre vorrangige Aufgabe sahen, auf die Märkte zu achten und auf ihre Reaktionen, weil eine einzige falsche Bewegung sich wie im Butterfly-Effekt in den Märkten widergespiegelt, zu einer unglaublichen Katastrophe ausweiten konnte. Selbst Politiker, die sich für Menschen einsetzten, schielten jetzt auf „die Märkte“. Denn wollte man die Menschen schützen, musste man die Märkte im Auge behalten. Im Auge – nicht unter Kontrolle. Denn Kontrolle, das hatten die Märkte gleich klar gemacht, Kontrolle haben sie nicht gern. Und wenn sie was nicht gern haben, dann sind sie verärgert und wenn sie verärgert sind, kann das zu nichts Gutem führen.

Und so wurde aus der Politik für die Menschen eine Politik für die Märkte.

Für die Menschen zu sein wurde künftig übersetzt mit „für die Märkte“ zu sein.

Und diese Übersetzung hat nicht jeder verstanden. Und das lag auch daran, dass man so damit beschäftigt war, auf die Märkte zu schauen, dass irgendwie keine Zeit mehr war, auch noch die Menschen mitzunehmen.

Die Bankenrettung war so ein Beispiel. Kaum jemand hat verstanden, dass „die Banken“ wir alle sind. All unsere kleinen Sparkonten, Omas Lebensersparnisse, all das, das ist die Bank.

In einem Land mit hoher Sparquote heißt die Banken hops gehen zu lassen, alle Sparer hops gehen zu lassen. Und das sind in Deutschland die meisten. Das war eine vollkommen andere Situation als in Island – das ja gern als heroischer Bankenrettungsverweigerer gefeiert wird – wo die Mehrheit der Isländer verschuldet war und die Mehrheit der Einlagen aus dem Ausland kam. Namentlich aus England übrigens, wo isländische Banken massive Werbung für ihre hohen Zinsen gemacht hatten. In letzter Konsequenz haben also die Isländer die Spargroschen von Engländern verfrühstückt. Kein Wunder, dass das in Island nicht auf Widerstand gestoßen ist.

Das alles ist nicht schwer zu verstehen. Man hätte es nur einfach mal erklären müssen.

Wurde aber nicht für nötig erachtet, denn man musste ja mit „den Märkten“ reden. Mit denen übrigens, die diese Krise, die noch immer eine Krise der Menschen werden kann, verursacht haben und zwar, weil ein einziges international operierendes Unternehmen einfach schneller und wendiger ist als eine Politik, die mit uferlosen Debatten und Abstimmungen leben muss. Goldmann Sachs hat eine Lücke schneller genutzt, als sie die Politik schließen kann. So einfach ist das. Und so gefährlich.

Und so ist es kein Wunder, dass alles auf die Märkte schaut und keiner auf die Menschen. Und es ist auch kein Wunder, dass man sich um die Märkte kümmert, wenn man die Menschen meint.

Das hätte man den Menschen aber mal sagen sollen. Dann hätte man vielleicht vermieden, was jetzt passiert:

Es ist nämlich auch kein Wunder, dass sich Menschen abwenden von einem System, das sich von ihnen abgewendet zu haben scheint.

Und genau das ist es, denke ich, was nun in Amerika passiert ist.

Als Donald Trump seine Präsidentschaft bekannt gab (ich glaube, niemand hat sich darüber mehr erschrocken als er selbst) sprach er präzise zu den „Forgotten men and women“ und versprach ihnen, dass „They will be forgotten no more“.

Wir wissen alle, dass nicht nur Trumps Hautfarbe die eines Goldfischs ist. Auch seine Aufmerksamkeitsspanne steht im Ruf, die von Dorie nur knapp zu überschreiten. Er wird die Menschen, die er damit angesprochen hatte schon in der Sekunde vergessen haben, als er den Satz beendete. Aber – und das muss man ihm leider lassen – er hat sie angesprochen. Er hat ihnen das Gefühl gegenben gehört und verstanden worden zu sein. Oder irgendjemand in seinem Strategischen Team hat das.

Was also heißt das nun für uns?

Für uns heißt das: Wir sind am Arsch. Denn in den nächsten 9 Monaten wird keine der Parteien glaubhaft machen können, dass ihnen plötzlich doch noch eingefallen ist, dass sie ja eigentlich Politik für die Menschen machen sollten.

Was sie noch tun können, ist sich die Mühe zu machen, zu erklären, dass sie damit nie aufgehört haben. Sie könnten sich erklären und zwar so, dass sie auch von Otto W. Paschulke verstanden werden. Denn es ist seine Stimme, die sie wollen. Was sie tun können, ist zuzugeben, dass sie sich verfahren haben in den letzten Jahren. Dass sie so damit beschäftigt waren, sich auf eine schnell verändernde Welt und ihre Anforderungen einzustellen, dass sie gelegentlich falsch abgebogen sind. Das ist menschlich. Das kennen wir alle. Wer den amerikanischen Wahlkampf verfolgt hat, wird wissen, wie viel Menschen zu verzeihen bereit sind, wenn nur einer kommt und sagt, dass er sie sieht, dass er sie versteht und dass er sich für sie interessiert.

Politiker könnten endlich mal wieder reden wie normale Menschen. Das wäre mal ein Anfang. Sie könnten eine Meinung haben und sie so vertreten, dass sie auch jedermann versteht. „Ausländer raus“ ist einfach einfacher zu verstehen als „Eine geregelte Zuwanderung von qualifizierten Arbeitnehmern aus Drittländern ist hinsichtlich des demographischen Wandels unerlässlich.“ Die Angst, sie würde keiner mehr wählen, wenn sie sich nicht „konsensfähig“ ausdrücken, dürfte inzwischen doch eindeutig der Erkenntnis gewichen sein, dass man nicht gewählt wird, wenn man nicht deutlich macht, was man denn nun genau denkt und tut.

Klartext ist das einzige, was uns jetzt noch hilft. Das ist es, was ich denke.

Und damit wäre ich dann auch bei uns selbst. Wir müssen auch aufhören, Kreide zu fressen. Wir müssen aufhören, uns um Verständnis für die „besorgten Bürger“ in unserer Mitte zu bemühen. Wir müssen das Kreuz durchdrücken und ihnen sagen, was wir wirklich sehen: Dass eine Meinung Wissen voraussetzt und dass ihnen durchaus zuzumuten ist, sich eben das anzueignen. Dass sie NICHT das Volk sind, sondern dass sie Schande über uns bringen und über das Land, an dem ihnen ja angeblich so unglaublich viel liegt. Dass es nichts Unpatriotischeres gibt, als die Werte mit Füßen zu treten, für die die Menschen vor uns gekämpft haben und gestorben sind. Dass sie uns ins Gesicht spucken, die ihre Rente und ihre Stütze erarbeiten und dass wir nicht bereit sind, das ohne Widerspruch hinzunehmen.

Dass nicht jede Langeweile und jede Befindlichkeitsstörung mit einem Anspruch gleichzusetzen ist. 

Wir müssen auch den Arsch in der Hose haben, uns unbequemen Wahrheiten zu stellen. Dass die Justiz die rechtlichen Möglichkeiten, die sie hat, nicht nutzt. Dass Libertinesse niemanden schützt und die beleidigt, die sich jeden Tag für unseren Schutz einsetzen, die den Arsch für uns hinhalten und sich dann auslachen lassen müssen.

