Frau Fricke wundert sich über den Tod

Es ist Chinese New Year. Ein Jahr beginnt. Und traditionell gedenkt man derer, für die nichts mehr anfängt, für die schon alles aufgehört hat. Man geht in die Tempel und schickt den Ahnen, was sie eben so brauchen, wenn sie tot sind. Und das scheint eine ganze Menge zu sein.

Wer genau beobachtet, der hat in den Wochen vor Neujahr schon bemerkt, dass die in der Nähe der Tempel gelegenen Fachgeschäfte für Totenbedarf aller Art aufgestockt haben. Hier gibt es alles, was sich auch Lebende so wünschen – nur eben aus Papier: Häuser, Luxuskarossen, Handies – bevorzugt iPhones, Schmuck und Markenklamotten, Motorroller und Flachbildfernseher. Vor allem aber Geld und jede Menge Gold. Gold in Münzen oder Barren, die hier aussehen, wie kleine Schiffchen, ganz egal, Hauptsache Gold und viel. Man bekommt schnell den Eindruck, jeder Tote würde in seinem Nachleben ein Rapper werden. Eine Vorstellung, die für mich keine schöne ist.

Überhaupt, wenn man im Tod nicht wenigstens bedürfnislos ist, was soll das dann? Was hat man denn dann vom Sterben? Gar nichts! Das ist kein cooler Deal.

Sterben, so hab ich mir das immer vorgestellt, ist ein Pakt, in dem man sein Leben lassen muss, es aber gegen Sorglosigkeit eintauscht. Nie wieder Schmerzen, nie wieder Geldnot. Ob man Falten hat, zu fett ist, uncharmant oder ein Loser, total egal, denn inzwischen ist man ja tot und das ist größer als alles. Tod ist der große Gleichmacher. Vielgeliebte Familienmenschen liegen genauso einsam in der Kühlbox wie die Miesmacher, mit denen noch nie jemand was zu tun haben wollte. Der Reiche und der Arme sind gleich tot. Könige wie Bauern sterben denselben Tod. Und dann kommen die Chinesen und verbrennen Goldbarren aus Papier. Was soll das?

Als ich da so an einer Feuerstelle im Tempel sitze, werden mir mehrere Dinge klar. 1. Ich werde ein sehr karges Nachleben führen, denn ich habe keine Nachfahren, die für mich Goldbarren und Mercedes Benze verbrennen. 2. Das war vermutlich schon im letzten Leben so, denn auch in diesem besitze ich weder Goldbarren noch Mercedes Benze. 3. Vielleicht ist das allerdings auch darauf zurückzuführen, dass ich auf beides keinen Wert lege – ebenso wenig wie auf Schmuck und Goldene Uhren. Aus dem Totenbedarfs-Fachgeschäft interessiert mich eigentlich nur das Haus, denn irgendwo muss ich ja wohnen. Selbst der Flachbildfernseher ist von geringem Reiz, denn seine Mattscheibe ist schwarz. Was soll man mit so einem Fernseher in der Ewigkeit? Ewig auf die schwarze Mattscheibe starren? Das wird ja wahnsinnig langweilig.

Ich überlege also, was ich mir gern verbrennen lassen würde. Und wie ich da so sitze und darüber nachdenke, was ich mir selbst denn so verbrennen würde (vielleicht kann man ja vorausschauend irgendwo ein Depot anlegen, das dann auf einen wartet), erreicht mich die Nachricht vom Tod Roger Willemsens. Und meine Gedanken frieren plötzlich ein. Nicht dass ich Roger Willemsen persönlich gekannt hätte. Aber ich habe ihn in seiner Profession geschätzt – und beneidet. Und nun, nach nur 60 Jahren, gibt es ihn nicht mehr. Einfach weg. Abgeholt vom großen Gleichmacher.

Und Roger Willemsen, Roger Willemsen, der hatte Sachen, die ich gern gehabt hätte. Schon in diesem Leben. Bücher hat er geschrieben. Klug ist er genannt worden. Wenn er gesprochen hat, dann hat man ihm zugehört. Und reich ist er damit geworden – vielleicht gar sorglos schon zu Lebzeiten. All das hätte ich auch gern. Aber das gibts nicht aus Papier. Nicht einmal im Totenbedarfsfachhandel an der Ecke vom Tempel.

Sechzig, das sind von jetzt an noch acht Jahre. Und überhaupt sterben in letzter Zeit gefühlt alle schon mit 70. Irgendwie scheint 70 das neue 90 geworden zu sein. Ich fühle mich plötzlich, als hätte jemand das Metronom meines Lebens angestellt und ich kann hören, wie die Zeit verrinnt und ich hab noch gar nichts geschafft und ich hab noch so viel vor und ich vertrödele meine Zeit, anstatt etwas zu tun, damit ich am Ende meines Lebens weiß, warum es überhaupt angefangen hat. Wie soll man denn gehen, wenn man gar nicht weiß, wozu man überhaupt da war? Und plötzlich wird mir ganz anders.

Aber dann fällt mir die Beerdigung ein, deren Zeuge ich ganz am Anfang meiner Reise nach Bangkok war. Ein großer, ein bedeutender Mann ist da gestorben. Und seine Totenfeier wurde im bedeutendsten Tempel der Stadt abgehalten. Einen kompletten Nebenhof hat man nur für seine Kränze abgestellt. Hunderte waren das. Riesengroß und wunderschön. Alles was in seiner Branche Rang und Namen hatte, hatte riesige Gebinde geschickt. Und dazwischen: Ein Malbuch für Kinder. Das war schon für’s nächste Leben. In einer anderen Ecke des Hofes verbrannten gleich 3 Angestellte im Akkord jede Menge Papiergold, gleich ein Dutzend Autos – warum Gewohnheiten ändern, nur weil man tot ist? – und man konnte ein riesiges Anwesen erkennen, das noch auf seine Verbrennung wartete. Und in einer Halle: Der Sarg. Ein prächtiges Ding. Aus einem Stamm geschnitzt. Massiv. Unerschütterlich. Herrschaftlich. So, wie der, der darin liegt, wohl gern gesehen werden wollte. Aber das, woran ich jetzt wirklich denken muss, das stand diskret unterhalb des Sarges auf einem unscheinbaren Tischchen:

Ein Frühstück und eine Zahnbürste.

 

 

Frau Fricke wundert sich darüber wie unvollkommen Perfektion ist

Alle sind schwanger in Sydney. Auch der Kumpel von meinem Kumpel wird bald Vater. Und er selbst wird schon ganz nachdenklich. „Sag mal“, fragt er mich, „wenn du ein Kind designen könntest, alle Krankheiten, Übergewicht, Krebsdisposition raus aus den Genen, würdest du das machen?“ Man könnte, findet er, dem Kind damit so viel ersparen. Finde ich auch. Und das ist das Problem.

„Ganz schlechter Zeitpunkt gerade“, sage ich. Ich hab nämlich gerade „The most talented Alex“ kennengelernt. Der macht Führungen durch das Opernhaus von Sydney und trägt seinen Namen völlig zu Recht. Denn, wo Andere Touristengruppen vor sich her treiben und Texte runterleiern ohne deren Sinn verstanden zu haben, da öffnet „Der Talentierte Alex“ Welten. Wenn er über die Falltüren in der Bühne spricht, dann begleitet er diese Erzählung mit so abrupten Bewegungen, dass man sich selbst im freien Fall glaubt. Er dehnt sich über einen nicht enden wollenden Himmel und hebt die Stimme, als würde er täglich selbst alle Rollen aller Shakespeare-Stücke übernehmen und um zu zeigen, wie eine Tänzerin in einen Basskasten passt, macht er sich ganz klein. Das ist seine leichteste Übung. Der talentierte Alex ist kleinwüchsig.

Vielleicht ist „Der Talentierte Alex“ einfach nur unglaublich begabt. Und vielleicht wäre er auch geworden, was er ist, wenn er einen Meter neunzig groß und ein Jüngling in lockigem Haar wäre. Glaub ich aber nicht. Man wird nicht groß – und Alex ist ein ganz Großer, da mag ihn seine Körpergröße noch so verraten – indem man sich zufrieden gibt. Und wer schon gefällt, der kann sich ja auf seinen Lorbeeren ausruhen. Man wird groß, man wächst über sich hinaus, weil man muss. Und dann nicht anders kann. Und dann will.

Mahmoud Abdul-Rauf, zum Beispiel,als Chris Wayne Jackson geboren, war auf allen Fotos seiner Profimannschaft auch so ein Winzling.  Mit 1,85 ist man ein Gnom in der NBA. Wie ist er dahin gekommen? Was ist da passiert?

Ein Defekt. Das ist da passiert. Tourette. Den meisten Leuten bekannt als die Krankheit, die Leute dazu zwingt, zwanzig Mal hintereinander „Titte“ zu schreien oder „Fick dich ins Knie“. Die Krankheit also, die wir alle schon gern mal vorgetäuscht hätten. Zehn mal schreien sie, zwanzigmal. Denn Tourette zwingt die Betroffenen zu Wiederholungen. Ob sie wollen oder nicht. Abdul-Raufs hat nie geschrien. Er hat geworfen. Wieder und wieder, auf Basketballkörbe. Bis der Ball in einem bestimmten Winkel mit einem bestimmten Klang durch den Korb fiel. Erst dann kam die Erlösung. Erst dann konnte er aufhören zu werfen. Und das konnte Stunden dauern. Das hat ihn so brutal trainiert, dass er besser war als all die anderen. Besser als all die großen, besser als alle, die es leichter hatten als er. Erst 2011, mit 41 Jahren hat er seine Karriere beendet. Bis dahin hat er noch in einer Mannschaft gespielt – auch das ungewöhnlich. So ist das eben, wenn man nicht aufhören kann. So ist das mit einer Krankheit. Die prägt. Und das ist nicht immer zum Nachteil.

Auch Stephen Hawking ist vermutlich ein ganz Großer in seinem Feld. Ich kann das nicht wirklich beurteilen, denn das Einzige, was ich von Physik weiß, ist, dass Schrödinger eine Katze hatte, oder vielleicht auch nicht. Was ich aber beurteilen kann ist, dass Stephen Hawking ein Kommunikations-Genie ist. Ich bin mir sicher, dass es eine Menge Physiker gibt, die genauso fabelhafte Theoretiker sind wie er und die gegebenenfalls auch Bücher schreiben können. Aber Stephen Hawking hat ein Physikbuch zu einem millionenfach verkauften Bestseller gemacht. Ein Physikbuch! Kein Krimi, kein Vampirroman, kein Hausfrauensoftporno – ein Physikbuch! Ohne seine Krankheit wäre ihm das, da bin ich absolut sicher, nie gelungen. Denn jeder erinnert sich an ihn und jeder hört ihm zu, denn wenn jemand sie so müht, uns etwas mitzuteilen, dann muss das einfach wichtig sein. Dann müssen wir da einfach hinhören. Selbst die Simpsons haben im zugehört. Die Simpsons! Wieviele Physiker schaffen das?

Von Hawking lernen wir auch, dass Behinderung ganz wesentlich Einstellungssache ist. Die meisten von uns, sein wir ehrlich, hätten sich aufgegeben. Ich hätte mich aufgegeben. „Auch schon egal“, hätte ich gesagt. Und wäre dann eben auch tatsächlich allen anderen egal gewesen. Stephen Hawking aber, der hat begriffen, dass eine Behinderung ein furchtbares Schicksal sein kann – oder ein Alleinstellungsmerkmal. Er hat sich für letzteres Entschieden und dafür hat er meinen allergrößten Respekt.

Arbeit und Struktur, dafür hat sich Wolfgang Herrndorf entschieden, als er von seinem Hirntumor erfuhr. Ein Todesurteil, das war ihm klar. Und ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, wo er nach langem Wirken im Verborgenen und nach langem Nagen am Hungertuch endlich, endlich den verdienten Erfolg mit „Tschick“ hatte. Er hat einen Blog daraus gemacht, der nach seinem Tod ein Buch wurde und mich auf eine Weise berührt hat, wie es nur wenige Bücher je erreichen werden. Hätte er wählen können, er hätte sich vermutlich eher für ein langweiliges Leben als einen Tod entschieden, der eine Frau, die ihm völlig unbekannt ist zu Tränen rührt. Aber die Wahl hatte er nicht. Er hatte nur die Möglichkeit, etwas Großes aus seinem Unglück zu machen. Und er hat es getan.

Beethoven war taub, Frida Kahlo nach Meinung ihres Umfeldes ein häßlicher Krüppel und die meisten wunderbaren Künstler vollkommen weich in der Birne. Sie schneiden sich Ohren ab, saufen sich zu Tode oder setzen sich Tintenfische auf den Kopf. Praktisch jeder große Kreative, den ich kenne, hat einen ganz unglaublichen Hau. Genau genommen haben die meisten Menschen, die ich mag oder bewundere irgendeine Macke und genau das macht sie so wundervoll – nicht zwingend glücklich, nicht immer beliebt und leider auch nicht in jedem Fall wirtschaftlich erfolgreich. Aber so wundervoll, dass man sie furchtbar vermissen würde. Es scheint, als müsse man sich das Wundervollsein erleiden.

Außer am Bondi Beach natürlich. Da sind alle jung, alle sind gesund, alle tragen den ganzen Tag Turnschuhe und Sportklamotten und sehen deswegen permanent so aus, als wären sie auf dem Weg in den Gym. Vermutlich sind sie das auch. Wenn sie nicht gerade surfen gehen. Oder schwanger sind. Ich kann mir vorstellen, wie erschreckend es für die „Organic poached egg on rye“ frühstückenden Sprossen-Juppies sein muss, mit Krankheit, Tod und – jetzt kommt das Schlimmste – Unvollkommenheit konfrontiert zu werden. Aber der schlimmste Gedanke kommt erst noch: Wir werden immer ein Normal-Null haben und das wird immer von der aktuellen Norm festgelegt. Im elisabethanischen England galt man schon als überirdisch schön, wenn man noch alle Zähne im Mund und keine auffälligen Hautläsionen hatte. Und in Bondi gilt man schon als jenseits der Norm, wenn man nicht aussieht, als hätte man gerade sein Yoga-Diplom gemacht. Ich bin gespannt, wie lange es dauern wird, bis dem Bondi Baby klar wird, dass es im eigenen Normbereich irgendwie dann eben doch ein Freak ist? Denn es wird immer jemand geben, der noch schlanker ist, noch besser aussieht und noch ein größeres Lungenvolumen hat. Es gibt immer jemanden, der noch schlauer ist, noch mehr Sprachen spricht und noch blondere Haare hat. Und ich hoffe für die Welt, dass es dann immer noch Menschen wie den großen, den großartigen Talentierten Alex gibt. Denn irgendwer wird irgendwo immer zu klein sein. Gott sei Dank! Nur dass er es dann vielleicht mit 1.85 ist.

 

Frau Fricke wundert sich, welche Mittel man zum Leben braucht

Es gibt keine Sozialhilfe in Spanien. Wer hier der Wohlfahrt anheim fällt, fällt im allgemeinen auf die Tasche der eigenen Familie. Wer keine hat, hat Pech. Hat er Glück, ist Weihnachten.