Dass der Schutz der Menschen gelitten hat. Und dass das auch der Schutz der Menschen ist, die hier Zuflucht suchen. Dass man über Jahre ausgerechnet an dem gespart hat, was für uns am wichtigsten sein sollte. Denn wenn wir eins von der Flüchtlingskrise lernen können, dann, dass es nichts Wichtigeres gibt als Sicherheit. Soziale. Innere. Und emotionale.

Frau Fricke wundert sich über unzusammenhängende Zusammenhänge

Ich bin auf Besuch. Mein Gastgeber sieht ziemlich mitgenommen aus. Ich würde sagen, dass der mal Urlaub braucht. Er findet, er ist alt. Steinalt. Und er hat auch einen Nachweis. 

„Ich hab einen Tinitus“ sagt er „daran sehe ich doch, dass ich alt werde.“ Ich weiß genau, wie er sich fühlt. Ich hatte auch schon mal einen Tinitus. Und ich hab den auch als Nachweis für meine fortschreitende Vergreisung verstanden. Damals war ich 33.

Ich gebe zu bedenken, dass so ein Tinitus im Allgemeinen mehr mit Überlastung erklärt wird, als mit fortschreitendem Alter. Dass das ja auch zu seinem lätscherten Äußeren passen würde, sage ich ihm aber nicht, denn ich ahne, dass er über mein Argument glatt hinweghört und sofort seine Liste der Anzeichen fortschreitenden Verfalls verlängert. Irgendwer hat ihn auf diese Alters-Schiene gesetzt und darauf fährt er sich nun selbst hurtig davon.

Ich kenn das.

Ich hab das auch. Nur eben mit anderen Dingen. Ich zum Beispiel bin sicher, dass ich dem Untergang geweiht bin. Irgendwann hat irgendwer mir eingeredet, ich würde niemals irgendetwas leisten können, das irgendeinen Wert hat. Heute, Jahrzehnte voller Aufträge, Kreativpreise und staunender Menschen später, sollte ich eigentlich gelernt haben, dass dem nicht so ist. Aber in virtuosen Verbiegungen Kognitiver Dissonanz versuche ich mich immer wieder davon zu überzeugen, dass das Dicke Ende mich einfach nur noch nicht gefunden hat. Jede noch so dämliche Absage an meine Produktivität wird von mir sofort als Nachweis gewertet, dass der Untergang nun eingeläutet und das Elend ab sofort unvermeidbar ist. Und ja, das ist bescheuert. Umso mehr als ich jedem anderen sagen würde, dass jeder irgendwas Tolles kann, das andere haben wollen. Jeder! Es ist mein Job das Tolle in Dingen zu finden und andere dazu zu bringen, es haben zu wollen. Und darin bin ich wirklich gut. Nur für mich eben nicht. Blöd!

Aber irgendwas Bescheuertes hat jeder. Existenzängste sind unglaublich weit verbreitet. Und das ist der einzige Grund, warum ich so freimütig darüber schreibe.

Tut man ja sonst nicht.

Man ist ja damit beschäftigt, Zusammenhänge herzustellen, die nicht da sind.

Erfreulicher Weise klappt das manchmal auch umgekehrt. Neulich bin ich mit einem Freund im Auto bei Rot über eine riesige stark befahrene Kreuzung gefahren. Wir hatten irgendwie beide nicht aufgepasst und plötzlich fluten von beiden Seiten unglaubliche Massen von Autos auf uns zu. Ich war wie versteinert und der Freund so erschrocken, dass er aus Versehen das richtige tat, seinen Fuß auf das Gaspedal stampfte und uns in einer Affengeschwindigkeit auf die andere Straßenseite brachte, bevor uns die Blechlawine erwischen konnte. Das war reines Glück und auf der anderen Seite dreht er sich zu mir um und sagt:

„Sag mir nie wieder, dass dir was Schlimmes passieren könnte. Das ist offenkundig völlig gegen Gottes Plan.“

Einen ganzen Tag lang habe ich das für ein verblüffend überzeugendes Argument gehalten.

Hält aber nicht lange und vor allem nicht bei jedem.

Und so sterben Menschen, bevor sie nach Mallorca reisen konnten – nicht, weil sie dazu zu krank gewesen wären, sondern, weil sie sich zur Bedingung gemacht hatten, vorher 20 Kilo abzunehmen. Was soll das?

Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Mallorca-Reisen und Body-Mass-Index.

Es gibt auch keinen zwischen Tinitus und Vergreisung.

Dafür gibt es aber einen ganz offensichtlichen Zusammenhang zwischen Gottes Plan und Sozialer Sicherheit.

Ganz bestimmt!

 

 

 

Frau Fricke wundert sich, ob gar nichts manchmal zu viel ist

Ich schaff nix. Und das macht mich wahnsinnig unzufrieden. Warum schaffen alle Leute so irre viel und nur ich bin ein Hänger? Die Antwort ist: Ich schaue auf die falsche Liste.

Achtung, mal hinschauen: Zwischen diesem Blog und dem letzten liegen 3 Monate! Drei! Hier sollten also eigentlich drei Blogeinträge stehen. Statt dessen: Gähnende Leere. Sowas alarmiert mich und ich frage mich sofort: Was mache ich eigentlich den ganzen Tag so? Und mir fällt überhaupt keine Antwort darauf ein. Meinem Empfinden nach mach ich nix. Ich lass mich hängen und das ist unentschuldbar.

Was zum Teufel hab ich eigentlich gemacht zwischen dem letzten Post und diesem hier? Da muss ich nachschauen.

Ah, na klar, die mündlichen Prüfungen im Juni. Aber das mit der Uni ist ja streng genommen nix. Also keine Arbeit. Denke ich jedenfalls. Und ich denke das, weil es mir Spaß macht und weil ich diesen Job als Hobby definiert habe. Tatsächlich habe ich 8 Stunden Vorlesung pro Woche. In Deutschland ist das das Pensum eines Vollzeit-Professors. Und ich habe über 60 Studenten, denen ich eine mündliche und eine schriftliche Prüfung abnehmen muss – nach englischem Prüfungsrecht. Das heißt: ich muss auch für jeden einen genauen Bewertungsbogen ausfüllen. Und damit habe ich den gesamten Juli verbracht. Und überhaupt zählt das ja doppelt nicht, denn ich hab ja in der Uni gekündigt, weil ich mich ja wieder um meinen richtigen Job kümmern will. Irgendwann ist ja mal Schluss mit lustig.

Aber erstmal hab ich ja diese Spezialisierung gemacht. Und das war so:

Egal, wo ich hinkomme, egal, mit wem ich über Digitalisierung rede, jeder legt das Köpfchen schief, lächelt sanft und denkt: „Och guck mal, wie niedlich!“ Dass die putzige dicke Frau ihnen gerade etwas erzählt, was sie nicht mal so richtig verstehen, ist Wurscht. Jeder weiß: Digitale Themen erfordern ein Y-Chromosom und ein Geburtsdatum, dass frühestens Mitte der 80er Jahre liegt. Ich hab keins von beidem, aber ich hab einen Computer und mit dem kann ich mich – höchst digital – zu einem zertifizierten Online-Aufbaustudium in einer der Top-Tech-Unis der USA anmelden. Und das tu ich auch.