Zu Weihnachten nämlich gibt es Sammlungen der „Banc des Alimentis“ der Lebensmittelbanken. Nie ist ein Name unpassender gewählt worden. Während Banken sich im Allgemeinen der Umverteilung von Arm zu Reich  widmen und dabei die Illusion aufrecht zu erhalten suchen, dass alles, was der Einzahler auf die Bank bringt auch ganz sicher wieder zu ihm zurück fließt, hält sich die Lebensmittelbank gar nicht erst mit dererlei Versprechungen auf. Die Lebensmittelbank sagt, wie es ist: „Du zahlst Lebensmittel ein und siehst sie garantiert nie wieder.“ Auch die Lebensmittelbank gelobt Umverteilungen, allerdings von Reich zu Arm. Meine Lebensmittel sollen, das verspricht mir die Lebensmittelbank, auf dem Tisch einer armen Familie landen. Und außerdem – auch anders als bei anderen Banken – verspricht die Lebensmittelbank, dass sie ganz sicher nichts für sich selbst einbehalten wird. Von der Lebensmittelbank sollen nämlich nur die Armen profitieren. Theoretisch.

Die Lebensmittelbank hat nämlich potente Unterstützer: Die Supermärkte. Zu Weihnachten machen sie einen Platz frei, auf dem die Lebensmittelbank einige Europaletten aufstellen kann, auf denen sie die gespendeten Lebensmittel stapelt. Es gibt auch Sonderplatzierungen von billigen Lebensmitteln. Überall stehen Nudeln, Reis und Linsen im Weg. Billiges Öl wird gleich im Sixpack angeboten und offenbar ist der Arme auch des Dosenthunfischs dringend bedürftig. Wohlgemerkt: Die Supermärkte beteiligen sich nicht finanziell an diesen Sammlungen. Sie stellen nur die Waren, die sie für besonders geeignet halten in den Weg und bieten sie in größeren Gebinden an.

Anders als in Hamburg, wo ein Supermarkt in Eigenregie Pakete für bedürftige Flüchtlinge zum Einkaufspreis abgab und sogar deren Auslieferung übernahm, machen die Supermärkte hier gar nichts – außer Profit natürlich.

Anders als in Frankreich, wo ein neues Gesetz es den Supermärkten verbietet, Lebensmittel, deren Verfallsdatum abgelaufen ist, einfach auf den Müll zu werfen, schreibt ein spanisches Gesetz vor, dass Supermarktmülltonnen unter Verschluss gehalten werden müssen, bis der Müllwagen kommt. Man will so verhindern, dass die Nachbarn von marodierenden Hungernden gestört werden. Ist ja auch kein schöner Anblick, wenn Leute, die vielleicht gestern noch meine Nachbarn waren, heute in Mülltonnen nach Essen wühlen. Was mag das über mein eigenes Schicksal aussagen?

Also stehe ich im Supermarkt vor einem Berg Billigreis und bin erst mal verstimmt.

Für einen Augenblick will ich achtlos weitergehen und irgendwem irgendwas spenden. Dann wird mir klar: Wer essen will, muss immer einkaufen. Über kurz oder lang fließt mein Geld also immer einem Supermarkt zu. Und warum auch nicht? Also packe ich brav Reis, Nudeln und Linsen ein und Öl und Thunfisch neben meine eigenen Schicki-Micki-Einkäufe aus der Frische-Abteilung, rolle an die Kasse und danach zu den freundlichen Helfern der Lebensmittelbank, die meinen Reis, meine Nudeln und meine Linsen zu all den anderen Reis, Nudeln und Linsen stapeln. Ich schaue eine Weile auf diese von Pappe ummantelte Europalette voller Grundnahrungsmittel und sehe das ausgebombte Dresden und Leute, die in schweren Mänteln und mit Bollerwagen zu Fuss über „das Haff“ vor „dem Russen“ fliehen und ich denke:

„So sieht Weihnachten aus?“

Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich arm wäre. Ich muss mir da nicht viel Mühe geben. Ich war schon arm. Richtig schlimm arm. So arm, dass ich zu einer Lebensmittelbank gegangen wäre, wenn es sie denn gegeben hätte. Gab es aber nicht.

Hätte es sie gegeben, hätte ich mir gewünscht, dass es zu Weihnachten irgendwas gibt, was Weihnachten wie Weihnachten erscheinen lässt. Ich hätte lieber einen Tag lang Kekse gegessen und mich feierlich gefühlt als eine Woche lang Reis und Linsen.

Also rullere ich meinen Wagen noch einmal in den Supermarkt und kaufe ausschließlich Dinge, die man als armer Mensch gewöhnlich nicht so leicht bekommt. Unvernünftige Dinge. Ich kaufe jede Menge Schokolade, ein paar sauteure glutenfreie Produkte, ein paar für Diabetiker und mehrere Packungen koffeinfreien Kaffee. Ich kaufe Pralinen, Wurst und Schinken, Kakao-Pulver und Milch. Und ich kaufe Cornflakes und Nutella. Ich kaufe überhaupt nur Marken. Leute, die immer alles hatten, können sich nicht vorstellen, welche Bedeutung Marken für arme Menschen haben. Sie geben ihnen das Gefühl, dazuzugehören, nicht ausgegrenzt zu sein, sich nicht immer mit dem zweitbesten zufrieden geben zu müssen.

Und ja, ich habe vermutlich das Doppelte von dem bezahlt, was die Leute mit dem Wagen voller Reis und Nudeln bezahlt haben und ja, ich speise mit meinem albernen Marie-Antoinette-Das-Volk-hat-kein-Brot-na-da-kauf-ich-ihnen-doch-Kuchen-Einkauf keine Hunderttausend. Und ja, ich mache keinen satt. Aber ich mache vielleicht einem Dutzend eine Freude. Ich bringe keinen Reis, keine Linsen und keine Nudeln.

Ich bringe Weihrauch, Gold und Myrrhe.

 

 

 

Frau Fricke wundert sich über den Krieg

Wir sind im Krieg, sagt Frankreich. Das darf Frankreich, denn Frankreich steht unter Schock. Und da sagt man wirre Sachen. Und da macht man Dinge, die man besser nicht tun sollte.

Und da braucht man Freunde, die das Schlimmste verhindern.

Sarajevo und der Erste Weltkrieg. Ich bekenne, dass es in der Schule eine Menge gab, das ich nicht verstanden habe. Aber wenn ich eine Sache benennen sollte, die ich wirklich vollkommen unverständlich fand, dann war das Sarajevo und der Erste Weltkrieg.

Da wird der Schwippschwager irgendeines Monarchen in einem Nest im fernen Balkan erschossen. Von beiden hatte man damals nie gehört. Genausowenig, wie von der Gruppe, die sich dafür verantwortlich zeigte:  Mllada Bosna  – „Neues Bosnien“. Junge Männer, die einen eigenen Staat nach ihren Regeln wollen. Klingt bekannt, oder?

Was sie bekommen ist der Erste Weltkrieg. Giftgas kommt erstmals zum Einsatz, U-Boote werden in Stellung gebracht. Alles was die brandneue Kriegstechnologie aufzubieten hat, wird ausgeschüttet, wo immer sich eine Gelegenheit bietet.

40 Staaten werden sich am Ersten Weltkrieg beteiligen. 17 Millionen folgten dem in Sarajevo erschossenen Erzherzog. 17 Millionen Tote. Nur im Ersten Weltkrieg. Grob geschätzt. Und wir wissen, dass der Erste Weltkrieg nur das traurige Präludium des Zweiten Weltkriegs war. 60 bis 80 Millionen starben im zweiten Akt.