Das Studium ist auf 6 Monate ausgelegt. Das dauert mir zu lange. Ich will ja in den Urlaub und das in zwei Monaten. Die müssen reichen.

Diese Spezialisierung stellt sich als höchst vergnüglich heraus. Und darum macht es mir nichts aus, jeden Tag 8 bis 10 Stunden zu lernen, zu lesen, zu diskutieren und eine Klausur zu schreiben. Nicht, dass ich da inhaltlich viel lernen würde. Das war mir aber klar. Ich will vor allem das Zertifikat. Und weil „digital“ eben auch „global“ bedeutet, lerne ich dann doch was und zwar von Mit-Studenten aus der ganzen Welt: Die Vorstellung, was eine hervorragende Arbeit ausmacht, oder wie man einander korrigiert, differiert ausgesprochen stark zwischen Peking, Poona und Paris. Ich find das super-interessant! Außerdem muss ich permanent mit dem Help-Desk chatten, weil ich schneller bin, als es das System erlaubt. Das hängt sich gelegentlich auf. Drastischer Response.

Ich werde 5 Tage vor meiner Abreise mit dem Studium fertig. Geht doch! Jetzt fehlt mir nur noch mein Abschluss-Projekt. Aber das kann ich erst Ende Oktober mit allen anderen anfangen. Egal. Das war lustig! Und deswegen keine Arbeit. Und deswegen eigentlich nix.

Nun gibt es ja Kritiker, die  behaupten, dass ich nicht einmal wüsste, wie man Urlaub macht. Das kann man so nicht sagen. Ich mag halt nur nicht am Strand rumliegen. Mach ich ja hier auch nicht. Wenn ich in den Urlaub fahre, dann tu ich was. Das zählt aber nicht, weil es ja Urlaub ist.

Im vorliegenden Fall wandere ich. Ich hab mir täglich so zwischen 20 und 30 Kilometer vorgenommen. Bis auf die erste Strecke. Weil ich noch am Start krank werde, beschränke ich mich auf 16 Kilometer. Das muss reichen. Nach 8 Tagen und 140km breche ich ab, weil ich permanent in den Seilen hänge. So macht das keinen Spaß. Und zählen tut es auch nicht, weil es erstens Urlaub war und ich zweitens ja nicht einmal angekommen bin, wo ich ankommen wollte. Ist also nix.

Und nun bin ich zu Hause und missvergnügt. Denn anstatt was zu tun, hänge ich hier doof rum. Ok, ich bin auch krank, aber da kann man ja wohl trotzdem mal was…

Vorsorglich hab ich schon mal eine Liste mit Dingen gemacht, die ich eigentlich schon längst hätte tun müssen. Meiner Ansicht nach. Nicht, dass da irgendwas wirklich dringlich wäre. Reicht aber, um knörig zu sein und mich für eine Lusche zu halten.

Und dann spreche ich neulich mit einem Freund, der auch so eine Liste hat und sich davon aktuell ganz schön überfordert fühlt. Dem sag ich, dass er alles aufschreiben soll, was vor ihm liegt und dann alles, was er schon gemacht hat, abstreichen, damit er sich an dem freuen kann, was er schon alles geschafft hat. Wir finden beide, dass das eine Super-Idee ist.

Ob ich auch so eine Geschafft-Liste habe?

Ich? Ich mach ja nix!

 

 

 

 

 

 

 

Frau Fricke wundert sich über ihr kluges Toastbrot

Doof ist das neue Cool. Wann ist das passiert? Wann sind Leute stolz darauf geworden, totale Vollidioten zu sein? Waren die das schon immer? Hab ich das nur nicht gemerkt? Die Antwort ist: Ihr wolltet doch alle die Demokratisierung durchs Internet. Bitte schön!

Um gleich zu Anfang Missverständnisse zu vermeiden: Hier geht es nicht um Leute, die anderer Meinung sind als ich. Entgegen aktuellen Trends, halte ich nicht jeden, der eine andere Meinung vertritt, für einen Vollidioten. Ich mag Leute mit einer anderen Meinung. Ich finde sie und ihre Meinung interessant. Ich verdanke ihnen Einsichten, die ich ohne sie nicht gehabt hätte. Das heißt nicht, dass ich mich immer ihrer Meinung anschließe. Offen gestanden ist das auffällig selten der Fall. Aber ich freue mich, ihre Meinung zu hören. Meine eigene Meinung kenne ich ja schon.

Wovon ich rede sind die Potti-Gänger.

Auf deren Beiträge stoße ich häufig erst, nachdem bereits Hunderte von Menschen den blauen Daumen hoch gehalten haben. „Leikiiiiii“ höre ich die im Chor sagen. Und so ein vielstimmiger Chor ist ganz schön laut. Ich schau mir dann an, worum es da geht. Und fast immer stelle ich fest: Da geht’s um gar nichts. Also, nicht inhaltlich. Und wieder: Ich meine nicht, dass passt nicht in mein persönliches Relevanzraster. Ich meine:

Da geht es um überhaupt absolut gar nichts.

Kein Inhalt weit und breit. Was, frage ich mich dann, leiken die denn hier alle im Akkord?

Vor meinem geistigen Auge sehe ich dann ein Kleinkind das begeistert von seinem Töpfchen aufspringt und nicht eher aufhört zu glucksen und in die Hände zu klatschen, bis sich alle anwesenden Erwachsenen versammelt haben, um gemeinschaftlich Anerkennung für den Inhalt des Töpfchens zu zollen. Und das tun sie auch. Es gibt Jubel. Es gibt Streicheleinheiten. Es gibt Süßigkeiten. Leiks allüberall!

Und es gibt bitterböse Blicke für den Ersten, der dieses Idyll stört.

Wehe dem, der in die Konfetti-Parade grätscht und sagt: „Nun beruhigt euch mal wieder. Das ist doch nur Kacke. Und jetzt macht das mal weg.“

Boah! So ja nun nicht. Der hat ja überhaupt keine Ahnung. Selber Kacke!

Was der Party Pooper und ich nicht beachten: Es geht doch gar nicht um den Inhalt!

Es geht um das „Wir“-Gefühl. Es geht darum, sich nicht allein fühlen zu müssen. Das große Loch zu füllen, das Sehnsucht, Misserfolg und Einsamkeit gerissen haben. Nicht allein dazustehen und sich vertreten zu müssen, denn damit haben die allermeisten Leute keine guten Erfahrungen gemacht. Das macht Angst. Aber Viele zu sein, ja Viele sein, das fühlt sich irgendwie gut an. Kuschelig. Da lässt man sich gern fallen. Und man muss auch irgendwie nichts können. Oder denken. Man muss nur „Ja“ sagen können und sich dazu stellen. Einfach dahin, wo schon ganz viele Andere sind. Das geht. Das kriegt auch die dümmste Nuss hin. Und schon hat man eine Bewegung. Man ist nicht mehr ein einzelner kleiner Fred, der vom Leben überfordert ist. Man ist ein Wir. Und Wir, das ist das Volk.

Und vom Volk geht alle Macht aus.