Es ist also fair zu sagen: 100 Millionen Tote haben es Mllada Bosna aber mal so richtig gezeigt.

War es das wert?

Als kürzlich Helmut Schmidt gestorben ist, habe ich mir seine alten Interviews aus und über die Zeit der Schleyer-Entführung angesehen. Ein Leben lang hat er sich für den Tod Schleyers verantwortlich gefühlt. Ein Leben lang hat ihn diese Verantwortung gequält.

Es hat ihn belastet, das Richtige getan zu haben.

Damals hat die konservative Volksseele gekocht. Nach unbestätigten Gerüchten, hat Franz Josef Strauß damals gefordert, die inhaftierten RAF-Mitglieder, die durch Schleyer freigepresst werden sollten, einfach zu erschießen. Mit dieser Idee stand er, wenn es denn so war, nicht allein. Es darf wohl gesagt werden, dass, wenn Strauß jemals ein Volksvertreter war, es wohl in diesem Moment gewesen ist. Aber genau dafür wählen wir Menschen zu Politikern, von denen wir hoffen, dass sie klüger sind als wir, dafür, dass sie in prekären Momenten das Richtige tun und nicht das, was wir selbst heißen Herzens aus dem Bauch heraus gemacht hätten.

Helmut Schmidt hat sich gegen ein Töten der Gefangenen entschieden. Wischnewski sagte dazu einmal lapidar, das sei ja auch irgendwie mit der Verfassung nicht vereinbar gewesen. Schmidt hat einen anderen Beweggrund genannt.

Er sagte, in der großen Lage hätten damals ausschließlich Politiker gesessen, die, wie er, alle den Krieg kennen gelernt hatten. Sie wären über die Mittel nicht immer einig gewesen, aber alle hätten ein gemeinsames Ziel gehabt: „So eine Scheiße darf nie wieder geschehen.“

Deswegen und nur deswegen habe man sich damals entschieden, den Terrorismus nicht auch noch dadurch zu legitimieren, dass man als Staat in die Verhandlung mit Einzeltätern geht.

Für Schleyer ist das nicht gut ausgegangen. Für die Nation schon.

Damals wie heute hatten die Terroristen eine breite Unterstützerfront unter Gleichaltrigen und Jüngeren. Damals wie heute galten sie ihren Altersgenossen, als die coolen Desperados, die sich nichts gefallen ließen und gerade, dass ihre Waffen so locker saßen, machte sie zu Helden.

Damals wie heute gaben die Terroristen höhere Ziele an. Die RAF wollte die unterdrückten Völker befreien. Eigentlich egal wo. Vietnam war ok, aber auch der ganze Vordere Orient, wo sie sich in Trainingscamps an der Waffe ausbilden ließ.

Die Bilder ähneln sich also frappant.

Und damals wie heute entgeht den meisten, dass es sich bei den Ausführenden um mehr oder minder junge Leute mit einem massiven Anpassungs- und Drogenproblem handelt, die auffällig wenig für ihre revolutionäre Sache erreichen und umso mehr durch schlicht kriminelle Delikte auffallen. Baader saß als Autoknacker im Gefängnis lange bevor er Autoknacken als revolutionäre Tat entdeckte. Auch Bankraub lässt sich prima als antiimperialistischer Akt verbrämen. Die Tatsache aber, dass Baader durch den Ankauf ungewöhnlich großer Mengen ziemlich teurer Feinkost aufgeflogen ist und Ensslin in einer Boutique verhaftet wurde, in der ihre Anhänger sich nicht einmal einen Schal hätten leisten können, lässt darauf schließen, dass ihre Revolution bei ihnen selbst endete.

Ich bin Helmut Schmidt dankbar, dass er das erkannt hat.

Er hat keine Angriffe auf die Ausbildungslager im Nahen Osten geflogen – und das dürfte ihm später bei der Befreiung der Landshut sehr zu Gute gekommen sein.

Er hat keinen Krieg ausgerufen, Allianzen gesammelt und die Welt der RAF, die sich ja nach ihren Angaben bis nach Asien erstreckte, dem Erdboden gleich gemacht.

Er hat getan, was richtig war. Er hat Terrorismus gesehen, als das was er war: Ein furchtbarer Akt einer kleiner Gruppe, der man nicht erlauben darf, Millionen in ihre persönliche Fehde zu ziehen.

Charleston, Stockholm, Madrid, Boston – die Liste der Attentate ist so lang wie die ihrer verstörten Mörder. Denn das sind sie: Kleine Gauner, aus denen billige Mörder wurden, in einem Kampf, den sie nicht verstanden und für den sie sich wie Schlachtvieh opferten.  Ohne Mandat. Ohne Auftrag einer höheren Macht. Kleine Knilche die in ihrer Ohnmacht Menschen töteten, die in der Welt besser klar kommen als sie selbst.

Adeln wir sie nicht, indem wir jedem von ihnen Millionen Tote folgen lassen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Fricke wundert sich, wer so alles Paris ist

Ich bin nicht Paris. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und ich bin dankbar dafür. Denn wäre ich Paris, dann wäre ich jetzt tödlich verwundet. Ich würde aus über 100 Einschusslöchern bluten und zusehen müssen, wie das Leben aus mir sickert.

Ich bin nicht Paris. Und ich bin keiner seiner Verteidiger. Und ich bin froh darum, denn während genau jetzt Polizisten mit schweren Waffen und noch schwereren Splitterwesten durch die Stadt patrouillieren und fürchten müssen, dass irgendein gut ausgebildeter Schütze genau jetzt irgendwo eine Präzisionswaffe auf genau den Teil ihres Körpers richtet, der nur mit einem kleinen Mützchen bedeckt ist, spaziere ich meine Einkäufe vom Supermarkt nach Hause und die einzige Gefahr, in der ich wissentlich schwebe ist die, zu viel eingekauft zu haben.

Ich bin nicht Paris, denn ich warte nicht noch immer auf Nachricht von meinen Leuten. Ich stehe nicht vor einem Krankenhaus und hoffe und bange. Ich frage mich nicht, ob ich meine Kinder noch in die Schule bringen, selbst die U-Bahn zur Arbeit benutzen oder über den Weihnachtsmarkt schlendern kann.

Ich bin nicht Paris und deswegen steht mir auch die Trauer nicht zu. Mir steht die Aufmerksamkeit nicht zu und das Gemeinmachen mit den Opfern. Und allen, die jetzt eilig Bilder vom Eifelturm posten, die in Castrop-Rauxel Selfies von sich in mit Maschinengewehren bedruckten Hoodies machen und sie verbunden mit dem Text der Marseillaise ins Netz stellen, allen die jetzt sagen, sie wären Paris möchte ich sagen: Nein, seid ihr nicht.

Ob es euch gefällt oder nicht: Ihr seid hier nicht wichtig.

Wir alle, die wir Gott sei Dank nicht Paris sind, wir sind nur Zuschauer. Sonst gar nichts. „Bystander“ sagt man auf Englisch. Jemand, der nur dasteht und weder Teil des Geschehens ist, noch in irgendeiner Weise in das Geschehen eingreift. Kurz: Jemand, der hier keine Rolle spielt.

Paris braucht uns nicht. Nicht so. Aber anders. Wer verwundet ist, wer trauert, wer leidet, wer gezwungen ist, all seine bloße, nackte Verletzlichkeit zu zeigen, der braucht jemanden, der für ihn stark ist. Vollkommen selbstlos. Ohne Anspruch auf Anerkennung.

Wir sollten nicht Paris sein, sondern die, an die Paris sich anlehnen kann.

Wir sollten vernünftig sein, damit Paris, wütend sein kann.