Nun ist es mit der Macht ja so eine Sache. Die heißt ja nicht umsonst so. Macht entfaltet ihren Nutzen ja tatsächlich nur, wenn man auch bereit ist, etwas zu machen. Machen aber, das stand eigentlich nicht auf dem Programm, denn Machen erfordert Tun und Tun erfordert einen Plan und ein Plan erfordert Denken. So war das nicht gedacht.

Man wollte ja nichts tun. Man wollte ja nur ein bisschen Applaus. Ein bisschen Zustimmung. Ein bisschen Kuscheln. Und das heißt eben auch: Für einander einstehen. Egal was. Geht ja nicht um Inhalte. Gauland hat Mist erzählt? Egal, der ist einer von uns. Trump sagt in jeder Rede das Gegenteil seiner vorigen. Ist doch wurscht, aber der traut sich jedenfalls was. Genau wie wir jetzt. Der ist cool! Weil der so ist, wie wir. Und wenn der cool ist, dann bin ich es auch.

Und nie, nie wird etwas verlang, das man nicht kann oder einen mies dastehen lässt. Also, genau genommen wird einem gar nichts abverlangt. Selbst die Meinungsbildung wird einem abgenommen: „Skandal, deutscher Politiker hat gesagt….“ Ah, Skandal also. Klar. Findichauch! „Frechheit, Bundesregierung hat gemacht…“ Ja genau. So geht’s nicht. Ganzmeinermeinung. Und keiner fragt nach. Alle wollen nur das Eine: klicken. Und weil so Viele besser klicken als denken können, darum haben wir dieses Dilemma.

„Leiken“, das heißt nicht „Ja, ich hab mir das ganz genau überlegt und Hintergrund-Recherche betrieben und bin so zu dem Ergebnis gekommen, dass ich der gleichen Meinung bin.“

„Leiken“ ist ein pawlowscher Reflex. Sehen, klicken, belohnt werden. Es gibt sogar ein Glöckchen und das macht „Ping“ und zeigt, dass wieder einer gesagt hat, dass er wie du ist. Ganz genauso. Schön! Und so einfach!

„Leiken“ und „teilen“ – die Steigerung von „leiken“ – kann jeder. Mann könnte vermutlich sogar einen Affen darauf trainieren an der richtigen Stelle die richtige Tastenkombination zu klicken. Leikiiiiiii! Während andere noch denken, fragen und abwägen, ist andern Orts schon Tausende Male ein kleiner blauer Daumen hoch geschnellt.

Und die, diese Daumen, die müssen jetzt nur noch abgeerntet werden, von denen, die bereit sind zu machen. Von denen, die nur darauf gewartet haben auf die Vielen, denen sie zurufen können: „Ich, ich kämpfe für dich!“ um schnell folgen zu lassen „Natürlich nur, wenn du mich leikst. Hier auf dem Wahlzettel bitte. Einmal klicken.“ Keiner wird fragen. Keiner wird wird darüber nachdenken, ob das überhaupt alles einen Sinn ergibt, ob das so sein kann, ob das so richtig ist. Nur der Moment zählt. Nur das Klicken. Nur das Kuscheln. Nur der Rausch der Millionen.

Wollt ihr einen Grenzzaun nach Mexiko? Leikiiiiiii!

Wollt ihr einen nach Österreich? Leikiiiiiiii!

Wollt Ihr den totalen Krieg?

 

Frau Fricke wundert sich über allgemeines Unwohlsein

Alles ist voll mies gerade. Junge Leute kriegen keinen Job, weil die Alten blockieren. Alte kriegen schon gleich gar keinen Job, weil die Jungen sie ja alle mit ihren Dumping-Preisen wegschwemmen. Man würde ja in die Rente gehen, aber es gibt ja keine mehr. Selbst VW-Vorstände sind ihrer Boni nicht mehr sicher. Und jetzt kommen auch noch die Ausländer! Alle murren. Aber keiner weiß warum. Da darf man sich doch mal wundern. 

Von Weitem betrachtet ist er schon da, der Untergang des Abendlandes. Ganz schlimm scheint alles zu sein. Glaubt man Facebook hat praktisch jeder Kommentator sein allerletztes Geld in einem Computer investiert, um nicht allein und einsam untergehen zu müssen, sondern die Facebook-Öffentlichkeit an dieser Schande teilhaben zu lassen. Jeden Tag finden gewissermaßen digitale Selbstverbrennungen statt. Das ist wirklich beunruhigend. Da interessiert man sich doch für Details. Ganz ehrlich.

Also habe ich mal nachgefragt in den Foren und zu meiner allgrößten Erleichterung ging es allen bei näherer Nachfrage eigentlich ganz prima. Es mangelte weniger an Sicherheit als an Zufriedenheit – und das obwohl objektiv eigentlich keinen Grund zur Beschwerde vorlag. Da war zum Beispiel dieser 38jährige Frührentner, der fand, es könne nicht angehen, dass man es „den Kaffern vorn und hinten reinsteckt und die eigenen Leute unter dem Existenzminimum leben müssen.“ Da kann man nicht wirklich widersprechen. Also frage ich höflich an, ob er denn eine Idee habe, wie man die Situation erträglicher machen könne. Die hat er. Wenn man auf die KFZ- und alle Steuern auf Immobilien verzichten würde, wäre schon viel gewonnen. Ich stutze und gebe zu denken, dass ein Existenzminimum im allgemeinen Wohn- und KFZ-Eigentum ausschlösse. Das sieht er anders und dafür ist er der beste Beweis, denn natürlich spricht er nicht ohne Sachkenntnis. Er ist genau der Fall, den er beschreibt.

„Vorher hab ich gut verdient“ schreibt er und meint damit die Zeit als er IT-Administrator in einem Krankenhaus war. Und diesem Umstand ist es dann wohl zu verdanken, dass auch heute noch seine Rente „bei 1.200€ liegt.“ Ich googele kurz und teile ihm mit, dass er damit ganz erheblich über dem Existenzminimum liegt. Das denke ich aber nur, weil ich total ignorant bin. Er muss nämlich ein Auto unterhalten und das ist nicht billig. Das braucht er aber für Arztfahrten, denn sein zweites Problem liegt darin, dass er ein Haus geerbt hat. „Hallo“ denke ich, „das ist ja nicht übel. Mein größter Festposten ist meine Miete. Hätte ich die nicht zu zahlen, würde mich das enorm entlasten.“ Aber da denke ich natürlich nicht daran, dass ein Mieter ja einfach nur beim Vermieter anrufen muss, wenn mal was kaputt ist, so ein Eigentümer muss für alles selbst aufkommen. Ich gebe zu denken, dass unter diesen Umständen ein Verkauf des Hauses ihn vielleicht sowohl finanziell als auch organisatorisch enorm entlasten würde. Aber auch das denke ich natürlich nur, weil ich total bescheuert bin. Das habe ich übrigens mit praktisch sämtlichen Ämtern gemein.

„Ich hab total viel Geld für einen Steuerberater ausgegeben, der mich wenigstens vor der Erbschaftssteuer bewahrt hat.“ Erbschaftssteuer, auch das ist leicht zu googeln, muss man in Deutschland erst ab 400.000€ zahlen. Der Mann am Existenzminimum ist also gut und gern eine halbe Million schwer. Darauf weise ich ihn natürlich hin. Man will ja gern behilflich sein. Natürlich hab ich aber auch hier wieder überhaupt keine Ahnung. Kann eigentlich gar nicht sein, dass das Haus so viel wert sein soll, sagt er. Ob er es mal hätte schätzen lassen, frage ich? Natürlich nicht! Wozu denn auch? Er hat ja nicht vor, es zu verkaufen, weil, wo soll er denn dann wohnen? Immerhin wären die Mieten ja horrend und seine Situation ist schon dramatisch genug. Er habe deswegen schon alle möglichen Beihilfen beantragt, sei aber jedes Mal abgeschmettert worden. Gipfel der Auseinandersetzungen: Sein Haus sei angeblich zu groß und das Amt habe ihm den Vorschlag gemacht, doch die Einliegerwohnung zu vermieten. Oh, Einliegerwohnung. Den Vorschlag finde ich gar nicht so übel angesichts der zuvor erwähnten horrenden Mieten. Aber in den letzten Minuten ist der Mietspiegel in genau seiner Gegend offenbar dramatisch gesunken, denn „hier kriegt man ja praktisch keine Miete“. Damit ist natürlich auch dieser Vorschlag obsolet.

2.000€ wären schon sein Existenzminimum, erklärt er auf Anfrage. Also auf die Hand jetzt. Ah, ach so. Ja, das deckt sich natürlich nicht ganz mit dem, was die offizielle Statistik darunter versteht. Ich frage, wie er einer Krankenschwester ohne Ersparnisse klar machen will, dass sie für einen Vollzeitjob im Schichtsystem nicht mehr Geld bekommt, als ein vermögender Frührentner und warum sie in einem 40qm-Wohnklo wohnen soll, um ihm die ländliche Idylle zu ermöglichen. Da bricht der Kontakt ab. Dafür hat er offenbar keine Idee.

Wann immer ich mich in den letzten Wochen mit Menschen mit allgemeinem Unwohlsein auseinander gesetzt habe, sind mir zwei Dinge aufgefallen:

  1. Ein eklatanter Mangel an zutreffenden Informationen
  2. Die völlige Weigerung, einen Beitrag zur Verbesserung der eigenen Situation zu leisten.

Ist nich nur bei frühberenteten Erben so.

Immer wieder lese ich ganze Blogs jüngerer Mitbürger darüber, wie schwer sie es haben und wie verdammt gemein das ist, wenn man sich mal anschaut, mit welcher Leichtigkeit die Vorgänger-Generationen ihre Träume verwirklichen konnte. Welche soll das gewesen sein?

„Mit 30 hatte früher jeder Arbeiter ein Haus.“ wusste zum Beispiel neulich ein Redakteur im selben Alter zu berichten, von dem ich nur ahnen kann, dass er aus einer sozialen Schicht kommt, in der man sich für die Lebensumstände von Arbeitern noch nie wirklich interessiert hat. Aber ich will nicht unfair sein. Natürlich gab es Arbeiter mit Wohneigentum. Das stand auf einem niedersächsischen Acker weit vor der Stadt oder in einer Siedlung neben der Zeche, hatte 100qm und war weitgehend selbst ausgebaut. Hunderte von Arbeitsstunden steckten darin und jeder Pfennig, der über das Existenzminimum hinaus ging. Ich kenne Familien, die am Monatsanfang einen kompletten Essenplan zusammenstellten – allein unter dem Aspekt, wie man aus einem Groschen ein Essen für ne Mark machen konnte. Da gabs keinen Urlaub in Goa, keinen Cafe Latte im Pappbecher und keine Festival-Besuche. Da gabs nur dieses Haus und ein Tulpenbeet. Sonst nichts. Muss man aber natürlich wissen, bevor man sich vorstellt, dass jede Kassiererin früher in einer Villa mit Elbblick in zentraler Lage ziehen konnte, bevor sie sich das Sommer-Outfit für den Neckermann-Urlaub im Quelle-Katalog aussuchte. So also war’s nicht.

Aber ja, es war einfacher, Träume zu verwirklichen. Denn für die Kriegsgeneration war dieser Traum einfach nur ein voller Bauch und ein Dach über dem Kopf, das einem nicht weggebombt wurde. Die Nachkriegsgeneration hatte ihre Träume erfüllt, wenn es für ein kleines Auto reichte, mit dem man in den Urlaub nach Italien gondeln konnte und deren Kinder, die geburtenstarken Jahrgänge, die haben vor allem davon geträumt, dass es für sie reicht. Dass es auch für sie einen Job gibt und dass sie trotz Nato-Doppelbeschluss, der Spätfolgen von Tschernobyl und moderner Landwirtschaft irgendwie das Alter erreichen, von dem sie jetzt hoffen, dass sie es nicht in bitterer Armut verbringen müssen.

Und so frage ich mich, ob das, was all die Besorgten so besorgt macht, vielleicht die Sorge ist, dass zwischen all den Möglichkeiten und der Sicherheit einfach kein Platz mehr ist für Wünsche. Denn sein wir ehrlich:

Deutschland lässt einfach nicht viel zu wünschen übrig.

Frau Fricke wundert sich über die Angst vor Veränderung

 

Das chinesische Schriftzeichen für das Wort „Krise“ setzt sich aus zwei Stammzeichen zusammen: Dem Zeichen, das die größtmögliche Chance auf ungeahnte Verbesserungen anzeigt und dem, das die Bedrohung durch einen katastrophalen Niedergang beschreibt. Warum eigentlich sehen wir immer nur das zweite?

Es ist schon über 10 Jahre her, da habe ich mich auf einem Werber-Kongress, dem „Hamburger Dialog“ ganz furchtbar gelangweilt. Ich hatte Neuigkeiten erwartet, Umwälzungen, irrsinnige Erkenntnisse. Und dann das: das große Nichts.

In einer Podiumsdiskussion darüber, wie sich die Branche in der kommenden Dekade verändern würde, saßen alle, die sich für die Führer der führenden Agenturen hielten -angemessen erhöht über dem zahlreich erschienenen Publikum. Super sahen die aus, in ihren Maßanzügen, den Seidenkrawatten und den italienischen Schuhen. Und sie taten, was sie immer tun: sich gegenseitig jovial auf die im Gym gestählten Schulter schlagen und einander bestätigen, dass da, wo sie sind, aber mal ganz eindeutig vorn ist.

Alle, außer einem.

Ganz links, am äußeren Rand des Podiums, so als wäre er nur der versehentliche Überstand in dieser perfekten Welt, saß ein Mann wie ein Monolith. Atemberaubend raumgreifend. Ihn als übergewichtig zu bezeichnen, wäre ein unzulässiger Euphemismus. Unter schwarzen Überwürfen von gigantischem Ausmaß wucherte ein völlig außer Kontrolle geratener Körper, der sich offenbar längst selbst zum Feind geworden war. Der Referent war im Rollstuhl angereist und er atmete gelegentlich durch eine Maske, die mit einer Gasflasche verbunden war. Wenn es jemals einen Gegenentwurf für die schöne Welt der Werbung gab, dann ihn. Was kann so einer schon zu sagen haben? Nichts! Und so saß er da und schwieg. Sehr lange.