Wir sollten besonnen sein, wenn Paris irrational wird.

Und wir sollten uns eingestehen, dass unsere Mittel begrenzt sind und dass wir wenig mehr tun können, als dabei zu stehen und zuzuschauen.

Ich bin nicht Paris.

Sowenig wie ich New York war, Stockholm oder Madrid. Und wenn die Welt Anlass hat, Barcelona zu sein, dann hoffe ich, dass ich jemanden finde, der das nicht ist. Der mich Barcelona sein lässt und mich weinen, toben und Angst haben lässt und mir die klugen Dinge abnimmt.

Frau Fricke wundert sich über das Glück

Ich hab Pech. Zeimlich oft. Ich bin die, deren Flugticket einfach so storniert wird, ohne dass jemand weiß warum, die, bei der immer die Bonrolle ausgewechselt werden muss und die, auf deren nagelneuer Mantel ein Vogel scheißt. Heute hab ich Pech mit der Bahn. Ich habe eine Fahrkarte gekauft für einen Zug, der von Barcelona nach Lyon fährt und noch eine zweite für einen Zug von Lyon nach Dijon. Das war vor dem Streik.

Und weil ich noch nicht weiß, dass der Zug gar nicht fährt, stehe ich um 6.00 auf. Das ist deswegen bemerkenswert, weil ich erst um 2.00 eingeschlafen bin und mich fühle,  als hätte mir jemand eine Plastiktüte über den Kopf gezogen. Weil ich es trotzdem schaffe, mich zu vertrödeln, jage ich mit dem Taxi zum Bahnhof, renne ans Gate (ja, hier gibt es Gates für Fernzüge) werfe meinen Koffer aufs Kontrollband, zerre ihn wieder runter, renne weiter an den Schalter, bemerke, dass ich meine Tasche am Kontrollband vergessen habe, renne wieder zurück, picke meine Tasche auf, renne wieder zurück zum Schalter – und werde gebeten zu warten.

Ich warte immer noch, als der Zug schon abgefahren sein soll. Ich ahne: Das heißt nichts Gutes. Tatsächlich kommt bald eine Dame in Uniform auf uns Wartende zu und erklärt erst auf Französisch – ich verstehe nur Bahnhof – und dann auf Spanisch, dass der Zug nicht fahren wird. Der wird bestreikt. Ach.

Wir sollen uns aber keine Sorgen machen, sagt die Dame in Uniform. Wir werden alle umgebucht – nach Paris. Das ist bestimmt eine super Nachricht für alle, die auf dem Weg in ein romantisches Wochenende bei ihrer Tante Clotilde auf dem Dorf sind, weil für eine weitere Fahrt das Geld nicht gereicht hat.  Ich bin auf dem Weg nach Dijon – und das ist nicht mal in der Nähe von Paris. Ich soll mir aber, sagt die Dame in Uniform, auch darüber keine Sorgen machen, denn mit unseren Tickets können wir lustig in Frankreich rumgurken, wie es uns gefällt. Die französischen Kollegen seien im Bilde über den Streik. Nur die Sitzplatz-Reservierungen seien perdu.

Ich überlege kurz, ob das jetzt nicht DIE Gelegenheit ist, endlich mal alle Loire-Schlösser abzuklappern. Aber ich hab zu tun in Dijon. Gesellschaftliche Verpflichtungen so zu sagen. Während ich mir noch dabei zuhöre, wie ich der Dame in Uniform die Dringlichkeit des Einhaltens meiner Reiseroute klarzumachen versuche, hat mein Ein-Frau-Unterstützer-Team schon verschiedene alternative Lösungen erarbeitet und auf mein Handy geschickt. Ich fühle mich wie Jane Bond. Ich warte kaum eine Stunde, dann hab ich einen neuen Platz in einem neuen Zug – für die ersten zwei Stunden. Dann muss ich umsteigen.

Bei Zug Nr. 2 marschiere ich schnurgerade auf den Schaffner zu und sage ihm in perlendem Französisch, dass ich kein Französisch kann. Macht nichts, er kann Englisch. Kann er wirklich. Ja, sagt er, ich soll mal mitfahren und soll mich einfach dahin setzen, wo was frei ist. Das sei gewöhnlich im letzten Wagon der Fall.

Dorthin eile ich. Der Koffer scheppert neben mir. Das Abteil, in das ich komme, ist maximal abgerockt und seit Dekaden nicht mehr geputz worden. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass man das Wetter durch die Scheiben nur erahnen kann. Und die Tatsache, dass das hier zur Erwähnung  kommt, zeigt schon: I am not amused.

Aber ich hab einen Platz und mein Koffer auch. Für 3 Stunden. Dann muss ich wieder umsteigen. Das finde ich jetzt schon ätzend, denn eigentlich will ich jetzt ein Nickerchen machen ohne zu fürchten, meinen nächsten Anschluss zu verpassen.

Noch viel ätzender finden die vier Damen die Situation, die jetzt hereingestürzt komen, weil sie offenbar schon seit der letzten Station einen Sitzplatz suchen, aber nicht gefunden haben. Eine der Damen stürmt auf mich zu und fragt mich auf Französisch, ob ich eine Sitzplatzreservierung hätte. Ich antworte mit dem einzigen Satz, den ich auf Französisch kann, dass ich kein Französisch kann. Darauf fragt sie mich noch einmal in dem, was sie für Englisch hält und ich sage nein und frage, ob ich mich umsetzen soll. Das versteht sie aber nicht. Statt dessen fängt sie an, mich anzukeifen. Das heißt, eigentlich nicht mich, sondern den Sitzplatzinhaber, den ich verkörpere. Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es zu diesem Zeitpunkt um mich herum noch jede Menge freie abgeschrabbelte Plätze gibt. Aber eben keine Garantien. Und so quillt es auf Französisch aus ihr heraus: Sie habe ein Ticket mit Reservierung gebucht und dann hätten die einfach gestreikt und nun müsse sie anders fahren und hätte nicht einmal die Garantie auf einen Sitzplatz und wenn sie sich jetzt hinsetzt, dann müsse sie für jeden Kreti und Pleti mit einer Platzkarte aufstehen und wofür bitte schön bucht man sich denn einen Platz in der Ersten Klasse, wenn man hinterher nicht einmal… und überhaupt sei sie völlig mit den Nerven am Ende und dann kann man nicht mal mit jemandem reden, weil ja heute offenbar kein Mensch mehr Französisch spricht. Ich zucke die Achseln, um deutlich zu machen, dass ich totsicher jemand bin, mit dem sie nicht reden kann. Und dann gucke ich sehr angestrengt auf mein Handy.

Beim nächsten Halt kommt ein junger Mann hereingestürzt, spricht mich mit „Madame“ an und sagt, ich müsse meinen Platz frei machen. Dann stürzt er wieder raus. Na der traut sich was! Aber dann kommt er wieder rein – in Begleitung einer anderen Madame und eines Gefährts, das jeden Delorean wie einen Tretroller aussehn lässt: ein Hightech-Rollstuhl. Darin sitzt: Ein Mann von kaum 50 Jahren. Weil seine Füße am Rollstuhl festgebunden sind und seine Hände wie tote Tauben auf Armlehnen liegen, die aussehen, als wären sie riesige Löffel aus Bakelit, ahne ich: Der Mann ist minimal vom Hals abwärts paraplektisch. Während ich auf dem Platz gegenüber Stellung beziehe, gelingt es mir einen Blick auf den Rollstuhl zuwerfen,  ein Geschoss mit jeder Menge Steuerungselektronik ist, die sich über zwei Halme mit dem Mund bedienen und über einen kleinen Monitor kontrollieren läßt. Der junge Mann, der mich eben vertrieben hat,  parkt dieses Wunderwerk,wünscht artig einen schönen Tag und trollt sich. Die Madame hingegen richtet sich auf dem Platz ein, auf dem ich vorher gesessen hatte, denn von dort sitzt sie dem Platz gegenüber, den jetzt der Rollstuhl einnimmt.

An dieser Stelle denke sogar ich: Alles klar, ich hab’s verstanden, man wollte mir hier nur mal zeigen, was ein wirkliches Problem ist und dass mehrmaliges Umsteigen weniger dazu gehört, als die vollkommene physische Unfähigkeit, dazu.

Und ich sollte ich mich irren.

Tatsächlich fangen Madame auf dem Sitzplatz und Monsieur im High-Tech-Rollstuhl nämlich an, es sich nett zu machen. Sie plaudern, sie scherzen, sie schauen einander verschmitzt an – oder auch nicht, weil beide was Besseres zu tun haben. In jedem Fall aber herrscht zwischen ihnen nicht nur eine  selbstverständliche Vertrautheit, die beiden strahlen echtes Glück aus. „Hier mit dir“, strahlt es bis zu mir herüber aus, „ist es am allerschönsten. „Madame wickelt ein Picknick aus und plaudert lustig weiter, während sie Monsier die Wasserflasche anreicht und den Trinkhalm zurechtrückt. Als sie ihm eine Stulle hinhält, hat er noch nicht richtig abgebissen, als sie die Stulle schon wieder zurückzieht und so baumelt ihm ein Stück Kochschinken aus dem Mund. Das finden beide irre komisch. Ich fange gerade an, zu denken:“Die haben aber ein Glück!“ da fällt mir ein, dass vom Hals abwärts gelähmt zu sein, gewöhnlich nicht auf Listen auftaucht, die Wege zum ewigen Glück beschreiben. Ebenso verhält es sich vermutlich  mit der Vollpflege eines paraplektischen Geliebten. Aber die beiden, die sind glücklich. Darauf muss ich leider bestehen – ebenso wie die Dame ohne Platzkarte auf ihrem Unglück besteht.

An der Endstation jammert sie: Na, Gott sei Dank, sei niemand gekommen, um ihren Platz einzunehmen, aber nun müsse sie ja noch einmal umsteigen und wer weiß wie das dann wird. Sie ist schon völlig fertig, wenn sie nur daran denkt.

Ich muss auch weiter. 16 Minuten habe ich zum Umsteigen. Ich finde sofort die Anzeigentafel und stelle fest: Mein Zug fährt auf Gleis D. An Gleis A gibt es eine Kaffeebude. Ich will Kaffee. Wirklich dringend. Aber: Das wird knapp. Ich stell mich trotzdem an. Ich bezahle. Ich warte. Und weil ich Sojamilch bestellt habe, kriegen drei Leute, die nach mir bestellt haben, vor mir einen Kaffee. Dann krieg ich meinen. Ein Blick auf die Uhr zeigt: Noch 10 Minuten bis zur Abfahrt. Das schaffe ich, denn ich kann rennen. Ich kann laufen. Schnell wie der Blitz kann ich Zügen entgegeneilen. Es gibt auch keine Rolltreppe, also wuchte ich meinen Koffer dir Treppe hoch, während ich in der anderen Hand meinen Kaffeebecher balanciere und ich finde das wunderbar, weil ich das kann. Und dann hetze ich zum Zug und ich werfe erst den Koffer hinein und dann mich. Und ich finde sofort einen Sitzplatz. Aber ich nehme ihn nicht. Ich bleibe stehen. Weil ich das kann.

Und plötzlich, wie ich da so stehe im letzten der Züge, die ich kriegen muss und der Kaffee warm zu mir hinauf wölkt, bin ich sehr, sehr glücklich.

Frau Fricke wundert sich ganz selfielos

Ich fahre auf einem Boot. Das tue ich nicht allein. Das Boot ist ein Ausflugsdampfer und mit mir sitzen darauf Dutzende anderer Touristen mit Fotoapparaten und Windjacken. Mir wird klar, dass ich nicht nur aussehe, wie Tante Hannelore auf den Fotos aus den 70ern, ich bin Tante Hannelore geworden. Ich habe mich nie gefragt, ob Tante Hannelore glücklich darüber war, Tante Hannelore zu sein. Kindern erscheinen alle Erwachsenen ja so selbstverständlich in sich ruhend und souverän. Aber ich selbst bin mir sicher, dass ich diesen Moment der Erkenntnis wirklich nicht für die Ewigkeit erhalten wissen will. Also bleibe ich sitzen und genieße die Landschaft, die an mir vorüberzieht. Ich spüre den Fahrtwind, ich freu mich am Sonnenschein und ich höre den Wellen zu, wie sie an den Bug klopfen. Wenn ich überhaupt mal knipse, dann höchstens Landschaft ohne alles. Und damit stehe ich im krassen Gegensatz zu der Frau im weißen Outdoor-Dress, die immer allen in der Optik steht.

Am Anfang, also gleich nach dem Ablegen, sitzt sie noch tapfer zwischen einem spanischen Ehepaar, steckt ihren Arm von sich und schaut ihr Handy verliebt und übermütig an. Da läuft doch was mit den beiden, denke ich noch. Aber irgendwann ist diese Perspektive abgenutzt und sie springt auf. Wie ein kleiner Derwisch hüpft sie bald hierhin bald dahin, nimmt seltsame Posen ein und fängt an, Grimassen unerschöpflichen Frohsinns zu schneiden. Sie zieht die Kapuze auf, sie setzt die Kapuze ab. Reisverschluss hoch, Reißverschluss runter. Über die Schulter gelächelt, den Kopf in einem stummen Lachanfall zurückgeworfen. Ein paar Mal mit Sonnenbrille, dann ohne. Und natürlich immer genau da, wo jetzt auch gern die 150 anderen Passagiere ein Foto gemacht hätten. Geht aber nicht. Die könnten nur ein Foto von der Frau im weißen Outdoor-Dress machen, die fotografiert, was man selbst gern fotografiert hätte. Manche tun das sogar und ich glaube, das hat einen ganz anderen Grund, als den, dass das eigentliche Fotomotiv nur im Doppelpack mit ihr zu haben ist: Die Frau ist peinlich. Richtig peinlich. Die macht da Sachen, die wir bestenfalls machen würden, wenn wir ganz allein irgendwo wären. Und hier kommt ihr Geheimnis: Sie ist ganz allein.

Das Leben der Anderen, das gibt es gar nicht. Genauso wie diese Reise hier. Landschaft, Sehenswürdigkeiten, alles nur Bildhintergrund. Kulisse für die Welt, die sie ihren Followern heute Abend präsentieren wird. Leben, das macht sie hier klar, ist das, was auf Facebook passiert. Oder auf Instagram oder wo immer sie die Fotos gleich nach dem Ablegen einstellen wird. Die Frau im weißen Outdoor-Dress schaut nicht. Sie unterhält sich auch nicht mit anderen Fahrgästen. Genau genommen nimmt sie die Anderen gar nicht zur Kenntnis. Nicht ihr Bedürfnis, auch zu schauen oder Fotos zu machen, nicht die Tatsache, dass die sie sehen und sich ein Urteil über sie bilden könnten. Sie ist nicht da. Nicht in unserer Welt. Ist ja auch klar, wir sind ja alle gar nicht mit ihr befriended. Es ist als hätte jemand in der Schaltzentrale der Welt mit aller Kraft am Realitäts-Stabilisator gezogen und ihn auf Umkehrschub gestellt. Das, was Realität war, ist jetzt nur noch Staffage und was virtuell war, ist nun die wahre Realität. Alles andere zählt nicht mehr.