Die Führer der führenden Agenturen wussten dafür umso mehr zu sagen: Ach, Veränderungen der Branche, sagten sie, ist doch lächerlich! Permanent wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben und dann? Nichts! Der Führer der allerführendsten Agentur, Springer & Jacobi, hatte auch ein Beispiel dafür: Das Internet. Umwälzungen wären angekündigt worden. Revolutionen. Der Untergang der Medienwelt, wie wir sie kennen und was war passiert? Nix war passiert. Außer, dass man jetzt eben auch noch Websites machen musste. Sonst: Alles beim Alten. Und so bleibt es auch. Keine Panik! Es wird immer Leute geben, denen es langweilig wird. Und weil das so ist, würden sie auch immer fernsehen und in Zeitschriften blättern. Anzeigen und 30-Sekünder hätten praktisch Ewigkeitswert.

Erst ganz zum Schluss wurde der Koloss vorgestellt. Extra aus den USA war der angereist. Und es mag zum Teil seiner Optik geschuldet sein, dass es mir heute so erscheint, als walzte er über all den unsinnigen Frohsinn wie ein Naturereignis. Es sei möglich, sagte er, dass er das Fortschreiten der Technik in Europa überschätzte, aber in den USA gäbe es bereits technische Möglichkeiten, Werbeblöcke einfach auszufiltern. Sowie die Leute die Möglichkeit dazu hätten, würden sie das selbstverständlich auch tun. Und wo, wollte er wissen, würden denn die superhübschen Bengel aus den Super-Agenturen dann ihre 30-Sekünder platzieren? Obwohl auch er die heute aktuellen Entwicklungen im Detail nicht voraussehen konnte, prophezeite er einen maximalen Umbruch, der die Bereitschaft voraussetzen würde, bekannte Dinge völlig neu zu interpretieren.

Toll!

hab ich gedacht. Und ich hab sofort angefangen, nachzudenken, was das bedeutet. Welche neuen Möglichkeiten das eröffnet, wie man dem begegnen könnte. Da könnten ja ganz neue Formate entstehen. Ganz neue Dimensionen kreativer Entfaltung. Ich fand das aufregend. Da wollte ich gern dabei sein! Ich war damals schon sicher: Werbung, Meinungsbildung ganz im allgemeinen wird künftig in die Inhalte abwandern. Als Story-Teller fand ich das super.

Die Stimmung auf dem Podium war eine andere. Irgendwo zwischen Belustigung, Herablassung und schriller Panik gerierten sich die Agenturführer wie Kapitäne eines auf Grund gelaufenen Kreuzfahrtdampfers, die den Vorschlag, die Beiboote abzuseilen mit der Bemerkung abbügeln, dass das Geräusch die Black-Jack-Spieler ablenken könnte. Mit vereinten Kräften ließen sie eine Diskussion über die Möglichkeiten, die Veränderung mit sich bringt gar nicht erst aufkommen, sondern spendeten Trost. Nichts würde sich verändern. Niemals. Immer würde alles genauso bleiben, wie es jetzt ist. Nur keine Panik.

Wir wissen inzwischen, wie die Geschichte weitergegangen ist. Schauen wir uns die Entwicklung zwischen den Referenzpunkten 2004 und 2016 an, stellen wir fest, dass sie weit über die Voraussage hinausgegangen ist. Man kommt inzwischen ohne Fernseher und Zeitschriften aus, Freunde auf verschiedenen Seiten des Erdballs geben sich Kaufempfehlungen in Echtzeit und in richtigen echten Kinos und auf Streaming-Portalen laufen schon heute Spielfilm-Produktionen, denen man ansieht, dass sie eigentlich eher eine amüsante Form der Produkt-Präsentation sind.

Ich find das immer noch toll.

Und Springer & Jacobi?  Springer & Jacobi findet nichts mehr toll. Oder schlimm.

2010 ist Deutschlands ehemals führende Agentur nach langer schwerer Krankheit sanft entschlafen.

Weiji jihui

 

 

 

Frau Fricke wundert sich über das Unmögliche

Leute wie mich braucht kein Mensch. Australien braucht mich nicht. Australien braucht Handwerker, Lehrer und überhaupt eine Menge kluger und kundiger Menschen. Mich braucht Australien nicht. Jedenfalls nicht auf Dauer, denn ich bin älter als 45. „Dukommshiernichrein.“, sagt ein australisches Gesetz. Und das würde es auch Nobelpreisträgern zuflüstern.

Mit Dingen, die man nicht haben kann, ist es so eine Sache. Bis vor kurzem, hatte ich nicht einmal das Bedürfnis, auch nur besuchsweise nach Australien zu fahren. Hat mich einfach nicht interessiert. Kängurus gibt’s im Zoo, weite unglaublich langweilige Landschaft in der Lüneburger Heide und Strand hab ich auch in Barcelona – nur ohne die tödlichen Tiere natürlich. Nun war ich da, fand es sehr nett und hab nur mal so interessehalber geguckt, wie es sich denn rein theoretisch verhalten würde, wenn ich dem unwahrscheinlichen Impuls nachkäme, dort vielleicht wohnen zu wollen. Ganz eventuell.

Und nun weiß ich, dass das nicht geht. Und jetzt will ich das unbedingt.

Für einen kurzen Augenblick habe ich den Eindruck, dass mir mein Leben durch die Finger tropft und es stellt sich eine Wehmut ein, als wenn das nur das erste Mal in einer langen schmerzvollen Reihe von letzten Malen ist. Und dann wird mir plötzlich klar:

Bullshit!

Immerzu steht man vor irgendwelchen harten Türen. Das ist bei mir nicht anders und das war es auch nie. Ich war nur immer schon durch, bevor mir jemand sagen konnte, dass das eigentlich gar nicht geht.

Ich hab kein Schul-Abgangszeugnis, weil mein Schulabgang – nun ja – nicht wirklich einer konkreten Planung unterlag. Ich weiß noch genau, wie sich das angefühlt hat. Ich war 16 und mein Leben war vorbei. Ich hatte zwar das kleine Latinum, aber das hilft einem in so einer Situation auch nicht weiter. Es gab nur eine einzige Ausbildungsstelle, die mich akzeptiert hat – Bäckereifachverkäuferin. In meinen düstersten Momenten, träume ich, wie ich mit einem lächerlich kleinen Schürzchen vor dem Bauch Brötchen in Tüten zähle und denke: „Das war’s jetzt. Das ist jetzt dein Leben.“ Und auch damals fühlte ich deutlich, wie sich dieses Leben einfach so auflöste und davon flog, bevor es überhaupt begonnen hatte.

Das war ein Irrtum.

Und dieser Irrtum beruhte auf Informationen, die zwar durchaus valide waren, aber wenig hilfreich in meiner Situation – und vor allem nicht zwingend. Erfreulicher Weise war ich von da an einem eklatanten Mangel an belastbaren Informationen unterworfen. Irgendwer hatte mir gesagt, man könne studieren, wenn man sich wirklich viel Mühe geben und absurd viel arbeiten würde. Jeder kann das schaffen. Der große deutsche Traum von der Klassenlosigkeit. Der Hit der Siebziger, Achtziger und das Beste von heute.