Das ist interessant. Wirklich interessant. Wer gedacht hat, dass jetzt die bittere Kritik einsetzt, muss enttäuscht nach Hause gehen. Als jemand, der mit dem Fernseher ins Kino geht, um da ein gutes Buch zu lesen, kann ich mir gar nicht erlauben, fremde Welten zu kritisieren. Und wenn ich ganz ehrlich sein darf, halte ich sie auch nicht immer für die schlechteren.

Was mich aber wirklich besorgt ist, dass Interaktion eine aussterbende Kulturfähigkeit wird. Es wird gesendet, was das Zeug hält. Es wird auch empfangen – wenn auch mit weit verhaltenerer Freude. Wirklich komplexe Interaktion aber geht verloren. Gespräche zum Beispiel. Und bald auch die Fähigkeit dazu. Use it or lose it.

Man hat schon heute den Eindruck, dass man an Menschen, die kurz von ihrem Handy aufsehen, deutliche Anzeichen von Irritation wahrnehmen kann. Es wird nicht mehr lange dauern, bis daraus nackte Panik wird.

Frau Fricke wundert sich, ob Gut das neue Schlecht ist

„Ich nehme ja nun diese Krebsmedikamente“ sagt sie schon wieder. Als sie die zum ersten mal erwähnt hat, war ich noch schockiert. „Oh Gott“, sag ich, „du hast Krebs?“ „Nein“,sagt sie „ich kriege nur Medikamente, die auch Krebskranke kriegen.“ Ich stutze kurz. Kopfschmerztabletten nimmt man ja schließlich auch nur, wenn man – naja – Kopfschmerzen hat. „Immunsupressiva?“ frage ich vorsichtig. „Neee“, sagt sie gedehnt und ich merke, dass ihr das jetzt unangenehm wird. „So Hormone.“ „Gegen Krebs?“ „Ja, so Hormone, die kriegen Frauen auch nach einer OP.“ „Ähä“ „Wenn sie Krebs hatten.“ „Ähä“ „An den Eierstöcken zum Beispiel.“ Ich werde unsicher. „Du meinst Progesteron?“ Sie braucht eine Weile. „Hmmm, ja.“ sagt sie schließlich, als wäre es eine Niederlage. Es geht ihr nämlich gut. Und das ist schlecht.

Progesteron nehmen eine Menge Frauen. Manche gegen Zysten, andere gegen Wechseljahrsbeschwerden und manche, ja manche auch nach Krebsoperationen. Progesteron nehmen macht einen also noch nicht zu etwas Besonderem. Krebs, ja Krebs schon.

Dieselbe Frau hatte ja auch ihre Karriere aufgeben müssen, sagt sie, denn sie sei ja mit ihrem Mann nach Asien ausgewandet. Oh, auswandern! Auswandern finde ich interessant. Da frage ich doch gleich mal nach. Ist das nicht wahnsinnig schwierig, alles was man kannte so hinter sich zu lassen? Neue Gesetzte, neue Versicherungen, neue Kulturen und Gewohnheiten. Und erst einmal kein Weg zurück. Auswandern ist schon auch ein bisschen gruselig. Wie ist denn das Mietniveau so in Hongkong? Und gibts da eine staatliche Gesundheitsversorgung? Die Gute ist überfragt und bei weiteren Nachfragen ergibt sich, dass ihr Mann gelegentlich für vier bis sechs Wochen beruflich im Ausland war und sie ihn begleitet hat, denn „irgendwer muss da ja auf ihn aufpassen.“ „Ach so“, sag ich erleichtert,  „dann musstest du also gar nicht auswandern.“ Aber das verstimmt sie. Doch, findet sie, wer verreist, aber nicht im Urlaub ist, der wandert aus. Aha.

Es gab mal eine Zeit, da erschien es erstrebenswert, von allen Unbillen und Anfechtungen verschont zu bleiben. Krebs hat man nicht mal seinem schlimmsten Feind gewünscht – geschweige denn sich selbst. Auswandern mussten – unter unsäglichen Mühen – nur die armen Schweine, die zu Hause keine Zukunft hatten und wer arbeiten gehen musste, wünschte sich, er könnte zu Hause bleiben und seinen Neigungen nachgehen.

Dann muss irgendwas passiert sein.

In meiner Umgebung häufen sich – vor allem unter Frauen mittleren Alters – die seltsamen Fälle von Bigger-than-life-Biographien. Neben quasi Krebskranken und immer wieder seriell ausgewanderten kenne ich auch eine Sekretärin, die nach einer halbstündigen Prüfung auf dem Ordnungsamt den „Kleinen Heilpraktiker“-Schein gemacht hat und nun als Psychologin firmiert und – schlimmer noch – arbeitet. Ich kenne ein Model, deren Karriere darin bestand, in einem selbstgestrickten Pulli beim Bunten Nachmittag aufgetreten zu sein. So dicht dran, sei sie schon an der Vogue gewesen,  „aber dann  kamen ja die Kinder.“ Und selbst in Presse, Funk und Fernsehen begegnen mir allenthalben Schmuck- und Handtaschen-Designerinnen, die noch nie durch Schmuck- oder Handtaschen-Design auffällig geworden sind.

Was ist denn da los?

Macht das gute Leben denn wirklich so unzufrieden?

Das Dumme am Guten ist, es kommt ohne jegliche Anerkennung. Jeder will es eh haben, also kommt es ohne Marketing-Tricks aus. Es ist wider unsere Natur, uns Mühen zu unterziehen und damit wir es dennoch tun, haben wir uns Titel und Medaillen ausgedacht, in deren Glanz aber eben leider auch nur der wandeln darf, der die damit einhergehenden Mühen auch tatsächlich auf sich genommen hat.

Wer einmal zwei Jahre intensiv in der Tröpfchenzerspahnung geforscht hat, darf seinen Doktortitel für immer behalten.

Zur richtigen Zeit die richtigen Tore geschossen zu haben, berechtigt zu royalen Titeln auf Lebenszeit und selbst  wer einmal den falschen Mann geheiratet und sich ebenso falscher Grammatik bedient hat, bleibt ein Leben lang die Verona der Nation. Nur eben die, die immer alles richtig gemacht haben, die den Ball flach halten und sehr angenehm unter dem Radar durchtauchen, die haben am Ende eben – nur ein angenehmes Leben. Und dafür gibts nun mal keine Orden, denn das ist ja schon schön.

Ich würde mir wünschen, dass all die unzufriedenen Zufriedenen auf der nächsten Party keine Geheimdienst-Karriere erfinden müssen. Dass sie nicht raunen „Darüber darf ich eigentlich nicht reden.“ Sondern, dass sie einfach nur sagen, wie es wirklich ist: „Ich? Mir gehts einfach nur gut.“

Das wäre wirklich beneidenswert.

Frau Fricke wundert sich, warum keiner seine Probleme tauscht

Die Probleme anderer Leute sind eigentlich nie welche. Manche dieser Probleme möchte man sogar selbst haben. Ganz dringend. Neulich stand in der Zeitung, ein chinesischer Geschäftsmann hätte an einem einzigen Tag vier Milliarden Dollar an der Börse verloren – volle 10% seines Vermögens. Der ist also jetzt runter auf seine letzten 36 Milliarden. Das ist ein bitteres Schicksal, aber eins dieser Probleme, die ich klaglos auf mich genommen hätte. Alle anderen hätte ich in Minuten gelöst. Ruck zuck.

Nur meine eigenen Probleme sind selbstverständlich für mich unüberwindlich. Seit Jahren will ich schon umziehen, aber das ist gar nicht so einfach, denn vorher müsste ich ja mal wissen, wohin. Und das weiß ich eben nicht. Vor vier Jahren, als ich das erste Mal mit dem Gedanken an einen Wohnungswechsel gespielt habe, hätte ich gefahrlos innerhalb der Stadt umziehen können, denn wie man sieht, wohne ich ja noch immer hier. Aber wer hätte das vor vier Jahren sicher sagen können? Richtig, die Anderen.

Und darum ist mein Vorschlag: Es sollte eine Problem-Tauschbörse geben.

Zum ersten Mal hatte ich diesen Gedanken, als ich in Chiang Mai, Thailand zu Loy Kratong eingeladen war. Loy Kratong ist ein Lichter-Fest und eine große Sache in Chiang Mai.

Überall an den Straßen werden große Lampions verkauft, die man nachts in den Himmel steigen lässt. An manchen dieser aufsteigenden Lampions kann man Bänder baumeln sehen, auf die Wünsche geschrieben wurden, von denen der Absender hofft, dass sie in Erfüllung gehen. An anderen hängen Fotos von Menschen, die man gern einmal wiedersehen würde.

Und unter dem glitzernden Himmel: Funkelnde Flussläufe. Ohne jede Hast tragen sie kleine kunstvoll aus Palmblättern geflochtene Flöße davon – geschmückt mit Blumen, erhellt von Kerzen und parfümiert mit Räucherstäbchen. Natürlich gibt’s auch größere Flöße. Auf Firmenveranstaltungen werden enorme Blumengebinde zu Wasser gelassen. Man muss sich wirklich fragen, ob das im Sinne der Imagebildung nicht ein fataler Fehler ist, denn diese Flöße haben nur eine Aufgabe: Sie sind so zu sagen der Troyanische Ausflugsdampfer für Probleme.

In der Vorstellung der Thai nutzen nämlich Probleme den Moment, in dem man am Flussufer steht und die Kerze und die Räucherstäbchen anzündet, zur Inspektion. „Warum“, fragt sich dann so ein Problem, „sollte ich weiter in diesem düsteren Kopf bleiben wollen, wenn ich auf Blumen gebettet in diesem hübsch erleuchteten Körbchen wohnen könnte?“ Also springt es auf – zum Probewohnen so zu sagen – und merkt zu spät, dass sich sein neues Zuhause bereits auf der Flussmitte befindet und mit anderen Problem-Haus-Booten auf nimmer wiedersehen verschwindet.

„Wohin fahren die Probleme denn?“ will eins der Kinder wissen, mit denen ich feiere. „Keine Ahnung.“, sag ich „irgendwohin.“ „Aber wenn dann einer mein Problem findet, dann hat er ja das Problem, das ich loswerden wollte. Das ist nicht nett.“ sagt das Kind. „Kommt drauf an.“, sag ich. „Vielleicht freut er sich ja.“ „Über ein Problem?“ „Vielleicht ist es für ihn keins. Ich könnte dir zum Beispiel einen Pulli schenken, der mir zu klein ist. Für mich wäre es ein Problem da reinzukommen, aber du würdest dich über den Pulli freuen.“ Helen legt den Kopf schief und weiß noch nicht genau, ob sie das überzeugend finden soll. „Ok“, sag ich, „Stell dir mal vor, jemand sagt dir, du müsstest ab sofort in Barcelona wohnen. Würde dir das gefallen?“ Helen guckt mich entsetzt an. „Eben. Also, da hättest du ein Problem. Das setzt du auf ein Floß und dann tuckert das so eine Weile den Fluss runter und da finde ich das dann. Und ich guck mir das Problem dann an und sage: ‚Oh, in Barcelona leben. Das ist ja ne tolle Idee!’ Und schon hat das Problem ein neues Zuhause – nur dass es eben kein Problem mehr ist.“ Helen nickt. „Ah, ok, das ist so wie bei Onkel Gung und Tante Pla. Da wollte sie ihn auch nicht mehr haben und jetzt hat ihn die Nachbarin.“

„Ja“,sag ich, „genau so“.

 

Frau Fricke wundert sich, was Barbie so beruflich macht

Ich brauche ein Blog, sagen alle. Ganz dringend braucht man das, denn wer kein Blog hat, der ist praktisch überhaupt nicht da. Ich bin da. Also brauche ich ein Blog. Jetzt hab ich eins.

Sogar Barbie hat ein Blog. Das lerne ich beim Social Media Day in Barcelona. Da lerne ich auch, dass es Dinge gibt, die man offenbar nicht so leicht lernen kann. Konsequentes Storytelling zum Beispiel. Der Creative Direktor, der sich das Barbie-Blog ausgedacht hat, erzählt nämlich wie sie mit vier Leuten zur „Paris Fashion Week“ gefahren sind, um da „stunning fashion photos“ mit Barbie zu machen. Klitzekleine Kuchen hätten sie sogar gebacken, um ein Frühstück mit Ken in Szene zu setzen. Das ist hübsch! Aber dann wird’s unschön.

Ob Barbie denn auch ein LinkedIn-Profil hätte, fragt launig der Mann, der später einen seltsamen Vortrag über LinkedIn-Profile halten wird. Der Barbie-Mann hat dafür kein Chart in seiner Powerpoint-Präsentation. Das macht ihn nicht glücklich. Klar hätte sie das, sagt er und ich frage sofort – weil mich das wirklich interessiert – „Oh, was macht denn Barbie so beruflich?“ Der Barbie-Blog-Mann murmelt etwas, das sich so wie „Dies und das“ anhört. Aber das versteht man nicht so, weil alle im Saal lachen.

Danach gibts eine Podiums-Diskussion, in der man uns vier irrsinnig erfolgreiche Instagrammer vorstellt. Ich frag schon wieder was, nämlich, worin denn der Erfolg bestünde. Das ist, ich merke das gleich, keine gute Frage. Alle Mienen verfinstern sich, als hätte ich das „Social“ aus dem Social Media Day geklaut und mit festem Blick auf ihre Schuhspitzen antworten alle: Also, leben könne man davon natürlich nicht. Aber Follower hätte man eben jede Menge. Ja, das ist natürlich schön, wenn man so verfolgt wird. Das sehe ich ein. Und wer muss schon leben?

Mich verfolgt danach nur noch eine Frage: Wie hat Barbie es geschafft von meiner Spielzeugschublade in die internationale Business-Welt zu kommen?

Also suche ich ihr Profil auf LinkedIn. Natürlich hat Barbie KEIN LinkedIn-Profil. Aber es gibt eine „Fokusseite von Mattel“ – Bereich Konsumgüter. Ich würde nicht gern über mich hören, ein Konsumgut zu sein, aber ich bin auch nicht Barbie. Im sehr kurzen Info-Text steht nur, sie hätte seit 1959 „150+ careers“ gehabt. Der LinkedIn-Profil-Mann hätte hier die Augenbrauen gehoben. Das könnte schwierig werden bei HR-Leuten. Barbie will aber wohl auch gar nicht arbeiten, denn „my true calling remains – encourage generations of girls to place no limitations on their ambitions.“ Ich verstehe sofort: Da gehts um den Kreditrahmen. Denn was folgt, sind jede Menge Fotos von Barbie in schicken Klamotten, mit neuem Lippenstift, vollen Einkaufstüten und frisch lackierten Fingernägeln. Sieht alles teuer aus, aber da wo sonst Angaben zu Ausbildung und Beruf stehen – nichts. Gar nichts. Fehlanzeige.  Und – jetzt kommt’s – die meisten ihrer Follower sind Männer. Bin ich wirklich die Einzige, die da ins Grübeln kommt?

Barbie