Also habe ich absurd viel gearbeitet. Und ich hab studiert. Jahre später habe ich gelesen, dass das eigentlich gar nicht möglich ist. Ich bin nämlich der einzige Akademiker meiner Familie, weiblich und ich habe keinerlei finanzielle Unterstützung erhalten. Leute wie ich studieren nicht. Und wenn sie studieren, dann schließen sie nicht ab. Wenn ich das vorher gewusst hätte…

Ich wusste auch nicht, dass es praktisch unmöglich ist, Texter bei Scholz & Friends zu werden. Ein entfernter Vetter hat mich darüber aufgeklärt, getragen von seiner Erfahrung, mehrfach abgelehnt worden zu sein. Allerdings etwas verspätet, denn zu dem Zeitpunkt hatte ich den Job schon ein halbes Jahr und Springer & Jacobi hatten gerade mit einem Gegenangebot angerufen – auch was, was nie passiert. Und wo man überhaupt praktisch nie reinkommt, das ist BBH, London. Jedenfalls hat Jean-Remy von Matt das mal zu mir gesagt und der kennt sich aus. Gut, dass ich den erst kennengelernt habe, nachdem ich bei BBH gekündigt hatte – nach 7 Jahren.

Zwei von drei neu gegründeten Firmen treiben nach nur drei Jahren mit dem Bauch nach oben träge dahin. Auch sowas, was ich nicht wusste. Nur 20% der Gründer sind Frauen und die meisten von denen kommen praktisch nie über den Mindestlohn. Schon wieder eine Information, über die ich nicht verfügt habe, als ich mich selbständig gemacht habe. Sonst hätte ich mich vielleicht daran gehalten. Wer weiß?

Und auch die meisten Auswanderer sind nach drei Jahren pleite und frustriert wieder zu Hause und wärmen sich am heimischen Herd, die Wunden leckend, die ihnen eine fremde unbekannte Welt geschlagen hat. Davor hat mich keiner gewarnt. Und vielleicht ist es allein dieser Tatsache zu verdanken, dass ich auch heute noch, eine Dekade später, in Barcelona hocke und merke, so langsam könnte ich ja auch mal woanders hinziehen. Zurück nach Deutschland vielleicht. Oder nach Australien zum Beispiel.

Kurz: Rein statistisch bin ich pleite, deprimiert und inexistent. Erfreulicher Weise habe ich die Statistik aber nicht gelesen.

Und das mit Australien, das auch nicht.

 

Frau Fricke wundert sich am Welt-Frauen-Tag

Gedenktage sind ja im allgemeinen dafür gemacht, dass man sich Gedanken macht. Daher der Name. Über Frauen und wie sie so leben, macht sich kein Mensch Gedanken, scheint es. Nicht mal die Frauen selbst. Warum eigentlich?

Meine Großtante Trude war ein Phänomen. Ein sperriges, drahtiges kleines Ding, das Dinge sagte, die keiner zu sagen wagte und sich so verhielt, als gäbe es gesellschaftliche Normen nicht. Sie war bereit, den Preis dafür zu bezahlen. Und der war hoch. Damals.

Trude war das älteste von vier Kindern. Als sie zehn Jahre alt war, endete diese Kindheit damit, dass sie aus der Schule genommen wurde, um die Mutter ihrer Geschwister zu werden. Ihre eigene Mutter hatte sich in der Waschküche erhängt. Damals der einzige Ausweg aus einer unglücklichen Ehe. Scheidung gab es nicht. Nicht für arme Leute.

„Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“, wird sich Trude gedacht haben, als sie damals beschloss, niemals und unter gar keinen Umständen zu heiraten. „Pöh,“ denkt man heute „Ja und? Ich bin auch nicht verheiratet.“ Da möchte ich mal sagen: „Weiterlesen, dann reden wir noch mal.“

Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert gab es Bildung nur für Frauen aus den „Besseren Kreisen“. Über die wird heute von Feministinnen ja gern gesprochen. Wie hart es war, zu studieren und sich Anerkennung als Akademikerin zu erwerben. Schauen wir doch mal, wie es zur selben Zeit um unsere Trude stand, die nicht das große Glück hatte, großbürgerliche Eltern zu haben, die ihr ein Studium ermöglichen konnten:

Trude hatte vier Jahre Grundschul-Ausbildung genossen. Und sie hatte gelernt, einen Fünf-Personen-Haushalt mit extrem engen Budget zu führen und Kinder zu versorgen. Also wurde Trude Haushälterin. Da war sie 15 und sie wollte weit weg. Also heuerte sie in einem Haushalt in einer anderen Stadt an. Da kannte sie niemanden und das blieb auch so, denn Trude arbeitete immer.

Trude stand als erste auf, machte den Einkauf, kochte, putzte, versorgte die Kinder und ging als letzte schlafen. Und das nicht etwa im eigenen Zimmer im eigenen Bett. Trude schlief auf einem Brett, das sie nachts in der Küche über den Herd legte – was immerhin den Vorteil hatte, dass es schön warm war – leider auch im Sommer. Auf das Brett legte sie einen Strohsack und neben den alles, was sie besaß – in einer Truhe, so groß wie ein Nähkästchen, auf der ihr Name stand. Von dieser Truhe trennte sie nur der Tod. Durch über 90 Jahre, fünf Städte und zwei Weltkriege hatte Trude die Truhe geschleppt. Man kann nur erahnen, was sie ihr bedeutete. Trude war auch – sehr im Gegensatz zu mir – kein ausgemachter Freund des Zwiebelkuchens, denn während sie für ihre Herrschaft Braten und Kuchen bereitete, sollte ihre eigene Versorgung natürlich so kostenfrei wie möglich ausfallen. Das schloss Reste von der Tafel ausdrücklich aus. Denn aus Bratenresten ließen sich noch trefflich Ragouts und Stullen für die Herrschaft zaubern. Aber Zwiebelkuchen, der war billig und den gab es oft wochenlang, wenn das Haushaltsbudget etwa durch Weihnachtsfeiern oder eine Soirée belastet worden war. Unnötig zu sagen, dass Trude auch keine Krankenversicherung und keinen Kündigungsschutz hatte. Und so wurde sie eines Tages mit Fieber auf die Straße gesetzt. Man musste ja Rücksicht auf die Kinder nehmen.

Trude landete – Gott sei Dank nur für ein paar Tage – in einem Armenhaus. Denn selbst wenn Trude bereit gewesen wäre, ihr ganzes Erspartes in die Anmietung eines Zimmers zu investieren – legal war das nicht möglich. Frauen brauchten damals für Geschäfte aller Art die Unterschrift ihres Vaters oder Ehemannes. Und ganz genau genommen: Warum sollten Frauen überhaupt Geschäfte machen? Dafür hatten sie ja schließlich Väter oder Ehemänner. Ein Leben ohne Ehemann war für Frauen nicht vorgesehen und wurde ihnen daher auch nicht ermöglicht.

Natürlich fanden sich damals immer Männer, die so freundlich waren, ein Zimmer für Alleinreisende Damen anzumieten – mit der Folge, dass diese Damen vielleicht allein reisten, aber nicht allein schlafen konnten.

Trude sprach mir gegenüber nie ausführlich über diesen Aspekt. Aber sie deutete an, dass sie als Full Service Haushaltskraft eben tatsächlich den ganzen Service bieten musste, den die Dame des Hauses nicht leisten konnte oder wollte. Das war meist, aber nicht immer unangenehm. Einmal war Trude Haushälterin für einen Arzt, in den sie sich ernsthaft verliebt und mit dem sie eine langjährige Affaire hatte. „Das war eine wunderbare Zeit.“ sagte sie über diese wunderbare Zeit, die abrupt damit endete, dass „die Leute“ anfingen zu reden. Der Arzt, offenbar ebenfalls bis zum völligen Schwinden der Sinne verliebt, trug Trude die Ehe an. Ein Akt ungewöhnlicher Großmut seinerseits. Eine Shooting Star Karriere für Trude. Ein Happy End, bigger than life. Trude lehnte ab. Trude erzählte ihre Replik immer wieder im exakt selben Wortlaut:  „Jetzt mach ich deine Wäsche und dein Bett und du bezahlst mich. Und dann mach ich dasselbe nur ohne Geld? Ich bin doch nicht meschugge!“

Wenn Trude davon erzählte, tat sie das immer mit einer Mischung aus Trotz und Wehmut. Es fällt mir nicht schwer, mir vorzustellen, wie sie dachte, dass sie beide kichern würden, wie er sie dann in die Seite knufft, in den Arm nimmt und sie einfach so weitermachen wie bisher in dieser „wunderbaren Zeit“. Er stellte ihr ein Ultimatum. Entweder sie heiratet ihn oder sie geht. Trude war keine Frau für Fremdbestimmung. Trude ging. Und wusste mal wieder nicht wohin.

Zwei Weltkriege hatten inzwischen die Arbeitswelt verändert. Frauen wurden inzwischen auch außerhalb von Haushalten zum Arbeiten gebraucht – für Arbeiten, die Männer nicht machen wollten oder die nicht angemessen bezahlt wurden. Trude nahm eine Arbeit an, auf die wohl beides zutraf. „Sag mal, Trude, was sind denn das hier für weiße Stellen an deiner Hand?“ hab ich sie mal gefragt. Wie gemalt folgten da zwei kleine Spuren vom Daumental herab zum Handgelenk, wo sie sich verloren, als seien sie herabgetropft. „Ach das?“ sagte Trude „Da hab ich Kapern abgefüllt bei Appel.“ Kapern, muss man wissen, werden in einer Lake aus Essig und Salz eingelegt, die, wenn man ihr permanent ausgesetzt ist, tief in die Haut eine Wunde frisst, die nie abheilt. Trude muss in dieser Zeit biblische Schmerzen erlitten haben, in der sie gezwungen war, sich selbst täglich wieder Essig und Salz in eine offene Wunder zu träufeln. Aber Trude musste leben. Und Arbeitsschutzmaßnahmen waren so kurz nach dem Krieg nicht ganz oben auf der Agenda.

Als Trude in Rente ging, war es Frauen noch immer nicht erlaubt, ohne Zustimmung ihres Ehemannes einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Das kam erst 1977. Ein Jahr zuvor wurde das Ehescheidungsrecht reformiert. Bis dahin war Scheidung möglich. Weil aber die meisten Frauen in ihrer Ehe nach wie vor nicht erwerbstätig waren – oft auf ausdrücklichen und juristisch geschützten Wunsch ihres Ehemannes – und keinen Anspruch auf Unterhalt hatten, blieben sie oft mittellos zurück. Denn wer schuldig geschieden wurde, hatte kein Anrecht auf Versorgung und schuldig war z.B. eine Frau die ihrem Ehemann seine Ehelichen Rechte verweigerte. Sprich: Sex. Weil der Ehemann aber gleichzeitig ein Züchtigungsrecht seiner Ehefrau gegenüber hatte, konnte es passieren, dass man schuldig geschieden wurde, weil man mit dem Mann, der einen prügelte, nicht schlafen wollte. Wenn er es trotzdem tat – macht nichts. Vergewaltigung in der Ehe war bis 1997 legal. Da war Trude schon ein Jahr tot.

Inzwischen durften Frauen wählen. Sie durften auch Wohnungen anmieten. Das geschah aber weit seltener, denn noch immer arbeiteten Frauen überwiegend weit schlechter bezahlt als Männer. Gewerkschaften, die überwiegend Männer vertraten, wie z.B. die Metall- oder Bergarbeiter Gewerkschaften, handelten Tarife aus, die bei einem Vielfachen der Tarife lagen, die Gewerkschaften in Bereichen erzielten, in denen überwiegend Frauen arbeiteten. Als ich selbst in den 80ern in einer Brotfabrik arbeitete, gab es dort ein Heer von Frauen, die für 10 Mark Stundenlohn am Band unermüdlich eingeschweißte Toastbrote in Transportkästen verpackten – und eine Handvoll Männer, die für 20 Mark Stundenlohn vor allem mit ihrer Langeweile zwischen dem gelegentlichen Wechseln der Verpackungsfolien beschäftigt waren. Aber immerhin verdienten Frauen genug für eine kleine Wohnung, sie hatten Urlaub, Kranken- und Kündigungsschutz.

Für Trude änderte sich nicht viel. Nach einem Leben voller harter Arbeit bezog sie so wenig Rente, dass die bis zum Sozialhilfesatz aufgestockt werden musste. Ihr kleiner Bruder hatte es da besser. Der bezog später eine relativ stattliche Pension, denn nach seinem Dienst als Soldat wurde er weiter im Staatsdienst beschäftigt. Und zwar bei der Post. Die Gesetzeslage meinte es mit ihm weit besser als mit Trude. Die Dienstjahre in der Armee zählten voll so, als sei er immer bei der Post gewesen. Kurz vor der Pensionierung wurde er, wie üblich, schnell noch mal befördert, damit sich das Altersruhegeld noch einmal angenehm erhöht.

Trude zog in eine winzig kleine Sozial-Wohnung mit einem kleinen Wohnzimmer, einer Schlafnische, einer Küche, in der man nicht hätte umkippen können  und einem Bad ohne Wanne. Trude war glücklich. Neubau. Das hatte sie noch nie. Und direkt am Park. Und Zeit für Spaziergänge.

Auf einem dieser Spaziergänge nahm Trude mich zur Seite. Ich war gerade sitzen geblieben und nicht sehr gesprächig. „Pass mal auf“, sagte Trude, „Es ist keine Schande dumm zu sein und nichts zu werden.“ Und dann drückte sie mich und sagte „Aber klug zu sein und nichts draus zu machen. Das muss dir richtig peinlich sein.“ Ich hab nichts gesagt. Trude schon. „Du hast ja keine Ahnung, welche Möglichkeiten du heute hast.“ hat sie gesagt. Und sie hatte Recht. Ich hatte keine Ahnung.

Aber jetzt, jetzt hab ich die und ich ahne, dass wir verlieren werden, wofür die Truden vor uns das Salz in ihren offenen Wunden ertragen haben.

Wir dürfen das nicht vergessen. Und wenn wir nicht jeden Tag daran denken, wenn wir ihnen nicht jeden Tag danken, dann doch bitte wenigsten einmal im Jahr. Mit Pauken und Trompeten. Wir dürfen uns nicht nehmen lassen, was wir und unsere Vorgängerinnen errungen haben.

Nicht einmal um eine Armeslänge.